Vorbereitung ist die halbe Miete

Warum ausgerechnet unsere Klinik?“ Die Frau, deren Name sich Katharina nicht gemerkt hatte, blickte sie über den Rand der Brille hinweg an. „Sie leben in München. Da gibt es doch sicher genug Krankenhäuser.“

Für eine gute Stelle nimmt man einen Ortswechsel doch gern in Kauf.“ Nervös sah Katharina zu ihrem Gegenüber. Dies hier lief nicht gut, die Frau war ihr eindeutig nicht wohlgesonnen. Was sich äußerst hemmend auf ihre Spontaneität auswirkte. Oh Mist, inzwischen fühlte sie sich nur noch schwer, unflexibel und uninteressant. Wenn sie diese Gefühle jetzt auch noch vermittelte, konnte sie gleich einpacken. Also zusammengerissen und aufgepasst! Verstohlen rieb Katharina die feuchten Handflächen auf ihrer Hose trocken. Da kam schon die nächste Frage.

Man nimmt?“

Man … was? Erst mit einer kleinen Verzögerung verstand sie endlich. „Ich … ich nehme einen Ortswechsel in Kauf. Gerne sogar.“

Ihr Gegenüber nickte knapp. Uff. Das war also richtig gewesen. Doch die Qual war noch nicht zu Ende. „Sie haben meine Frage von vorhin trotzdem noch nicht ausreichend beantwortet.“ Die Brille wurde über die Stirn geschoben, nun stach der Blick der Frau völlig ohne Barriere auf Katharina ein. „Direkt vor Ihrer Haustür gibt es ein ausgezeichnetes Herzzentrum. Warum also ausgerechnet unser Haus?“

Ich …“ Katharina brach der Schweiß aus. „Professor Schultheiß ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der …“

Was der Herr Professor macht, tut hier doch gar nichts zur Sache. Es geht darum, was Sie von ihm wollen.“

Äh … meine Promotion ‚Dosisabhängige Wirksamkeit von intrakoronar appliziertem Trimeter…, äh Trimetra…’“ Jetzt fehlte nur noch, dass sie das Thema ihrer eigenen Doktorarbeit nicht mehr flüssig herausbrachte. Sie spannte die Lippen an. Aber statt der erwünschten Fähigkeit sich deutlich zu artikulieren, bescherte ihr der Kreislauf einen Schweißausbruch der besonderen Sorte. Katharinas Oberlippe fühlte sich bereits feucht an. Jetzt war sie gar nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.

Worauf ihr Gegenüber gehofft zu haben schien.

Ja?“, kam langsam und gedehnt. Die Brille klappte auf die Nase zurück, verdeckte die Gnadenlosigkeit in den Augen allerdings nur wenig.

Eilig begann Katharina von Neuem: „Dosisabhängige Wirksamkeit von inka…“

Inka? Kann es sein, dass Ihre Dissertation etwas mit Peru zu tun hat? Was haben Sie studiert? Ethnologie? Archäologie?“

Schluss jetzt.“ Katharina war aufgesprungen. Bereit zur Flucht.

Wenn es denn etwas zu Fliehen gegeben hätte. Aber so … Entmutigt ließ sie sich auf den Stuhl zurückfallen. Ihr war nur noch zum Heulen. „Ich kann das nicht.“

Prompt zog sich die gestrenge Frau vor ihr die dicke Hornbrille vom Gesicht – und verwandelte sich wieder zurück in Andrea, ihre beste Freundin.

Du warst doch ganz gut, bis ich wirklich zu fies geworden bin“, beteuerte sie sofort. „Solche Fragen werden die dir bestimmt nicht stellen.“

Meinst du?“ Katharina war sich ganz und gar nicht sicher. Die Angst, morgen in Oberrain dem Jüngsten Gericht gegenübertreten zu müssen, war im Moment überwältigend.

