Der Hundeflüsterer

Kirsche

»Ich mach am Strand erst nochmal halt.« Ella schob die neugierige Hundeschnauze, die sich zwischen den Sitzen hindurch nach vorn gebohrt hatte, mit dem Ellenbogen zurück und drehte sich kurz zu dem Störenfried um. »Dort kannst du die kleine Dame richtig kennenlernen, Oskar.«
Als Thorsten erwartungsgemäß die Stirn krauszog und Luft holte, kam sie ihm zuvor. »Ich weiß, du willst dich umziehen. Aber Daisy wäre dann immer noch kontaminiert. Oder gehört zu deinem Plan, sie stinkend mit ins Tortenstübchen zu nehmen?«
Er atmete aus. Wortlos. Gut. Ella nickte zufrieden und lächelte den Hunden zu, die sichtlich schon sehr gespannt aufeinander waren. »Gleich ist es soweit, ihr Süßen.«
Der Eckernförder Hundestrand lag ja direkt an der B 76. Ella bog in einen der wenigen Parkplätze gleich zu Beginn der Preußerstraße ein, stieg aus und öffnete Oskar die Tür. Der schoss heraus, sprintete um den Wagen herum, wo Thorsten die Kleine gerade in den Sand setzte. Und dann erwies sich, dass Oskar zwar ein Rüpel war, wenn es um Torte oder andere essbare Sachen ging – bei Hundedamen jedoch zeigte er sich als vollendeter Kavalier. Jedenfalls bei Daisy. Vor der ging er nämlich sofort in die Knie. Nun ja, nur mit den Vorderbeinen, die Rückfront, die durch den heftig wedelnden Schwanz doch eher Unruhe verbreitete, blieb in die Höhe gereckt. Aber er legte ihr seine Schnauze buchstäblich zu Füßen und winselte dabei in den allerlieblichsten Tönen.
»Daisy, kannst du da noch widerstehen?« Ella warf Thorsten einen herausfordernden Blick zu. »Sieh dir das genau an: So geht Umwerben.«
Als die Kleine dann tatsächlich tapfer auf den viel größeren Hund zu wuselte, konnte sich Ella ein spitz dazugesetztes »Erfolgreich!« nicht verkneifen.
Von Thorsten kam ein Schnaublaut. »Wenn du von meinesgleichen erwartest, dass wir unsere Ärsche in die Höhe recken, um damit zu wackeln, wirst du lange warten können.«
»Oh, ich erwarte gar nichts und schon gar keine Wackelpopos.« Was das betraf, war Oskar auch nicht zu toppen. »Außerdem habe ich mich nicht auf die körperliche Seite bezogen, sondern auf die damit ausgedrückte Hingabe.«
»Hingebungsvolles Beschnuppern, ah ja«, nickte Thorsten ironisch. »Und so einfühlsam. Vor allem, wenn man sich die Stellen anguckt, die er ganz besonders im Visier hat.«
»Das gehört dazu.« Lächelnd betrachtete sie Daisy, wie die sehr vorsichtig stehenblieb und Oskars neugierige Nase tapfer ertrug. »Sind die zwei nicht obermäßig süß?«
Mehr als ein Augenverdrehen war von Thorsten selbstredend nicht zu erwarten. Dennoch hatte Ella irgendwie das Gefühl, dass er nicht wirklich angepestet war. Nein, wie er so dastand und seinen Blick gedankenvoll auf den beiden Hunden ruhen ließ …
Und zusammenzuckte, als Daisy aus heiterem Himmel nach Oskar schnappte und ein Knurren ausstieß – mit dem Resonanzkörper, den sie zur Verfügung hatte, wurde eher ein Gurren daraus. Aber Oskar zog seine Schnauze ein, wich einen Schritt von ihr. Abwartend. Bis Daisy laut bellend loswetzte – im lockeren Strandsand kam sie mit ihren kurzen Beinchen eher schwimmend vorwärts – und Oskar mit großen Sätzen hinterher, an ihr vorbei, wieder zurück zu ihr. Der Bann war gebrochen. Von da an sausten die beiden gemeinschaftlich über den Strand, dass Daisys Haarschopf, Oskars Ohren und der Sand nur so flogen.
