Auf in die Berge

Oh Mann, was für ein Urlaub! Also, hätte mir vorher jemand gesagt, was ich erleben würde, ich hätte laut gelacht. Oder geweint. Geglaubt hätte ich demjenigen jedenfalls nicht.

Naja, gelacht und geweint habe ich so auch. Und das nicht gerade wenig. Das meinte ich nicht. Der Punkt ist eher, dass alles so überraschend geschah. So ganz ohne Vorzeichen. Aber hätten mir Vorzeichen etwas genützt? Hätte ich sie deuten können? Ich wage es zu bezweifeln

Dabei hat alles verhältnismäßig harmlos angefangen:

„Brigitte, was hältst du davon, mit mir in Urlaub zu fahren?“, hatte Michael mich gefragt und dabei vielsagend gegrinst.

Die Frage konnte nur rein rhetorisch sein, denn Michael wusste sehr genau, wie ich dazu stand. Totaaaal positiv. Was ziemlich direkt mit unserer Lebenssituation zusammenhing. Solange wir noch studierten, hatten wir nämlich keine Kohle, um zu heiraten und endlich zusammen zu leben. Sprich, wir hatten nur je ein Zimmer bei unseren Eltern. Das wiederum wirkte sich vehement auf die Frequenz unseres Liebeslebens aus. Denn wer hat schon gerne Sex, wenn jederzeit die Mutter an die Tür klopfen könnte: „Kind, ich habe Kuchen gebacken. Möchte Michael ein Stück?“

„Mama … das geht jetzt nicht … wir kommen … gleich.“

Nicht gerade lustfördernd, so was. Dabei war es erst knapp ein Jahr her, dass das überhaupt möglich war. Vorher hatten meine Eltern nämlich diesen blöden, völlig veralteten Kuppeleiparagraphen strikt eingehalten. Sie hatten auf Sittlichkeit nach Recht und Gesetz bestanden, und so war das Thema: Michael und Brigitte allein in einem Zimmer absolut tabu gewesen. Kam er mich besuchen, hatte er, seine Hände brav auf seinen eigenen Knien, am Wohnzimmertisch zu sitzen. Bei ebendiesem Kuchen, den meine Mutter uns nun manchmal vergeblich anbot. Denn selbst sie hatte inzwischen geschluckt, dass sie nicht mehr ins Gefängnis wandern würde, wenn sie Michael und mich hinter der verschlossenen Tür meines Zimmer duldete. Naja, darüber hinaus waren wir aufgeklärt, modern und frisch über einundzwanzig.

Deswegen war die Idee eines gemeinsamen Urlaubs eine ganz hervorragende. Wir hatten das noch nie getan, aber ich stellte es mir herrlich vor. Weit und breit kein wachsames Elternauge. Allerdings – und das war äußerst bedauerlich – auch kein offener Geldbeutel, der das Ganze finanziert hätte.

Doch noch ehe der wundervolle Traum – Hand in Hand mit Michael spazierenzugehen am warmen Sandstrand, Sonnenuntergang, Klänge romantischer Musik – wie eine Seifenblase zerplatzte, fügte mein Liebster hinzu: „Robert hat mich gefragt, ob wir Lust hätten, zusammen mit ihm und Renate in die Hütte seiner Eltern zu gehen. Für ne Woche oder so.“

Plopp! Die Vorstellung von Strand und Sand war tatsächlich geplatzt. Dennoch, Roberts Hütte, das hieß billig oder kostenlos und damit realisierbar. Ich war also ganz Ohr.

„Die Hütte liegt ziemlich hoch, keine Straße führt dorthin. Wir müssten also alles nach oben schleppen. Schlafsack, Proviant, persönliches Zeugs und so. Mindestens ne Stunde Fußmarsch, sagt Robert. Steil. Aber da oben soll es toll sein, ganz einsam und allein, mitten in der Natur!“

‚Steil‘ und ’schleppen‘, das schreckte mich nicht. Ich war eher von ‚toll‘ und ‚allein‘ und ‚einsam‘ begeistert. Und nickte deshalb sofort. „Klasse Idee.“

Naja, und so kam es, dass ich Ende April, die Wanderschuhe meiner Freundin Gisela an den Füßen, den alten Rucksack meines Vaters geschultert, mit darunter gebundenem Schlafsack, hinter Robert, Michael und Renate bergauf keuchte. Auf den bedeutendsten Urlaub meines einundzwanzigjährigen Lebens zu.

Der sich erst einmal ernüchternd anließ. Die Berge waren schön, wenn auch zahlenmäßig durchaus reichlicher als von mir Großstadtpflanze vermutet. Wenn ich mich umsah, sie waren schlicht überall, einige Spitzen waren sogar noch weiß! Steil sahen sie aus. Viel steiler als der Hang, den ich gerade zu bezwingen hatte. Dabei keuchte ich bereits. Zum passionierten Bergwanderer würde ich wohl nie werden. Denn wenn die Erklimmung ‚unseres‘ Berges mir schon alles abverlangte, hielt sich mein Wunsch, weitere Gipfel zu erstürmen, gut im Zaum.

