Im Tortenstübchen

Kirsche
„Was ist dieses ‚Tortenstübchen‘ denn?“, fragte Ella vom Rücksitz des Dienstwagens. Oskar lag quer über ihrem Schoß und war so schwer, dass sie am liebsten in Kindergequengel ausgebrochen wäre. Wie lange dauert es denn noch? „Der Name klingt wie der eines Cafés.“

„Wart’s ab“, sagte Elke vom Beifahrersitz. „Gleich sind wir da.“

Na also, damit hatte sie die Antwort gegeben, auf die Ella gewartet hatte. Gleich würde sie den schweren Hund von den Beinen bekommen. Gleich würden sich seine Knie nicht mehr in ihre Oberschenkel bohren. Gleich. Einstweilen, so klar war schließlich nicht, ob sich ‚gleich‘ auf ’sofort‘ oder doch eher auf ’nachher‘ bezog, schob sie ihn schon mal ein Stück zur Seite. Ah, das war besser. Dieser Hund war eindeutig zu schwer.

Doch Hobbi fuhr bereits an Straßenrand. „Da sind wir.“

Ella hatte noch immer nicht verinnerlicht, wie klein Eckernförde war, und dass die Fahrt nie lange dauerte, ganz egal, wohin man fuhr.

Da drüben neben dem Glaseingang war ein Grünoval zu sehen mit der Aufschrift: ‚Tortenstübchen‘. Also war es genau das, was Ella vermutet hatte: Ein Café. In einem modernen zweistöckigen Wohnhaus. Einem von vielen, die gesamte rechte Seite des Jungfernstiegs war damit gesäumt. Im Gegensatz zur linken Straßenseite, wo sich ein altes Fischerhäuschen an das andere schmiegte.

Jetzt noch mehr gespannt – Name, Schild und Gebäude, passten nicht so recht zusammen – öffnete Ella die Wagentür. In weiser Voraussicht biss sie die Zähne aufeinander, als sich auch schon Oskars Krallen in ihre Oberschenkel bohrten, als der sich abstieß, um aus dem Wagen zu springen. So, geschafft. Rasch schnappte sie sich die Leine, ehe der Kerl mal eben zu einem Streifzug durch die Nachbarschaft aufbrechen konnte.

„Auf den ersten Blick vielleicht nicht so spektakulär“, meinte Elke fast entschuldigend. „Aber die Lage ist super. Gleich hinter den Häusern ist der Südstrand. Gegenüber die Altstadt, dahinter die Einkaufsstraße. Und da vorn kommt der Hafen.“ Sie wies die Straße hinunter.

Ella sah sich um. So im direkten Vergleich mit der malerischen Altstadt wirkte das Haus des Cafés groß und sachlich-kühl. Schon nett mit seinen Loggias und der Durchfahrt. Aber eben nicht ehrwürdig oder nostalgisch, wie der Name des Cafés anmuten ließ.

Dieser widersprüchliche Eindruck verlor sich augenblicklich, als Ella das Tortenstübchen betrat. Drin war eindeutig der Name Programm. Sofas sah sie als erstes, viele Kaffeekannen. Nostalgie schon im Eingang und überall. Sie liebte es sofort und wusste: Hier würde sie sich wohlfühlen.

Oskar auch. Allerdings weniger wegen der urigen Einrichtung, sondern wegen all der leckeren Düfte, die aus der Küche, respektive vom Tortenbuffet kamen. Schnuppernd stand er da, ehe er sich entschlossen in Bewegung setzte. Bis sich die Leine straffte, dann musste er notgedrungen stehenbleiben.

„Wir sind da“, rief Hobbi in Richtung Küche.

Aus der gerade eine hochgewachsene, hellblonde Frau trat. „Hallo.“ Sie schenkte Hobbi und Ülkü ein Lächeln und ging sofort auf Ella zu. „Ich bin Ulli.“

„Ella.“

„Ulli ist meine Frau“, schob Hobbi stolz nach.

