Urlaub auf Kreta

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Dieser Beitrag hat gar nichts mit dem Schreiben zu tun, nichts mit Büchern, nichts mit Geschichten.

Äh – doch. Ich erzähle euch jetzt eine Geschichte. Und zwar die meines Urlaubs auf Kreta.

Sie wird länger, setzt euch also bequem hin.

Urlaubsgeschichten von Katzen …

Kreta, Sommer, Sonne, faulenzen, baden, Insel erforschen. Dreizehn Tage Urlaub. So der Plan.

Hat auch geklappt, deshalb gibt’s darüber auch gar nix zu erzählen. Es ist die andere Seite, die mich beschäftigt, bis zur Stunde, nachhaltig.

Der erste Eindruck: Unser Weg zum Strand. Ca. 1 km über Fußwege und Kleinststraßen, vorbei an protzig-tollen Hotelanlagen, kleineren Feriensiedlungen, Privathäusern. Und an einem Mülltonnenplatz. Überdacht, schäbig, stinkend. Voller Katzen. Scheu, neugierig, dünn und offensichtlich noch sehr jung. Ein schwarzer Kater, als einziger, war zutraulich. Rappeldürr, ganz offensichtlich krank. Und eben nach Hilfe schreiend zutraulich. Der Not gehorchend, in der Hoffnung, dass sich jemand erbarmen würde.

Hilflosigkeit unsererseits. Kein Auto, keine Ahnung, nicht mal Wissen um einen Supermarkt. Wegen Katzenfutter. Was tun? Hier waren nur kleine Läden. Die wir alle abklapperten und schließlich Glück hatten. Dosenfutter.

Weiter: Kein Napf. Also Futter auf den Boden. Die Katzen kamen in Scharen. Auch der Dürre.

Das war nur ein Tropfen, soviel war klar. Futter war wohl nur ein kleineres Problem für ihn, schließlich lebten die Katzen von den Abfällen. Mehr schlecht als recht, aber immerhin.

Tagelang Futter, immer wenn wir vorbei kamen. Wasser in einen alten Aschenbecher, Futter auf einen Plastikteller, der plötzlich neben den Mülltonnen lag.

… und Hunden

Gleichzeitig begegneten uns überall Hunde. Auf der Straße, auf den Wegen, in der Hotelanlage. Ruhige Hunde, freundliche Hunde, zurückhaltende Hunde. Niemals aufdringlich. Wir waren unsicher. Wohin gehören die? Keine Halsbänder. Sind das Strandhunde?

Dann mieteten wir einen Wagen, um die Insel zu erforschen.

Erster Eindruck – nicht die Schönheit der Insel, die ist da, unzweifelhaft – sondern Tiernot.

Hunde, die an der Schnellstraße entlangliefen, Katzen, Ziegen sogar. Wobei ich bei letzterer annehme, dass sie tatsächlich ausgebüchst war.

Weiß jemand, wie auf Kreta Auto gefahren wird? Unkonventionell, um es mit einem Wort zu sagen. Auf den Schnellstraßen gibt es ein oder zwei Spuren, daneben noch eine Standspur, halb so breit wie eine normale Straße. Dort fahren die langsameren Wägen. Aber dort liegen auch die Tierleichen. Zwischen ziemlich viel Müll. Manche, nein viele bis zur Unkenntlichkeit zerfahren, zerquetscht. Nur noch grau-flache Hubbel. Die meisten ziemlich klein.

Tragische Erlebnisse

Dann – das erste Katzenkind am Straßenrand, vielleicht sechs bis acht Wochen alt. Es hoppelte da herum.

Ich hatte nur einen Blick, dann waren wir vorüber. „Halt an, da ist ein Katzenbaby!“

Keine Möglichkeit anzuhalten. Es ging einfach nicht, überall Autos und eine Standspur, die keine ist!!! Mir ist jetzt noch schlecht, wenn ich daran denke.

Am nächsten Tag wieder: Katzen, tot und lebendig, ebenso Hunde, Müll, ein Katzenkind, verwirrt auf dem Po sitzend. Und wieder konnten wir nichts anderes tun, als daran vorbeizufahren.

Geschockt starrte ich nur noch auf den Straßenrand. Weil ich einen schrecklichen Verdacht hatte. Die vielen kleinen, undefinierbaren Häufchen gewesenen Lebens hier, war das eine Methode, überzählige Katzenkinder zu entsorgen?

Ich begann, alle Kreter mit Argwohn zu beobachten.

Beweise habe ich nicht gefunden, hoffe nur inständig, dass ich mir nur was zurechtgesponnen habe.

Danach sah ich keine Landschaft mehr, nur noch Straßenränder. Wie bekloppt.

Schließlich fuhren wir ins Gouves Animal Shelter, um uns als Flugpaten anzumelden. Es ist ein privates Tierheim, das einem Kreter gehört. Manolis, ein sehr netter älterer Mann, rettet verstoßene oder schlicht weggeworfene Tiere. Nicht wenige Welpen sind aus dem Müll gezogen worden, sind verletzt oder krank. Manolis und die freiwilligen Helfer aus aller Herren Länder sorgen sich um sie, umsorgen sie, pflegen, behandeln, bringen zum Tierarzt, lassen impfen und kastrieren.

