Beim Wettbewerb zum ganz schlichten Thema
‚Tor‘
waren wir schon ein wenig vorgewarnt. Immerhin war es möglich, aus den Gewinnerbeiträgen des Vorjahreswettbewerbs Schlüsse zu ziehen. Wir bemühten uns also redlich.

 

 

Maria – Die andere Seite


Ich möchte wissen, was dahinter ist.“ Margots Stimme klang nicht nur sehnsuchtsvoll. Sie war vor dem beeindruckenden Tor stehengeblieben und sah daran hinauf und hinunter. Das hatte sie hier noch nie gesehen. Wobei – wie lange war sie eigentlich schon hier? Ach, egal. Sie zog Anton vorwärts. „Lass uns doch …“

Komm weg hier.“ Seine Stimme, eben noch völlig entspannt, klang plötzlich hektisch, fast ängstlich.

Was völliger Unsinn war. Anton war der mutigste Mann, den Margot kannte. Ihr Mann!

Jetzt aber drückte sich sein Arm fester um sie, drängte in die entgegengesetzte Richtung. „Sieh dich um. Hier ist es doch schön.“ Er wies auf die Blumen ringsum, die die Wiese mit bunten Klecksen durchzogen.

Ja, hier war es schön. Das wollte Margot auch gar nicht bestreiten. Aber vielleicht … Sie drehte den Kopf zurück. Groß war es, das Tor, aus grauem Metall. Ein dicker Riegel lag quer über die ganze Breite. „Hast du es schon einmal offen gesehen?“

Als sie Antons Kopfschütteln an ihrer Schulter fühlte, gab sie sich einen Ruck. „Vielleicht ist es dort drüben noch schöner?“

Reicht es dir hier nicht?“

Natürlich reichte es. Margot nickte eifrig. Sie war ganz und gar zufrieden. Hier war das Wetter immer schön, der Himmel blau, Sommer. Mit ein bisschen Wind. Nur nicht zu viel. Hier war alles gut. Sie reckte den Kopf. Was war da für ein Säuseln in der Luft? Das war neu, oder? „Hast du das gehört?“ Das Geräusch war vom Tor gekommen. „Da ist etwas.“

Nichts. Da ist nichts!“

Woher wollte Anton das wissen? Immerhin hatte er doch gerade zugegeben, dass er selbst nicht wusste, was jenseits lag. Energisch bremste Margot seine eiligen Schritte ab. „Was hast du auf einmal?“

Anton antwortete nicht, zerrte sie nur mit sich. Er hatte den Kopf eingezogen, so, als müsste er sich gegen heftigen Regen schützen und Unterschlupf suchen. Margot am Arm packend drängte er weiter.

Wi..erl…rens.e.

Wortfetzen. Margot reckte den Kopf. Kamen die von – drüben?

Weiter!“ Antons Stimme diesmal strammer Befehl. „Es ist schon spät. Wir müssen zurück!“

Ach ja, die Kinder. Es war sicher bereits Mittag, die Sonne stand schon ganz hoch. Gleich würden Thea und Willi vor der Tür stehen. Anton und sie mussten eilen, wenn sie noch vor ihnen zuhause sein wollten.

G.d..er w.e es, .ie g..en.zula..n, glau..Sie.ir.

Wieder Stimmfetzen. Ohne sie zu verstehen, wusste Margot, dass sie von ihr sprachen. Oder über sie. Sie riss ihren Arm aus Antons Hand. „Nein!“

NEIN!

Wer hatte gerufen? Margot wandte den Kopf. Sie etwa? Oder war es von da hinten gekommen? Vom Tor.

Sie musste dahin. Jetzt, sofort!

NEIN!“

Diesmal schrie eindeutig Anton. Ihr hinterher. Aber das war egal. Sie musste zum Tor. Dahinter war jemand – etwas – und das ging sie an.

Margot war schnell wie nie. Oder wurde sie etwa gezogen? Ganz klar fühlte sie das nicht. Sie wusste nur eines: Anton konnte ihr nicht folgen, war nicht einmal in ihrer Nähe.