„Und die Hundesitterin für heute“, sprach Ulli weiter und beugte sich zu dem entsprechenden Kandidaten hinab. „Na, vertragen wir uns?“

Oskar beantwortete die Frage auf seine Weise und schleckte flugs einmal quer über das ihm neugierig entgegengereckte Gesicht.

„Oh, ich sehe, das wird klappen.“ Sich lachend über Wangen und Nase wischend, lief Ulli in die Küche. „Sörine, sie sind da.“

„Ah, die neue Kirsche. Ich bin ja schon so gespannt!“ Eine runde Frau in Schürze eilte heran, kurzer grau-gesträhnter Fransenschnitt, das Gesicht ein einziges freundliches Lachen. „Hobbi und die Bayerin haben schon so viel von Ihnen erzählt.“ Sie zwinkerte Ella zu, während sie zuerst Oskar die Hand entgegenreckte. „Freund?“

Klar. Oskar stupste gegen die Finger. Wer so lecker nach Sahne und Torte roch, konnte nur ein Freund sein.

„Ich weiß, ihr seid immer in Eile, aber jetzt bleibt ihr doch einen Moment, oder?“ Sörine dirigierte sie augenblicklich zu einem der Sofas. „Nur bis sich Oskar ein wenig eingewöhnt hat. In der Zeit könnt ihr ein Stück Torte essen. Ich hab Blauen Heinrich gebacken. Wer will?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, machte sie kehrt und lief in die Küche. „Ulli, dreimal Kaffee, dreimal Heinrich. Für mich Tee und trockenen Kuchen. Und für dich, was du willst.“

Blauer Heinrich? Ella stutzte. „Warum heißt eine Torte so wie –er?“

„Er liebt sie nun mal. Und da es so Weniges gibt, was er wirklich liebt …“ Hobbi ließ den Satz offen und zog einen Stuhl heran. „Ich nehme an, die Damen bevorzugen das Sofa?“

„Nicht nur er liebt diese Torte“, seufzte Ülkü und setzte sich äußerst willig. Ehe sie die Stimme hob: „Aber es ist und bleibt Beamtenbestechung, Sörine.“

Die ließ ihr freundliches Gesicht im Kücheneingang sehen. „Vorsorge ist die beste Sorge. Kinders, ihr kennt doch meine Devise. Ich stopfe euch so voll mit meinen Torten, dass ihr irgendwann, wenn ich es mal brauche, gar nicht anders könnt, als mich laufen zu lassen.“

„Guter Plan“, murmelte Ülkü. „Funktioniert ganz sicher. Vor allem deswegen, weil wir dann langsamer sind als du.“

Alle lachten.

„Eines verstehe ich nicht.“ Ella hing noch immer am Blauen Heinrich fest. „Thorsten heißt doch mit Nachnamen Heinrich. Legt doch eher den Verdacht nahe, dass die Torte nach ihm benannt worden ist, nicht umgekehrt. Oder?“

„Eine Frau, die denkt.“ Hobbi schnalzte anerkennend mit der Zunge. „Dieser Zusammenhang ist bisher noch niemandem aufgefallen.“

Er nahm sie auf den Arm, oder? Ella blinzelte. Scherze auf ihre Kosten – ach, so ein Neubeginn war wirklich nicht einfach.

„Zufall“, beruhigte Ülkü sie da aber schon. „Sein Nachname und die Vorliebe für genau diese Torte haben ihm den Namenszusatz ‚Blauer‘ eingebrockt. So war das doch, nicht wahr, Herr Hobbe?“

„Ich hab schon Alkohol in Erwägung gezogen“, gab Ella zu.