Ja, allerdings meine ich auch, dass du zumindest den Titel deiner Doktorarbeit fehlerfrei aufsagen können solltest.“

Das war in der Tat ein Haken. Wenn Katharina nervös war – und, gelinde ausgedrückt, das war sie – setzte ihr Gehirn regelmäßig aus. Die einfachsten Dinge wurden dann zu einer schier unüberwindbaren Hürde. Das hatte alle bisher angestandenen Prüfungen bereits im Vorfeld zu einem Albtraum werden lassen. Dem sie nur durch allergründlichste Vorbereitung einigermaßen begegnen konnte. Büffeln, büffeln, büffeln, aus nichts anderem hatte ihre Studienzeit deshalb bestanden. Nur so hatte sie erst das Physikum und später dann auch das Hammerexamen bestanden. Diese Methode hatte sich bewährt und deshalb war Katharina nun mit der gleichen Entschlossenheit an die Vorbereitung ihres ersten Vorstellungsgespräches gegangen. Mit Andrea als ultrastrenger Prüferin.

Und dennoch … sie war so nervös! „Dosisabhängige Wirksamkeit von intrakoronar appliziertem Trimetazidine …“ Jetzt, ohne Druck, kam ihr der Titel ihrer Promotionsarbeit wieder leicht über die Lippen. „Weißt du was, ich nehme meine Unterlagen einfach mit ins Vorstellungsgespräch, dass ich notfalls ablesen kann.“

Eine ausgezeichnete Idee“, bestätigte Andrea auch sofort. „Und vielleicht legst du auch eine kleine Zusammenfassung deiner bisherigen Ergebnisse dazu, damit du in der Lage bist, Professor Schultheiß schlüssig zu erklären, warum du nur bei ihm und sonst nirgends daran weiterarbeiten kannst.“ Sie stand auf. „Jetzt muss ich los. Soll ich nicht doch morgen mitkommen und dich unterstützen?“

Nein“, sagte Katharina sofort. „Das schaff ich schon.“

Da bin ich sicher.“ Andrea war schon an der Tür, wandte sich noch einmal um. „Daran hab ich doch keine Zweifel. Ich dachte auch eher wegen der langen Fahrt. Drei Stunden im Auto und danach der Termin. Ich könnte fahren, während du …“

Während ich mich aufrege, willst du sagen, oder?“ Katharina war Andrea gefolgt und öffnete die Tür. „Ich fahre rechtzeitig los, damit ich nicht zusätzlich in Druck gerate. Und nun hinaus mit dir.“

Du schaffst das, da bin ich sicher.“ Andrea zwinkerte ihr zuversichtlich zu.

Danke.“ Katharina verdrehte die Augen. „Was würde ich nur ohne dich tun, Mama!“

Andreas Lachen war durchs ganze Treppenhaus zu hören. Bis endlich die Eingangstür hinter ihr zuklappte.

Glück im Unglück

Es war ein Fehler gewesen, gebrauchte Reifen zu kaufen! Verzweifelt starrte Katharina auf ihren alten Golf, dessen rechtes Vorderrad völlig zerfetzt war. Und das hier – sie sah sich um – mitten in der Wildnis. Bäume rechts und links der Straße. Ausgerechnet im Wald musste der Reifen platzen. Dabei hatte sie noch das Glück gehabt, langsam gefahren zu sein. Nach dem Stau auf der Autobahn, bei dem ihr schönes Zeitpolster gefährlich zusammengeschmolzen war, hatte sie sich nämlich nur mit Mühe davon abhalten können, mit Vollgas über die Landstraße zu brettern. Dann wäre sie womöglich schlimmer ins Schleudern geraten und verunglückt – und statt zum Vorstellungsgespräch als Patientin nach Oberrain gekommen.

Gut, sie war heil und gesund geblieben. Was sie im Moment aber nur wenig tröstete. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Wenn sie nicht in genau acht Minuten an Professor Schultheiß‘ Bürotür anklopfen würde, konnte sie die Sache von vornherein vergessen. Acht Minuten! Verzweifelt strich sie über ihren inzwischen reichlich zerknitterten Rock. Da bereitete sie sich seit Wochen auf diesen Tag vor und nun sah es so aus, als ob …

Ihr Handy, sie hatte ihr Handy ja völlig vergessen! Eilig schlüpfte sie in den Wagen zurück. Wo war ihre Handtasche? Die lag natürlich unter dem Beifahrersitz. Wahrscheinlich war sie während des kurzen Schleuderns darunter gerutscht. Katharina zog das Handy heraus und schaltete es ein. Es würde einen Moment dauern, bis es ein Netz gefunden hatte.