»Das nennt man wohl mechanische Reinigung«, deutete Thorsten auf den selbst aus der Entfernung sichtbaren Sand, der an Daisys Unterseite kleben blieb. »Und Oskar«, der begonnen hatte, sich gleich vollständig im Sand zu wälzen, »sieht jetzt aus wie ein paniertes Schnitzel.«
»Na, dann lassen wir die Bande mal schwimmen.« Ella lief ein paar Schritte Richtung Ufer. »Wollen wir doch mal sehen, ob auch Hundedamen gerne baden.« Sie stieß einen kurzen Pfiff aus, der Oskar sofort auf den Plan rief. »Hopp, ins Wasser mit euch.«
Es wurde schnell offensichtlich, dass der anwesende Hundeherr, der ja außerordentlich gerne badete, Daisy damit wenig zu beeindrucken vermochte. Die Kleine wollte unter allen Umständen vermeiden, auch nur feuchte Pfoten zu bekommen.
»Sie will ihr Schleifchen schützen«, kommentierte Thorsten.
»Mir scheint, nicht nur ihr Schleifchen.« Ella schüttelte abschätzig den Kopf. »Wenn sie nicht baden will, muss sie anders sauber werden.«
»Greif sie dir und tunk sie ins Wasser«, schlug Thorsten in verdächtig arglosem Tonfall vor.
Sie musterte seine sehr pokertaugliche Miene.
»Willst du nicht?«, fragte er mit großen Augen.
Sie verengte ihre. »Was willst du?«
»Na, das wird lustig. Nasser, zappelnder Hund, der dir bestimmt entwitscht und ins Wasser fällt. So können wir herausfinden, ob sie schwimmen kann. Na los, mach schon!«
»Nicht ich, du.« Mit provozierend erhobenen Augenbrauen deutete sie auf Thorstens Füße, die sockenlos in den Schuhen steckten. »Alles an dir ist bereit für dieses Abenteuer. Nimm Daisy und tunk du sie nach Herzenslust unter.«
»Das würdest du nicht zulassen.«
»Versuch’s.«
Sie standen sich gegenüber und taxierten sich. Zehn Sekunden. Zwanzig.
»Du bringst es nicht übers He-herz«, flötete Ella.
»Ach was, mir ist es nur zu eklig, einen nassen Köter anzufassen.«
»Ah ja. Was schlägst du stattdessen vor? Du könntest sie bei dir zu Hause warm abduschen, sie gleich in ein Handtuch wickeln und behutsam trockenföhnen. Das gefällt ihr bestimmt auch viel besser. Ich denke, ihre beiden Herrchen werden es auch eher so gehandhabt haben.«
»Ich lasse doch keinen Hund in meine Dusche!«
Ella legte nur den Kopf schief und lächelte.
Thorsten seufzte ergeben. »Okay, bringen wir es hinter uns.« Mit seinem typischen ›Ich bin vom Leben angewidert‹-Gesichtsausdruck ging er vorsichtig auf Daisy zu.
Die prompt schüchtern vor ihm zurückwich.
»Sie mag mich nicht«, drehte er sich anklagend zu Ella um. »Du musst das machen.«
»Denk an Oskar. Wenn er sie eben geknackt hat, schaffst du es auch. Du musst dich nur mal ein bisschen anstrengen.«
»Wie kann eine Frau so sadistisch sein?« Nun war er von ihr angewidert.
Ella machte sich nicht die Mühe, ihr Grinsen zu verbergen.
»Ich werde mich rächen.«
»Davon bin ich überzeugt.«
»Du bist herzlos.«
»Und du ein Hundeflüsterer, du weißt es nur noch nicht.«
Er öffnete den Mund, fand aber offensichtlich keine passende Erwiderung mehr. Machte stattdessen abrupt kehrt und kniete sich hin, um der noch immer an derselben Stelle hockenden Daisy seine Hand hinzustrecken.
Einen Moment lang war Ella versucht, den Bogen zu Oskars Hintern zu schlagen – ließ es jedoch und hielt stattdessen den Atem an. Wie gebannt lag nämlich Daisys Blick auf Thorstens Gesicht, als bemühe sie sich, seine Person zu entziffern. »Ruf sie mal«, flötete Ella. »Ich glaube, dann kommt sie zu dir.«
»Warum?«, musste er natürlich zuerst widersprechen. Doch dann gehorchte er. »Daisy, na komm. Ich will dir nichts tun, ich will dich nur ein bisschen saubermachen. Komm zu mir, ich tu dir nichts.«
Na, bis man als Mensch so liebevolle Worte von dir kriegt, muss man sich aber ganz schön ins Zeug legen. Ella unterließ es, das zu sagen. Weil es echt süß war zu verfolgen, wie Daisy Schritt für Schritt auf ihn zukroch. Um den letzten Meter mit wenigen Sätzen zu überbrücken und an seinen Knien Männchen zu machen.