Wofür sie einhelliges Gelächter kassierte. „Thorsten und trinken? Da kannst du lange warten. Der ist so trocken wie die Sahara.“ Hobbi grinste. „Wenn ich ihm das erzähle, wird Freude bei ihm aufkommen.“

„Das hab ich selbst schon erledigt.“ Ella grinste zurück. „Und er hat sich nicht mal aufgeregt.“ Sie setzte sich neben die Bayerin. „Wobei das lange nicht für alles gilt, was ich sage.“

„Ihr zwei habt es nicht leicht miteinander.“ Ülkü rutschte ein Stück zur Seite.

„Leider.“

„Aber du gibst nicht auf?“

„Bleibt mir was anderes übrig?“

„Tollkirsche“, warf Ülkü ein. Und fügte hinzu, als Ella und Hobbi lachten: „Ich meine das ernst. Wäre ich Heinrichs Partnerin, hätte es schon längst Mord und Totschlag gegeben.“

Ella zog den ständig die Nase in die Luft hebenden Oskar neben sich. Vorsichtshalber, falls der auf die Idee kommen sollte, eine Exkursion in die Küche starten zu wollen.

Hier standen überall hüsch-alte Kaffeekannen herum, auf der Fensterbank, auf den Regalen. Außerdem hingen altmodisch-schöne Bilder an den Wänden und Tafeln und Stickbilder mit netten Sprüchen, die zu Kuchen, Torten und Bäckerinnen passten. Dieses Café müsste eigentlich bei den Gästen ein Renner sein. Dennoch saß an keinem der Tische jemand. „Warum ist es hier völlig leer?“

„Weil wir erst in wenigen Minuten öffnen. Für euch hatte ich schon ein bisschen früher aufgeschlossen.“ Ulli war mit einem großen Tablett herangekommen, altmodisch wie alles hier. Darauf Kuchenteller und Kaffeetassen. „Dreimal Blauen Heinrich, bitte sehr.“ Nachdem sie alles abgestellt hatte, setzte sie sich ebenfalls.

Genau in dem Moment ging die Tür.

„War ja klar.“ Ulli hob ihre Tasse und schlürfte ein bisschen.

„Hallo Herr Rüter. Sie sind ja heute früh auf dem Dampfer.“ Sörine stand hinter der Tortentheke und lächelte den ersten richtigen Gast des Tages an.

Der Mann mit weißen Haaren, in Jeans und Kordjacke, blieb kurz hinter dem Eingang stehen und sah sie erschrocken an. „Haben Sie noch nicht geöffnet?“

„Für Sie immer. Aber setzen Sie sich doch.“ Sörine winkte ihn an einen kleinen Tisch. „Die Zeitung bringe ich Ihnen gleich. Einen Tee, wie üblich?“

„Nein, nein.“ Herr Rüter blieb stehen. „Heute habe ich keine Zeit. Ich fahre nämlich zu meinem Enkel. Dem geht es nicht so, und da wollte ich ihm ein Stück Ihrer köstlichen Torte mitbringen. Der Bus geht gleich, wissen Sie?“

„Torte zum Mitnehmen, na dann kommen Sie mal mit.“ Sörine winkte den Mann, der immer noch wie festgezurrt dastand, zum Tortenbuffet. „Heute haben wir Johannisbeer-Mascarpone-Torte auf Trüffelboden mit Schuss, Rhabarber-Erdbeerbaiser mit Minzblättchen und Blauen Heinrich. Außerdem Kirschkuchen auf Nuss-Buchweizen-Biskuit mit …“

„Blauer Heinrich“, entschied der alte Herr schnell. „Wenn es den schon mal gibt.“

Sörine lachte. „Herr Rüter, den haben wir doch regelmäßig im Angebot.“

„Ja?“ Rüter schüttelte kurz den Kopf. „Ich ess ja nicht oft Torte, vielleicht bekomme ich das einfach nicht mit.“

„Mag sein. Also, zweimal Blauen Heinrich zum Mitnehmen“, wiederholte Sörine und kramte einen Papp-Untersetzer hervor.

„Einmal, bitte nur ein Stück, für meinen Enkel“, verbesserte Herr Rüter sofort.

