Rat-losigkeiten

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»Es reicht!«
Thurid zuckte erschrocken zusammen, als Cord völlig unvermutet die arbeitsame Stille brach. Die an den weiteren Tischen verteilten Räte waren ebenfalls hochgeschreckt.
Hatte Cord extra gewartet, bis er sich der Blicke aller sicher war? Jedenfalls sprang er erst jetzt auf und schleuderte mit theatralischer Geste das Dokument, das er bis eben noch studiert hatte, von sich. »Was wir hier treiben, ist völlig sinnfrei.«
Alle Anwesenden erstarrten. Selbst Cord war reglos mit noch erhobenen Händen stehengeblieben. Im Gegensatz zu den anderen blickte er allerdings nicht erschrocken, sondern wild entschlossen drein.
Die Sekunden verstrichen. Alle schienen zu warten. Darauf nämlich, wie Dominiak reagieren würde. Auch Thurid sah jetzt nur noch ihn an.
»Hrm.« Er schien völlig unbeeindruckt. Ganz bedächtig erhob er sich, trat einen Schritt von seinem Arbeitsplatz zurück. Dann wandte er sich betont langsam zu Cord. »Was willst du damit sagen?«
Nun ja, vielleicht täuschte der Eindruck, und Dominiak war doch nicht so ruhig, wie er sich gab, immerhin bemerkte Thurid just in diesem Moment, dass sein Bart leicht zitterte. Dennoch bewunderte sie ihn für seine, wenn auch nur zur Schau gestellte Gelassenheit.
Was die anderen beruhigte – jedenfalls waren sie noch immer still – bei Cord verfehlte es die Wirkung vollkommen. Im Gegenteil. Als wäre ein Bann gelöst, wies er aufgebracht auf die mit Schriftrollen übersäten Tische. »Liegt das nicht auf der Hand? Seht euch doch um! Seit Wochen wühlen wir uns durch Tausende und Abertausende von diesen vermaledeiten Geburtsblättern. Und wofür?«
»Muss ich das wirklich wiederholen?« Dominiak akzentuierte seine Worte sehr scharf. »Zum vielleicht tausendsten Mal?« Die vorher demonstrierte Gelassenheit war komplett verflogen, nun klang er nur noch genervt und gereizt.
»Oh nein, das kann ich für dich erledigen.« Er ahmte Dominiaks Tonfall recht treffend nach: »›Wir müssen die Prophezeiung erfüllen, unser aller Leben hängt davon ab.‹« Voller Widerwillen schüttelte er den Kopf. »Wenn ich das noch einmal hören muss, kotze ich.«
»Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Zeit drängt!«
»Das ist exakt der Punkt. Und warum ist das so?« Anklagend richtete Cord seinen ausgestreckten Zeigefinger auf den Ratsvorsitzenden. Mit zusammengekniffenen Augen stieß er hervor: »Wann kam deine Benachrichtigung, dass du den Hohen Rat einberufst? Lass mich nachrechnen. Letzten Vollmond, oder?« Er blickte in die Runde. »Jedenfalls war es da längst zu spät.« Cord hob die Hände und schlug sie über dem Kopf zusammen. »Die Einberufung des Hohen Rates wäre notwendig gewesen, gleich nachdem du den Raum entdeckt hattest. Wann hast du gesagt, ist das gewesen? Vor Jahren!«
Da war es heraus. Thurid seufzte. Sie hatte sich ähnlich ausgedrückt, als Dominiak ihr vor zwei Monaten die geheime, mit tausenden Schriftrollen vollgestopfte Kammer hinter der Treppe gezeigt hatte. Die in Hinblick auf die sich ankündigende Katastrophe völlig neue Perspektiven eröffnet hatte. Deswegen konnte sie nicht anders, als Cord recht zu geben. Allerdings war sie der Ansicht, dass es nun mal war, wie es war, und sie nur das Beste daraus machen konnten. Sich jetzt in Vorwürfen zu ergehen, machte für sie überhaupt keinen Sinn, kostete es doch das, was sie jetzt am wenigsten hatten und am meisten brauchten: Zeit und Energie.