»Na, du bist ja eine«, bekam Daisy noch eine verbale Streicheleinheit von ihrem neuen Ersatzherrchen. Auch ansonsten streichelte Thorsten sie. Nahm sie hoch – sämtliche Ekelhaftigkeiten waren vergessen – und hörte nicht auf, mit sanfter Stim-me auf sie einzureden.
»Und jetzt ins Wasser«, erinnerte Ella ihn. Irgendwann war ja auch mal gut.
»Was?«
»Na, untertunken!«
»Nein!« Entgeistert wich er samt Hund vor ihr zurück. »Das kann ich nicht machen. Sie vertraut mir.«
Ella brauchte lediglich den Kopf ihrer Schulter zuzuneigen.
»Tu nicht so, als ob du ihr das jetzt antun könntest!«, fauchte er sauer.
Sie spitzte die Lippen.
»Würdest du nicht.«
Ein Luftkuss.
»Sie würde nie wieder zu mir kommen.«
»Na dann …« Mit einem genüsslichen Grinsen ließ sie von ihm ab, ging näher ans Ufer. »Oskar, hierher. Du bist jedenfalls sauber genug!«
»Er ist ja auch viel robuster! Und Labradore sind extra dafür produziert worden, das sagst du doch immer.«
»Schon klar.« Es war einfach zu köstlich, ihn auf diese Weise zu ärgern.
Gerade drehte er sich mit säuerlicher Miene von ihr weg. »Vorsicht, Daisy«, zuerst dachte Ella, sie hätte sich verhört, »gleich schüttelt er sich. Da müssen wir in Deckung gehen.«
Kichernd wandte sie sich zum Gehen. »Glücklicherweise benutzen wir zur Zeit den Wagen liebevoller Hundebesitzer. Ich geh mal die flauschige Decke aus dem Kofferraum holen. Um den nassen Oskar abzutrocknen.«
»Da war die ganze Zeit eine Hundedecke? Und du sagst mir nichts?«
»Ich dachte, dass du lieber Körperkontakt …« Nun prustete sie endgültig los und duckte sich unter einem imaginären Schlag hindurch.
»Aber es ist gut, dass wir eine Decke haben.« Eifrig kam Thorsten hinter ihr her getrottet, Daisy behutsam an sich drückend. »Die machen wir feucht und rubbeln Daisy dann ab.«
»Damit sie sich nicht erkältet, schon klar.«
»Hör doch auf. Du kannst große Töne spucken. Jetzt, wo …«
»Wo du dich zu Daisys Prinz aufschwingst, meinst du?«
»So ein Unsinn, sie ist nur ganz allein. Hat beide, äh, Herrchen verloren, war eine ganze Nacht und einen halben Tag eingesperrt in einem winzigen Raum, hat gewartet, dass man sie retten würde, aber niemand ist gekommen.«
»Bis Prinz Thorsten …«
Nun schlug er wirklich nach ihr – was sich allerdings schwierig gestaltete mit seiner Prinzessin im Arm. Unter lautem Gelächter schnappte Ella sich die Decke und lief zu Oskar, der selbstredend längst wieder ins Wasser zurückgekehrt war. »Oskar, Decke anfeuchten für Prinzessin Daisy!«
Und selbige sorgte dafür, dass Thorsten gezwungen war, ihr in harmlosem Tempo zu folgen.

Als sie endlich bereit waren weiterzufahren, sprangen ein notdürftig abgetrockneter Labrador und ein lediglich an der Unterseite leicht feuchtes Yorkshireterrier-Mädchen in den Kofferraum und setzten sich Seite an Seite.
