Keine Schwester darf vor ihrem 18. Jahr in den Orden aufgenommen werden. Sie darf auch nicht vor ihrer Weihe ins Kloster eintreten, auch wenn alle vor dem Ende des Jahres mit ihr einverstanden sind. Keiner der Kleriker oder Brüder darf das Klostergelübde vor seinem 25. Jahr ablegen.“

Aus den Klosterregeln der Heiligen Birgitta

Montag, 17. Oktober 1521

1. Begehrst du Eintritt in diesen Orden

Versuchung_Pov_Wechsel

Rumms!

Mathilda fuhr voller Schreck herum. Das Geräusch hatte sehr endgültig geklungen.

Für immer!, schoss es ihr durch den Kopf, als sie die schwere Türe sah, die hinter ihr zugefallen war. Das ist jetzt für immer.

Das Drehen des immens großen Schlüssels im Schloss und das Vorschieben des massiven Riegels verstärkten diesen Eindruck noch. In ihrer Brust ruckte etwas, was sie lange zurückgehalten hatte. Es stieg ihr in den Hals, wo es sich wie ein dicker Frosch querlegte und die Atmung erschwerte.

Ave Maria.“

Erst jetzt kam sie dazu, der Nonne Aufmerksamkeit zu schenken, die sie vorhin, nach Betätigung des Türklopfers, durch das kleine Sprechfenster nur wortlos gemustert hatte, um sie dann ebenso wortlos einzulassen. Hatte Mathilda von ihr vorher nur einen kleinen Ausschnitt ihres Gesichts erkennen können – zwei blaue Augen und eine kurze, gerade Nase – jetzt konnte sie die Nonne im Ganzen sehen. Die Frau war noch jung, wahrscheinlich nur ein paar Jahre älter als Mathilda, allerdings kleiner – und in eine dunkelgraue Kutte gewandet. Auf dem Kopf trug sie einen weißen Schleier, der ihr weit in die Stirn reichte und alle Haare großzügig verdeckte.

Wenn sie überhaupt welche hat, dachte Mathilda. Sie hatte Geschichten gehört von kahl geschorenen Nonnen. Allein dieser eine Gedanke, man könnte ihr den schönen langen Blondzopf abschneiden, brachte sie zum Erschauern.

Sie wollte es vor sich nicht zugeben und hatte es auch niemandem gesagt, aber sie fürchtete sich. Die Geschichten, die draußen über das Leben im Kloster kursierten, waren ja vielleicht erfunden. Alle handelten sie von Buße und Kasteiung, von langen Fastenzeiten und schauderhaften Ritualen. Auspeitschungen, zum Beispiel. Oder gar Einmauerungen. Wenn sie sich nur vorstellte, man könnte sie in ein finsteres Loch stecken, aus dem sie niemals mehr wieder herauskommen würde – sie musste sich zusammenreißen, um nicht zu zittern.

Allerdings sah die Nonne vor ihr keineswegs so aus, als wollte sie ihr Böses. Sie hatte die Hände fromm gefaltet und sah Mathilda fragend an.

Ich … ich bin hier zum Postulat angemeldet“, sagte die hastig. „Werde ich nicht erwartet?“

Die Nonne nickte freundlich, wandte sich ohne ein weiteres Wort ab, öffnete eine Türe, die von diesem Vorraum wohl ins Innere des Klosters führte, und verschwand.

Mathilda, unsicher, ob sie folgen sollte, blieb erst einmal stehen. „Soll ich hier warten?“, fragte sie die sich hinter der Nonne schließende Türe.

Sie war nicht sonderlich überrascht, als keine Antwort kam.

Gut, würde sie also hierbleiben. Sie sah sich um. Hier befand sie sich in einem kleinen düsteren Vorraum. Vor ihr eine schlichte Holztüre, hinter ihr die Klosterpforte mit schweren Eisenbeschlägen und der verschließbaren Sprechluke. Diese stand noch offen und war damit die einzige Lichtquelle im Raum. Sonst war hier – nichts. Nur kahle, kalte Wände. Ganz genauso, wie Mathilda sich fühlte. Kalt und kahl, eingesperrt. Sogar die Luft hier roch so, modrig, abgestanden, alt. Sie schluckte die drohend in der Kehle sitzenden Schluchzer hinunter und straffte sich ein wenig. Es war ihr Stolz, der ihr im Wege stehe, sie müsse Demut und lernen, hatte Vater Sigismund sie bereits mehrfach gemahnt. Gehorsam und Demut. Mathilda senkte die Augen. Hier, an Ort und Stelle, würde sie also damit beginnen. Sie trat einen Schritt zurück. Geduldig abwarten würde sie. Das war einfach. In dieser Zeit konnte sie ihren Gedanken nachhängen. Wenn sie auch aufpassen musste, dass die nicht zu IHM abschweiften. Und ihr Herz damit noch schwerer machten. An Vater würde sie denken, an ihr Zuhause. Das sie für immer in ihrem Herzen bewahren würde, damit sie wenigstens in Gedanken dorthin zurückkehren könnte, wenn sie es in der Fremde nicht mehr aushielt. Voller Konzentration beschwor Mathilda Bilder in sich, die jedoch sofort von einer ganz anderen Person verdrängt wurden.

Sünde, schoss es ihr durch den Kopf. Abwehrend ruckte sie herum. An ihn denken, genau das durfte sie ab jetzt nicht mehr. Erst vorgestern, bei ihrer letzten Beichte, hatte Vater Sigismund ihr das noch einmal eingeschärft. Doch nun hatte sie es doch wieder zugelassen und war nicht mehr rein. Sie würde erneut beichten müssen, ehe sie in die heilige Gemeinschaft der Ordensschwestern aufgenommen werden konnte. Dabei wollte sie es doch richtig machen. Von Anfang an.

Eilig legte sie die rechte Hand auf ihr Herz, neigte den Kopf und flehte um die vorschriftsmäßige Einstellung für dieses ihr beschiedene Leben.

Hintergangen wurde dieser fromme Wunsch allerdings durch einen Anflug von Trotz, der ihr hartnäckig einflüsterte, dass nicht sie sich dieses Leben ausgesucht hatte. Ihre Wahl wäre eine völlig andere gewesen und hatte in sehr eindeutiger Weise mit den Gedanken zu tun, die im Kloster als sündig galten.

Um sich abzulenken, drehte sie sich um, trat an die kleine Sprechluke in der Klosterpforte und sah hinaus. Die Sonne schien harmlos von einem rein blauen Himmel. Mathilda konnte bunt belaubte Bäume sehen. Wehmütig betrachtete sie einige sacht herniedersegelnde Blätter. Niemals mehr würde sie einen Spaziergang durch den herbstlich gefärbten Wald machen, niemals mehr mit ihren Schuhen laut juchzend in raschelige Laubhaufen fahren und diese zerteilen. Ihre Bestimmung war es, zu entsagen. Freudlosigkeit, hatte sie zu Vater Sigismund gesagt, sei ihr vorherbestimmt.

Was er entschieden zurückgewiesen hatte. Sie würde neue Freude gewinnen. Das mochte sein, auch wenn sie sich dessen überhaupt nicht gewiss war. Sicher war sie momentan nur, sie würde Armut geloben müssen, und noch einiges mehr. Mathilda seufzte.

Das mit der Armut war wirklich schnell gegangen. Alles was sie jetzt noch besaß, lag in zwei Kisten verpackt vor genau dieser Türe. Wo sie Friedemanns Kutscher nur eilig abgeladen hatte, ehe er davongefahren war. Mathilda stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte den Kopf, konnte ihr Gepäck jedoch nicht sehen. Was sollte es, es waren ja ohnehin nur Kisten mit Klosterbedarf. Von ihren persönlichen Dingen hatte sie gar nichts mitbringen dürfen. Keine Erinnerung an zuhause, an ihre Mutter oder den Vater, nichts, was sie ihrem früheren Leben nah hätte bleiben lassen können. Hier wurde von ihr erwartet, dass sie das, was bisher ihr Leben gewesen war, vor dieser Pforte zurückließ und von nun an nur noch Nonne sein würde.