Nervös sah sie auf die Uhr. Noch sechs Minuten. Wenn sie jetzt sofort anrief und alles erklärte, würde man ihr womöglich einen Aufschub gewähren oder einen neuen Termin geben. Das wäre zwar nicht nur wegen der weiten Anfahrt ein Ärgernis, aber es wäre wenigstens noch eine Chance. Die sie doch so dringend brauchte.

Katharina warf einen Blick auf das Handydisplay. Kein Netz. Das gab es doch gar nicht! Sie schüttelte das Handy, reckte den Arm nach oben, hielt es, so hoch es ging, dann riss sie es herunter. Immer noch kein Netz. Verdammt! Sie schaltete es aus. Wartete einige wertvolle Sekunden, schaltete es wieder ein, sah auf die Uhr. Himmel, nur noch drei Minuten!

Jetzt find doch endlich ein Netz“, stöhnte sie und klopfte auf ihr Handy. War es kaputt? Das durfte doch nicht wahr sein. Sie stand hier mitten im Wald und konnte nicht telefonieren.

Ein anderes Auto! Sie riss den Kopf hoch. Sie musste nur ein anderes Auto anhalten. Jeder hatte heutzutage ein Handy dabei. Ein Blick auf die Straße. Sie war leer. Kein Auto. Sie war hier ganz alleine. Mitten im Wald.

Noch eine Minute.

Katharina hätte am liebsten geheult. Erbost und wirklich verzweifelt starrte sie auf ihre Armbanduhr, sah, wie der Zeiger weiterwanderte. Siebzehn Uhr. In diesem Augenblick wurde sie erwartet. Genau jetzt.

Da, leises Gebrumm! War das ein Wagen? Katharina reckte den Kopf. Noch war nichts zu sehen. Aber das Geräusch wurde lauter. Endlich – ein weißer Mercedes kam schnell heran.

Hilfe!“ Sie wedelte mit den Armen und sprang auf und ab. „Bitte helfen Sie mir.“

Der Wagen wurde langsamer, fuhr tatsächlich an den Straßenrand. „Sind Sie verunglückt?“ Die Fahrertür wurde aufgestoßen, ein Mann sprang heraus. „Ist Ihnen etwas passiert?“

Mir? Nein“, stammelte Katharina. „Es ist nur eine Reifenpanne. Aber ich habe einen wichtigen Termin und mein Handy funktioniert einfach nicht.“

Na, das sollte ja wohl kein Problem sein.“ Die sonore Stimme des Mannes hatte einen angenehm beruhigenden Klang und Katharina entspannte sich angesichts seiner Gelassenheit ein klein wenig. „Hier, nehmen Sie meines. Es ist bereits eingeschaltet.“

Hastig hackte Katharina die Nummer ein. „Null, Sieben, eins, drei, vier, fünf, acht, null, null …“ Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass der Anruf vier Minuten zu spät kommen würde. Ausgerechnet Professor Schultheiß war bekannt für seine Pingeligkeit in Bezug auf Pünktlichkeit. Aber sie konnte schließlich alles erklären. Sie wartete. Und wartete. „Warum tut sich nichts?“, fragte sie dann und hielt dem Mann das Handy entgegen.

Der nahm es, warf einen prüfenden Blick aufs Display. „Sollte hier etwa ein Funkloch sein? Tatsächlich.“ Er winkte sie zum Auto. „Kommen Sie, fahren wir ein Stück, bis wir wieder Empfang haben.“

Katharina dachte nicht nach, nickte nur und sprang in den Wagen des Mannes. Der startete sofort.

Das scheint ein wirklich wichtiger Termin zu sein“, sagte er und hielt ihr seine Rechte entgegen: „Dazu war bisher noch gar keine Gelegenheit, Johannes Braun.“

Katharina Gr-af“, sagte Katharina zerstreut und starrte auf das Handy. „Jetzt komm schon.“ Erst danach sah sie den Mann wieder an. „Entschuldigen Sie bitte, aber es geht um die Chance meines Lebens. Wenn ich diesen Termin verpasse …“ Sie sah wieder auf die Uhr. Sieben nach Fünf. Sie seufzte tief: „Zu spät.“

Wie, zu spät?“, fragte der Mann.