„Ein Stück?“ Sörine sah überrascht auf. „Mögen Sie lieber was anderes?“

„Ich – nein.“ Rüter schüttelte den Kopf. „Ein Stück reicht.“

Sörine stutzte. Ehe sie entschlossen zwei Stück Torte auf den Untersetzer packte. „Sie müssen doch mit Ihrem Enkel gemeinsam essen.“

„Entschuldigen Sie“, murmelte Herr Rüter leise. „Aber ich kann wirklich nur ein Stück mitnehmen.“

„Heute ist ‚Iss zwei, zahl eins‘-Tag. Zweimal Blauer Heinrich zum Preis von einem.“ Energisch stellte Sörine das inzwischen gut eingeschlagene Paket auf die Ablage. „Macht dreifünfzig.“

Herr Rüter hatte seine Geldbörse schon in der Hand, und sogar Ella konnte sehen, dass die sehr schmal war, alt, abgegriffen. „Sind Sie sicher?“, musste er sich allerdings noch einmal vergewissern.

„Ganz sicher“, bestätigte Sörine und nahm die ihr gereichten Münzen entgegen.

„Das ist wirklich lieb.“ Herr Rüter strahlte auf einmal. „Ich mag die Torte nämlich furchtbar gern. Aber sonst hätte es für die Busfahrkarte nicht mehr genügt.“

Sörine reichte ihm das Paket. „Bitteschön.“

Doch der Mann rührte sich nicht.

„Herr Rüter?“

Ella brauchte einen Moment, ehe sie erkannte, dass der Mann auf die Wand starrte, wo die ‚Eckernförder Zeitung‘ an einem Bügel hing. Der heutige Hauptartikel samt Riesenfoto handelte – wer hätte das gedacht – vom gestrigen Mord.

„Er … ist tot?“, stammelte Herr Rüter.

„Wer?“ Sörine sah erschrocken auf. „Wer ist tot, Herr Rüter?“

 

„Delf“, sagte der tonlos. „Delf Niemann.“

„Ach ja, hab ich auch schon gehört. Das ist der Besitzer vom Baumarkt, nicht? Ist wohl wirklich ermordet worden – mitten in uns‘ lütt Eckernför‘. Das kann man gar nicht glauben, nicht?“ Sie sah zu Ella und den anderen herüber und neigte vielsagend den Kopf, als wollte sie sagen: Verratet jetzt bloß nicht, dass ihr von der Kripo seid.

Nun ja, sie alle hielten den Mund. Schauten jedoch zu, wie der Mann mit dem Schreck umging, auf das Bild starrte, dann auf sein Tortenpaket und wieder auf die Zeitung.

„Kannten Sie ihn?“, fragte Sörine mitfühlend.

„Ist schon lange her, von der Schule“, antwortete Rüter sofort. „Delf war ein paar Jahre jünger als ich. Arrogant und überheblich war er. Ist bei reichen Eltern aufgewachsen. Das färbt ab.“ Er schluckte, schüttelte sich kurz, als wollte er sich endlich zur Ordnung rufen. „Ermordet. Delf Niemann, einfach ermordet. Wer ist denn der Mörder?“

„Keine Ahnung.“ Wieder warf Sörine Ella und den anderen einen raschen Blick zu. „Ist wohl noch nicht gefasst.“

Rüter nickte. „Ich will ja niemandem was Böses, aber dieser Mann …“, er deutete auf Niemanns Foto, „hat sich viele Menschen zum Feind gemacht. Da wird es wohl so einige geben, die jetzt nicht traurig sind.“

„Wie meinen Sie das, Herr Rüter?“, fragte Sörine leise.

„Wie der Herr, so’s Gescherr“, antwortete der. Ehe er sich sichtlich straffte und endlich nach seinem Kuchenpaket griff. „Ich habe zu danken.“

Just als er das Café verließ, kamen weitere Gäste. Ulli musste aufstehen und sie bedienen. Sörine jedoch nahm sich noch einen Moment, setzte sich zu ihnen an den Tisch, um wenigstens ihren Tee in Ruhe zu trinken.