Aber das war so schwer. Ihr altes Leben lag bereits hinter ihr – und das neue hatte noch nicht einmal begonnen.

Ave Maria.“

Jemand war gekommen und sie hatte es nicht gehört! Hastig fuhr sie herum.

Grüß Gott“, sagte sie der größeren und dunkelbehaupteten Nonne entgegen und bemühte sich um einen frischen Tonfall. „Ich bin Mathilda von Finkenschlag …“

Die Kandidatin“, wurde sie in sanftem, aber sehr bestimmtem Ton unterbrochen.

Ergeben nickte sie und musterte ihr Gegenüber genauer. Diese Nonne hier war älter und dünner als die erste. Asketisch sah sie aus – und das wirkte auf Mathilda alles andere als beruhigend. Im Gegensatz zu der Nonne zuvor trug diese über dem weißen Gesichtstuch einen schwarzen Schleier und darüber eine Art weißes Kreuz mit roten Punkten.

Vater Sigismund hatte ihr erklärt, dass dies die Birgittenkrone sei und die roten Punkte die fünf Wundmale Christi am Kreuze symbolisierten. Aber auf Mathilda wirkte diese sogenannte Krone wie ein Gitter – als Symbol für das, was für sie anstand: eingesperrt zu werden.

Komm“, die Nonne wandte sich ab, ging durch die Türe und verschwand.

Was ist mit meinem Gepäck?“, rief Mathilda ihr hinterher und war kaum verwundert, als keine Antwort kam. Das schien hier üblich zu sein. Nun gut, mochten die Kisten draußen warten. Es gab sicher nur wenige Menschen, die an grauen Kutten, einfachsten leinenen Unterkleidern, an schlichten Hauben und groben Handtüchern Bedarf hatten.

Alles, was von Wert war, hatte ihr Vater bereits vorab hierher bringen lassen. Die Stiftungsschriften, die ihre Mitgift darstellten, die ansehnliche Guldenzahl. Ebenso hatte er bereits alles bezahlt, was das Kloster ihr an Bedarfssachen zur Verfügung stellen würde.

Wort- und widerstandslos folgte Mathilda der Nonne ins Innere des Gebäudes. Über eine kurze Treppe, durch lange, klamme und düstere Korridore, vorbei an einer unbestimmten Zahl dunkler Holztüren bis vor eine, die größer und eindrucksvoller war als die anderen, aber ebenso geschlossen.

Die Nonne wandte sich zu ihr. „Du wirst jetzt zur Äbtissin gebracht, wirst dich vor sie hinknien und mit gesenktem Kopf lauschen. Und du wirst nur sprechen, wenn sie dich etwas fragt.“

Feine Aussichten! Gleich eine Lektion in Demut bei der Äbtissin. Mathilda tröstete sich damit, dass es wenigstens keine Zuschauer geben würde – oder nur einen, falls diese Nonne hier dabei sein sollte. Sie nickte, das würde sie schon hinkriegen.

Die Tür schwang auf – und Mathilda wurde augenblicklich klar, dass sie sich gewaltig getäuscht hatte. Dies hier war keineswegs das Zimmer der Äbtissin, dies hier war ein riesiger Saal. Und er war voller Nonnen. Schweigender, bewegungsloser Nonnen, die ihre Hände sittsam unter ihrer Kutte verborgen hatten, auf Bänken saßen – und ihr ausnahmslos entgegensahen. Ihr sank der Mut. Am liebsten wäre sie umgekehrt. Doch da wurde schon die Türe hinter ihr geschlossen.

Vorwärts“, raunte die Stimme ihrer Begleiterin, lief dann rasch an ihr vorbei, huschte über den hellgrauen Steinboden auf einen freien Platz an der langen Wand. Alle Nonnen dort waren schwarz beschleiert und trugen diese seltsamen Kronen. Die Nonnen mit den weißen Schleiern saßen aufgeteilt an den beiden kurzen Seiten, rahmten die Schwarzschleier damit ein. An der vierten Wand gab es keine Bänke. Dort konnte Mathilda einen schlichten Altar sehen, mit Holzkreuz und Kerzen geschmückt. Nicht weit daneben befand sich ein riesiger, weiß gekalkter Kamin, in dem ein Feuer prasselte. Die Wände ringsum waren ebenfalls gekalkt, allerdings bis auf Kopfhöhe dunkel vertäfelt.

So gleich alle Nonnen auch aussahen, die Äbtissin zu erkennen, stellte keinerlei Problem dar. Die saß nämlich inmitten des Saales, den Nonnen zugewandt, auf einem eigenen, größeren Stuhl, einer Art schlichten Throns. Auch sie blickte Mathilda ohne äußere Regung stumm entgegen.

Die wurde immer nervöser. Sollte sie etwas sagen? Oder einfach nach vorn treten und niederknien? Sollte sie grüßen? Immerhin kam sie zum ersten Mal hierher. Aber wie? Ein weltliches ‚Grüß Gott‘ war hier sicher nicht angebracht. Eher das, was ihr zur Begrüßung gesagt worden war.

Ave Maria“, brachte sie deshalb mit zittriger Stimme vor und trat ein Stück in den Raum hinein.

Immerhin nickte die Äbtissin. Mathilda hatte es also richtig gemacht. Und so kam sie noch ein paar Schritte näher. Eine ihr plötzlich entgegengehobene Hand ließ sie abrupt anhalten und sich augenblicklich hinknien, als diese langsam und bedeutungsvoll gesenkt wurde.

In nomine patris et filii et spiritus sancti“, sagte die Äbtissin leise und bekreuzigte sich dabei.

Hastig tat es ihr Mathilda gleich und zuckte zusammen, als ein vielstimmiges Amen vom Saalrand ertönte. Dann jedoch war es wieder still.

Mathilda wartete mit, wie sie hoffte, ausreichend demütig gesenktem Kopf. Den Impuls, nach ihrem Zopf zu fassen und daran herumzunesteln, wie sie es immer tat, wenn sie angespannt war, unterdrückte sie geflissentlich. In ihrem Bemühen, sich keine Geste der Äbtissin entgehen zu lassen, die ja ein Signal für sie darstellen konnte, schielte sie durch ihre Wimpern nach oben.

Es ist in unserem Orden unüblich, Postulat und Noviziat im Konvent zu verbringen. Die Kandidatinnen bleiben in dieser Phase für gewöhnlich im Elternhaus“, sagte diese und steckte ihre Hand wieder unter die Kutte. „Sie kommen alle drei Monate hierher, um sich einer Gewissens- und Eignungsprüfung zu unterziehen. Mathilda Finkenschlag, du bist noch sehr jung, aber in deinem Fall sind wir bereit, eine Ausnahme zu machen – deinem kranken Vater zuliebe. Du wirst also deine Kandidatur hier im Konvent verbringen. Bist du dir dieser besonderen Situation bewusst?“

Eine Pause entstand.

Mathilda, die gerade überlegte, was der Grund dafür sein könnte, fuhr zusammen: Ihr war eine Frage gestellt worden, die sie zu beantworten hatte. Hastig hob sie den Kopf und sah der Äbtissin, die sie ihrerseits erwartungsvoll betrachtete, in die grauen Augen.