Wunderte es Ella, dass Thorsten mit dem Arrangement nicht einverstanden schien? »Meinst du nicht, wir sollen die Kleine wieder mit nach vorn nehmen? Oskar wird sie womöglich erdrücken. Oder tottrampeln.«
»Sag mal, was traust du dem armen Oskar zu? Du bist frisch zum Hundefreund mutiert. Das bedeutet aber auch, dass du, was ihn betrifft, genauso umdenken musst. Er ist auch ein Hund, falls du das vergessen haben solltest.«
»Er ist groß und schwer. Ich unterstelle ihm ja gar nicht, ihr absichtlich wehzutun. Nur aus Versehen. Oder wenn du zu ruppig um die Kurve rast. Oder …«
»Oskar wird aufpassen«, versicherte Ella entschieden und beschwor ihn in Gedanken, das bloß auch zu tun, während sie die Decke zusammenrollte und zwischen die beiden schob.
Gleichzeitig musste sie sich echt über Thorsten wundern. Klar, sie hatte ihn die ganze Zeit schon damit aufgezogen. Aber seine untypische Fürsorglichkeit war kein Spiel, er meinte das vollkommen ernst: Dass er Daisy beschützen würde, sei es nun vor kaltem Ostseewasser oder Oskars Trampeligkeit. Hätte sie diesem Mann, diesem Vollblut-Miesepeter so etwas zugetraut? Sich ausgerechnet von einem Hund im Sturm erobern zu lassen – schlicht und einfach indem dieser zu ihm gekommen war, als er ihn gerufen hatte?
Lag das daran, dass die Kleine sein Herz rührte? Weil sie eben erst in zweiter Linie als Hund identifizierbar war, sondern vor allem anderen als klein, zart, schüchtern und – weiblich? Okay, es konnte auch damit zusammenhängen, dass es Jureks Hund war und Thorsten sein bisheriges Verhältnis zu Hunden überdenken musste, wenn er mit einem Hundefreund zusammensein wollte. Aber was es auch war – mit Oskar würde er nie so … so liebevoll umgehen.
»Lass uns fahren.« Ella ließ die Hunde, wo sie waren, und knallte die Heckklappe zu, extra ohne auf Daisys zartes Nervenkostüm Rücksicht zu nehmen.

»Ella, ich habe kein Hundefutter«, platzte Thorsten heraus, kaum dass sie auf die Straße eingebogen waren. »Wir müssen nachher unbedingt noch in eine Tierhandlung. Was hat Jurek gleich noch gesagt? Er füttert irgendwas mit ›B‹. So ein spezielles Fressen, das sie aber nicht unbedingt haben muss. Es gehen auch Dosen.«
»Dosen habe ich.«
»Naja, aber sollte sie nicht besser das kriegen, was sie gewohnt ist? Wo sie schon aus ihrem gewohnten Leben gerissen worden ist?«
Ella staunte nur noch. Was war in den Mann gefahren? Fuhr der dermaßen auf rote Schleifen ab? Vielleicht sollte sie Oskar auch mal eine um den Hals binden. »Das Füttern mit ›B‹ ist wahrscheinlich Barfen. Frischfleisch, um genau zu sein, das man tiefgefroren einkauft und portionsweise auftaut.«
»Äh …« Ah, in ihm regte sich der alte Thorsten. Reicht es nicht, wenn die Viecher überhaupt fressen? Muss es dann auch noch rohes Fleisch sein, aus dem das Blut tropft? So was in der Art musste ihm auf der Zunge liegen. »Ah ja.« Er schluckte.
»Barfen ist durchaus umstritten«, baute Ella ihm eine astreine Vorlage.
»Dosenfutter ja wohl auch«, schoss Thorsten nach nur minimalem Zögern zurück. »Wenn ich mir überlege, was die da alles reinhauen … Fleisch wird da nicht allzu viel dabei sein.«
Na warte, mein Lieber, irgendwie werde ich dich kriegen! »Die beiden Männer werden sich bestimmt viele Gedanken um die richtige Ernährung ihres Hundes gemacht haben«, stellte sie in bedächtigem Tonfall fest. »Vielleicht hatten sie Angst vor Allergien. Wegen der Zusätze in den Dosen, weißt du? Vielleicht ist Daisy besonders empfindlich. Bekommt Ausschlag oder sogar Asthma.«
Wiederum schnappte Thorsten im ersten Moment nach Luft.