Cord sah das natürlich gänzlich anders und ritt weiter auf dem unerfreulichen Thema herum. »Gib zu, du hattest niemals vor, uns von den Geburtenblättern zu berichten.« Sein Blick war mittlerweile eisenhart geworden. »Du hast zugewartet und zugewartet, bis du doch nicht anders konntest, als dein Geheimnis mit uns zu teilen. Aber da war es eben schon fünf vor zwölf, und darum hättest du dir das auch schenken können.«
»Glaub mir, Cord, wenn du an meiner Stelle gewesen wärst …«
»… hätte ich mich genauso selbstsüchtig und unverantwortlich aufgeführt wie du?«
»So einfach ist es nicht.« Dominiaks Hand schnellte in die Höhe, um Cords nächsten Widerspruch im Keim zu ersticken. »In diesen Geburtenblättern liegt ein schier unglaubliches Potential. Das nicht nur zum Guten führen würde, wäre es allgemein bekannt. Ja, Cord, du hast völlig recht, ich hätte mein Wissen für mich behalten, stünden die Zeichen dieser Zeit nicht dagegen.« Seine Wangenmuskulatur arbeitete. Er stand unter Druck. Dennoch blieb er erstaunlich gelassen. »Geheimnisse neigen dazu, keine mehr zu sein, wenn zu viele Menschen davon wissen.«
»Wir sind zehn Personen«, schleuderte Cord ihm voller Wut entgegen. »Zehn vom Volk bestellte Räte. Damit wir Verantwortung für die Allgemeinheit übernehmen.«
»Genau das habe ich getan«, erwiderte Dominiak leise. »Ich habe die Verantwortung übernommen, über diesen Raum zu wachen, die Allgemeinheit vor ihm zu schützen. Und zwar, weil er sich mir offenbart und damit mir diese Aufgabe übertragen hat.« Er neigte den Kopf leicht zur Seite und musterte die Anwesenden. »Nun mal ehrlich, meine lieben Miträte. Was hättet ihr an meiner Stelle getan? Ihr kommt hierher, in diese alte Burg, in der noch immer die Magie unserer Vorfahren wirkt – und entdeckt einen Raum, der vorher scheinbar noch nicht da gewesen ist. Und stellt euch weiterhin vor«, er breitete die Arme aus, »darin findet ihr einen wahrhaftigen Schatz. Kein Gold, kein Geld, kein Geschmeide, nein. Dafür so überaus heikles Wissen, dass euch klar wird: Nur größte Geheimhaltung wird die Aquilianer, dieses Volk, das zu schützen ihr geschworen habt, davon abhalten, die Burg zu stürmen. Um das eigene Schicksal zu erfahren. Und das der anderen, ganz egal, ob geliebt oder gehasst! Denn wer würde widerstehen können, solcherlei Informationen nicht für sich auszunutzen?«
Thurid sah einige der anderen Räte nicken. Sigune hatte sich Jaromir zugewandt und flüsterte mit ihm. Oda jedoch sah finster drein. Klar, sie hielt zu Cord, schließlich war er ihr direkter Amtskollege.
