Als erstes Beispiel zeigen wir euch heute unsere Interpretationen des Themas:
‚Und du erzählst mir Kirschen – bis in den Stein.‘
Wem das Thema ein bisschen außergewöhnlich vorkommt, dem sei gesagt, genau das haben wir gemeint!

 

 

Maria – Himmelsbaum

„Hier, magst du?“ Er reckt sich zu den Ästen, pflückt einige Kirschen. „Die sind ganz besonders schön.“ Auf seiner geöffneten Hand liegen ein paar, dunkel und schwer.

„Hm, schwarze mag ich am liebsten.“ Eine Kirsche wandert in ihren Mund.

„Sie sind süß, wie du.“ Seine aufmerksamen Augen, seine unordentlichen Haare – ebenso dunkel wie die Kirsche, die saftig in ihrem Mund zerplatzt.

Er, er ist süß. Sie schließt die Augen, genießt. Ihn. Ihr aufgeregt schlagendes Herz. Den Saft. Alles.

„Hier.“ Leises Raunen an ihrem Ohr, etwas Pralles an ihren Lippen. Die sie sachte öffnet. Eine weitere Kirsche. Sanft schließt sie ihren Mund darum. Umrundet sie gierig mit der Zunge. Gerade hat er sie noch berührt und jetzt ist sie in ihrem Mund. Ihr Herz hüpft vor wilder Freude. Ihr Mund lächelt. Dann die Zähne, kauend. Den Kern mit der Zunge fangend, in die Wange schiebend, das Fruchtfleisch schluckend. Runter damit. Lachen.

„Jetzt sieh mal, wie weit ich die Kerne spucken kann.“ Ihr Kopf ruckt nach vorn, ein kleiner Bogen.

Er grinst. Naja, das Ergebnis ist mager. Was wird er nun tun? Ebenfalls Kirschen essen und Kerne spucken?

Wieder reckt er sich, pflückt eine Handvoll. „Hier.“ Weich seine Stimme, leise. Hängt Kirschen an ihr Ohr, rechts, links. „Mein Kirschmädel.“

Sie sinkt lachend ins Gras, er gleitet neben sie.

„Magst du keine?“ Neckisches Lächeln. Sie schwenkt den Kopf, lässt die Kirschen an ihren Wangen baumeln.

„Keine mehr da.“ Seine Hände leer, sein Blick auf ihrem Gesicht.

„Ich bin der Kirschbaum. Pflück sie dir.“ Ihre Augen in seinen. Atemlos. Das Herz hart hämmernd.

Einen Moment verharrt er, ehe er verschmitzt grinst: „Am liebsten ess ich sie direkt vom Baum.“ Kurz zögert er noch, dann kommt sein Gesicht näher. Ernst jetzt.

Leicht dreht sie den Kopf, neigt das Kinn, fühlt endlich seinen warmen Atem, seine Lippen an ihrem Ohr. Zart, unendlich zart. Ein Knabbern, ein kleiner Ruck.

„Hm!“ Er legt sich zurück.

Sie neben ihm. Über ihnen nur Baum und Himmel.

„Meinst du, sie fallen uns in den Mund, wenn wir lange genug so liegenbleiben?“

Sein Lachen. „Willst du?“

Ja! Sie will, nickt wild. Kirschen, viele. Prall und süß.

„Mach die Augen zu.“

Sie fühlt ihn neben sich. Seine Wärme, die zu ihr strahlt. Seine Hand, die über ihre Wange streicht.

„Deine Haut. So zart.“

Oh, das ist ja noch besser! Wieder zupft es am Ohr. Er hat noch eine Kirsche gepflückt. Schon fühlt sie es an ihren Lippen, kühl, glatt. Er streicht mit der Kirsche darüber. Langsam, zärtlich.

Sie neigt den Kopf. Ihm zu. Fühlt ihn näher. Noch mehr. Behutsam. Keine Kirsche mehr. Wärme. Weiche, kräftige Wärme, die sich auf ihren Mund legt. Zart und vorsichtig. Abwartend.

Ihre Lippen zucken. Mehr! Viel mehr.

Ihre Arme breiten sich aus. Fassen in Gras, lösen sich, fahren nach vorn, oben, zu ihm. Fassen ihn, sein Haar, seinen Pullover, seine Haut. Fassen und ziehen. Näher. Mehr!

Runa – Kirschenleben

„Siehst du? Unseren Kirschbaum?“ Er lockt.