Na, komm schon. Allergien bei Hunden? Ausschlag? Habt ihr sie noch alle? Das sind Tiere, Herrgott nochmal! Oder so was in der Art: Das ist wieder so ein typischer Fall von Vermenschlichung. Die missbrauchen den Hund als Kindersatz!
»Meinst du echt, das könnte passieren? Dass sie Atemnot kriegt? Nee, du, das kann ich nicht riskieren. Ich muss richtiges Fleisch besorgen. Kann man nicht auch zum Schlachter …«
»… und ihr ein Filetsteak zum Abendessen organisieren? Aber sicher kann man das.«
»Es muss ja kein Filet sein. Im Gegenteil. Knochen sind doch gerade gut für Hunde, oder nicht?«
»Wer bist du, und was hast du mit Thorsten angestellt?«
»Hä?«
»Das bist nicht mehr du.« Und auf einmal fand sie das gar nicht mehr so witzig. »Thorsten findet Hunde furchtbar. Er schimpft auf sie, weil sie stinken oder nerven oder auch nur Platz wegnehmen. Also, wer steckt da plötzlich in deiner Hülle?«
»Du bist doch diejenige, die sich ständig darüber aufregt, dass ich mich über Hunde aufrege. Und nun ist es auch nicht richtig, wenn ich es lasse?«
»Musst du es denn gleich so übertreiben? Das wirkt … absolut lächerlich! Du bist wie eine Karikatur von …«
»Von was?«, fragte er scharf.
Das durfte sie natürlich auf keinen Fall aussprechen. »Ach, egal.«
Finster starrte er ihr Profil an. Um dann einen fast bellenden Laut auszustoßen. »Und?«
Ella runzelte die Stirn. »Was?«
»Wie soll ich mich stattdessen verhalten?«
»Na – normal, angemessen, vernünftig.«
»Ah ja.«
»Ich habe einen Hund, den ich sehr liebe, wie du wohl weißt. Und wenn ich diesem Hund mit gutem Gewissen Dosenfutter gebe – vermischt mit Nudeln oder Reis oder Kartoffeln, damit es ausgewogen ist – dann hast du keinen Grund, daran zu zweifeln, dass Dosenfutter in Ordnung ist.«
»Darum geht es also? Dich stört, dass ich an deinem Urteil zweifle?«
»Nein, es geht darum, dass du dich lächerlich machst, wenn du …«
»… einen Hund wie Oskar mit Daisy vergleiche?«
Jetzt wurde es Ella endgültig zu blöd. »Soll das heißen, dass du Oskar als einen Hund zweiter Klasse empfindest?«, zischte sie ihn an, sodass die beiden Hunde hinten unruhig die Köpfe hoben. »Nur weil er größer ist und burschikoser und … halt ein Labrador?« Der süßeste und treueste und wunderbarste und eine Seele von Hund! Mit einem Mal stiegen ihr die Tränen in die Augen.
»So ein Unsinn!« Thorsten hörte sich ehrlich entgeistert an. »Ich meine …« Ratlos brach er ab.
Ella schüttelte nur den Kopf.
Mit regloser Miene starrte Thorsten auf die Fahrbahn. Überlegte er, wie er das, was auf der Hand lag, abstreiten sollte? »Aber ich begreife es jetzt«, murmelte er dann. »Du bist eifersüchtig.«
»Was? Wie kommst du denn …? So ein Quatsch!« Uff, beinahe hätte sie den Zebrastreifen übersehen. In letzter Sekunde bremste sie scharf ab und ließ eine Frau mit Kinderwagen die Straße überqueren.
»Weil ich mit Daisy anders umgehe als mit Oskar.« Kommentarlos war Thorsten in den Gurt gesaust und richtete sich ebenso kommentarlos wieder auf. Hatte er nicht bemerkt, dass die Hunde dabei unruhig geworden waren? Anscheinend nicht. Er saß ihr zugewandt und musterte sie herausfordernd, während sich die Hunde hinten neu sortierten.
Demonstrativ sah Ella auf die Straße und klappte den Mund, den sie schon zum Widerspruch geöffnet hatte, wieder zu. Sah im Augenwinkel Thorsten dasselbe tun.
»So ein Quatsch«, wiederholte sie lahm.
Thorsten holte Luft – ließ sich dann jedoch in seinem Sitz zurücksinken und schwieg.
Er hatte recht. Dazu gab es nichts mehr zu sagen. Schweigend fuhren sie am Exer entlang.