„Wer ist dieser Rüter?“, fragte Ella, während sie sich eine Gabel voll Torte in den Mund schob. Oh – die schmolz ja im Mund. Superlecker!

„Ach, der wohnt hier irgendwo in der Nachbarschaft. Ist so ein einsamer alter Kerl, der bis auf einen Enkel niemanden mehr hat.“ Sörine schlürfte aus ihrer Tasse. „Der kommt immer mal auf einen Tee, liest dabei die Zeitung und geht dann wieder.“

„Es war sehr nett von Ihnen, ihm ein Stück Torte zu schenken.“

„Ihnen?“ Sörine sah Ella empört an. „Ich heiße Sörine, und du sagst du zu mit. Sonst muss ich dich Frau Kirsch nennen.“

„Also, dann nochmal fürs Protokoll.“ Ella räusperte sich. „Es war sehr nett von dir, dem alten Herrn ein Stück Torte zu schenken.“

„Ich hab mir vorher nie Gedanken darüber gemacht, warum der immer nur einen Tee nimmt. Heute ist bei mir endlich der Groschen gefallen.“ Voller Unverständnis über sich selbst schüttelte Sörine den Kopf. „Ist doch ein Jammer, wenn man sich im Alter so gar nichts mehr leisten kann, oder?“

Ella nickte und wusste gleichzeitig: Sörine würde jetzt öfter Ausnahme-Aktionen machen. ‚Bestell ’nen Tee und krieg ein Stück Torte gratis dazu‘-Tag – oder so in der Art. Jedenfalls wenn so arme Schlucker wie dieser Rüter auftauchten. Ihr war ziemlich warm ums Herz, und das kam ganz sicher nicht vom Kaffee.

„So, ich muss dann mal mit anpacken gehen, die Ulli muss wie ein Füllen springen, um all die Gäste zu bedienen. Dabei ist die doch auch schon ’ne ruhigere Stute.“ Leise ächzend stand Sörine auf. „Wir alle werden ja wohl auch nicht jünger.“

Ella sah ihr nach, wie sie dann flink zur Theke eilte. Mittlerweile waren wirklich alle Tische besetzt, der Laden brummte. Sie hatte recht behalten, offenbar gab es eine Menge Menschen, denen das Tortenstübchen so gut gefiel wie ihr. Da öffnete sich die Tür auch schon für einen neuen Gast.

Doch dieser brachte ziemlich kalten Wind mit sich. Jedenfalls für Ellas Empfinden. „Hier seid ihr?“ Kein anderer als der Blaue Heinrich höchstpersönlich stand, Hände in den Hüften, im Türrahmen und bekam sein Gesicht nicht recht in den Griff. Naja, vielleicht bemühte er sich auch nicht sonderlich. Jedenfalls sah er ungehalten aus. Vorwurfsvoll, anklagend, säuerlich. Und natürlich blickte er Ella direkt an. „Ich muss mich mit dem nervigsten aller Zeugen herumschlagen, während Sie hier in aller Ruhe Ihre Pause überziehen?“

„Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass ein gewisser Herr einen gewissen Hund keinesfalls in seinem Büro haben wollte. Also blieb seiner liebreizenden Kollegin nichts anderes übrig, als einen anderen Platz für ihren wundervollen Hund zu suchen“, flötete Ülkü in Heinrichs Richtung.

„Nun macht aber mal halblang“, verteidigte sich der gewisse Herr im Brustton der Überzeugung. „Hunde haben im Büro nichts zu suchen. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder …?“

„Na, ins Tortenstübchen“, platzte Ülkü heraus.

Alle prusteten los. Alle bis auf Heinrich natürlich.

„Humor“, hauchte Hobbi in seine Richtung. „Das Zauberwort, das das Leben für alle Beteiligten angenehmer macht.“

Was auf Heinrich natürlich den gegenteiligen Effekt hatte. „Hör auf!“ Seine Stirn war gefährlich gerunzelt.