Dieser doch eher negative Eindruck konnte aber durchaus an dem Umstand liegen, dass ich Fußprobleme bekam. Beim Anprobieren hatte ich es nicht gemerkt, aber jetzt zeigte sich überdeutlich: Giselas Schuhe waren mir ein bisschen zu klein. Sie verrichteten ihr drückendes Werk sehr zuverlässig, muss ich gestehen, und achteten darauf, wie in einem gut abgestimmten Musikstück, meine Qual langsam, aber stetig zu steigern. Bis zum furiosen Finale.

„Ich kann nicht mehr“, stöhnte ich schließlich, warf mich ins Gras und nestelte an den Schnürsenkeln.

„He!“ Renate war neben mir stehengeblieben und sah mich verwundert an. „Du bist doch sonst so sportlich. Was ist denn plötzlich?“

Ich musste gar nichts erklären, meine mittlerweile von den Schuhen befreiten Füße sprachen für sich.

„Da ist ja überall Blut.“

Naja, überall war vielleicht ein bisschen übertrieben. An den Zehen und den Fersen, um genau zu sein. Da, wo es so abscheulich wehtat. ‚Rucke di guh, Blut ist im Schuh, der Schuh ist zu klein, die rechte Braut …!‘ Blutende Füße hatte ich zwar, aber dass ich die rechte Braut für Michael war, dessen war ich absolut sicher. Definitiv.

„Michael, Robert!“ Renate fackelte gar nicht lange, sondern schrie aus Leibeskräften den Jungs hinterher, die bereits ein Stück voraus waren und von meiner Not nichts mitbekommen hatten. „Wir brauchen Hilfe!“

Naja, ich will hier nicht zu ausführlich werden, ich musste weder ins Krankenhaus noch an Ort und Stelle verbleiben. Mittels eines notdürftigen Verbandes, die zu kleinen Wanderschuhe nur locker und ungebunden darüber gestreift, außerdem recht und links gestützt, kam ich schon noch bei der Hütte an.

Von deren malerischen Lage ich allerdings nur durch Renates Jubelschreie erfuhr. Ich wollte nur noch die Füße hochlegen, alles andere war mir in dem Moment völlig wurscht. Dass es in der Hütte weder Strom noch fließendes Wasser gab, fiel mir allerdings sehr wohl sofort negativ auf. Gut, ich hatte auch nichts anderes erwarten können, schließlich befanden wir uns oberhalb der Baumgrenze. Dennoch, wer schon mal völlig demolierte Füße gehabt hat, die Hände kontaminiert mit Blut und Fußschweiß, kennt die Wohltat, mit sauberen Händen endlich Salbe auf Schwellungen und Wunden aufzutragen, leichte Verbände anzulegen und darüber hinaus dafür zu sorgen, dass sich die malträtierten Treter nicht mehr rühren müssen.

Hier oben fiel nicht nur die Hygiene erst mal flach, bis Michael und Renate mit gefülltem Wasserkanister von der Quelle zurück waren, während Robert den Herd einheizte. Nein, auch Verständnis oder Mitgefühl, was ich von Michael eigentlich erwartet hatte, blieb schlicht und ergreifend aus. Ohne mich zu beachten, verkündete er strahlend: „Hier ist es einfach prachtvoll. Ich hätte gute Lust, ein wenig die Gegend zu erkunden. Wer kommt mit?“

Renate meldete sich sofort, Robert schloss sich an, aber erst, nachdem er mir die Aufsicht über das Herdfeuer übertragen hatte – und weg waren sie. Schneller, als ich um ein wenig warmes Wasser hätte bitten können. Und so saßen wir alleine da, meine wunden Füße und ich. Irgendwie hatte ich mir meinen ersten gemeinsamen Urlaub mit Michael aber anders vorgestellt!

Na gut, ich studierte nicht umsonst im zweiten Semester Medizin und bekam es durchaus selbständig auf die Reihe, meine Füße fachmännisch zu versorgen. Aber ein bisschen Mitgefühl, ein wenig Anteilnahme hätten mir schon gut getan.

Auf die hoffte ich auch noch, als die anderen Stunden später zurückkamen. Bester Laune natürlich, zumindest Michael und Renate.

„Du glaubst nicht, wie toll es hier ist“, rief Michael begeistert.

Nee, glaubte ich nicht. Wie auch? Bis auf den Inhalt meines Rucksacks, das Plumpsklo und den Schlafraum hatte ich hier schließlich noch nichts gesehen. Genau letzterer war es auch, der meine Laune noch weiter hatte sinken lassen. Es gab nämlich nur einen. Mit einem roh gezimmerten Stockbett. Zwei Matratzen unten, zwei oben. Oh je!

An diesem Tag geschah nicht mehr viel. Ich war schlecht drauf, Robert ebenfalls. Michael und Renate glichen das zwar durch besonders viel Gelächter aus, dennoch, die Stimmung war gedrückt, als wir schließlich das Schlaflager bereiteten. Robert und Renate oben, wir unten.

Doch dann war es soweit, und ich konnte mich in Michaels Arme kuscheln. Jetzt war unsere Zeit gekommen und in der würden meine Füße die allergeringste Rolle zu spielen haben. Dass Robert und Renate nur durch ein dünnes Holzbrett von uns getrennt lagen – Himmel! Schließlich schrieben wir das äußerst fortschrittliche Jahr 1970, waren sexuell befreit und, zumindest ich, mit der Pille wohl ausgerüstet. Also, wo war das Problem?