»Willst du uns weismachen, dass dich rein hehre Motive davon abhielten, dein Wissen mit uns zu teilen?« Der hatte sein Kinn hoch erhoben und musterte Dominiak kalt. »Und nun gib zu, was hast du als erstes getan, nachdem du diesen Raum entdeckt hattest? Dein Schicksalsblatt gesucht und«, er wischte ironisch durch die Luft, »nicht gelesen?«
»Natürlich habe ich es gelesen«, gab der tatsächlich völlig freimütig zu. »Ich war wie von Sinnen, als ich verstand, was dort lagert. Mit diesem Wissen würde ich mächtig sein, mächtiger, als es je ein Mensch gewesen ist. Ich würde über ein Volk herrschen können, würde König sein können, die alleinige Macht innehaben, weil mir Gegenwart und Zukunft eines jeden Bürgers bekannt sein würde. Ich hätte Wissen um Freundschaft und Feindschaft. Verrat wäre kein Problem, wüsste ich doch davon.« Er war immer lauter geworden, leidenschaftlicher. Seine Wangen hatten sich gerötet, die Augen blitzten. Es war offensichtlich, Dominiak sprach sich die Seele frei. Nun donnerte er in den Raum hinein: »Nachdem ich mich lange genug im Rausch der Allmacht gesuhlt hatte, nachdem ich mir in den leuchtendsten Farben ausgemalt hatte, was mir damit zu Füßen liegen würde, las ich mein Geburtenblatt, die Vorhersage, die mir bestimmt war. Und da ging mir langsam die Wahrheit auf: Ich bin nur ein Mensch. Der zwar lesen kann, aber niemals alle diese vielen tausend Schicksalsblätter. Es würde also null und nichtig sein, was ich an Information herausziehen würde, weil mit Sicherheit irgendwo ein Schicksalsblatt existiert, das meine Pläne zunichte machen würde.«
»Sieh an, sieh an. Nachdem also unserem ohnedies so überaus mächtigen Dominiak klar geworden war, dass ihm aus dem neuen Wissen keine Allmacht erwachsen würde, beschloss er, dass am besten niemand davon erfahren solle.« Cord grinste süffisant. Es war offensichtlich, dass er seine Worte genoss.
Thurid, die sich fragte, was Cord wohl an Dominiaks Stelle getan hätte, war auf einmal dankbar um die Entscheidung, die der getroffen hatte. Was allerdings blieb: Als es wichtig geworden war, Hilfe zu holen, hatte Dominiak gezögert, sein Wissen zu teilen.
»In der Tat, ich habe zu viel Zeit verstreichen lassen.« Er hatte den Kopf demütig gesenkt, sprach leise und gehetzt. »Ich habe mich geirrt. Die Aufgabe ist für mich alleine zu groß. Ich brauchte und brauche Vertraute. Euch brauche ich. Gemeinsam sind wir zehnmal schneller. Das war und ist mein Lichtblick.«
»Zehnmal schneller, das mag ja sein. Doch dank deines Zögerns haben wir mindestens zehnmal weniger Zeit«, beharrte Cord. »Ein Vorteil wäre das also nur gewesen, wenn du uns gleich gerufen hättest. Aber so …« Er deutete in Richtung der mit Schriftrollen überfüllten Tische und Regale, die noch der Sichtung harrten.
»Noch dazu geben diese Geburtenblätter nicht wirklich etwas her«, meldete sich Sigune zu Wort und wies eifrig auf die Rollen, die auf ihrem Tisch aufgetürmt waren. »Da steht, wie viele Kinder jemand bekommt und ob Krankheiten ihn heimsuchen werden, vielleicht noch, dass er wohlhabend sein wird. Mehr aber nicht.« Sie griff nach einer, entrollte sie. »Hier zum Beispiel. ›Das Mädchen, am 13. Februar geboren, wird nicht zur Schönheit auserkoren. Dafür wird sie treu ergeben, drei weiteren Kindern schenken das Leben.‹« Kopfschüttelnd ließ sie das Blatt sinken, das sich umgehend wieder einrollte. »Das ist doch nicht im entferntesten hilfreich.«
Dass sie Cords Anklage damit geradezu unterlief, schien ihr nicht bewusst zu sein. Umso besser. Vielleicht half Sigunes Einwand, dass der sich ein wenig beruhigte?