Hobbi flößte er damit keinen Respekt ein. „Na, das würde ich dir mal gehörig empfehlen, mein Lieber. Vielleicht hab ich mich ja auch nur verhört. Jedenfalls ist mir zu Ohren gekommen, dass der gewisse Hund dir gestern einen eindeutigen Ermittlungserfolg in der Kleingarten-Sache beschert hat.“

„Das war außerhalb der Arbeitszeit“, fauchte Heinrich.

„Dann war es ja sogar so, dass Oskar für dich Überstunden gemacht hat“, gab Hobbi lapidar zurück. „Seit wann bist du diesbezüglich so pingelig? Fakt ist doch: Du hast jetzt einen der Jugendlichen und kommst bei deinen Ermittlungen voran. Also, ich an deiner Stelle wäre Oskar dankbar.“

„Ah, Junge, schön dass du auch vorbeikommst.“

Die Stimme von hinten ließ Heinrich augenblicklich herumfahren. Und Ella sich aufrichten. Hörte sie richtig? Sörine nannte ihren Chef ‚Junge‘?

„Hallo Mutter.“

Entgeistert ließ Ella sich auf das Sofa zurücksinken. Sörine und Heinrich … äh, Thorsten. Und der Blaue Heinrich. Plötzlich waren alle Zusammenhänge klar. Mutter, Sohn und Lieblingstorte. Und natürlich war die Torte nach dem Sohn benannt worden und nicht umgekehrt. „Ihr gemeinen Schwindler“, zischte sie zu Hobbi und Ülkü hinüber. „Mich so auf die Schippe zu nehmen.“

Die beiden grinsten einhellig.

„Setz dich, ich bring dir gleich einen Blauen.“ Sörine strahlte ihren Sohn an. „Deine neue Kollegin habe ich nun ja schon kennengelernt. So was von lieb und nett. Da hast du wirklich Glück gehabt.“ Eilig verschwand sie wieder in Richtung Tortentresen.

Das Glück, von dem sie gesprochen hatte, spiegelte sich zwar keineswegs in Heinrichs Gesicht wider, aber wenigstens schnappte er sich einen freien Stuhl und setzte sich Ella gegenüber. „Ihnen ist schon klar, dass Sie sich in einer ziemlich ausgedehnten Pause befinden?“

„Ich arbeite das nach“, fauchte Ella zurück. Du meine Güte, was sollte dieses Gepingel?

„Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet: Darf man nachfragen, was du gerade hier treibst?“ Hobbi lächelte jetzt kein bisschen mehr.

„Mittagspause“, brummte Heinrich, ohne zu zögern. „Eine halbe Stunde. Steht laut Arbeitszeitverordnung jedem von uns zu.“

Hobbis Mund öffnete sich.

Doch genau in dem Moment war Sörine wieder da und stellte Teller und Tasse vor Heinrich hin. „Hier, min Jung. Lat di dat schmecken. Vielleicht hilft das auch deiner Laune ein bisschen auf die Sprünge.“

„Mutter!“

„Doch, doch, Jung. Wie ich dich kenne, hast du heute noch nicht viel in den Magen gekriegt. Und ein zu niedriger Blutzucker kann einem ganz schön die Laune verhageln. Iss und genieße. Dann scheint dir auch gleich wieder die Sonne. Und Oskar ist ein ausnehmend netter Hund.“

Nein, nein, die Sonne wollte für Heinrich absolut nicht aufgehen. Mit finster zusammengezogenen Augenbrauen stach er seine Gabel viel zu heftig in die Torte, zerrte ein Stück daraus und … Nun ja, es hätte unter Umständen in seinem Mund landen können, tat das aber nicht, sondern flog in hohem Bogen über den Tisch – auf Ella zu. Die ruckte mit dem Oberkörper ein Stück zurück und beobachtete, wie das sahnige Geschoss den Tisch knapp verfehlte – und auf den Boden klatschte. Direkt vor Oskars dankbare Schnauze.