An der Stadthalle räusperte er sich. »Ich denke, Dosen sind okay.«
Ella setzte den Blinker, um in den Jungfernstieg abzubiegen. »Ah ja.« Was bezweckte er jetzt? Gut Wetter zu machen, um sie bei der Stange zu halten?
»Es stimmt, wenn Oskar Dosenfutter gut verträgt, wird Daisy das wohl auch«, setzte er noch einen drauf. »Und allergisch kann sie ja nicht sein, sonst hätte Jurek nicht gemeint, dass Dosen auch gehen.«
Irgendwie war es ja schon niedlich, dass er sich Gedanken machte. Und wenn er wirklich mit Jurek zusammenkommen sollte – sich die beiden beim gemeinsamen Gassigehen mit dem Schleifchenhund vorzustellen … Als sie auf Höhe des Tortenstübchens hielten, grinste Ella wieder.
»Würdest du nachher mit mir in so ein Tierfuttergeschäft fahren?« Thorstens Blick hatte etwas rührend Unsicheres. »Du hast einfach mehr Ahnung von Hunden als ich.«
Oller Schleimer! »Wie könnte ich dazu nein sagen?«, gab sie spitz zurück und wies herrisch auf die Schranke neben dem Café, damit sie den Umsonstparkplatz im Innenhof nutzen konnte.
Gehorsam sprang Thorsten aus dem Auto, um sie zu öffnen.
Eigentlich war sein gegenwärtiger Zustand doch ein sehr angenehmer. Schlechtes Gewissen statt schlechter Laune, Bedürftig- statt Rücksichtslosigkeit. Und wenn daran halt ein Hund schuld sein sollte …
Nun aber musste sie Oskar erst mal schnell an ihr Herz drücken. Er durfte sich auf keinen Fall zurückgesetzt und minderwertig vorkommen!

Hundepfote

»Meinst du, es ist …« Äh – jetzt hätte er doch beinahe gefragt, ob es wohl schädlich für Daisy sei, wenn sie aus dem Kofferraum auf den steinernen Untergrund sprang. Das hätte ihm Ella, die Oskar und der Kleinen lediglich einen Schubs auf den Hintern gegeben hatte und damit aus dem Auto geschubst, sofort wieder um die Ohren gehauen. Andererseits … Er hatte mal aufgeschnappt, dass bestimmte kleine Hunde nach Möglichkeit keine Stufen steigen sollten. Weil die total überzüchtet und lebensuntüchtig sind, hatte er damals gedacht. Aber Daisy konnte nichts dafür, falls sie solch einer Rasse angehörte. Und überhaupt sollte Ella sich nicht so haben. Wenn man sich den riesigen Labrador ansah und dann das winzige Wesen, dessen Haare fast länger waren als die Beine – die beiden konnte man doch gar nicht vergleichen!
»Halt sie auf, Thorsten«, riss Ellas Schrei ihn aus seinen Gedanken.
»Was? Wo?«
Da sah er sie schon. Daisy. An ihm vorbeiflitzen. Zur Straße. Er machte einen Satz von schräg hinten auf sie zu – was sie natürlich dazu veranlasste, abzudrehen und erst recht von ihm wegzuschießen. Auf den schmalen Plattenweg zwischen den parkenden Autos und den Rabatten zu.
»Scheiße! Scheiße, was soll ich denn machen? Ella!«
Die war direkt an der Rabatte entlang gehechtet, schnitt Daisy im letzten Moment den Weg ab – bekam sie jedoch nicht zu fassen, sodass die kehrtmachte und in die entgegengesetzte Richtung davonpreschte.
Hier war Thorsten, breitete sämtliche Extremitäten aus wie ein Torwart in Erwartung des Elfmeterballs – der Fellball änderte wiederum den Kurs. Nun auf die Häuser zu.
»Immerhin ist sie von der Straße weg«, keuchte Ella. Ehe der auffiel, dass Oskar ein ganzes Stück entfernt gen Hafen trottete. »Oskar! Oskar, hierher!«
Okay, Thorsten musste Daisy allein kriegen. Die war schon am Beet vor dem Tortenstübchen, würde gleich dahinter verschwinden. Er mindestens zehn Meter von ihr entfernt, doch wenn er ihr nachrannte, war sie weg.