Ja.“

Das heißt aber nicht, dass wir ansonsten vom normalen Weg abweichen und die üblichen Rituale außer Acht lassen“, fuhr die Äbtissin fort. „Für heute jedoch soll es genügen, dich einzukleiden und einzuweisen in die grundlegenden Klosterangelegenheiten. In einer Woche erfolgt dann die erste Befragung. Du wirst Gelegenheit bekommen, dich darauf vorzubereiten.“

Mathilda blieb stumm, nickte nur. Vater Sigismund hatte ihr eine Menge Anweisungen gegeben. Ob die auch diese Befragung betrafen, konnte sie nicht sagen. Zumindest waren die Worte der Äbtissin dahingehend beruhigend, dass sie sich noch vorbereiten konnte.

Schwester Jordanin wird dich anleiten, unterweisen und dir in allen Fällen von Belang behilflich sein. Bei Fragen wendest du dich ausschließlich nur an sie“, fuhr die Äbtissin fort und nickte in Richtung der Nonne, die Mathilda hierher geleitet hatte. „Darüber hinaus ist es ab jetzt deine Aufgabe, vollständig zu schweigen, es sei denn, du wirst von einer der Chorfrauen etwas gefragt. Ihnen schuldest du Rede und Antwort.“ Begleitend zu ihren Worten zog sie wieder ihre rechte Hand unter der Kutte hervor und deutete auf die Schwarzschleier.

Das waren also die Chorfrauen, ein Rang, der Frauen von Adel oder zumindest gehobenem Bürgertum vorbehalten war. Mathilda wusste, dass sie nach ihrer Weihe zu ihnen gehören würde. Chorfrauen stickten und nähten Feinwerk, arbeiteten in der Schreibstube und übersetzten Schriften und Briefe aus dem Lateinischen ins Deutsche. Nur sie konnten höhere Ämter im Kloster bekleiden, ausschließlich aus ihren Reihen entstammten Äbtissinnen und Priorinnen. Chorfrauen verließen das Kloster unter gar keinen Umständen jemals mehr wieder, wenn sie sich nach der ewigen Profess endgültig gebunden hatten.

Dass die Hand der Äbtissin erlösend nach oben gewunken hatte, hätte Mathilda, in ihre eigenen Gedanken versunken, beinahe übersehen. Das gleichzeitig einsetzende Stoffgeraschel jedoch ließ sie gerade noch rechtzeitig hochschrecken. Die Nonnen ringsum hatten sich bereits erhoben und huschten schweigend und nur leise trappelnd aus dem Saal.

Mathilda kam auf die Beine und streckte ihre steifen Knie. Welch eine Wohltat! Hatte sie jemals schon so viel Zeit darauf verbracht?

Ein leiser Hauch von Kampfer streifte ihre Nase, als die Äbtissin an ihr vorbei schritt. Sie sah ihr hinterher. Die Frau war nicht groß, kleiner als sie. Für ihre Begriffe war sie alt, wenngleich noch nicht uralt. Mathilda kam ihre ehemalige Erzieherin in den Sinn. Die war seit ihrer Jugend, von der Mathildas Schwester stets sagte, dass sie schon lange zurückliegen müsse, Lehrerin bei den Grafenkindern auf Gut Niederhof gewesen. Das Aussehen der Äbtissin erinnerte Mathilda an die gutmütige Freiin. Wie alt mochte die inzwischen sein? Bestimmt über fünfzig Jahre. Jetzt, da mit Mathilda der letzte Finkenschlag-Spross das Haus verlassen hatte, konnte sie sich aufs wohlverdiente Altenteil zurückziehen.

Worauf wartest du noch?“, wurde sie von hinten gemahnt.

Schwester Jordanin hatte in stummer Anklage die Augenbrauen gehoben. „Da ich offiziell deine Postulatsbegleiterin bin, können wir jederzeit miteinander sprechen“, sagte sie, fügte dann aber schnell hinzu: „Außer natürlich während der Andachten und der Messe.“ Sie wies mit der Hand auf die Türe. „Dies ist der Kapitelsaal. Hier treffen wir uns jeden Nachmittag nach der Arbeit, hier werden die Dinge des Tages besprochen, Verfehlungen gestanden und gesühnt.“

Mathilda warf ihr einen erstaunten Blick zu. Was meinte die Schwester damit? Doch ehe sie nachfragen konnte, hatten sie die Türe erreicht und traten in den Korridor hinaus.

Ich bringe dich jetzt in deine Kammer. Dort wirst du dich umkleiden.“ Dabei warf sie Mathilda einen langen Blick zu.

Kann ich nicht so bleiben?“, fragte sie, die ohnedies ihr langweiligstes Kleid trug, von fader Farbe und ohne jede Verzierung. Wenn sie allerdings die Kutten betrachtete, in denen die Nonnen hier herumliefen – dagegen war ihr Gewand wunderschön.

Es ist unziemlich“, wurde ihr Ansinnen dann auch brüsk zurückgewiesen. „Du wirst es an mich übergeben. Ich sorge dafür, dass es an arme Weltliche weitergeleitet wird. Du benötigst es nicht mehr.“

Mathilda biss sich auf die Lippen und schluckte den sich in ihr regenden Widerspruch hinunter. Welche Illusion hatte sie nur dazu gebracht, anzunehmen, sie könnte während des Postulats vielleicht noch dieses eine Kleid behalten? Mehr hatte sie ja ohnedies nicht im Gepäck, wäre also sehr schnell auf die Ordenstracht angewiesen, so scheußlich die auch sein mochte. Ob sie darum bitten konnte, es als Erinnerung behalten zu dürfen? Doch sie entschied, das lieber zu lassen. Die Nonne hier wirkte ohnedies schon schlecht gelaunt genug.

Trug sie die Schuld daran? Hatte sie etwas falsch gemacht oder sich zu dumm angestellt? Oder war es nur die Tatsache, dass Schwester Jordanin keine Lust verspürte, sich um sie zu kümmern?

Nach dem Umkleiden bringe ich dich in die Kirche“, fuhr die fort und unterbrach damit Mathildas Gedanken. „Dort hast du die Möglichkeit zur Beichte. Wann war deine letzte?“

Vorgestern“, antwortete Mathilda. „Beim Beichtvater unserer Kirche, anlässlich der letzten Einweisungsstunde für meine Aufnahme.“

Na, dann wird es ja wohl nicht allzu lange dauern“, sagte Schwester Jordanin. „Anschließend kannst du dir deinen ‚Himmlischen Bräutigam‘ auswählen.“

Meinen – was?“, fragte Mathilda mit Entsetzen in der Stimme. „Ich bekomme doch noch lange nicht die Weihen.“

Die Nonne neben ihr lachte kurz und, wie Mathilda meinte, bitter auf. „Keine Angst. Der himmlische Bräutigam ist alles andere als eine Weihe.“ Sie klatschte in die Hände. „Jetzt hier herauf. Konzentrier dich besser auf den Weg, sonst verläufst du dich, sobald du alleine unterwegs bist.“

Mathilda hätte gerne aufgepasst. Aber Schwester Jordanin machte ganz und gar nicht den Eindruck, als würde sie einen Moment mehr als unbedingt nötig mit ihr verbringen wollen. Deswegen stellte Mathilda lieber all die Fragen, die ihr auf der Zunge brannten. Das Gebäude kennenzulernen, würde sie auch alleine hinkriegen. Hoffte sie zumindest, denn es ging jetzt einen verwirrenden Weg kleiner Treppen, langer und kurzer Flure und verwinkelter Korridore entlang.

Darf ich wirklich mit niemandem mehr sprechen, außer mit – Euch?“

Schwester Jordanin hatte ihr Zögern anlässlich der Ansprache offensichtlich bemerkt, denn sie nickte gefällig und antwortete: „So ist es.“

Mathilda blieb stehen, fischte nach ihrem Zopf und zog ihn nach vorn. „Was mache ich, wenn ich eine Frage habe und Ihr seid nicht in der Nähe?“

Schwester Jordanin warf ihr einen kurzen Blick zu. „Du bist kein Kind mehr und wirst damit klarkommen.“ Ungerührt ging sie weiter.