Einen Moment später hatte sie das Tor erreicht und hielt inne. War es nicht gerade noch schwer verriegelt gewesen? Jetzt klaffte es auf. Nur einen Spalt. Aber immerhin.

Margot reckte den Kopf und versuchte, etwas von jenseits erkennen zu können.

Es hat keinen Sinn.

Oh, sie konnte hören, aber noch immer nichts sehen. Energisch schob sie den Torflügel weiter auf, machte einen Schritt – und wurde gezogen, geschoben, gesogen, gedrängt, gezwängt. Enge. Luft. Anton …

Da, sehen Sie!“

Was sollte sie sehen? Sie konnte nichts erkennen, gar nichts. Anton … Auch ihre Stimme – weg. Sie wollte schreien. Anton!

Nichts.

Für diesmal ist es geschafft. Aber ich sage Ihnen, eine Gnade ist das hier nicht.“

Eine Stimme, fremd.

Verstehen Sie doch, unser Vater, er ist vor einem Monat gestorben. Wir haben nur noch sie.“

Verzweiflung, Wut und Tränen in einer wohlvertrauten Stimme. Doch wer …?

Mutter?“

Sie kann Sie nicht hören, wird nicht reagieren.“

Wieder die fremde Stimme, ungeduldig jetzt.

Ich hab es Ihnen doch schon erklärt. Seit dem Schlaganfall liegt ihre Mutter im Koma, aus dem sie nicht mehr aufwachen wird. Nicht in ihrem Alter, nicht in ihrem Zustand. Was jetzt kommt, ist maschinelle Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen, bis …“

Bis was, wollte Margot wissen. Bis wer und was? Und warum? Und warum konnte sie nicht sprechen?

Es wäre barmherziger, sie gehen zu lassen.“

Wieder diese fremde Stimme. Diesmal jedoch voller Bedauern. Wer wollte gehen und durfte nicht? Margot öffnete den Mund.

Da, sehen Sie, sie hat sich bewegt!“

Komapatienten reagieren auf vertraute Stimmen. Reden Sie mit ihr.“

Mutter? Margot!“

Margot? Margot, das war sie. Wer sprach da mit ihr? Zu ihr? Verflixt noch eins, warum konnte sie sich nicht regen? Sie wollte doch wenigstens sehen. Aber sie kriegte ihre Augen nicht auf.

Siehst du, wie ihre Lider flattern? Sie hört uns. Mama?“

Oh, Margot lächelte. Thea. Sie war zurück von der Schule. Willi sicher auch. Sie hatten es also noch rechtzeitig geschafft. Anton und sie.

Anton? Margot, die sich noch immer nicht rühren konnte, lauschte. War Anton auch da?

Mama. Komm zurück zu uns, stirb uns nicht auch noch weg, wie Papa.“

Willis Stimme. Margot seufzte wohlig. Er war auch hier. Aber was sagte er da? Papa – Anton – tot? Das ging doch nicht. Margots Herz begann zu hämmern.

Ihr Puls steigt.“

Anton konnte doch nicht einfach… Mit einem gewaltigen Ruck riss sie die Augen auf, fuhr hoch. „Anton?“

Herzflimmern.“

Doch da stand er vor ihr. Anton. Dunkel, jung und schön. Margot atmete auf, entspannte sich. Er war nicht gestorben. Nicht ihr Anton. „Du bist mir also doch gefolgt?“

Ich halte dir das Tor offen.“ Anton lächelte sie an, reichte ihr die Hand. „Komm mit, hinüber, auf die andere Seite.“

Ja!“ Leichtfüßig sprang Margot vom Bett. Sie hatte sich getäuscht. Hier gab es nichts mehr für sie. Aber drüben, jenseits des Tores. Da war Anton. Dorthin wollte auch sie. Hinüber …

Runa – Eine andere Art Magie


Da ist es wieder.