»Es gibt doch auch andere Geburtenblätter – ich nenne sie lieber Schicksalsblätter. Die sind schwerer zu deuten«, steuerte Jaromir bei. »Auf die konzentriere ich mich in der Hoffnung, dort einen Hinweis zu finden.«
»Himmel«, stöhnte Cord demonstrativ und rollte mit den Augen. »Mir ist noch keine einzige Rolle untergekommen, die für uns auch nur ansatzweise Sinn ergeben würde, sei sie nun völlig klar formuliert oder verschlüsselt. Und uns läuft die Zeit davon. Selbst wenn wir Tag und Nacht arbeiten, niemals schaffen wir …«
»Es ist doch nicht gesagt, dass erst eine der letzten Rollen uns den entscheidenden Hinweis gibt«, schnitt Thurid ihm das Wort ab. »Vielleicht finden wir den einen magisch begabten Menschen, den wir so dringend benötigen, schon beim Öffnen der nächsten Rolle.«
»Ganz genau, du hast natürlich recht, verehrte Rätin von Amethheim.« Bitterböse grinsend verneigte sich Cord vor Thurid, ehe er wahllos nach einer Rolle griff. »Höchstwahrscheinlich ist es gleich diese hier. Mal sehen.« In aller Seelenruhe öffnete er sie. »Es eilt ja nun nicht mehr, oder?« Dann warf er einen Blick auf das Blatt. »Ah, ein wundervolles Beispiel eines schicksalhaften Ergusses. Genau wie wir ihn brauchen, hört, hört: ›Der Mann wird bleiben und nicht gehen, selbst wenn schlimmste Stürme wehen. Einsam jedoch wird er immer bleiben, spät im Leben Erinnerungen schreiben.‹« Er schlug auf das Blatt. »Herrje, es reimt sich nicht mal richtig. Und wer soll nun damit etwas anfangen können? Immerhin wissen wir, dass es sich um einen Mann handelt, der des Schreibens mächtig ist. Und er wird etwas erleben, was er für aufschreibenswert hält.« Cord schnaubte abfällig. »So wie es klingt, nicht einmal für seine unmittelbaren Nachkommen.« Er verdrehte die Augen. »Von Magie keine Spur, oder habe ich hier was überlesen? Dominiak, wenn nur eine einzige Rolle unter diesen Abertausenden etwas Brauchbares hergibt, sind wir zehn Personen im Zeitraum, der uns zur Verfügung steht, auf völlig verlorenem Posten.«
Innerlich händeringend sah Thurid zu Dominiak. Er musste einschreiten, das hier beenden, sonst …
Doch er wirkte völlig gelassen, heiter sogar. Was um Himmels willen mochte das bedeuten? Sah er nicht, was ihr längst offensichtlich schien, dass nämlich Cord dabei war, die anderen Räte zu überzeugen? Gegen ihn!
»Nun ja, ich stimme dir natürlich zu. Dieses Geburtenblatt gibt keinerlei Hinweis auf auch nur einen Funken Magie. Und dennoch, wenn mich nicht alles täuscht …« Er hatte sich leicht nach vorn gebeugt und spähte auf die Unterseite des Blattes, das Cord in Händen hielt. »Potz blitz. Soll noch mal einer sagen, hier wäre keine Magie im Spiel.« Er lächelte Thurid strahlend zu, ehe er sich erneut an seinen Kritiker wandte. »Es könnte sehr aufschlussreich sein, wenn du mal nachsehen würdest, wessen Geburtenblatt du uns soeben vorgelesen hast.«
Mit blitzenden Augen riss Cord das Schriftstück herum, Thurid konnte den Luftzug spüren. Und dann zusehen, wie Cord erbleichte.
»Solltest du jetzt also noch immer meinen – und solltet ihr anderen ebenfalls dieser Ansicht sein, dass es sich nicht lohnt, weiter zu suchen – dann frage ich euch: Wollt ihr fortfahren, mir meinen Fehler vorzuwerfen, zu viel Zeit verschwendet zu haben – und damit den Rest der verbleibenden Frist verschwenden?«
Ein paar Räte holten Luft.
»Wollt ihr euch darauf ausruhen, dass es meine Pflicht gewesen wäre, euch früher ins Boot zu holen – und euch weigern, die eure zu tun?«
Bereits geöffnete Münder schlossen sich wieder.
»Wollt ihr entscheiden, dass es zu spät ist, und es zu spät sein lassen?« Dominiak war zunehmend lauter geworden, nun hallte seine Stimme geradezu von den Wänden wider. »Wollt ihr zulassen, dass unser Schicksal ein für allemal besiegelt ist?« Er ließ sein Echo ausklingen.
Das Schweigen im Raum summte in Thurids Ohren.