Davon war Mathilda ganz und gar nicht überzeugt. Im Moment war sie nicht einmal sicher, ob ihr die karge Auskunftsfreude dieser spröden Nonne reichen würde. Die Vorstellung, mit sonst niemandem sprechen zu dürfen … Unruhig zwirbelte sie eine Haarsträhne durch die Finger, sah die Nonne davongehen und hastete ihr nach. „Was hat es denn mit diesem Bräutigam auf sich?“, fragte sie, als sie wieder gleichauf ging. „Ich meine, wenn damit nicht Jesus gemeint ist.“

Ist es schon. Warte es einfach ab“, kam die spärliche Antwort. „Und mäßige deine Schritte. Wir galoppieren und trampeln hier nicht.“

Entmutigt und endlich stumm trottete Mathilda neben ihr her, noch immer, ohne auf den Weg zu achten.

Waren alle Nonnen hier so wortkarg? Machte das ewige Schweigen die Frauen so – ungesellig? Mathilda warf ihrer Begleitung einen langen Blick zu. Alt war diese Nonne wohl noch nicht, sie hatte keinerlei Falten um die Augen, wenn auch zwei tiefe, die sich von der Nase zu den Mundwinkeln zogen. Dadurch wirkte sie verhärmt, als hätte sie viel Kummer auszuhalten – jedoch keineswegs alt. Es war schwer einzuschätzen, weil der schwarze Schleier, der eng um ihren Kopf geschlungen war, fast die Hälfte ihres Gesichts verdeckte. Sie hatte dadurch deutlich Ähnlichkeit mit einer Elster, fand Mathilda.

Als sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Weg lenkte, den sie gerade zurücklegten, waren sie in einen sehr langen Korridor eingebogen, an dem eine Tür neben der anderen lag. Ganz offensichtlich der Zellentrakt.

Da hinten“, sagte Schwester Jordanin und wies mit der Hand voraus.

Wie heißt die Äbtissin eigentlich?“, wagte Mathilda endlich wieder eine Frage. Weniger um ihre Neugierde zu stillen. Sie musste die Klostervorsteherin doch irgendwie ansprechen können.

Mutter Katharina Örtler“, war die knappe Antwort. „Du wirst sie lediglich mit Mutter Örtlerin ansprechen. Aber lass uns nicht vorausgreifen, ich sage dir später noch alle wichtigen Namen. Erst einmal der Tagesablauf.“

Den habe ich schon gelernt“, sagte Mathilda eifrig.

Nicht so hastig“, wurde sie rüde unterbrochen. „Du wirst lauschen und schweigen, solange ich spreche.“

Schwester Jordanin wartete einen Moment, bis Mathilda nickte, dann fuhr sie fort: „Wecken ist vor Morgenrauen. Du wirst nur Zeit haben, dich anzukleiden. Danach ziehen wir zu Vigil und Laudes in den Frauenchor. Anschließend gehen wir gemeinsam zurück zur privaten Andacht in unseren Zellen, wo wir unseren Tagesvorsatz fassen. Danach sind Prim und Messfeier, wieder im Chor, an die sich die Vormittagsarbeit, nur unterbrochen von Tertia, anschließt. Mittagessen findet dann im Refektorium statt, darauf folgt die Stunde der gemeinsamen Rekreation. Hier darf sich unterhalten, wer will.“ Sie hob die Augenbrauen und fügte mahnend hinzu: „Aber nicht plaudern. Nach Sexta beginnt die Nachmittagsarbeit, nur unterbrochen von Nona. Anschließend findet das tägliche Kapitel und danach Vesper im Frauenchor statt. Darauf folgt Abendessen. Komplet beschließt unseren Tag. Danach ist Nachtsilentium und wir gehen in unsere Kammern. Dort kannst du dich besinnen und beten, bis du schlafen gehst.“

Beten, beten, beten, arbeiten und zwei Mahlzeiten am Tag. Das also bedeutete Klosterleben. Mathilda musste an sich halten, ihren Unwillen nicht zu sehr zu zeigen. Sie holte tief Luft und schluckte die Bemerkung hinunter, die ihr auf der Zunge gelegen hatte. Hatte sie sich nicht vorgenommen, bejahend zu bleiben? Beten und arbeiten, daran – konnte sie sich sicherlich gewöhnen.

Wo ist denn dieser Frauenchor, wo gebetet wird?“ Darunter konnte sie sich gar nichts vorstellen.

Alle Horen und die Messe beten wir dort“, kam die dürftige Antwort. „Nur während Tertia und Nona können wir an unseren Arbeitsplätzen verbleiben und in der kleineren Gemeinschaft dort beten.“

Mathilda nickte, ohne genauer im Bilde zu sein. Sicher war sie nur, angesichts sieben Gebetsstunden pro Tag würde sich ihre Unwissenheit rasch geben. Für heute standen immerhin noch Vesper und Komplet an.

Wir sind da“, sagte Schwester Jordanin plötzlich und drückte eine Türe auf. „Deine Kammer.“

Mathilda brauchte nur einen Moment, bis sie alles gesehen hatte. Bett, Kommode, Kniebank, Kruzifix. Mehr hätte in dem engen Raum auch gar nicht Platz gehabt. An der Stirnseite war ein schmales Fenster, um einiges über ihrer Kopfhöhe gelegen. Wahrscheinlich sollte nicht einmal der Blick ins Freie vom Beten ablenken. Mit Wohlwollen registrierte sie, dass ihre beiden Reisekästen bereits in das Zimmer gebracht worden waren. Fein säuberlich waren sie neben dem Bett abgestellt.

Worauf wartest du noch?“, wurde Mathilda aus ihren Gedanken geholt. „Kleide dich um, damit ich dich zur Beichte bringen kann. Pater Palgmacher wird schon im Beichtstuhl auf dich warten. Danach gibt es Abendessen.“

Mit flinken Fingern öffnete Schwester Jordanin die Bänder, die Mathildas Kleid auf dem Rücken verschlossen, und half ihr, es über den Kopf zu ziehen.

Mathilda, nur noch im Unterkleid, beugte sich zur Kleiderkiste mit den Ordensgewändern, öffnete sie und holte eine der extra für sie angefertigten Kutten hervor.

Wo ist das Skapulier?“, fragte Schwester Jordanin, nachdem Mathilda in das unansehnliche Gewand geschlüpft war.

Muss das sein?“, fragte sie. Dass sie es hässlich fand, sagte sie lieber nicht.

Umso erstaunter war sie, als Schwester Jordanin genau auf ihren unausgesprochenen Vorwurf reagierte. „Keine Eitelkeiten“, kam sofort die Ermahnung. „Rock, Gürtel und Skapulier sollen dich nicht vorteilhaft, lediglich gottesfürchtig kleiden.“

Schweren Herzens schlüpfte Mathilda in den breiten Überwurf, der nun endgültig verbarg, dass sie jung, hübsch und eine Frau war. Sie seufzte vernehmlich.