Es lag direkt neben mir: „Du, lassen wir das heute“, flüsterte Michael, warf einen bedeutungsvollen Blick nach oben und schob mich von sich.

„Was ist?“ Ich verstand die Welt nicht mehr. Waren die beiden da oben nicht in haargenau der gleichen Situation wie wir?

Alle meine Sinne nach oben gerichtet, registrierte ich – nichts. Seltsam. Schliefen die bereits?

Naja, in dieser Nacht war dann auch bei uns nichts mehr los. Michael und ich lagen sittsam nebeneinander, ich für meinen Teil zutiefst enttäuscht. Michael wohl eher nicht, denn er schnarchte rasch los. So recht begreifen konnte ich das allerdings nicht, schließlich war er es doch gewesen, der diesen Urlaub angezettelt hatte. Wegen ‚einsam‘ und ‚allein‘.

Und nun das! Was war nur in ihn gefahren?

Am nächsten Morgen ging es meinen Füßen deutlich besser. Die Schwellungen waren zurückgegangen, auf die Blasen klebte ich Pflaster. So passten mir zumindest meine mitgebrachten Lieblingsstiefelchen. Hohe, nein, sehr hohe Absätze, glatte Sohlen, dafür aber saumäßig bequemes, ausgelatschtes Leder in weiß. Absolute Berguntauglichkeit. Dass ich sie überhaupt dabei hatte, war schlicht das Ergebnis meines kompletten Unvermögens gewesen, mir das Leben auf dem Berg vorzustellen, wo es weder Weg noch Steg gab.

Darüber hinaus brachte dieser neunundzwanzigste April eine Wetterverschlechterung mit sich, die uns zwang, in der Hütte zu bleiben. Was sich diametral auf die Gesamtlaune der Anwesenden auswirkte. Michael war deutlich gereizt, Robert muffig. Einzig Renate unternahm dann und wann einen halbherzigen Versuch, die Stimmung hochzuhalten. „Hat jemand Lust auf ‚Mensch ärgere dich nicht‘?“

Zum Glück hatte ich ein Taschenbuch in meinen Rucksack gestopft und konnte lesen.

Erst am Nachmittag, ich hatte ein selbstredend einsames Mittagsschläfchen gemacht, zeigte sich am Himmel eine blasse Sonne.

„Ich will nur noch raus“, murmelte Michael, warf sich in Schuhe und Jacke und stürmte zur Hüttentür.

„Wart auf mich, ich brauche auch frische Luft.“ Renate, natürlich. Irgendwie klebte die an Michael fest.

„Kommt ihr auch mit?“ Michaels Frage klang eher nach einer Warnung: ‚Untersteht euch!‘

Na, von mir aus bestand da keine Gefahr. Mit meinen Stiefelchen würde ich nicht weit kommen, und mit den Wanderschuhen hegte ich inzwischen eine herzliche Feindschaft. Sie kamen mir vor wie Ledertiere, die bei mir Blut geleckt hatten. Sollte ich es noch einmal wagen, ihnen meine Füße anzuvertrauen, würden sie damit kurzen Prozess machen.

Unter diesen Umständen war es eh fraglich, wie ich in ein paar Tagen zu Tal gelangen sollte. Ich hätte zwar, zur Erbauung meiner Reisekollegen, ein paar erheiternde Ideen dafür auf Lager gehabt. Eine Sänfte zu bauen, etwa. Aber irgendwas sagte mir, dass ich damit nicht ankommen würde. Also schwieg ich. Und versuchte, nicht an Michael zu denken. Der anders war. Verdammt viel anders als sonst. Besorgniserregend anders.

Die Bombe platzte am nächsten Morgen. Nach einer weiteren Nacht in keuschem Abstand, Blick und Arme überall, nur nicht beim anderen.

„Ich …“ Michael hatte mit dem Gesprächsbeginn bis nach dem Frühstück gewartet.

In Erwartung eines besseren Tages als den vorigen – das allerdings nicht in Hinsicht auf das Wetter, es regnete noch immer – hatte ich mich geschminkt und in meinen roten Minirock geworfen.

Michael dagegen warf nur einen Blick auf Renate. „Wir müssen euch etwas sagen.“ Und dann legte sich seine Hand wie selbstverständlich auf ihre.

Nicht auf meine. Auf Renates! Ich japste nach Luft und tat das in der Folge noch so einige Male.

„Wir haben uns verliebt“, verkündete Renate kurz und knapp.

„Wie … was … jetzt?“ Robert hatte sich an seinem Kaffee verschluckt und hustete quer über den Tisch.

„Nein, das geht schon länger“, ergänzte Michael. „Wir hatten uns getrennt …“

Nun musste auch ich husten. Was hieß hier getrennt? Er war doch mit mir zusammen, wie konnte er sich dann von Renate getrennt haben?