Mein Lächeln liegt irgendwie außen auf meinem Gesicht, ich fühle es losgelöst von mir.
Dabei will ich lächeln! Ich liebe ihn. Und Kirschbäume. Immer schon.

„Komm!“

Ich werde mitgezogen. Und erinnere mich. Unten zu stehen, am Stamm – und zu ihm hoch zu blicken in die bekirschte Krone.

„Nur die schönsten! Für dich!“ Lachend. Übermütig. Unbeschwert den kleinen Eimer schwenkend. Wie früher.

Und ich? Warum bekomme ich das Lächeln nicht in meine Augen? Warum tut es so weh? Ihn in meine Arme zu sehnen – und näher …? Was ist es? Das unsere Körper so unerreichbar trennt?

Meine Angst …

„Ich komme zu dir“, ruft er, als hätte ich ihn herbeiwünschen können. „Und dann …“

Es treibt mich weg. Aus dem Schatten der Blätter. Wo aber auch keine Sonne ist.

„Unsere Kirschenzeit ist vorbei“, höre ich mich sagen, nie habe ich mich so vernünftig angehört. „Darüber habe ich schon so viel geweint. Ich …“

Früher wäre ich dennoch bereit gewesen. Für ein einziges, nur ein allerletztes Mal in seinen Armen mit neuen Tränen zu bezahlen.

Ich glaube, der Kirschbaum ist schuld. Mit dem ganzen Weinen um ihn ist mein Hunger auf Kirschen irgendwie versiegt. Hat einem anderen Sehnen Platz gemacht. Einer Sehnsucht, die nur mit dem Kern zu tun hat.

Ich will keine Früchte mehr. Keine Farbe, Süße, Prickeln, Lust.

In die Tiefe will ich, wohin alles wächst – damit es zu wachsen aufhören kann. Ich kann nicht mehr zurück. Erst recht nicht für eine Nacht und ein paar Kirschen.

Bestürzt steht er.

Dabei will ich ihn doch! Nur … ganz eben. Immer. „Ich will dich nicht noch einmal verlieren.“

„Ich weiß.“ Er wiegt den Kopf. „Und eines Tages musst du das auch nicht mehr.“

Eines Tages?

„Wenn es so weit ist“, fügt er in energischem Ton hinzu.

Auf meinen Gesichtsausdruck hin. Der sich verändert hat.

Ich kann es nämlich. Zu ihm. Jetzt. Spüre, wie mein Lächeln mit meinem Gesicht verschmelzen will. Endlich!

Ehe er es von mir abschüttelt. „Noch nicht, mein Herz. Lass dir Zeit. Ich warte auf dich.“

Nein! „Ich kann nicht mehr warten!“ Es tut so weh, bei ihm zu sein und unberührbar. Ich brauche ihn. Sofort!

„Deine Zeit ist noch nicht gekommen.“ Sein Kopf hält nicht still. „Deshalb bin ich hier. Du sollst leben. Wieder zulassen, die Kirschen auf der Welt zu schmecken. In die Erde kannst du früh genug.“

Wie kann er lächeln? „Pflück eine!“ Er kommt näher. Fordernd. Nicht locker lassend, bis ich meine Hand losschicke.

Eine ergreife.

„Diese ist röter, schau!“

Dass er sie hält, ich sie mit den Lippen aus seiner Hand holen kann, erleichtert es.

„Los!“

Ich beiße. Sie zerplatzt. Süßsauerköstlich. Obwohl ich das nicht gebraucht hätte. Und der Stein hart zurückbleibt. Ich spucke ihn aus, obwohl ich mich nach der Blausäure darin verzehre.

„Gut so.“ Er weiß das. „Nimm noch eine. Du wirst sehen, es hilft.“ Er glaubt das. Und es schmeckt wirklich, als wäre es Realität.

Wie seine Hand, plötzlich an meiner Wange.

Dass ich zurückzucke, schrecklich.

Er jedoch hält mich. Am Schmerz vorbei. „Hab keine Angst“, flüstert er an meiner Haut.

Ich fühle ihn, ich kann ihn fühlen. Zögern nicht mehr.

„Du brauchst das Leben“, flüstert er ohne jeden Kummer in der Stimme.

„Aber es ist so anstrengend“, wende ich trotzdem ein. „Bei dir zu sein – und leben müssen.“

„Ich verspreche, es wird besser. Weinen wirst du, wenn du aufwachst. Aber das Lächeln wird überwiegen.“

Genau das. Lächeln. Ich lächele, tatsächlich. Auch nachdem meine Lippen seine endlich haben. Ob es bleiben wird?

Egal – es ist es wert.

 

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