Fertig“, kommentierte Schwester Jordanin ungerührt und musterte Mathilda prüfend. „Mutter Örtlerin wird hinsichtlich des Schleiers sicher noch eine Entscheidung treffen. Lass uns gehen.“ Ihre Augen blieben an Mathildas Zopf hängen, der jetzt wieder auf ihrem Rücken baumelte, während sie schnellen Schrittes den Korridor entlangeilten. „Fürs Erste mag es so gehen.“

Die Frage nach dem Frauenchor wurde Mathilda mit Eintritt in die Kirche beantwortet. Sie befanden sich nicht unten im Kirchraum, sondern auf einem Balkon, zwei Stockwerke über dem Mittelschiff. Direkt vor ihnen war eine nach allen Seiten nur durch Fenster verbundene Zwischendecke eingezogen – der Frauenchor. Doch der war jetzt nicht ihr Ziel. Schwester Jordanin führte Mathilda den langen Balkon entlang, bis über den Haupteingang der Kirche. Dort befand sich eine steile Treppe, die sie hinabstiegen. Durch das menschenleere breite Hauptschiff ging es, vorbei an den Seitenaltären, hinter denen sich der Raum verjüngte. Hier, vor dem Altarraum, standen einige Bänke. Verstohlen sah sich Mathilda um. Die Kirche war groß, mit hoch sitzenden und recht kleinen, in düsteren Farben verglasten Fenstern. Das Licht, das hereinfiel, reichte zur Orientierung aus, nicht aber, um die Kirche in ihrer Gesamtheit in sich aufnehmen zu können. Auf dem Hauptaltar brannten ein paar Kerzen, doch auch deren Schein reichte nicht bis in die dunklen Winkel, vor denen Mathilda unwillkürlich zurückschreckte.

Dort drüben“, sagte Schwester Jordanin und deutete auf ein in der Wand eingelassenes Gitter, vor dem eine Kniebank stand. „Schnell, geh beichten, ich warte hier auf dich.“

Mit diesen Worten kniete sie sich in eine der Mittelbänke und legte ihr Gesicht in die Hände.

Mathilda jedoch ging eiligen Schrittes auf den Beichtplatz zu.

2. … wahre Demut, reine Keuschheit und freiwillige Armut

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Schon sein allererster Eindruck von ihr verriet ihm alles, was er über sie wissen musste.

Arno saß auf dem Beichtstuhl im Versorgungsgang, konnte das Innere der Kirche also lediglich im Dämmern hinter dem Beichtgitter erahnen. Der Schwung jedoch, mit dem sie vom Kirchenschiff aus um die Ecke gefegt kam und der ihren beeindruckend langen und dicken Zopf ungebändigt um ihre Schultern hüpfen ließ, machte vor dem Gitter nicht Halt. Setzte sich in Arno fort, der unwillkürlich zurückwich, er hatte auch viel zu nah am Gitter gelehnt.

Davon völlig unbeeindruckt flog ihre Hand dann die Bekreuzigung förmlich entlang, während sie gleichzeitig mit abrupt gedrosselter Energie auf die Knie niedersank. Darin lag eine paradox anmutende Mischung aus natürlicher Inbrunst, die von all ihren Bewegungen auszugehen schien, und einer geradezu fahrigen Nachlässigkeit, so als wäre sie dem Augenblick in Gedanken immer einen Schritt voraus.

Nein, das ließ keinen Raum für Zweifel.

In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden.“

Noch einmal verlagerte er sein Gewicht und lehnte sich zurück. Da also war es endlich. Das junge Ding, das schon vor seiner Ankunft einen solchen Wirbel veranstaltet hatte. Arno hatte nur ganz kurz die Lippen gekräuselt – bis er hastig alle privaten Regungen aus Kopf und Gesicht wischte. Als Vertreter des Generalbeichtvaters durfte er sich außerhalb dieser Funktion kein Eigenleben zugestehen, und er war – natürlich in maßvoller Weise – stolz darauf, ganz in dieser Aufgabe aufgehen zu können.

Nun erwiderte er mit voller Stimme: „Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und Seiner Barmherzigkeit.“

Amen.“

Sie war ein wenig außer Atem. Aufgeregt also. Demnach entsprang ihr lebhaftes Gebaren zumindest nicht in erster Linie einer ungezogenen Aufmüpfigkeit – die man mit viel Mühe vielleicht hätte brechen können – sondern einem angeborenen Bewegungs- und Freiheitsdrang. Basierend auf einer Anfälligkeit, sich mit ihrem Körper zu identifizieren. Das erkannte er genau – er hatte Erfahrung mit solchen Frauen.

Wie wenig überraschten ihn dann ihre ersten Worte, mit denen sie regelrecht herausplatzte:

Ich bin in jemanden verliebt gewesen.“

Vollkommen arglos und kindlich unschuldig – und zugleich von einem natürlichen Selbstbewusstsein durchdrungen, von einer Bewusstheit ihrer Gefühle und dessen, was sie sich vom Leben vorgestellt hatte.

Ich weiß, das ist nicht richtig gewesen, ich soll doch Jesus allein lieben, und ich werde das auch, das versichere ich!“

Das war ihr Wille, ohne Frage. Leidenschaftlich und voller Überzeugung, alles schaffen zu können, was auch immer sie sich vornahm – unabhängig davon, was sie jetzt hier im Konvent erwartete.

Irgendwie war ihr Zopf in ihre Hand geraten. Daumen und Zeigefinger rieben eine Strähne daraus, langsam und gedankenvoll, im Takt des Sprechens – und doch zeigte sich daran, wie weit sie vom Inhalt ihrer Worte entfernt war.

Ich weiß, es war nicht meine Bestimmung, ihn zu bekommen. Meine Bestimmung ist es, hier zu sein, und mein Leben in den Dienst Gottes zu stellen.“

Das sagte sie so einfach – und ein Teil von ihr meinte es bestimmt auch. Und doch war es eine Lüge.

Mit einer resoluten Bewegung warf sie ihren Zopf wieder nach hinten. Beeindruckt verfolgte Arno, wie dieser Ruck sich von ihrer rechten Hand durch Kopf, Hals und beide Schultern ausbreitete. Sie hatte einen starken Willen – doch keine Macht über ihre unbewussten Impulse.

Nur kann ich im Moment noch nicht anders, als an ihn zu denken, ihn zu vermissen. Aber ich bemühe mich sehr, das zu unterlassen, ehrlich.“

Genau das war es. Sie bemühte sich. Sehr. Er selbst hatte das ebenso gesagt als junger Mann – im Gegensatz zu ihr jedoch war seine Macht über seine Empfindungen, seine Fähigkeit zur Selbstdisziplin viel stärker gewesen, als er das bei ihr spürte.

Sogar jetzt, da sie einem fremden Priester gegenüberkniete und gewiss lange darüber nachgedacht hatte, wie und was sie sagen würde, schien das, was sie sagte, vom Rest ihres Wesens losgelöst. Schien ohne Wirkung zu bleiben auf die pulsierende Lebendigkeit ihres Atems, ihrer Sprache, ihrer ununterdrückbaren Gesten.

Sie war durchdrungen von diesem Gefühl, von dem sie sich so tapfer zu distanzieren versuchte. Sie WAR so, sie war eine Frau, die irdisch, körperlich liebte – und egal, wie sehr sie sich zügeln würde und damit abmühen, sich zu verbiegen: Sie würde genauso bleiben.

Nein, seine spontane Diagnose stand: Dieses Mädchen passte nicht hierher. Sie war keine Nonne.

Das zu entscheiden, war ein spezieller Zeitvertreib Arnos – im Grunde bereits seit damals, nachdem er selbst gewissenhaft seine Berufung zum Priester geprüft hatte: Er hatte einen gewissen Blick dafür – und den mit den Jahren hier stetig weiter ausgebaut – welche Neuankömmlinge für das gottgeweihte Leben geeignet waren und welche nicht. Und bisher hatte er sich noch nie getäuscht.

So rasch wie jetzt, angesichts der jungen Mathilda von Finkenschlag, hatte sich sein Urteil jedoch nur in einem Fall eingestellt: bei Katharina Greulich. Die war noch immer hier. Eine Weile hatte sie wöchentlich bei der Beichte ihr Unglück abgeladen – nur um es Woche für Woche erneut hervorzubringen. Mittlerweile hatte sie resigniert und ertrug ihr Schicksal weitgehend allein. Ganz anders als ihre …

Er musste sich auf die junge Frau vor ihm konzentrieren, die ihn bereits mehr als erwartungsvoll durch das engmaschige Gitter anblickte.