Danach – völlig klar – war Heinrich sein auserkorener Freund. Vertrauensvoll setzte er sich an seine Seite und fixierte ihn mit seinen sanften braunen Augen.

Jeder andere hätte diesem Bettelblick nicht mal eine halbe Minute standhalten können, Heinrich dagegen hatte ganz offensichtlich überhaupt kein Problem damit. Mit ein paar riesigen Hapsen verschlang er seinen Heinrich, ohne Oskar auch nur eines verstohlenen Seitenblickes zu würdigen.

Das war dann doch zu viel für ihn. Mit einem auffordernden Geräusch, halb Jaulen, halb Wimmern, legte er Heinrich seine Vorderpfote aufs Knie. Der ultimative Torten-Ausgabe-Antrag.

„Äh, hau ab.“ Heinrich schnellte vom Tisch hoch.

Und Oskar ließ ein verzweifeltes Bellen los.

„Ruhe.“

Oskar verstummte. Würde er jetzt noch etwas bekommen?

Er hatte Pech. Ella zog ihn zu sich und bestimmte forsch: „Platz.“

In Heinrichs Jackentasche vibrierte es hörbar. Schnell hatte er sich das letzte Stück Torte in den Mund gestopft, sprang auf und rannte förmlich zur Tür, ehe er sein Handy hervorzog und dranging. Sodass Ella nicht das Geringste hören konnte. Das hatte er doch absichtlich so gemacht!

Er lauschte angestrengt, um dann herauszuplatzen: „Melina? Äh – Frau Niemann?“

Ha! Alarmiert hatte Ella sich aufgerichtet und lauschte mit aller Konzentration.

„Ja, natürlich, das habe ich gesagt, Sie könnten mich jederzeit anrufen.“ – „Aber ja, ich … wir kommen zu Ihnen, oder? Meine Kollegin und ich. Nach Windeby? Sind Sie zu Hause?“ – „Verhalten Sie sich ruhig, wir sind auf dem Weg.“ Noch während er sprach, hatte er sich zu Ella umgedreht.

Die stand längst an ihrem Platz.

Das Handy noch am Ohr, kam Heinrich wieder näher. „Sind Sie mit dem Wagen da?“

„Wir sind alle drei mit demselben Wagen da“, antwortete Hobbi an ihrer Stelle. „Aber wenn es wirklich so wichtig ist, können Elke und ich auch zu Fuß …“

„Hey, kannst du mich gefälligst auch mal fragen, ehe du so absurde Angebote machst?“ Ganz offensichtlich war Ülkü keine passionierte Fußgängerin.

„Wenn ihr es gegen halb sieben wiederbringt, könnt ihr mein Auto nehmen“, schaltete Sörine sich von hinter der Tortentheke ein, wo sie gerade den letzten Heinrich auf einen Teller bugsierte.

„Danke dir.“ Thorsten war schon draußen.

Danke dir, dass du nicht mal kurz auf mich warten kannst! Ella war von ihrem Platz hochgeschossen – doch dann wurde ihr bewusst, dass sie ihn in der Hand hatte – fahrtechnisch. Und sie würde ihn zappeln lassen!

Naja, vielleicht nicht unbedingt diesmal, wo es so dringlich war und Melina auf sie wartete. „Ulli, wir müssen ganz schnell los. Geht das einfach so?“

Die nickte, war gerade damit beschäftigt, einen Tisch abzukassieren. Ella ließ einfach die Leine los. „Sei brav, Dicker. Und vielen vielen Dank“, rief sie in die Runde.

„Hier, die Schlüssel“, war Sörine plötzlich neben ihr und drückte sie ihr in die Hand.

„Ich komme nachher wieder.“

„Allens klaar.“ Vergnügt winkte Sörine ihr nach.

 

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