„Schon seit Monaten kämpfen wir mit uns. Weil wir euch nicht wehtun wollten“, ergänzte Renate. „Erst hier haben wir erkannt, dass wir zusammen gehören.“

Sie salbaderten noch eine ganze Weile vor sich hin. Erklärten, dass sie ja ach so hilflos ihren Gefühlen ausgeliefert gewesen seien, dass sie sich erst gestern, beim gemeinsamen Spaziergang, dazu entschlossen hätten, uns zu verlassen. Bla und blubb. Mir schwirrte der Kopf. Einzig die Nächte erschienen mir jetzt in einem völlig neuen Licht. Kein Wunder, dass weder oben noch unten irgendwas gelaufen war!

Zwei Minuten später gab es in der Hütte nur noch uns Verflossene. Das neue Glück war nach seiner Offenbarung nämlich flugs in die Wanderschuhe gesprungen und hatte erst die Rucksäcke und dann die Flucht ergriffen. Alles ging so schnell, dass ich es erst kapierte, als sie bereits weg waren.

„Hast du etwas davon gewusst?“, fragte ich, noch völlig benommen. Michael und Renate mussten heimlich gepackt haben.

Robert schüttelte nur stumm den Kopf. Und schüttelte weiter. Und weiter. Immer heftiger. Schließlich donnerte seine Faust auf den Tisch. „Verflucht noch eins, wir wollten nächstes Jahr heiraten, und jetzt haut sie einfach mit diesem Taugenichts ab!“ Sein Blick war voller Vorwurf, als er mich ansah.

„He, ich kann doch nichts dafür!“ Ich heulte mittlerweile.

Und heulte eine Stunde später immer noch.

Robert hatte inzwischen ebenfalls gepackt und räumte die Hütte auf. Dafür, dass er gerade ebenso verlassen worden war wie ich, hatte er sich erstaunlich gut im Griff.

„Du musst deine Sachen einsammeln“, erklärte er, als er die Ofenklappe schloss.

Ja klar, was sollten wir hier auch noch? Alles war aus. War ich zwei Tage zuvor noch voller Vorfreude gewesen, jetzt war ich ernüchtert.

Gleich darauf stand ich vor meinem zweiten Problem. Ich musste zu Tal. Die Frage war nur, wie?

Die Antwort war: In meinen glattsohligen Stiefeletten und mithilfe zweier Stöcke, die Robert aus dem Brennholzstapel hinter der Hütte gezogen hatte.

Schließlich stapften wir los. Robert voraus, seinen Rucksack auf dem Rücken, meinen vorn am Bauch, ich hinterher, lediglich meine Handtasche an der Schulter. Von mir aus war dieser Abstieg recht eirig, weil mir in den hohen Schuhen ständig die Füße umknickten. Das Wetter gab das Seinige dazu und weinte. Mit und für uns. Außerdem war mir kalt. Mit Minirock, T-Shirt und leichter Jacke war ich zwar trotzig-modern, aber keineswegs wettertauglich angezogen.

„Wir nehmen den anderen Weg, den durch den Wald“, bestimmte Robert mit Blick auf den dick wolkenverhangenen Himmel. „Da macht uns der Regen weniger aus.“

Rein blättertechnisch hatte der Wald noch nicht allzu viel zu bieten. Ende April waren die Bäume gerade mal zartgrün belaubt. Diese kleinen Blättchen würden den Regen kaum abhalten können. Von daher war das mit Sicherheit ein vorgeschobener Grund. Dass wir auf diese Weise unseren beiden Verflossenen nicht zufällig über den Weg laufen konnten, entsprach da wohl eher der Wahrheit.

Eine Wahrheit allerdings, die mir sehr entgegenkam. Denn ich war mir absolut nicht sicher, wie  ich mich verhalten würde, sollten mir Renate oder Michael nochmals unter die Finger kommen. Probeweise fuhr ich mir über die Nägel – hm ja, das würde hübsch dicke Kratzer in Michaels Gesicht ergeben.  Oder in Renates. Oder in beiden.

So schnell es ging, stolperte ich hinter Robert her.

Tatsächlich wurde es nur geringfügig besser, als wir den Wald erreicht hatten. Doch dass mir der Regen nicht mehr ins Gesicht peitschte, reichte, dass ich mich etwas entspannte.

Robert lief neben mir her und begann zögernd zu sprechen. „Renate und ich, weißt du, eigentlich, also, ich kann sie schon ein bisschen verstehen.“

Ich sah ihn verblüfft an. Was kam jetzt?

„Bei uns ist es schon lange nicht mehr gut gelaufen.“ Robert senkte die Augen. „Ich hatte die Hoffnung, hier oben …“

„Vom Regen in die Traufe“, sagte ich. „Musste wohl so kommen.“

„Und bei euch?“

Ich zuckte die Schultern. „Michael ist ein Schwein.“ Das war mir bisher zwar entgangen, aber einen anderen Grund, warum hatte geschehen können, was geschehen war, konnte ich nirgends entdecken. Wir waren glücklich gewesen. Das stimmte doch, oder?

Ach, ich war völlig durcheinander und wusste gar nicht mehr, was ich noch fühlen sollte. Trauer, Wut, Schmerz, Demütigung? Von allem ein wenig – oder viel?