Welchen Namen hatte er gleich noch einmal genannt? Ach ja, Hannes. „Mein Vorstellungstermin hätte vor sieben Minuten beginnen sollen.“ Sie legte sein Handy auf die Ablage. „Fahren Sie mich am besten zu meinem Wagen zurück, es ist vorbei.“

Wie?“, fragte er nochmals. „Die Chance ihres Lebens – und Sie wollen wegen lumpiger sieben Minuten aufgeben? Das kann doch nicht wahr sein.“

Was soll ich tun?“, fragte sie zurück. „Ich kann ja nicht mal anrufen und den Termin verschieben.“

Wohin müssen Sie denn?“

Krankenhaus Oberrain“, antwortete Katharina, „Vorstellungsgespräch in der Kardiologie.“

Marienklinik?“

Sie kennen sie?“

Haben Sie eine Ahnung, wie groß Oberrain ist?“ Hannes wandte ihr den Kopf zu und lächelte. „Es ist ein Kaff – nur bekannt durch diese Klinik.“ Er warf ihr einen kurzen Blick zu. „Wissen Sie was, ich fahre Sie gleich hin. Es ist nicht mehr weit, etwa fünf Kilometer durch den Wald. Mit ein bisschen Glück bekommen Sie die Stelle doch noch.“

Das würden Sie tun?“ Katharina war überwältigt. Dieser Unbekannte versuchte, ihr zu helfen. „Ich hoffe, Sie verpassen dadurch nicht selbst einen Termin.“

Halb so schlimm“, winkte Hannes ab. „Er ist nicht sehr wichtig.“

Etwa so wichtig wie ein Termin beim Friseur?“, fragte Katharina und sah schon wieder auf die Uhr. Zehn Minuten.

Nicht mal halb so wichtig“, nickte Hannes. „Nun beruhigen Sie sich endlich. Wir werden noch ein bisschen Zeit brauchen und es macht sicher einen besseren Eindruck, wenn Sie dann nicht völlig aufgelöst sind.“

Er hatte ja so recht. Katharina fuhr sich durch die Haare und atmete tief durch. „Danke.“ Sie rutschte ein wenig tiefer in den bequemen Autositz. Ruhig, sei ruhig, redete sie sich zu. Und versuchte, es zu glauben. Ich bin ganz ruhig. Ihre Hand zuckte zum Handy. Sie riss sie zurück. Nein, sie würde nicht schon wieder auf die Uhr sehen. Das war kontraproduktiv und brachte ja auch nichts. Stattdessen wandte sie den Kopf und betrachtete ihren Retter. Dieser Hannes sah echt sympathisch aus. So alt wie sie oder geringfügig älter, schätzte Katharina, vielleicht Ende Zwanzig.

Nicht anstarren, mahnte sie eine innere Stimme. Eilig sah sie deshalb wieder weg. Seltsam eigentlich, dass sie sich automatisch gesiezt hatten. Katharina war es ganz anders gewohnt. Im Studium und selbst jetzt, im Klinikalltag wurden meist nur die Chefs gesiezt. Aber die hatten ja auch das entsprechende Alter. Naja, was sollte es. Dieser Hannes war schließlich nur ein Fremder, den sie zufällig getroffen hatte und der ihr einen Gefallen tat. Gleich würde dieses Treffen vorüber sein und sie würde ihn niemals mehr wiedersehen. Was aber wirklich schade war, Hannes gefiel ihr nämlich.

Auch das war seltsam. So aufgeregt und aufgelöst sie war, hätte sie es niemals für möglich gehalten, dass sie einen anderen Menschen derart intensiv wahrnehmen könnte. Aber sie tat es. Und wie! Diesmal starrte sie mit voller Absicht.

Blonde, etwas längere Haare, blaue Augen, eine gerade, durchaus männliche Nase, angenehmer Mund. Besonders angenehm!

Katharina,denk an deinen Termin! Wuusch, all ihre erfreulichen Gedanken waren dahin, ihr Herzklopfen kam jetzt eindeutig wieder von der Aufregung. Sie richtete ihre Augen geradeaus, auf die Straße. Mittlerweile hatten sie den Wald hinter sich gelassen, vor ihnen tauchten Berge auf. Was sollte sie in der Klinik sagen? Wie ihre Verspätung begründen? Mit der Wahrheit natürlich. Ja, die Wahrheit.