»Wollt ihr aufgrund meiner Verfehlung resignieren und die Dinge einfach laufen lassen?«, fuhr er nach mehreren Sekunden leise fort. »Bringt ihr das wirklich über euch? Könnt ihr ertragen, gar nichts zu tun? Nur noch abzuwarten, bis es vorbei ist?« Obwohl er so verhalten sprach, lag alle ihm eigene Autorität in seinen Worten. »Wenn ihr tatsächlich glaubt, dass es zu spät ist, etwas gegen unser durch die Prophezeiung angedrohtes Schicksal auszurichten, dann geht. Geht alle nach Hause und kümmert euch um die Belange eurer Gemeinden. Oder um euer eigenes Wohl. So lange es noch währen möge.« Damit ging er zu seinem Platz zurück, setzte sich und griff nach einer Rolle. »Ich für meinen Teil werde weitermachen.«
Thurid fühlte die Spannung sich wie eine Klammer über den Raum, über sie alle legen. Dominiak forderte eine Entscheidung. Was, wenn Cord tatsächlich gehen würde? Würden die anderen Räte seinem Beispiel folgen? Das wäre eine Katastrophe!
Cord reagierte zunächst einmal gar nicht, sah nur mit unbestimmtem Gesichtsausdruck zu dem scheinbar vertieft lesenden Dominiak. Thurid betete, dass er nachdenken möge. Und dann nachgeben und weitermachen.
Es dauerte eine ganze Weile, ehe Cord sich regte. Vorsichtig, zaudernd, ohne ein Wort. Irgendwie wirkte er, als sei seine ganze Energie verpufft. Jedenfalls verfolgten alle gebannt, wie er sehr langsam zu seinem Sessel zurückging, sich setzte und die Arme verschränkte. Dass er sich unwohl fühlte, war offensichtlich. »Also gut«, knurrte er in die Runde. »Machen wir weiter. Schließlich steht mehr als ein Leben auf dem Spiel.« Und damit griff er, wie Dominiak zuvor, nach einem weiteren Schicksalsblatt, entrollte es und senkte seinen Blick hinein.
Einen atemlosen Moment der Stille später erhob sich sachtes Gemurmel, gefolgt von Kleidergeraschel, als nach und nach die anderen Räte ebenfalls die Arbeit wieder aufnahmen. Wenig später war die Arbeitsstimmung zurück, und Thurid wusste, obwohl sie es nicht so recht verstand, die Gefahr war gebannt. Für diesmal.
Es war ausgerechnet Dominiak, der die Stille gleich darauf unterbrach: »So kann ich nicht arbeiten. Erst einmal brauche ich …« Er hatte die Brille abgesetzt und massierte sich zwischen den Augen. Dann räusperte er sich. »Lasst uns eine kurze Pause einlegen. Nur eine Viertelstunde. Ich für meinen Teil zumindest muss mich etwas bewegen.«
Er erntete keinen Beifall für seinen Vorschlag. Natürlich nicht. Erst alle zur Arbeit drängen und dann eine Pause verlangen. Entsprechend verständnislos guckten die anderen jetzt auch. Immerhin widersprach niemand.
So verwundert Thurid auch war, sie fühlte sehr ähnlich wie Dominiak. Mit der Diskussion hatten sie viel Zeit verschwendet, da mussten ein paar Minuten für einen Spaziergang schon drin sein. Zumal der ihr helfen würde, den Schreck zu vergessen, die kalte Hand der Angst, die schon nach ihr gegriffen hatte. Und außerdem – konnte es schaden, mit Dominiak ein paar Worte über die gane Sache zu wechseln? Ganz ohne Zuhörer. »Warte auf mich, ich komme mit.« Eilig erhob sie sich.
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Als Dominiak nach Thurid in den Burghof trat, blendete ihn die grelle Nachmittagssonne. Er blinzelte und es dauerte einen Moment, bis er wieder klar sehen konnte. Er fühlte sich völlig ausgepumpt.