Ich war gerade noch dabei, meine Gefühle zu sortieren, als Robert plötzlich stehenblieb. „Guck mal, da scheint ne Höhle zu sein.“ Er kratzte sich am Kopf. „Wo kommt die denn plötzlich her?“

Mein Blick folgte seinem. Oh ja, da war tatsächlich eine Öffnung im Fels.

„Kommst du hier nicht öfter vorbei?“, fragte ich.

Naja, es konnte doch sein, dass Robert immer den anderen Weg nahm.

„Bei schlechtem Wetter oder bei Schnee geh ich immer hier durch den Wald“, antwortete er in dem Moment. „Aber ich hab die Höhle noch nie gesehen.“

An einem guten Tag hätte ich kurzerhand entschieden, dass das ein Zeichen sei. Dass es sein müsste, dass wir die Höhle erkunden sollten. Aber heute war alles andere als ein guter Tag. Wenn ich ehrlich war, sehnte ich mich nach nichts weiter, als mich in mein Bett zu kuscheln und literweise Tränen zu vergießen. Alles in mir schrie also danach, schnell nach unten, schnell nach Hause, schnell hier weg kommen zu wollen.

Doch diesem Wunsch stand die Realität entgegen. Die aus einem steilen Abstieg bestand. Im Regen, der gerade wieder stärker wurde. Und das mit diesen Schuhen! „Lass uns da drin abwarten, bis sich das Wetter bessert“, hörte ich mich also sagen. „Ich rutsche ständig fast aus.“

Robert sah mich an, meine Füße, dann in den Wald, den Berg hinab.

Zweifelte er etwa nicht an meiner Fähigkeit, mit Modeschuhen einen Abhang zu bezwingen? „Wenn ich mir ein Bein breche, was willst du dann tun?“

Das gab den Ausschlag „Okay,“ nickte er und ging auf den Eingang der Höhle zu. „Ist ja viel größer als vermutet.“ Er drehte sich einmal um sich selbst. „Wie kann es sein, dass ich sie nicht kenne?“ Entschlossen stellte er beide Rucksäcke an der Höhlenwand ab.

Weit sehen konnte man nicht, durch den Eingang fiel nicht viel Licht. Deshalb suchte ich mir gleich daneben eine gemütliche Stelle, lehnte meinen Rucksack daran und setzte mich. Ja, das war einigermaßen bequem.

Auch Robert schien über sein Erstaunen hinaus keine Forscherpläne zu verfolgen, kramte nur eine Weile in seinem Rucksack herum, dann setzte er sich ebenfalls darauf. Eine Taschenlampe hatte er ausgepackt, die lag jetzt auf seinen Knien. Und irgendwas drehte er in den Händen. Allerdings achtete ich nicht weiter auf ihn, mein eigenes Elend machte mich ganz fertig. Was würden wohl meine Eltern sagen, wenn ich alleine und viel zu früh nach Hause kam? Immerhin waren Michael und ich fast zwei Jahre ein Paar gewesen.

Erst als plötzlich ein Streichholz aufflammte, guckte ich wieder zu Robert. Machte der jetzt ein Feuer?

Doch Robert tat etwas viel Besseres: Er hatte einen dicken Joint an den Lippen und zog daran, nochmal und nochmal. Dann hielt er ihn mir hin. „Magst du?“

Und ob! Alkohol wäre mir momentan zwar lieber gewesen, mit Gras hatte ich einfach zu wenig Erfahrung. Ein-, nein zweimal, hatte ich es bisher geraucht. Mit Michael zusammen. Und vielen anderen. Auf ’ner Party. Ich hatte nicht viel gemerkt. Aber in der Höhle roch es bereits typisch nach dem Zeug. Und da dachte ich mir: Warum nicht? Ich setzte also den Joint an die Lippen.

„Der ist besonders stark“, erklärte Robert und sah mich mit glitzernden Augen an. „Ich hab nämlich zusätzlich Haschischöl reingetan. Das fängt zwar erst später an zu wirken, hält dafür aber auch länger an.“

Konnte mir nur recht sein, wenn ich für ne Weile mein Elend vergessen konnte. Ich inhalierte also tief und gab Robert den Joint zurück. Wir zogen abwechselnd. Minutenlang.

„Da, schenk ich dir.“ Robert hatte plötzlich noch einen in der Hand und hielt ihn mir hin.

Erstaunt sah ich ihn an. Was war denn jetzt los?

„Bist ’ne geile Braut“, begründete er sein Geschenk.

Da musste ich lachen. Geile Braut – klang einfach gut. Ich öffnete also meine Tasche, die ich mir umgehängt hatte, und ließ den Joint hineinplumpsen. Danach zog ich wieder am brennenden Exemplar, das Robert mir entgegenhielt.

Es dauerte nicht lange, da löste sich seine Zunge. „Renate war ’ne Granate im Bett“, sagte er und klang ein kleines bisschen schwerfällig. „Zumindest in der ersten Zeit. Wir vögelten uns fast das Hirn aus dem Kopf. Jeden Tag, mehrmals.“

Ich musste lachen. „Wo denn? In den Schlafzimmern eurer Eltern?“

„Ach was, im Wald, bei ihren Eltern im Keller, überall. Sie war so heiß.“ Einen Moment starrte er versonnen vor sich hin. „Doch dann, vor ’nem halben Jahr oder so, wollte sie plötzlich nicht mehr, sagte ständig, dass sie keine Lust auf mich hätte. Ich hab’s nicht verstanden. Damals.“

Ich nickte. Robert war cool in seiner Ehrlichkeit. Jetzt also ich: „Im Winter lief bei uns auch wenig, weißt du, seine Eltern, meine. Und im Freien …“ Ich schüttelte mich demonstrativ, schlang die Arme um meinen Körper.