Gott hat dem Menschen die Fähigkeit zur Liebe gegeben“, rezitierte er schnell. „Den gemeinen Leuten, damit sie sich fortpflanzen und mit ihrer Früchte Arbeit ihre Nachkommen ernähren – und uns Ordensleuten, damit wir diese Liebe umwandeln in die Liebe zu Gott. Diese Kraft umlenken in unseren Geist und mit dieser Macht Gottes Wort auf Erden leben.“

Wie eifrig das Mädchen nickte! Sogar ein Lächeln konnte er durch die Löcher des Gitters, das sie von ihm trennte, erahnen. Sie war willig. Bereit, Rat anzunehmen, Opfer zu bringen, sich weiterzuentwickeln. Arno drängte die spontan aufwallende Zuneigung zu ihr beiseite. Die würde ihr auch nicht helfen. Vor allem dann nicht, wenn sie im weiteren Verlauf bei ihm …

Ich erlege dir folgende Buße auf“, sprach er mit feierlicherer Stimme. „Geh allabendlich nach Komplet in dich und sammle deine Empfindungen. Zwing dich nicht länger, die Gedanken an diesen Mann zu unterdrücken. Sie sind da, und sie sind an sich keine Sünde. Zur Sünde werden sie erst dann, wenn sie ungebremst und ungefiltert dein Fühlen und Handeln beeinflussen. Versuch stattdessen, die Liebe, die du für diesen Mann empfunden hast, von seiner Person abzuziehen. Sieh sie dir an und mach dir bewusst, dass auch das Gottes Liebe ist – wenn auch in einer geringeren Erscheinungsform, die sich lohnt zu überwinden – und dass Gott derjenige ist, dem sie gehört. Lass sie zunächst zu Jesus Christus fließen. Durch sein menschgewordenes Leben dürfte er für dich erreichbarer sein als Gott selbst. Beschließ das mit dem Rosenkranz, um deine Liebe darin zu festigen.“

Genau das hatte er auch von Katharina verlangt – mit dem Unterschied, dass er bei ihr die Muttergottes in den Mittelpunkt gerückt hatte – Woche für Woche. Was sonst hätte er für sie tun können? Nachdem sie anfangs ebenso aufnahmebereit gewesen war wie Mathilda jetzt, war irgendwann nur noch Resignation bei ihr zu spüren gewesen. Und Trotz, welcher weitaus verheerender war. Und ihren Schmerz und ihre Verzweiflung nicht geringer machte.

Elisabeth Jordan war da ganz anders. Viel mehr wie er selbst.

Mathildas Vorteil den beiden Genannten gegenüber war, dass ihr Angebeteter unerreichbar und ihr aus den Augen war. Doch selbst das würde auf Dauer nichts an ihrem Bedürfnis nach dieser Art von Liebe ändern. Sie würde unglücklich werden – und somit eine schlechte Nonne. Und das konnte er nicht gutheißen – Mitgift hin oder her.

Er seufzte unhörbar. Straffte dann die Schultern und rief sich zur Ordnung. Gott möge ihm vergeben, wie sehr er sich hier der arroganten Besserwisserei hingegeben hatte! Natürlich konnte er sich täuschen. Und natürlich musste er auch diesem jungen Mädchen die Fähigkeit zubilligen, Selbstaufgabe lernen zu können. Es war sehr, sehr schwer, derartige innerliche Wünsche auszumerzen – doch er selbst hatte es schließlich auch geschafft.

Er unterbrach sich erneut und beendete – nicht wesentlich verzögert, wie er hoffte – seine Rede: „Amen.“

Diese und alle meine Sünden tun mir von Herzen leid“, fiel sie in das Ritual ein. „Mein Jesus, Barmherzigkeit.“

Ego te absolvo a peccatis tuis in nomine patris et filii et spiritus sancti.”

Amen.“

Danket dem Herrn, denn er ist gütig.“

Sein Erbarmen währet ewiglich.“

Der Herr hat dir die Sünden vergeben. Geh hin in Frieden.“

Unter seinem Segen senkte sie, wie es vom Beichtenden erwartet wurde, den Kopf und betete stumm.

Arno seufzte erneut, selbstredend so, dass sie es nicht hörte. Da verlangte man ihm einiges ab! All dieser Aufwand – für ein Mädchen, das sich von vornherein nicht zur Nonne eignete!

Langsam erhob er sich, um sich durch den Versorgungsgang der Kirche zur Bibliothek zu begeben.

In Menschen wie Mathilda konnte Arno lesen wie in einem offenen Buch. Das war auch bei ihrem Vater beim Vorgespräch so gewesen. Das bloße Auftreten dieses adligen Mannes, gesundheitlich angeschlagen, jedoch hocherhobenen Hauptes und autoritätsgewohnt, hatte ihm alles gesagt. Solche Leute machten immer Ärger. So auch der Graf von Finkenschlag.

Noch heute musste Arno seinen Groll in seine eiligen Schritte ableiten, während er die Situation, die mittlerweile mehr als einen Monat zurücklag, in seinem Kopf erneut abspulen ließ.

Ich bin bereit, meine Tochter diesem Kloster anzuvertrauen – unter zwei Bedingungen“, waren die ersten Worte des Grafen, kaum dass er Arno gegenüber, aber jenseits des hölzernen Trennungsgitters im Redhaus, Platz genommen hatte.

Wir sind es, die Bedingungen stellen“, fiel Arno ihm sogleich ins Wort, bevor er seine überhaupt hätte vorbringen können. „Die Klostersatzung schreibt vor, dass sowohl Postulats- als auch Noviziatszeit außerhalb des Klosters verbracht werden“, holte er seinerseits aus. „Durch regelmäßige Befragungen hier im Konvent erreichen wir, dass die zukünftige Nonne ihr weltliches Leben allmählich hinter sich lässt, um sich dem geistlichen, das sie hier erwartet, immer mehr anzugleichen. Wenn sie dann ins Kloster eintritt, verlangen wir in hohem Maße Demut und die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen. Sie muss sich in das Gefüge des Klosters einpassen, ohne anzuecken. Und da hilft es ihr nicht, wenn Ihr als Vater mit weltlichen Bedingungen …“

Grundsätzlich gebe Euch vollkommen recht, Bruder …?“

Eine grundsätzliche Frechheit! „Pater Wayden, Herr Graf. Mit Verlaub.“

Verzeiht meine Unachtsamkeit, Hochwürden!“ Kaum ironisch.

Arno dadurch zwingend, sich zu konzentrieren, sein Gemüt freizumachen von allen persönlichen Regungen und ausschließlich Priester zu sein. Und das beherrschte er ungleich besser als der eigentliche Prior, Pater Johannes Palgmacher, mit seinem ungezügelten Temperament. Wenn Arno sich die Eitelkeit, das zu bemerken, auch nicht oft gestattete.

Meine Forderung ist nicht weltlicher Natur – zumindest nicht eigentlich.“

Jetzt war es schon eine ‚Forderung’. Arnos Schnauben, das er natürlich unterdrückte, ließ seinen Nacken prickeln.