»Was war das für ein Geburtenblatt, das Cord uns vorgelesen hat? Irgendwie klang es, als sei es seines gewesen.« Thurid wandte sich um und musterte ihn neugierig. »Sonst hättest du nicht gewagt, ihn derart zu konfrontieren, oder?«
Dominiak musste lachen. Und nicken. »Sehr gut geschlossen. Er hat tatsächlich sein eigenes erwischt.«
»Wie konnte ihm das passieren?«
»Nun ja, es lag auf einem der Tische, die noch nicht gesichtet worden waren.«
»Es bezog sich exakt auf die Situation vorhin.«
Dominiak schmunzelte über Thurids erstaunten Blick. »Tja, gegen unser Schicksal kommen wir wohl alle nicht an.«
Sie lachten beide.
Doch natürlich war das Thema für sie keineswegs beendet. »Was steht in deiner Vorhersage?«, verlangte sie zu wissen. »Du hast sie gelesen und entschieden, doch den Rat einzuschalten, hast du eben gesagt. Passt das auch zu – jetzt?«
»Sie passt. Und noch zu sehr vielem mehr.« Nein, näher würde er jetzt nicht darauf eingehen. Lieber ablenken. »Wie sieht es mit deinem Geburtenblatt aus, kennst du es?«
Thurid tat ihm den Gefallen und lächelte. »Klar, ich hab natürlich auch gleich danach gesucht, als wir die Rollen zur Sichtung in den großen Saal gebracht haben. Das ist nun mal der Heimvorteil. Ich schätze, die anderen werden spätestens jetzt nach ihren eigenen Geburtenblättern suchen.«
»Oh, da bin ich sogar ganz sicher.« Dominiak grinste. »Sie werden die Gelegenheit nutzen, dass wir nicht da sind.« Er führte Thurid über den Burghof. »Ich für meinen Teil würde zu gern mal wieder aus dieser verflixten Burg herauskommen. Und – was doch wie ein Wink des Schicksals anmutet – die Sonne scheint, siehst du?« Was ihm erst in dem Moment aufgefallen war, da er es ausgesprochen hatte. Doch es stimmte. Der Himmel war zwar keineswegs klar, aber heute war eine unbeschwerte Sonne aus einem Stück tiefblauen Himmels zu sehen, der ansonsten fast durchweg von dunkelgrauen Wolken bedeckt war.
»Na, dann nichts wie los, tagsüber ist das doch selbst hier oben kein Problem. Außerdem sind wir erwachsen und können uns wehren.«
Dominiak musste lachen. »Wir – erwachsen? Du meine Güte.«
Während sie den Burghof in Richtung Tor durchquerten, betrachtete er Thurid schmunzelnd von der Seite. Ihr Haar war eisgrau, und die vielen kleinen Falten in ihrem Gesicht sprachen von einem gelebten Leben. »Sag mir, erwachsene Thurid, wie geht es deinem Enkel?«
»Oh, bestens, bestens«, ging sie auf sein Necken ein. »Erlwin ist bereits mit der Schule fertig und überlegt, was er nun weiter machen soll.«
»Sein Vater ist Holzfäller, nicht?« Das wusste er natürlich längst. Genau wie er wusste, dass Erlwin die Schulzeit hinter sich hatte. Immerhin waren Thurid und er … nun ja, ziemlich vertraut miteinander. Sich Dinge zu erzählen, die ihnen bereits bekannt waren, hielt sie jedoch zuverlässig davon ab, sich den heikleren Themen zu nähern.
»Ja, nur scheint ihn die Holzfällerei nicht sehr zu verlocken. Ich finde ihn auch zu zart für so einen groben Beruf.« Thurid lächelte versonnen.
Dominiak wusste genau, wie sehr sie an dem Jungen hing. »Nun, wenn er einen anderen Beruf als Holzfäller wählen möchte, wird er es schwer haben.«
»Wie recht du hast.« Thurid seufzte. »Selbst Torolf, der ja seinerzeit auch andere Berufswünsche hatte, bringt jetzt kein Verständnis für seinen Jungen auf.«
Dominiak nickte mitfühlend und stieß die Tür zum alten Wachhäuschen neben dem Burgtor auf. Auch wenn sich das eigentliche Tor mittels Seilzügen heben ließ, die kleine Durchgangstür mit dem Klappfensterchen öffnete ein Schlüssel. Er griff ihn, steckte ihn ins Schloss und brauchte beide Hände, um ihn zu drehen, so eingerostet war es. »Diese Tür wird viel zu selten geöffnet«, keuchte er.