„Oh, ich weiß.“ Robert deutete auf seinen Schritt und zeigte dann mit den Fingern eine sehr kleine Spanne. „So kalt ist’s da.“

Kicherreiz erfasste mich. Kam von ganz unten rauf. Ich fühlte es langsam hochsteigen, meinen Magen erfassen, dann meine Kehle. Schließlich lachte ich. „Genau, soooo kalt.“ Die Distanz zwischen meinen Fingern war noch geringer als Roberts.

Was nun den wieder zum Lachen brachte. „Und wenn dann noch Schnee auf den Arsch rieselt …“

Mich warf es fast vom Rucksack. Robert war sooo lustig. Schnee auf dem – hahaha! „Ist auch hübsch kalt von unten.“

Robert klatschte sich vor Begeisterung auf die Oberschenkel. „Du bist wirklich die geilste Braut unter der Sonne.“ Er zwinkerte mir zu. „Hab ich mir schon oft gedacht, dass du mit deiner Blondmähne viel hübscher bist als Renate.“

Ich lachte und lachte, als hätte er einen tollen Scherz gemacht.

Plötzlich stand er vor mir und zog mich an den Armen hoch. „Geile Braut“, flüsterte er. „Komm, lass uns vögeln. Was die können, können wir doch auch.“ Sein Mund näherte sich dem meinen.

Oh ja, er hatte recht, wir sollten ebenfalls tätig werden. Aber nicht einfach so.

„Gib mir mal“, sagte ich, streckte die Hand aus.

Robert grinste und reichte mir den Joint. Während ich ihn mit der rechten Hand nahm, schnappte ich mir mit der linken die Taschenlampe, dreht mich abrupt um und rannte davon. „Wir vögeln, wenn du mich kriegst!“

Robert war direkt hinter mir, aber ich kann flink sein. Manchmal sogar mit hohen Schuhen. Naja, vielleicht war Robert auf dem eher unebenen Untergrund auch etwas gehandikapt, oder er tat nur so, jedenfalls fühlte ich seine Hände ein paarmal an meinem Rücken, ohne dass er mich erwischte. Ich quietschte dann immer besonders laut auf und schlug, unter Roberts Gelächter, einen Haken. Das sah wahrscheinlich nicht sonderlich elegant aus. Aber das war mir völlig wurscht. Es war ein ‚Hasch mich‘-Spiel und machte verdammt viel Spaß.

„Au, verflucht!“ Robert, kurz hinter mir, war gestolpert, rappelte sich schwerfällig auf. „Schluss jetzt, komm her.“

Doch ich hatte etwas entdeckt. Niedrig und fast am Boden. Einen Durchgang.

„Wohin es da wohl geht?“, fragte ich halblaut und zog nochmal am Joint.

„Direkt in Rübezahls Schlafzimmer“, rief Robert von hinten.

Ich hörte, wie er rannte. Auf mich zu. „Au ja, gehen wir ins Schlafzimmer!“ Ich war schon auf den Knien und schob mich hinein, kroch, quietschte, strampelte, als Robert mich an den Beinen erwischte und wieder rausziehen wollte. „Nein, komm du auch rein.“ Aber da war ich schon durch und wand mich mit einer Drehung aus seinem Griff. „Iieeh!“ Er kam mir nach, war schon halb durch die Öffnung, ich konnte seinen Kopf, seinen Oberkörper hinter mir sehen. Ich lachte laut auf und sprang auf die Füße.

Da rauschte etwas brausend los. Und noch ehe ich irgendwas kapierte, kamen sie von oben.

Fledermäuse.

„IEH!“

Überall waren auf einmal Fledermäuse. Sie flatterten um mich, flogen mi  ins Gesicht, stießen an meinen Körper. Ich duckte mich, wollte zurückkriechen zu dem Durchgang. Aber es war zu spät. Schrilles Gekreische erfüllte die Luft, Flügel schlugen klatschend an Felswände. Und an mich.

„IEH!“ Ich kreischte aus Leibeskräften, schlug um mich vor Angst. Die Dinger sollten verschwinden.

Aber das taten sie nicht. Im Gegenteil, sie bissen sogar. „Ieeeeh!“

„Brigitte!“ In dem Tumult hörte ich Robert ebenfalls schreien. Weit entfernt allerdings.

Und während ich blindlings um mich schlug, kroch ich in seine Richtung. Zumindest versuchte ich es.

Die Höhle

Die Stille kam so urplötzlich, dass ich sie im ersten Moment gar nicht wahrnahm, sondern mit fest zugekniffenen Augen weiterkroch. Erst als ich mit dem Kopf irgendwo anstieß, kam ich zur Besinnung und öffnete dieAugen. Fels ringsum, Licht.