Wieder erwischte sie sich dabei, wie ihr Blick nach links huschte. Sofort rief sie sich zur Ordnung. Konzentration jetzt, sie hatte einen schweren Termin vor sich. Schöne Hände hat er auch! Ihre Gedanken weigerten sich hartnäckig, sich auf das vor ihr Liegende zu konzentrieren. Registrierten lieber, dass Hannes lange schlanke Finger hatte. Keine Arbeiterhände, keine Hände, die täglich mit Maschinenöl in Berührung kamen. Was er wohl von Beruf war?

Katharina rieb die Lippen aufeinander, ganz trocken waren die. Sie brauchte jetzt sofort ihren Labello. Ganz automatisch tastete sie nach ihrer Tasche. Ei verflixt, wo war die nur?

Oh nein!“ Diesmal fuhr ihr Kopf deutlich sichtbar zu Hannes herum. „Ich habe meine Sachen im Auto vergessen und all meine Unterlagen, die ich jetzt brauche.“ Sofort fühlte sie wieder nur Hektik. Sie deutete auf die zurückliegende Straße. „Bitte, wir müssen umkehren und sie holen.“

Noch mehr Zeit verlieren?“ Der Mercedes wurde nicht einmal langsamer. „Dann muss es halt ohne gehen“, sagte Hannes und lächelte sie freundlich an. „Außerdem, Katharina – es geht schließlich um Sie und nicht um irgendwelche Unterlagen, oder?“

Wissen Sie“, antwortete die, „so einfach ist es leider nicht. Ich bin noch im praktischen Jahr und brauche die Stelle unbedingt für meine Doktorarbeit. Mit diesen Arbeitsunterlagen, in denen all mein Wissen steckt, kann ich das nachweisen. Wenn die im Wald herumliegen, nützen sie mir gar nichts.“

Wenn Sie die ganze Zeit mit diesen Unterlagen gearbeitet haben, kennen Sie sich doch in diesem Bereich bestens aus, oder? Sie werden viel überzeugender wirken, wenn Sie frei über Ihr Thema referieren, statt sich in irgendwelchen Unterlagen zu vergraben.“ Er sah zu ihr, sah ihre Zweifel. Ermunternd nickte er ihr zu. „Sie können das, sicher.“

Katharina blinzelte mit fest zusammengepressten Lippen. Er hatte gut reden. So einfach war das nicht. Ihr Puls war nach oben geschnellt, sie fühlte ihre Schweißdrüsen anspringen. Improvisieren und frei reden – oh Gott, oh Gott.

Sehen Sie, dort vorn ist die Klinik.“

Auf einer kleinen Anhöhe lag ein langgestreckter, altherrschaftlicher Bau mit vielen Erkern und Türmchen. Davor, im Tal, eine recht kleine Ortschaft.

Hannes, der ihren Blick bemerkt zu haben schien, sagte: „Hab ich es Ihnen nicht gesagt, dieses Oberrain ist ein Nest.“

Die Lage war wunderschön. Eingebettet in die bewaldeten Hügel wirkte die Klinik wie ein herrschaftliches Schloss. Hier zu arbeiten – Katharina sah um sich – musste herrlich sein.

Es war siebzehn Uhr achtzehn, als sie das Tor zum Klinikgelände durchfuhren. Knirschend stoppte der Wagen im Kies des Parkplatzes. Hannes sprang gleichzeitig mit Katharina aus dem Auto und folgte ihr zum Klinikeingang.

Viel Glück“, sagte er und lächelte sie aufmunternd an.

Danke, Glück, am besten einen ganzen Sack voll, werde ich jetzt wirklich brauchen.“ Katharina war vor Aufregung ganz kurzatmig, wäre am liebsten gerannt, um ihrer Atemlosigkeit zumindest einen Grund zu geben. Doch sie musste sich jetzt erst noch verabschieden: „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll oder wie ich Ihnen danken kann, aber dass Sie mich hierher gebracht haben, war einfach großartig.“

Gern geschehen“, sagte Hannes. „Aber nun sehen Sie zu, dass Sie reingehen. Ich bleibe dann hier.“

Wie? Sie wollen warten?“ Erstaunt sah Katharina ihn an. „Warum?“

Wie sollten Sie sonst wieder zu Ihrem Wagen kommen? Und wie den wieder flottkriegen?“ Hannes schüttelte vehement den Kopf. „Nein, ich warte hier – und wenn Sie die Stelle bekommen haben, wechseln wir den Reifen.“

Das ist …“ Katharina war zu überwältigt, um weitersprechen zu können. „Danke“, murmelte sie nur und öffnete die Tür. Tief durchatmend trat sie ins Foyer der Klinik. Sie musste sich jetzt konzentrieren.