Na, endlich, er hatte den Widerstand überwunden. Mit lautem Knacken sprang sie auf, sie konnten hinaustreten. »Erinnerst du mich, dass ich dieses Schloss schmieren lasse?« Sorgfältig verschloss er die Holzpforte hinter sich und steckte den Schlüssel in die Hemdtasche.
In der klaren und milden Luft konnte man meilenweit sehen und endlich, wie früher so oft, in der überwältigenden Aussicht schwelgen! Die Gegend hier war nur sanft gewellt, aber im Hintergrund zeichneten sich hohe Berge ab, schroff, teilweise noch verschneit. Es war spät Sommer geworden, weil der Himmel in diesem Jahr einfach nicht hatte aufklaren wollen. Dennoch, jetzt im Juni zeigte sich die Natur in voller Pracht. Alles war grün und blühte, die Vögel zwitscherten, irgendwo bellte ein Hund. Dominiak ließ seinen Blick über die Hügel schweifen, in die sich mehrere kleine Ortschaften und Dörfer schmiegten. Direkt unterhalb der Burg lag Amethheim, ein Ort voller alter, verwunschener Häuser – sein Geburtsort, den er über alles liebte. »So eine schöne Gegend, es wäre ausgesprochen schade, wenn hier alles verloren ginge.« Raschen Schrittes folgte er dem Pfad in Richtung Ortschaft. Irgendwann würden sie es ohnedies nicht mehr vermeiden können, darüber zu reden. Also, warum nicht jetzt?
»Nicht nur um die Gegend.« Thurid nahm sein Angebot an, kam sogar umgehend zum Punkt. »Glaubst du, dass wir noch jemanden finden können, der das Weltenfenster nutzen kann?«
Dominiak warf ihr einen taxierenden Seitenblick zu. »Glaubst du daran?«
Wie er erwartet hatte, seufzte sie traurig. »Ich weiß es nicht. Keine Ahnung.« Sie sah ebenfalls zu ihm, sodass ihre Augen sich trafen.
Ihr schlechtes Gewissen, ihm ihre Zweifel anvertraut zu haben, rührte ihn. Ermutigend lächelte er ihr zu. Gerade ihre Ehrlichkeit schätzte er so sehr.
»Was denkst du?«, fragte sie. Hoffnungsvoll. Flehend. Sie sehnte sich danach, dass er sicher war.
»Wir haben noch zwei Wochen«, erwiderte er, ohne zu zögern. »Also werden wir in diesen zwei Wochen auch jemanden finden.«
»Wirklich?«
»Es steht in der Prophezeiung, und deshalb wird es eintreten.« Schon das auszusprechen, tat gut.
Sie erwiderte nichts mehr. Aber vielleicht lag das auch daran, dass sie ins Schnaufen gekommen war. Weil er mal wieder zu schnell vorwärts jagte. Mit seinen langen Beinen konnte sie nicht mithalten. Augenblicklich drosselte er sein Tempo.
Nach der nächsten Gabelung wurde der Weg breiter. Nach links führte er weiter hinab in den Ort, nach rechts schlängelte er sich durch Wiesen und Felder auf den Wald zu.
Schweigend spazierten sie nun nebeneinander und bogen einvernehmlich nach rechts ab, ohne sich auf ihr Ziel verständigt zu haben. Dominiak wollte gehen und nicht gleich wieder irgendwo ankommen. Dafür war dieser Weg bestens geeignet. Thurid schien es nicht anders zu sehen. Auffordernd reckte er ihr seinen abgewinkelten Ellenbogen entgegen. Ihren Arm nur mit leichtem Druck in seinen legend, folgte sie ihm.