Die Taschenlampe leuchtete noch immer in meiner Hand. Nirgendwo mehr die Spur einer Fledermaus.

Ich war einfach nur erleichtert, weil sie weg waren. Wie bei ihrem Auftauchen, von einem Moment zum nächsten.

„Mensch, Robert, das war ja wohl der Hammer“, rief ich und fühlte schon wieder dieses alberne Lachen in mir aufsteigen. „War das Zauberei?“ Ich rieb über meine Stirn, wo sich bereits eine Beule bildete, über meine Arme, wo ich gebissen worden war. Dann leuchtete ich mit der Taschenlampe herum, um mich zu orientieren. Fels, Wände, Tropfsteine. Wo war noch gleich der Durchgang? Ah, da drüben. Eilig kroch ich hin. „Hei, das war ein Angriff, was?“ Ehe ich den Kopf hindurch streckte, ordnete ich noch schnell meine Haare, die ziemlich zerzaust waren. Dann kicherte ich. „Du kannst kommen, die Luft ist jetzt wieder rein.“

Aber das war natürlich mal wieder typisch. Er rührte sich nicht.

„He, hat dich die Angst gepackt?“ Ich leuchtete in die Öffnung, wo Robert doch irgendwo stecken musste.

Aber da war er nicht.

„Robert?“ Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr sonderlich berauscht. Eher besorgt. „He, sag was. Das ist überhaupt nicht witzig. Wo bist du?“

Es war wirklich ein Glück, dass ich die Taschenlampe hatte, denn sonst hätte ich mich bestimmt verirrt. So aber kroch ich zurück, richtete mich auf, suchte ein wenig um ein paar Ecken und entdeckte schließlich eine helle Stelle, auf die ich zuging. Der Höhlenausgang. Dort würde ich …

„Robert?“

In meinem jetzt doch wieder ganz benommenen Kopf fuhren die Gedanken Karussell, und ich musste plötzlich loslachen. Weil ich Robert eben nicht finden konnte. Mir war klar, das war keineswegs lustig, dennoch, in mir war so ein Krampf, der nur vom Lachen vergehen würde. Also lachte ich.

Auch von den Rucksäcken fehlte jede Spur. Hatte Robert sich etwa samt den Dingern versteckt, um mich zu foppen? Das Lachen, das logischerweise spätestens jetzt hätte verschwinden müssen, verstärkte sich noch. „Verstecken nutzt dir gar nichts, ich find‘ dich doch!“ Meine Hände trichterförmig vor dem Mund, trompetete ich diese Warnung laut aus der Höhle hinaus. Alle unguten Gefühle abschüttelnd, machte ich mich auf den Weg. Draußen würde ich ja wohl Robert finden und mir dann überlegen, was ich mit ihm … Ein paar nette Ideen hätte ich durchaus parat gehabt.

Und weil das alles so skurril war, lachte ich erneut laut los, lief hinaus – und stockte.

Die Sonne schien an einem tiefblauen Himmel, es war richtig warm. Minirockwarm. Verdammt, wie lange hatte ich denn in dieser Höhle gesteckt? Das Gefühl, ganz und gar in einer mehr als merkwürdigen Situation zu stecken, verstärkte sich noch.

Von Robert nicht der allerkleinste Zipfel. Dabei hatte er doch gerade damit noch ziemlich genaue Pläne verfolgt. „Hahaha.“ Das Lachen steckte inzwischen ein bisschen quer in meinem Hals. Weil alles immer seltsamer wurde. Misstrauisch sah ich mich um. Wo steckte er Kerl? War er etwa mitsamt den Rucksäcken geflohen? „Hahaha.“ Das Bild Roberts vor Augen, der wie ein Hase über Stock und Stein hüpfte, um vor den Fledermäusen zu fliehen und schnell zurück in seine …

Moment mal! Mein Lachen erstarb, hatte eh ziemlich gequält geklungen. Die Hütte! Robert war einfach zurück in seine Hütte gegangen, um dort auf mich zu warten. Das war des Rätsels Lösung. Womöglich lag er schon lange im vielversprechend warmen Bett und wartete auf mich. Ja, das musste es sein.

Meine Heiterkeit war schnell ersetzt durch Wut, als ich auf meinen Stöckelstiefeln zur Hütte zurück wackelte. Robert war eine Knalltüte und dies alles hier alles andere als witzig. Das Lachen war mir mittlerweile gründlich vergangen. Wofür ich echt dankbar war. Unter Zwang zu lachen, wenn man eigentlich besorgt ist, ist wirklich nicht sonderlich schön.

Irgendwie war der Wald größer geworden. Waren wir auf dem Weg zur Höhle wirklich so lange darin gegangen? Meine Erinnerung deckte sich überhaupt nicht mit seinen jetzigen Ausmaßen, er wollte und wollte kein Ende nehmen. Aber das lag vielleicht an den Stöcken, die ich jetzt nicht mehr hatte. Noch ein Grund, wütend zu sein. Warum hatte Robert die auch mitgenommen? Was wollte er damit erreichen?

Ich ging, so schnell ich konnte. Endlich schimmerte es hell zwischen den Bäumen durch. Ich rannte fast und wäre beinahe in Tränen ausgebrochen, als ich tatsächlich den Waldrand erreichte, so erleichtert war ich.