Groß und mächtig steht es vor mir. Schmiedeeisern verschnörkelt, überwuchert von Heckenrosen und Brombeeren, beiderseits zu einer hohen, undurchdringlichen Hecke verwachsen.

Es gibt nur dieses Tor. Dieses einzige. Unüberwindlich. Unverrückbar. Und verschlossen.

Wie oft habe ich hier gestanden und hineingespäht in die grüne Dämmerung des Gartens dahinter? Beide Hände um die senkrecht verlaufenden Stangen gekrallt, als stünde ich in einem altertümlichen Gefängnis. Dabei bin ich draußen, in der Freiheit der restlichen Welt – aber ach, die Außenwelt ist so langweilig, so normal! Ich kenne sie, habe sie gelebt, erfahren, über alles nachgedacht – und je genauer ich sie durchdrungen habe, desto größer ist meine Überzeugung geworden, dass sie mir nichts geben kann. Im Gegenteil: Sie hält mich gefangen in ihrer unentrinnbaren Sinnlosigkeit.

Der Garten jenseits des Tores jedoch … Da muss es sein, wofür es sich zu leben lohnt. Das, was ich hier nie gefunden habe. Nur gesucht, verzweifelt gebraucht, ersehnt! Das, was mich erfüllen, ausfüllen, glücklich machen kann! Und wenn es diesseits nichts gibt – dort drüben gewiss, ohne Zweifel.

Wenn ich doch nur endlich hineinkönnte! Die andere Seite erforschen. Und es entdecken. Mein Glück.

Grüner ist es drüben, fruchtbarer, lieblicher, schöner. Voller Verheißung, voller Geheimnisse, voller Chancen.

Doch so grausam unerreichbar.

Denn das Tor ist verschlossen. War es immer. An jedem einzelnen der Tausend Male, da ich hier gewesen bin.

Es gibt keinen Griff, nach dem ich fassen, an dem ich rütteln könnte. Und kein Schloss. Kein Schlüsselloch. Folglich auch keinen Schlüssel zu finden.

Gesucht habe ich natürlich trotzdem danach. Überall. In der Nähe und weit entfernt. Denn irgendetwas muss es doch geben. Eine Art Schlüssel. Welcher das passende Schloss vielleicht erst heraufbeschwört. Oder eine andere Art Magie. Irgendetwas.

Denn welchen Zweck sollte mein Tor erfüllen, wenn es nicht doch auf irgendeine geheime Weise möglich wäre, es zu öffnen? Es muss meine Lebensaufgabe sein, das zu tun. Ich muss es öffnen. Ich allein.

Selbstredend habe ich versucht, einfach hinüberzuklettern. Habe meine Fußspitzen in das rostige Rankenmuster unterhalb der Stangen gebohrt. Doch darüber sind die Zwischenräume zu eng, man kann sich nicht festhalten. Und weiter oben hätten die das Tor umwuchernden Sträucher ohnehin kaum Platz gelassen, meinen Körper unversehrt an den aufragenden scharfen Spitzen vorbeizuzwängen. Vorbei. Hinein.

Grün. Das ist es vor allem. Dicht und schattig und feucht und duftend. Überwucherte Wege, die sich rasch in undurchdringlichem Gebüsch verlieren. Undurchsichtig. Geheimnisvoll. Lockend. Alles versprechend. Alles, was ich brauche. Alles, was ich will.

Doch es hilft nichts. Ich kann nichts tun. Nichts als immer wieder vor dem Tor zu stehen und mich zu sehnen. Mich irgendwann abzuwenden und weiterzusuchen. Mich darauf zu konzentrieren, die Hoffnung nicht aufzugeben.

Weiterweiterweiterzusuchen.

Dabei weiß ich längst, dass es keinen Sinn hat. Dass der einzige Sinn dieses verfluchten Tores darin bestehen muss, mich zu quälen, in den Wahnsinn zu treiben.

Müde bin ich. So müde!