Wird ein neuer Hund gebracht (wir haben es miterlebt), wird dieser umgehend entwurmt, entfloht und separiert, so gut es geht. Die schlimmste Geisel des Shelters sind nämlich ansteckende Krankheiten.

Hilflosigkeit

Ganz verhindern, dass eine Krankheit schlicht übersehen wird, kann aber auch die beste Vorsichtsmaßnahme nicht. Und so haben wir mitbekommen, dass auch gerettete Hunde im Shelter sterben. Es war ein noch ziemlich kleiner Welpe, der plötzlich tot dalag.

Diese unglücklichen Wesen werden im Shelter beerdigt, es gibt einen Extra-Platz dafür.

Birgit lebt mit ihrem Mann bei Heraklion und hilft im Shelter. Ihr Haus und den Garten dazu hat sie in eine Pflegestelle umgewandelt, wo sie zu ihren eigenen 10 Hunden noch 25 Welpen aufzieht, bis sie mit vier Monaten dann vermittelt werden können. Sie war im Shelter unsere Ansprechpartnerin, sie hat alle Telefonate erledigt, allen Schriftkram, der für eine Hundeausreise notwendig wird. Und mit ihr haben wir uns am 1. Oktober in aller Herrgottsfrüh (genauer: um kurz nach 5) am Flughafen getroffen, wo sie uns Lord und Ilius übergeben hat, zwei supersüße Welpen. Damit die mit uns nach München fliegen. In ein neues Leben, ein endgültiges Zuhause.

Doch mit Birgit hatten wir noch mehr Kontakt. Aus Katzengründen.

Der Leihwagen war zurückgegeben, wir wanderten jeden Tag wieder zum Strand, vorbei an der Katzenkolonie bei den Müllcontainern. Der schwarze Kater war weg. Ob er noch Hilfe gefunden hat? Ich hoffe es sehr.

Durch das Auto waren wir inzwischen in einem Supermarkt einkaufen gewesen, verfügten über ausreichend Futter, das wir jeden Tag vorbei brachten.

Freitag, der Tag vor unserer Abreise, ich wollte ein letztes Mal an den Strand, lag am Containerplatz eine schwarz-weiße Katze. Wie alle Katzen dort war sie noch nicht ganz ausgewachsen. Sie zuckte am ganzen Körper, weit aufgerissene Augen, schäumender Speichel vorm Mäulchen.

Oh Gott! Was tun, was tun, was tun? Das Krampfen hörte gar nicht auf.

Schließlich lief ich zum Strand, wo Mann, Kinder und Handy bereits waren. Wir riefen Birgit sofort an.

„Bringt sie ins Shelter“, sagte sie.

Wir haben die Katze in ein Strandtuch gewickelt, meine Tochter ist mit ihr über die wilden Grundstücke bis zur Straße gelaufen, ich bin zur Hotelrezeption, hab ein Taxi bestellt, mein Mann hat Geld im Zimmer geholt. Es ging schnell.

Aber nicht schnell genug. Als wir an der Straße wieder aufeinander trafen, war die Katze gerade gestorben. Ob es nun Epilepsie oder ein Virus war – Manolis hätte sie zu retten versucht, hat Birgit uns versichert. Er wäre mit ihr zum Tierarzt und hätte sie gepäppelt.

„Wie stehst du das hier durch?“, fragte ich sie.

Sie sah mich überrascht an. „Gut.“

Der heiße Stein und der Tropfen

Vielleicht gewöhnt man sich daran, dass man nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Dass man ’nein‘ sagen muss, Entscheidungen treffen, wer gerettet wird und wer nicht. Alle geht nicht, es sind viel zu viele, die händeringend auf Hilfe warten.

Als Tourist ist man völlig aufgeschmissen, wenn man mit all dem Elend konfrontiert wird. Ich wollte nur noch weg.

Nie mehr Kreta

„Kreta war schön“, sagte mein Mann gestern Abend. „Eines Tages fahren wir wieder dorthin, ja?“
Ich hab zwar genickt, aber ich will nicht. Kreta verbinde ich im Moment nur mit Elend und Ohnmacht.
Vielleicht ändert sich das wieder. Dann erzähl ich euch von den schönen Windmühlen dort, von den kleinen Häuschen, bzw. Kirchen, die überall am Straßenrand stehen, von den Hippie-Höhlen in Matala und von der Leprainsel Spinosa.

Jetzt aber nicht.

Wer hier Fotos vermisst – ich habe keine. Auch nicht vom Shelter. Es erschien mir einfach nicht angemessen. Das Beitragsbild zeigt Lord, einen der jungen Hunde, die wir als Flugpaten nach München begleiten durften.

Allerdings habe ich im Text zur Facebook-Seite des Shelters verlinkt. Dort kann man einen Eindruck gewinnen. Auf Youtube gibt es Videos vom Shelter und seinen Hunden.