Autopädie

Es war gegen dreiviertel sieben, als Katharina die schwere Kliniktür erneut öffnete. Diesmal von innen. Sie trat hinaus in die Abendsonne und blieb einen Moment stehen. So lange es gedauert hatte, so ungut es auch gelaufen war, es war endlich vorbei. Ihr Kopf war wieder frei für … Nein, Hannes würde sicherlich nicht mehr da sein. Sie würde also gleich wieder hineingehen und am Empfang darum bitten müssen, dass man einen Pannendienst zu ihrem Wagen schickte – und ein Taxi für sie rief, damit sie in ein Hotel fahren könnte.

Den weißen Mercedes ganz vorn auf dem fast leeren Parkplatz sah sie sofort – und ihr Herz begann zu hämmern. Er war noch da, hatte tatsächlich auf sie gewartet! Das war … gut. Sie suchte mit den Augen nach ihm. Wo mochte er wohl sein? Sie drehte sich, suchte das Gelände ab. Zum Glück waren nicht mehr viele Menschen unterwegs, die Besucher zum größten Teil wieder gegangen, die Patienten in ihren Zimmern. Katharina konnte nur zwei Krankenschwestern entdecken und einen Pfleger, der einen leeren Rollstuhl vor sich herschob. Ansonsten war der Platz vor der Klinik leer. Und im kleinen Park, gleich nebenan, war auch niemand mehr. Doch stopp! Da drüben, auf der Bank, fast verdeckt durch die Zweige einer Trauerweide, saß doch jemand. Sie ging in die Richtung, bis sie Hannes zweifelsfrei erkannte. Er las Zeitung.

Während sie sich ihm näherte, betrachtete sie ihn nochmals genauer. Ganz versunken saß er da, entspannt zurückgelehnt, die Beine männlich breit übereinandergeschlagen. So ein attraktiver Mann. Und er saß da, weil er auf sie wartete. Ihr Puls beschleunigte sich. Ach du liebe Güte, was war nur mit ihr los? Gut, da hatte ein begehrenswerter Mann sich ihrer angenommen, doch sollte sie sich etwas darauf einbilden? Er war einfach nur freundlich und hatte genügend Zeit, hilfsbereit zu sein. Das hätte er gewiss für jeden anderen Menschen auch getan. Mit ihr persönlich hatte das nichts zu tun.

Sport oder Wirtschaft?“, fragte sie, als sie heran war.

Er senkte die Zeitung und ein atemberaubendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Lokalteil.“

Schnell faltete er die Zeitung zusammen und sprang auf. „Und? Hat es geklappt?“

Ich weiß nicht“, antwortete Katharina wahrheitsgemäß. „Professor Schultheiß hatte den nächsten Bewerber vorgezogen. Der war nämlich, im Gegensatz zu mir, überpünktlich gewesen. Der war dann ewig drin. Über eine Stunde habe ich warten müssen, und dann hat er mir gesagt, dass er eigentlich keine Zeit mehr habe. Zehn Minuten hat er mir dann doch noch eingeräumt.“ Sie erschauderte bei dieser Erinnerung und sah Hannes ernst in die Augen. „Wahrscheinlich nur, weil ich trotz Ihrer Bemühungen so aufgelöst gewesen bin. Aber ich glaube nicht, dass diese zehn Minuten ausreichend waren. Ich kann mir also keine allzu großen Hoffnungen machen.“ Nein, sie machte sich keine Hoffnungen. Der Professor hatte ihr nur zerstreut zugehört, war in Gedanken ganz offensichtlich schon bei seinem nächsten Termin gewesen. Der Zug, bei ihm ihr Praktisches Jahr vollenden zu können, war damit abgefahren. Katharina kam allerdings nicht mehr dazu, Hannes das zu erzählen.

Ach was“, schüttelte der nämlich den Kopf. „Wenn der Mann auch nur ein klein wenig klug und vorausschauend ist, nimmt er Sie.“ Er legte seine Hand auf ihren Arm, hakte sie unter. „Kommen Sie, gehen wir zum Wagen.“

Katharina musste lachen, auch wenn ihr im Moment wenig danach zumute war. „Das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich bezweifle nur, dass Professor Schultheiß das ebenso sieht wie Sie.“ Sie fand es sehr angenehm, ja fast ein wenig prickelnd, von ihm berührt zu werden und glich sich seinem Tempo bereitwillig an.

