Hund oder zuviel Hund?

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Oskar und Daisy

Die Welt ist zweigeteilt. In Hundeliebhaber und Hundenichtsogernmöger. Naja, es gibt auch noch ausgesprochene Hundehasser, aber die werden wir in unserem Krimi wohl eher nicht antreffen. Weil es darin eben auch um Hunde geht. Um Oskar vor allem. Der mit Schnuffelnase und Schalk im Nacken ermittelt, was das Zeug hält. Oder eben nicht.
Im ›Strand der nackten Männer‹ bekommt Oskar weibliche Verstärkung in Form einer winzigen Hundedame namens Daisy. Tja, und damit begannen unsere Probleme. Hundenichtsogernemöger, die im ersten Teil Oskar irgendwie ertragen haben, stießen sich nun daran, dass der Krimi an bestimmten Stellen ziemlich hundelastig geraten ist. Nämlich da, wo Daisy auftaucht und langsam in das Rudel Thorsten-Ella-Oskar eingegliedert werden muss. Wer Hunde kennt, weiß, dass das schon mit ein wenig Turbulenzen verbunden ist. Wie auch bei uns.
Speziell unseren Hundenichtsogernemöger-Probelesern war das aber eine Spur zu viel.
Faszinierend, wenn direkt nacheinander gleiche Rückmeldungen kommen. »Diese Kapitel sind zu hundelastig, ich hab sie überblättert, weil sie mich genervt haben.«
Uuups.
Also, wir wollen auch Hundenichtsogernemöger als Leser haben, aber echt. Deshalb gingen wir in uns und dann ans Manuskript und prüften nochmal genau, wann und wo nötiger und wann und wo verzichtbarer Hund eingebaut war.
Im Folgenden findet ihr also einen dieser verzichtbaren und deswegen gestrichenen Abschnitte – der ursprüngliche Beginn des Kapitels: ‚Die Katze im Busch‘.
Viel Spaß mit Oskar und Daisy!

Daisy
Titelbild und dieses Foto: choco@Nerima

Wer war auf die Idee gekommen, sich um acht Uhr an einem Sonntagmorgen zu treffen? Ella drosch auf den penetrant klingelnden Wecker ein, gähnte noch mal ausgiebig und blinzelte dann nach dem Neuzugang.
Der nicht mehr bei Oskar lag. Schlagartig war sie aus dem Bett und hellwach. »Daisy?« Oh Gott, wo war der Hund? »Daisy!«
Oskar reckte den Kopf.
»Hast du die Kleine gesehen?«
Er wedelte mit dem Schwanz, gähnte. Nein, er hatte wohl zu fest geschlafen.
Ella spurtete in den Flur – nichts. Küche, Wohnraum, Bad – nichts, nichts, nichts. »Daisy?« Wohin konnte so ein kleiner Hund denn verschwinden? Hmm, schlicht und ergreifend an mehr Orte, als Oskar mit seinen Körperausmaßen zur Verfügung standen. Wahrscheinlich hatte sie sich wirklich nur irgendwo verkrochen. Die Frage war nur, wo?
Ella sah unter dem Sofa nach, hinter allen Türen, im Bücherregal, sogar im Kühlschrank und im Kleiderschrank, wo die kleine Hündin gar nicht sein konnte, weil sie den seit gestern Morgen nicht mehr geöffnet hatte. »Daisy?«
Panik wallte in ihr auf, als sie das gekippte Fenster in Augenschein nahm. Konnte ein Minihund auf die Fensterbank klettern? Und noch wichtiger, konnte er sich aus einem nach oben größer werdenden Fensterspalt schieben? Sie sah sich schon mit zitternden Fingern Thorstens Telefonnummer wählen, um ihm mitzuteilen, dass seine geliebte Daisy irgendwie entkommen war.
Oskars begeistertes Wuffen ließ sie herumfahren. Sodass sie gerade noch den Satz zu sehen bekam, mit dem er in ihr Bett sprang. »Runter da!«, herrschte sie ihn an. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Oskar war ein verwöhntes Früchtchen, er schlief im Hundekorb neben ihrem Bett. Aber doch nicht darin!
Nein, auch wenn er es gerne tun würde, Oskar, der sich sofort fügte, war völlig unschuldig. Im Bett lag nämlich, ziemlich gut eingekuschelt in Ellas Decke, die Hundeverführung in Person. Wer konnte denn auch einer mittlerweile ziemlich plattgedrückten roten Haarschleife samt Mädchenklickspange widerstehen? Oskar offensichtlich nicht. Mit einem Wonnelaut schob er seine Nase vom Bettrand aus dem Winzhubbel unter der Decke entgegen und stupste damit an eine kleine schwarze, die sich ihm neugierig entgegenreckte.
»Du warst die ganze Nacht bei mir?«, musste Ella dämlich das feststellen, was gar nicht zu übersehen war. Hundeprinzessinnen schliefen wohl nicht in profanen Hundekörben, sondern ruhten in edlen Laken und Federbetten. »Das war aber nur Baumwolle über einfacher Wildseide«, klärte Ella die Prinzessin, die ganz verschlafen aus der Wäsche guckte, in ihrem strengsten Ton über den Status quo auf. »Darüber hinaus sind wir hier ein bescheidenes Haus, in dem Hunde Bettschlafverbot haben.« Sie nahm die Kleine, hob sie heraus und stellte sie am Boden auf die Beine.
Dabei war sie ganz entzückt. Von der Kindlichkeit der kleinen Hündin, von deren verschlafenem Charme. »Wir werden uns jetzt ein wenig frischmachen, und dann gehts raus, Gassi.« Wobei sich dieses ›Frischmachen‹ alleine auf Ella bezog. Als sie nämlich aus dem Bad zurückkam, lagen die beiden Hunde einträchtig nebeneinander – auf ihrer Bettdecke.
»Geht ihr da wohl runter«, schimpfte sie los. Und erreichte bei Oskar tatsächlich so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Jedenfalls hüpfte er eilig von dannen. Im Gegensatz zur Prinzessin, die sich keiner Schuld bewusst zu sein schien.
Doch schließlich war es soweit, Oskar bekam sein Halsband übergestülpt, Daisy die Päckchenschleife samt Geschenkband. »Dann mal auf.« Am Kurstrand würden sie auf Thorsten treffen, der dann seine morgendliche Joggingrunde bereits hinter sich haben würde.