»Daisy!« Es war mehr ein Reflex als ein bewusster Vorsatz, sie zu rufen. Und wahrscheinlich viel zu unsanft ausgestoßen, als dass er sie so hätte locken können. »Daisy«, machte er seine Stimme heller und verheißungsvoller. Hockte sich langsam hin und streckte bittend seine Hand nach ihr aus. »Daisy, komm her zu mir. Na, komm schon, Kleine, hab keine Angst. Bei mir bist du in Sicherheit. Na, komm schon!« Bescheuert, dass er so viele Worte machte, die der Hund eh nicht verstand. Man tat das nur automatisch, konnte gar nichts dagegen tun.
Seltsamerweise wirkte es. Daisy war gestoppt, hatte sich Thorsten zugewandt. Zögerte noch, blieb aber, wo sie war.
»Komm, Kleine, na komm. Das hast du eben am Strand doch auch so toll gemacht, bist zu mir gekommen. Mach’s noch mal, bitte. Mach’s für mich!« Sie saß still und sah Thorsten an. »Daisy, na komm, Daisy, komm!«
Da, sie wedelte mit dem Schwanz! Hob dafür den Hintern an, gleich würde sie den ersten Schritt auf ihn zu machen …
»Thorsten?«
Der Schock ließ ihn in den Stand schnellen. »Mutter!«
»Oh, jetzt hast du die Kleine erschreckt.« Betroffen ging nun sie in die Hocke, fing an, schmeichelnd zu rufen.
Was dann folgte, war schon beeindruckend. Daisy zog buchstäblich alle Extremitäten ein, um den Abstand zu dieser neuen Unbekannten zu vergrößern – um im nächsten Moment wie ein kugelrundes Fellknäuel auf Thorsten zu zu rasen. Wie ein kleines Kind, das zu seinem Vater stürzt. Das hatte er jetzt nicht wirklich gedacht. Breitete nur reflexhaft seine Arme aus, sich so bodennah wie möglich positionierend, um Daisy aufzufangen. Und sofort hochzunehmen, ehe sie ihm wieder abhandenkommen konnte.
»Oh, ein Glück, du hast sie erwischt«, tauchte da auch Ella wieder auf, schwer atmend, aber Oskar am Halsband. »So haben wir es also noch rechtzeitig bemerkt.«
»Was haben wir bemerkt?« Zerstreut schob Thorsten seine linke Hand zurecht, um Daisy nicht in den Hinterschenkel zu kneifen.
»Dass der eiserne Heinrich keineswegs ein Herz aus Eisen hat, wenn es um entzückende kleine Mädels geht.« Mutters Tonfall war eine wabernde Frechheit. Und auch ansonsten rückte sie ihm auf die Pelle. »Daisy heißt du also? Sehr erfreut, dich kennenzulernen.«
»Ich meinte die Tatsache, dass du Halsband und Leine vergessen hast, als du Daisy aus dem Haus geholt hast.« Ella klang wieder leicht angefressen.
»Daran habe ich echt nicht gedacht.« Er verlagerte Daisy nochmals, damit Mutter ihm nicht länger auf die Füße treten musste, um sie zu streicheln. »Irgendwie habe ich vorher reichlich wenig darüber nachgedacht, was es bedeutet, mich um einen Hund zu kümmern. Jureks Hund«, fügte er, an Mutter gerichtet, hinzu. »Er musste weg, und bis er wiederkommt, ist Daisy bei mir.«
»Oh, das sind ja tolle Neuigkeiten.« Mutter strahlte über das ganze Gesicht.
»Wir brauchen also unbedingt eine Leine«, rief er Ella zu, die schon die Tür zum Café öffnete. »Lass uns das auch auf unsere Einkaufsliste setzen. Zusammen mit allem, was man sonst so braucht.«
»Möchtest du auch ein eigenes Körbchen für sie?« Meinte Ella das ironisch?
»Na, ihr zwei macht mir ja wieder Spaß!« Mutter winkte Thorsten und Daisy lachend in den Gastraum. »Jetzt gucken wir mal, wie wir die Kleine provisorisch sichern können. Außerdem hat sie bestimmt Durst. Und meinst du, sie darf ein Schlückchen Sahne schlecken, Ella? Was anderes hab ich nicht da!«

 

Zurückbutton