Etwas zu fordern …“, wollte er seine fällige Lektion beginnen, wurde jedoch unhöflichst unterbrochen:

Mathilda wird nur hierher kommen, sofern sie erstens sofort aufgenommen und zweitens in allen wesentlichen Bildungsbereichen angemessen unterrichtet wird.“

Was sich diese Leute immer einbildeten! „Sie ist ein Mädchen, Graf“, belehrte Arno selbigen milde. „Es ist uns in diesem Kloster unmöglich, unsere Nonnen auf intellektuellem Gebiet auszubilden. Die heilige Birgitta schon hat zu ihrer Zeit verfügt …“

Schon wieder wurde er rüde ausgebremst. „Ich weiß, dass meine Tochter ein Mädchen ist, und ich wiederhole meine Bedingungen: Mathilda wird sofort kommen und an ebenso qualifiziertem Unterricht teilnehmen wie jeder eurer männlichen Novizen. Ich meine übrigens gelesen zu haben“, seine Miene verhieß nichts Gutes, „dass auch das den Regeln Eurer teuren Birgitta widerspricht: Novizen zu unterrichten.“ Er maß Arno mit einem triumphierenden Blick.

Der verlagerte das Kräuseln seiner Lippen in die Schluckbewegung. Dieser Mann hatte sich grundlegend über die Schwachstellen des Klosters informiert. Nun, das war ärgerlich, aber nicht zu ändern. „In diesem Punkt habt Ihr vollkommen recht“, räumte er großmütig ein. „Allerdings dürft Ihr jetzt nicht den Fehler begehen, vom Mönchskonvent auf den der Nonnen zu schließen.“

Warum sollte ich nicht?“ Der Graf suchte Blickkontakt.

Arno öffnete den Mund.

Mir ist zu Ohren gekommen, dass Ihr es seid, der die jungen Leute unterweist“, kam der Andere ihm jedoch zuvor. „Und man sagt Euch nach, dass Ihr diese Aufgabe vortrefflich erfüllt. Eure Schüler sind voll des Lobes: über Euren scharfen Verstand, der es liebt, neue Wege zu beschreiten, über Euer außergewöhnliches pädagogisches Einfühlungsvermögen, über die Leidenschaft, mit der Ihr Eure Schüler von den Inhalten Eures Unterrichts begeistert. So, wie ich Euch nach diesen Beschreibungen einschätze, seid Ihr viel zu sehr Lehrer, um einem jungen, wissbegierigen Menschen sein Glück in der Welt des Geistes vorzuenthalten – bloß weil er zufälligerweise weiblich ist.“ Er holte tief Luft.

Arno spannte seine Lippen an. Von diesem Mann, der seinen Verstand nicht minder schneidend einzusetzen wusste, würde er sich keinen Honig um den Bart schmieren lassen!

Ich will mich keinesfalls dem Lebensglück Eurer Tochter in den Weg stellen, verehrter Graf“, begann er. „Und als Privatmann habe ich vollstes Verständnis für ihren Wissensdurst sowie Eure Bemühungen, ihn zu befriedigen. Nur – wie Ihr sicherlich einsehen werdet – können wir nicht verantworten, ein weibliches Mitglied in unsere Klasse aufzunehmen. Die heilige Birgitta hat zwar Männer und Frauen gemeinsam in ein Kloster geholt – doch auch sie duldet keine Durchmischung der Geschlechter.“

Es ist die Bedingung“, beharrte der Graf. „Ich bin darüber im Bilde, dass Euer Kloster dringend weiblichen Nachwuchs benötigt. Von Mathildas nicht zu verachtender Mitgift ganz zu schweigen. Ich könnte mich leicht nach einem anderen Kloster umsehen, wo man mir gern entgegenkommt. Allerdings liebte meine verstorbene Gattin, Gott hab sie selig, den heiligen Alto mitsamt seiner Quelle – und ich möchte alles tun, ihr den Wunsch, unsere Tochter hier zu sehen, zu erfüllen. Allerdings nur dann, wenn Ihr einlenkt.“

Ich möchte Euch darauf hinweisen, dass wir uns keineswegs erpressen lassen, verehrter Herr Graf“, stellte Arno klar, unwillkürlich Zeige- und Mittelfinger hinter seinem Rücken kreuzend.

Nun tut nicht so, als wäre ein derartiges Vorgehen so ungewöhnlich in Kirchenkreisen!“, schnaubte der Graf auch sofort. „Wenn ich mir die Mühe machte, nach Rom zu Papst Leo persönlich zu pilgern …“

Mit römischen Maßstäben wagen wir kleinen Lichter hier in Bayern uns nicht zu messen“, entgegnete Arno glatt.

Sein Gesprächspartner neigte leicht den Kopf. „Und doch würde ich meine Hand dafür ins Feuer legen, dass diese feinen Mechanismen auch hierzulande funktionieren“, intoniere er nur ganz dezent ironisch.

Dieser Mann war genauestens im Bilde, kein Zweifel.

Außerdem …“, er beließ seine Stimme vorerst in provokanten Höhen, „könnte ich in Augsburg einfließen lassen, dass mir hier in Altomünster sogar verwehrt wurde, mit dem gewählten Prior zu sprechen – und ich stattdessen mit einem einfachen Mönch Vorlieb nehmen musste. Ich bin nicht sicher, ob das für den Ruf Eures Klosters wirklich günstig wäre … Gerade wenn man bedenkt, dass Ihr die enge Zusammenarbeit mit den Augustiner Chorherren aus Heilig Kreuz dort für die wohlverdiente Aufstockung Eurer Bibliothek benötigt. Ist es nicht so?“

Dieser scheinheilige Schuft! In bibliothekarischer Hinsicht war Arno bei Weitem angreifbarer, als wenn es um das ferne wie verrufene Rom ging. Er musste sämtliche Selbstdisziplin in sich zusammen klauben, um seine spöttisch überlegene Miene aufrechtzuerhalten. „Eure Bedingung ist unerfüllbar“, beharrte er nur scheinbar ruhig.

Dann verlange ich, mit Prior Palgmacher zu sprechen.“

Er ist zurzeit leider nicht abkömmlich, Graf.“

Ich habe munkeln hören, dass gerade Euer werter Prior ein schwerwiegender Grund dafür ist, dass die Finanzen dieses Klosters …“

Das tut nichts zur Sache.“

Dann verschafft mir einen Termin bei Eurer Oberin – oder wie Ihr Eure Äbtissin zu nennen pflegt.“

Mutter Örtlerin lebt in Klausur, wie Euch mit Sicherheit bekannt ist, Graf.“ Mittlerweile hatte Arno sich wieder perfekt im Griff – die zunehmend zornigeren Angriffe seines Gegenübers an einem Panzer aus unerschütterlicher Gelassenheit abprallen zu lassen, war seine Spezialität.

Ich werde gern Euer Anliegen in unserer nächsten internen Besprechung vorbringen“, bot er liebenswürdig an. Denn ich bin dazu verpflichtet, so unerfreulich das auch ist. „Nur kann ich euch nicht viel Hoffnung machen.“

Das war gelogen gewesen, und Arno sich dessen vollauf bewusst. Und wenn diese Lüge auch gerechtfertigt gewesen war, um die Überheblichkeit seines Gastes zu rächen, und durch die Notwendigkeit, die Ehre des heiligen Klerus (in der Theorie) zu erhalten – vor seiner nächsten Amtshandlung hatte er beichten müssen.

Während er seinen Schlüssel zur jetzt leeren Bibliothek zückte, wanderten seine Gedanken zum zweiten Gespräch anlässlich Mathildas zurück. Wiederum war das Trennungsgitter im Redhaus zum Einsatz gekommen. Nur dass es diesmal Prior Palgmacher und ihn von ihrer verehrten Äbtissin separiert hatte.

Wir brauchen das Geld, Pater Wayden, und den Einfluss dieser doch recht mächtigen Familie Finkenschlag. Wenn der Vater einverstanden ist, dass sein Kind zusammen mit Novizen unterrichtet wird, dann soll es uns recht und billig sein. Und immerhin seid Ihr es, der sie unterweist.“

Das in ihrer Stimme zum Ausdruck kommende Vertrauen in ihn rührte Arno trotz allem, er konnte sich dessen nicht erwehren.