Sofort hinter der Haustür erwies sich diesmal noch schneller als gestern, dass ein Geschenkband um einen Hundehals, und sei er noch so schmal und zierlich, eine denkbar schlechte Notlösung war. Daisy wollte, wie alle Hunde, am frühen Morgen erst mal gemütlich eine Runde Zeitung lesen, sprich, schnuffeln, was es so an Neuigkeiten in der Nasenwelt gab. Wie Oskar zog sie hierhin und dorthin, hielt an der Ecke – und schnüffelte, was das Zeug hielt. Weder war Ella auf die Kleine, noch die beiden Hunde aufeinander eingespielt. Und so dauerte es heute nur ein paar Schritte, bis die beiden Leinen sich wiederum heillos verheddert hatten. Jeden Satz, den Oskar dann machte, musste Daisy notgedrungen mitmachen. Und das Schlimmste daran: Ella bekam das Band, das die Kleine demnächst strangulieren würde, nicht vom Ersatzhalsband ab. Notgedrungen musste sie also Oskar ableinen, ehe sie sich ans Entwirren machen konnte. Dass der sich sofort entfernte, um am Vermieterhaus zu schnuffeln, bemerkte sie nur am Rande.
Die Folge jedoch war leider nicht so leicht zu ignorieren. Als wäre Oskars Annäherung mit lautem Krach verbunden gewesen, klappte das Fenster direkt darüber auf, und eine quengelnde Stimme wehte zu Ella herunter. »Also, Frau Kirsch, das geht so ja nun gar nicht.«
Es ist Sonntag, dachte sie, die sich keines Unrechts bewusst war, und fummelte die Leinen auseinander, es ist früh am Morgen. Brauchen nicht auch Vermieter ihren Schönheitsschlaf?
Dieser Biesig offensichtlich nicht. Der prangte in all seiner bissigen Pracht im Fensterrahmen über Oskar und sah missbilligend auf das Richtung Gulli fließende Rinnsal, das der Hund gerade produzierte.
»Oh, tut mir leid.« Das war gelogen, aber wohl notwendig. »Ich geh gleich Wasser holen und spüle das weg.« Zuvor allerdings würde sie die beiden Hunde ins Auto stopfen. Damit die keine neue Panne produzieren konnten, ehe die alte beseitigt war.
Nun erwies sich ihre Faulheit gestern Abend als Segen: Da hatte sie, statt um zwei Ecken zum Parkplatz zu fahren, den Wagen einfach am Straßenrand stehen gelassen. Rasch fischte sie den Wagenschlüssel aus der Tasche, packte Oskar am Halsband und zerrte die sich mit erstaunlicher Vehemenz sperrende Daisy mit zum Auto. Zuerst hob sie die Kleine ins Heck. »Oskar, mach du hopp.«
»Ihnen ist aber schon bewusst, dass Sie da nicht parken dürfen?«
War ja klar gewesen! Ella tat so, als hätte sie nichts gehört, holte die Gießkanne, befüllte sie, beseitigte die Bescherung und räumte danach ganz brav die Kanne wieder auf. Und das alles unter dem missbilligenden Blick ihres Vermieters.
»Im Mietvertrag steht außerdem nichts von zwei Hunden.«
»Der zweite Hund ist nur zu Besuch und darüber hinaus weiblich«, konnte Ella sich eine Anspielung auf das Besuchsverbot für Männer nicht verkneifen, das ihr Biesig beim Einzug erteilt hatte.
Woraufhin der tatsächlich das Fenster zuknallte und hinter dem Vorhang verschwand. Oha, hatte das ihr Widerspruch bewirkt? Das sollte sie sich vielleicht merken! Dennoch schwitzte sie, als sie endlich im Wagen saß.

Oskar schlafend