Allerdings nur kurzfristig. Irgendwie sah hier nämlich alles sehr anders aus. Naja, dass meine Erinnerungen ein bisschen verwischt waren, konnte am veränderten Wetter liegen. Oder eben an der Tatsache, dass das Denken im Moment nicht so ganz mein Spezialbereich war. Viel eher das Fühlen.

Da wurde in mir so einiges geboten. In Bezug auf Robert, beispielsweise. Für den hegte ich inzwischen einen gepflegten Zorn. „Das wird wohl nix mit Vögeln, mein Lieber“, murmelte ich, als ich mich in Bewegung setzte und über die Wiese stapfte, ungefähr in die Richtung, in der ich die Hütte vermutete. Robert würde ich mir zur Brust nehmen, mit ihm Hühnchen rupfen und ihn schließlich teeren, damit die Federn an ihm kleben bleiben würden überall dort, wo es mir gerade jetzt eine besondere Genugtuung bereiten würde. Jawohl! Mich in einem psychischen Ausnahmezustand in einer unheimlichen Fledermaushöhle im Stich zu lassen! Und dann das Wetter zu verändern. Die ganze Landschaft. Irgendwie war jetzt alles anders. Wo war denn beispielsweise der Pfad hin verschwunden, den wir ursprünglich entlanggegangen waren, hä?

Immer wieder sah ich mich um. In meiner Erinnerung waren wir den Berg schräg abwärts marschiert, also musste ich jetzt hinauf. Ich wandte mich in die entsprechende Richtung.

Während ich so weiter stapfte, steigerte ich mich immer weiter in Rage, bis ich mich ein bisschen fühlte, als würde ich fliegen. Naja, eher stolperfliegen, denn meine Füße konnte ich von dem Gefühl nicht so recht überzeugen. Aber sie taten, was sie konnten.

Verflixter Rausch. Ich schnaufte vor Anstrengung. Das würde ich dem Kerl auch heimzahlen!

Meine Füße taten schon wieder weh, die blöden Absätze! Und ich hatte noch immer nichts wiedererkannt. Verflixt, verdammt, verflucht. Wo war Roberts Hütte?

Mittlerweile musste ich schon Stunden herumgesucht haben. Bergauf, bergab hatte ich Senken gefunden, war hingelaufen, hatte hinter Bäume gespäht, war sogar zurückgegangen zum Waldrand und hatte von dort eine andere Richtung eingeschlagen. Aber ich hatte nichts gefunden, woran ich mich hätte erinnern können. Und so etwas wie eine Hütte schon gar nicht. Jetzt konnte ich einfach nicht mehr.

Ich setzte mich an einen großen Felsbrocken, wo der Wind einen Haufen Laub zusammen geweht hatte, und überlegte. Hier oben weiter zu suchen, konnte ich vergessen. Es war, als hätte jemand in die Landschaft eingegriffen, sie verändert und lediglich ähnlich zurückgelassen. Nun ja, die Berge waren noch dieselben, obwohl ich mir diesbezüglich auch nicht ganz sicher war. Ich kannte sie einfach zu wenig. Aber alles andere … Wo, in drei Teufels Namen, kamen beispielsweise all diese Baumruinen her, die dort drüben am Waldrand kreuz und quer herumlagen? So, als hätte ein Riese Mikado gespielt. Diesen Anblick hätte ich mir doch gemerkt, hätte ich ihn schon einmal gesehen. Außerdem gab es weder Weg noch Steg und so was wie Roberts Behausung schon gleich gar nicht.

Verdammtes Gras, hätt ich’s doch nur nicht geraucht. Und dreimal verdammter Robert!

Aber es war müßig, sich über ‚wenn‘ und ‚vielleicht‘ Gedanken zu machen. Viel sinnvoller wäre es wohl, endlich ins Tal abzusteigen und mich dort meinem nächsten Problem zu widmen: Wie sollte ich ohne Robert und das Auto, das er von seinem Vater ausgeliehen hatte, zurück nach München kommen? Ich müsste zu irgendeinem Bahnhof gelangen. Irgendwie.

Inzwischen war es mir völlig egal, was meine Eltern sagen würden. Ich wollte nur noch weg hier, in die freundliche Umgebung meines Zuhauses. Wo man mich nicht betrog und sitzenließ, wo man mich nicht einsam und verloren zurückließ. Wo es Pflaster gab und bequeme Hausschuhe. Inklusive Essen und Trinken.

Mit einem Mal fühlte ich mich nur noch erledigt, desolat, groggy. Nicht einmal Wut auf Robert war noch in mir. Vielleicht sollte ich doch noch hier … ein bisschen Pause, ehe ich auf meinen ungeeigneten Schuhen gen Tal stöckeln müsste. Also setzte ich mich. Mein ohnedies schwindeliger Kopf wurde schwer von zu viel Sonne, von zu viel Marihuana, von zu vielen Gedanken und Sorgen. Ein bisschen schlafen, ja, das wäre gut. Das Laub hier war eigentlich recht weich. Ich kuschelte mich zurecht. Die Sonne schien so warm, ich würde sicher nicht erfrieren. Und nachher würde ich weitersehen. Aber zuerst …

 

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