Normalerweise setze ich mich immer so, dass ich mich an die harten, kalten Stangen lehnen kann. Der Druck an meinem Rücken ermöglicht mir, mich auszuruhen, ohne meine Stärke zu vergessen.

Heute allerdings schmerzen die Druckstellen noch zu sehr. Das liegt daran, dass ich zu oft herkomme, ich weiß. Weil mir die Kraft fehlt.

Aber ich mag nicht mehr. Nicht mehr suchen, nicht mehr sehnen. Nicht mehr stark sein.

Vielleicht sollte ich … mir erlauben …?

Nein, mich hinzulegen, kommt nicht infrage!

Ein Stück entfernt steht ein Baum. Mit einem breiten Stamm. Glatt und warm vom vergangenen Sommertag. Wenn ich …?

Hallo!“

Wer …? Ich schrecke hoch.

Hallo du!“

Lächeln. Das habe ich gleich gehört. Kein Grund für Herzklopfen. Die Augen habe ich geöffnet, blinzele hinauf zu der Gestalt, die vor mir steht, im Gegenlicht der frühen Abendsonne. So dass ich ihr Lächeln auch jetzt nur an ihrer Stimme sehe: „Da bist du ja!“

Wilde Freude fährt mir in die Beine, ich springe auf. „Ich bin fast immer hier! Aber wer bist du?“

Ihr Gesicht kann ich noch immer nicht erkennen. Aber ich weiß es trotzdem, augenblicklich: Sie ist es. Sie! Meine Geliebte. Meine Partnerin. Die Frau meines Lebens. Die, auf die ich immer gewartet habe, immer hoffend und sehnend, dass es sie gibt.

Ich bin es“, antwortet sie überflüssigerweise, öffnet die Arme – und ich versinke. In ihr. Tief und warm und fest und sicher. Und sanft und behutsam und frei. Erde und Luft. Glück.

Ja, sie ist es: Mein Glück! Sie und ich – wir sind eins.

Verrückt! Da habe ich mein ganzes Leben, meine gesamte Energie vergeudet, durch das Tor zu kommen – anstatt …

Anstatt – was?

Woher kommst du?“ Ich drücke sie an mich. „Und warum kommst du erst jetzt? Ich suche dich doch schon so lange.“

Du denkst zu viel! Und fragst und suchst. Dabei bin ich die ganze Zeit dagewesen. Nur konntest du mich mit deinen Anstrengungen nicht finden. Zuerst hast du loslassen müssen.“

Sie lässt mich nicht los. Wird es nicht. Nie mehr. Jetzt bin ich am Ziel. Gemeinsam mit ihr. In meinem glücklichen Leben.

Eines möchte ich doch wissen“, weise ich zurück zum Tor, als wir aufbrechen. „Was ist dahinter? Und wie bin ich darauf gekommen, dass du dort wärst?“

Ich war dort.“ Sie zieht mich. Am Baum vorbei, weiter.

Aber …“

Komm! Ich zeige es dir!“

„…“ Sprachlos stehe ich. Starre auf die Hecke – die gar keine mehr ist! Jedenfalls hier. Hier ist sie zu Ende, stehen lediglich vereinzelte Sträucher. Und unbegrenzt, dahinter – mein Garten! Den ich so lange vergeblich begehrt habe.

Du bist der Schlüssel.“ Ich blicke mich nach meiner Geliebten um. „Du hast die Hecke verwandelt, damit ich …“

Wieder starre ich. Stumm. In ihr jetzt sichtbares Gesicht. In … MEIN Gesicht.

Du …?“

DU bist es!“ lacht sie. „Wir sind Du. Und der Schlüssel? Manchmal muss man einfach etwas anders machen. Die Welt aus einem neuen Blickwinkel sehen. Mit anderen Augen. Und: Loslassen!“

Es fühlt sich so an, als ob ich und … ich noch immer Hand in Hand gingen – durch unseren begehrten Garten. In dem wir immer schon gewohnt haben. Nur ohne es zu wissen.

Die Welt ist eins.

 

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