Wann bekommen Sie Bescheid?“

Es hieß, in den nächsten Tagen.“

Nun gut, Frau Doktor“, sagte Hannes, als sie den Mercedes erreicht hatten. Er öffnete ihr die Beifahrertür und winkte sie galant hinein. „Dann lassen Sie uns zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung schreiten: Amputation des Wagenrades.“

Das arme Auto“, lachte Katharina, während sie auf dem Sitz Platz nahm. „Muss es von nun ab auf drei Rädern durchs Autoleben kurven?“

Hannes schloss die Tür hinter ihr, lief dann schnell um den Wagen herum und stieg ebenfalls ein. Er ließ den Motor an und fuhr vom Parkplatz auf die Straße. „Ach was“, grinste er, das Gespräch wieder aufnehmend: „Ich bin doch Auto-Arzt. So was würde ich niemals zulassen. Der Wagen bekommt zwar erst eine Amputation, danach passe ich ihm jedoch eine erstklassige Radprothese an.“ Er wandte ihr den Kopf zu und lächelte hinreißend. „Sie halten doch eine entsprechende Prothese in Ihrem OP bereit, Frau Assistentin?“

Das hoffe ich“, seufzte Katharina mit einem kleinen schelmischen Seitenblick auf Hannes. „Ich sehe schon, ich habe das falsche Spezialgebiet gewählt. Statt Kardiologie hätte ich Autopädie wählen sollen, dann könnte ich Ihnen viel qualifizierter behilflich sein.“

Es ist mir schon eine Ehre, in Ihrem Operationssaal operieren zu dürfen.“ Hannes verneigte sich, warf ihr einen kurzen Blick zu, dann konzentrierte er sich wieder auf die Straße. Sie hatten Oberrain schon hinter sich gelassen und fuhren gerade in den Wald hinein. „Haben Sie wirklich noch nie einen Reifen gewechselt?“

Nein, leider nicht.“ Katharina rutschte ein wenig tiefer in ihren Sitz. Dann aber fiel ihr ein: „Aber ich habe als Kind mal dabei zugesehen. Zählt das ein bisschen?“

Bei wie vielen Operationen haben sie bisher zugesehen? Könnten Sie die ausführen?“

Katharina hielt den Vergleich für ein wenig gewagt, wollte aber nicht widersprechen. „Herr Autopäde, ich stelle mich hiermit als einfache Hilfskraft für die niederen Dienste wie Anreichungen und Assistenz zur Verfügung.“

Einverstanden“, nickte Hannes. „Gehen wir doch mal die verschiedenen Arbeitsschritte durch. Punkt eins: „Wo ist das Ersatzrad?“

Im Kofferraum“, sagte sie schnell, auch wenn sie sich eigentlich nur an Warndreieck und Verbandskasten erinnern konnte.

Sehr gut“, lobte Hannes. „Dann kommen wir zu Punkt zwei: „Wo ist der Wagenheber?“

Tja, wieder musste sie raten: „Auch im Kofferraum?“

Sie wissen es nicht?“ Hannes schüttelte den Kopf. „Ist aber nicht so schlimm. Einen Wagenheber können wir uns zur Not aus diesem OP hier ausleihen.“ Er klopfte mit der Hand auf das Lenkrad. „Das Ersatzrad ist viel wichtiger. Ich glaube nämlich nicht, dass das Rad aus meinem Wagen mit Ihrem Wagen kompatibel wäre.“

Katharina sah aus dem Fenster. Wenn sie nicht alles täuschte, würden sie gleich bei ihrem Auto anlangen. Sehr schade. Dass schöne Momente aber auch immer so schnell zu Ende gehen mussten. Warum konnten sie nicht einfach weiterfahren? Immer weiter und sich dabei unterhalten? Sie seufzte und entdeckte im nächsten Moment bereits ihren Wagen. Er stand ganz am Straßenrand, um keine anderen Autos zu behindern. Jetzt war nur noch der Reifenwechsel zu machen, sofern es was zu wechseln gab, dann hieß es Abschied nehmen.

 

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