Wenn jemand fähig ist, eventuelle … Irritationen unter den jungen Menschen adäquat zu begegnen, dann Ihr!“

Arno neigte den Kopf. „Euere Zuversicht ehrt mich außerordentlich, liebe Mutter Örtlerin. Doch ich möchte uns alle davor bewahren, mich in meiner Macht über meine Schüler zu überschätzen. Deswegen bin ich der Meinung, dass Graf von Finkenschlag sich besser nach Augsburg wenden sollte.“

Seid Ihr wahnsinnig? Die bekommen doch genug von den Fuggerschen Ablassbriefen hinten rein gewürgt!“

Palgmachers ordinäre Wortwahl nebst seinem polternden Tonfall waren untrügliche Zeichen, dass seine Zurechenbarkeit sich auch heute in den von ihm selbst gewählten Grenzen halten würde.

Nein, Pater Wayden“, wurde der Prior auch noch seitens der Örtlerin unterstützt. „Wir brauchen diese Mitgift. Und dieses Mädchen.“

Wer sagt Euch, dass sie sich zur Nonne eignet?“, versuchte Arno es mit einem vernünftigen Argument.

Ihr Geld eignet sich, Bruder! Der Rest wird passend gemacht!“ Palgmacher lachte dröhnend.

Arno machte sein Schnauben extra dezent. „Dass Ihr Euch in die simonischen Auswüchse einreihen mögt …“

Hier geht es nicht um Korruption, sondern um eine pragmatische Entscheidung zugunsten des Wohles unseres Ordens“, bestimmte die Örtlerin abschließend. „Und dabei handelt es sich übrigens um denselben Pragmatismus wie der, der Euch den Posten des Novizenmeisters eingebracht hat: In diesen Zeiten müssen wir es dem Nachwuchs so leicht wie möglich machen, sich für uns zu entscheiden.“

Gut, auch sie waren auf den Punkt gestoßen, gegen den sich kein Argument finden ließ. Arno seufzte. „Wenn es denn so sein soll, so verlange ich wenigstens, dass Ihr eine der Schwestern als Lehrerin einsetzt. Ich kann nicht verantworten, dass meine Schüler durch die Anwesenheit eines Weibes von ihrem Wege abkommen.“

Durch die Ritzen des Klausurgitters erreichte Arno ein allen Ernstes verschmitztes Lächeln. „‚Wachet und betet, auf dass ihr nicht in Versuchung fallet. Denn der Geist ist willig …’ Die ehrwürdige Nonne brach ab, wartete, bis Palgmacher sein Gelächter einigermaßen im Griff hatte, und fügte dann gönnerhaft hinzu: „Seht es doch so, dass die Novizen auf diese Weise Gelegenheit erhalten, ihren Entschluss, das Leben eines Priesters zu führen, unter Beweis zu stellen.“

Seht Ihr es als Gelegenheit, zum Beispiel Schwester Jordanin eine neue Aufgabe zu verschaffen!“, konnte Arno sich nicht verkneifen.

Nicht Elisabeth!“

Diese Abwehr kam so prompt, dass Arno beinahe gegrinst hätte.

Von mir aus können wir Mutter Klöblin fragen“, schob die Äbtissin hastig nach. „Vielleicht ist sie geneigt, noch mehr Zeit in der Bibliothek zu verbringen.“

Sandizell würde sich darüber zweifellos freuen, aber das sagte Arno jetzt nicht. „Was ist mit Schwester Öflerin? Schwester Paumenin? Und wer sonst noch hat eine adäquate Ausbildung? Schwester Steudlin?“

Ich werde die infragekommenden Schwestern rufen lassen, Moment.“

Dass Ottilia Öfler abgesagt hatte, war für Arno, der sie in jeder freien Minute im Skriptorium antraf, wo sie an ihrem neuen Buch arbeitete, nicht überraschend gekommen. Selbiges lasse ihr keine Zeit für anderweitige Beschäftigungen. Und dazu gehöre schließlich selbst ihr Posten als Priorin des Konvents.

Ursula Klöbl hatte glaubhaft behauptet, sie sei aus der Übung, ihr Latein lasse zu wünschen übrig.

Appolonia Paumen – von der eine junge Nonne wirklich viel hätte lernen können, was das Abschwören weltlicher Vorlieben betraf – befand sich im selbstauferlegten Dauersilentium.

Da ist es mir selbstredend unmöglich, eine Schülerin zu unterrichten“, hatte sie mit rauer, hörbar sprechungeübter Stimme erklärt, Arno einen vorwurfsvollen Blick durch das Klausurgitter zuwerfend, als ob er sie absichtlich in Versuchung geführt hätte, ihren Vorsätzen untreu zu werden.

Barbara Steudl war die einzige gewesen, die keine Ausrede gehabt hatte. Allerdings hatte der Blick, mit dem sie dem Anliegen der Örtlerin gelauscht hatte – streng, zugleich fast gierig und mit der ihr eigenen Humorlosigkeit versetzt – Arno in jähes Mitleid mit der unbekannten Grafentochter gestürzt. Diese Frau würde jedem Schüler jedweden Spaß am Lernen nehmen. Es war ihm ein Leichtes gewesen, durch gezielte Fragen ihre durchaus bedenklichen Bildungslücken hervorzuheben.

Am Ende hatte die Örtlerin, wieder allein auf ihrer Seite des Klausurgitters, sich sichtlich zufrieden an Arno gewandt: „Ihr seht, lieber Pater“, in gespielter Demut ihren Kopf zur Seite neigend, „es scheint Gottes Wille zu sein, dass Ihr als Novizenmeister auch die junge Mathilda unter Eure Fittiche nehmt.“

Gottes Wille! Hier und jetzt konnte er es laut herausschnauben. Wenn es denn der wäre!

Da stand er nun – mitten in seinem leeren Klassenraum, morgen früh jedoch bereits als Lehrer zweier motivierter und tüchtiger zukünftiger Priester – und hatte ein blutjunges Ding am Hals, das vor sinnlicher Lebenslust nur so strotzte. Was würde geschehen? Ja, wie würden die beiden Novizen damit umgehen?

Souveräner als er selbst angesichts der jungen Aurelia damals? Aber war es nicht eher so, dass eine junge Frau wie Mathilda zwangsläufig die dem Manne innewohnende Empfänglichkeit an den Tag befördern würde?

Er stutzte. Könnte er das Ganze nicht so definieren? Sozusagen als eine Art – Experiment? Um herauszufinden, ob er richtig lag mit seiner Überzeugung, dass die bloße Anwesenheit einer Frau dafür sorgen würde, dass das profane Schicksal zweier gottgeweihter Männer auf den Prüfstein gestellt würde?

In diesem speziellen Fall würde sich zugleich zeigen, ob er recht hatte mit dem, was er eben während der Beichte erkannt hatte: dass es nur eine Frage der Zeit war, bis Mathilda von Finkenschlag ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt wurde: der, weltliche Ehefrau und Mutter zu werden.

Arno spürte, wie sein Interesse erwachte. Auf diese Weise könnte er außerdem wie nebenbei den Beweis erbringen, wie hirnverbrannt das Vorgehen seiner ach so pragmatischen Äbtissin und ihres weltmännischen Priors war – indem es dem Kloster gleich zwei Verluste bescherte! Sich ein befriedigtes Lächeln gönnend, wandte Arno sich zur Bibliothek nebenan. Er würde sich jetzt eine neue Lektüre aussuchen. Irgendetwas Leichtes und Unkompliziertes! Kompliziert würde es ohnedies werden. Und das ganz ohne sein Zutun.

 

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