»Ich mache mir große Sorgen«, gab sie nun freimütig zu. »Wir haben doch nichts weiter als diese bis in alle Einzelheiten zerpflückte Prophezeiung, über die Generationen vor uns auch schon gerätselt haben. Nur mit dem Unterschied, dass uns jetzt die Zeit wegläuft.« Thurid keuchte, der Weg stieg ziemlich steil an. »Wenn in all den Jahren vor uns niemand für das Weltenfenster gefunden werden konnte, wie sollen ausgerechnet wir das noch schaffen?«
»Eben deswegen, weil es jetzt drängt. Die Prophezeiung gibt keinen Hinweis auf einen Zeitpunkt – und deshalb musste die Lösung bisher auch noch nicht gefunden werden.« Sicherheit hin oder her, dass er sich dennoch sorgte, musste er vor Thurid nicht verbergen. Wenn es jemanden gab, bei dem er offen sein konnte, dann sie. »Es ist nicht immer einfach, Ratsvorsitzender zu sein«, murmelte er.
»Die nächste Morcusnacht …« Thurid sah ihn an. »Dominiak, ich habe Angst.«
»Ich auch«, nickte der. »Glaub mir, ich auch.«

Schließlich hatten sie den Waldrand erreicht. Die Zeiten, zu denen Kinder hier gespielt hatten, waren lange vorbei. Jetzt achteten die Eltern sorgfältig darauf, dass ihre Kinder dem Wald nicht einmal mehr nahe kamen. Es war zu gefährlich geworden, seit immer mehr Dunkelwesen aus den Erdspalten und Ritzen drangen. Auch Erwachsene mieden ihn. Wer dennoch hinein musste, rüstete sich mit Lampen aus. Licht stellte einen einigermaßen guten Schutz dar.
Der Weg schlängelte sich zwischen den mächtigen Eichen und Buchen hindurch, ein Stück hinein in den Wald, dann verlief er parallel zum Rand. Hier sah alles völlig harmlos aus. Die Bäume standen licht, und die Sonne schien stellenweise bis auf den Waldboden, wo sich kleine Fliegenschwärme aufhielten und in den Lichtflecken tanzten.
Sie kamen wieder an eine Weggabelung. Dominiak deutete fragend darauf: »Wohin?«
Der Weg geradeaus verlief weiterhin am Waldrand entlang, der nach rechts abzweigende führte tiefer zwischen die Bäume.
Thurid sah sich unbehaglich um: »Nicht so weit hinein.« Sie drückte sich ein wenig enger an Dominiak.
Der lächelte leicht. Thurid ängstlich, das kam nicht oft vor. Sie, die mit ihrem Hund stets ohne Zögern in den Wald ging. Unwillkürlich machte er eine suchende Bewegung mit dem Kopf. »Wo ist eigentlich Justus? Ist er krank, oder warum hast du ihn heute nicht mitgebracht?«
»Oh nein, aber er mag die Hitze nicht. Da bleibt er lieber im Schatten. Er ist schließlich auch nicht mehr der Jüngste. Außerdem, was soll er in der Burg, wo ich ohnedies nichts anderes tue, als herumzusitzen. Wenn ich unterwegs bin, ist er immer dabei.« Sie zog sich noch näher an seinen Arm. »Allerdings hätte ich ihn jetzt schon gerne hier.«
Dominiak, der selber den Wald mied, wenn es möglich war, und daher Thurids jetzige Beklemmung leichter nachvollziehen konnte als ihren sonstigen Mut, genoss es, dass sie seine Nähe suchte. »Justus ist gewiss ein guter Schutz«, sagte er betont munter.
Doch Thurid schüttelte den Kopf: »Er sieht gefährlicher aus, als er ist. Aber ich fühle mich mit ihm tatsächlich sicherer.« Sie seufzte tief. »Ich wünschte, ich wünschte wirklich, wir würden endlich jemanden finden für die Aufgabe.«
»Ich schöpfe meine Hoffnung aus der Tatsache, dass ich die Geburtenblätter gefunden habe. Sie sollen uns helfen. Sie werden uns helfen. Deswegen ist es meine feste Überzeugung, dass wir es schaffen werden.« Er überlegte einen Moment, bis zu welchem Punkt er dieses Gespräch führen wollte. Doch dann fasste er den Entschluss, dass es Zeit war, mit der Geheimniskrämerei aufzuhören. Zumindest Thurid gegenüber. »Weißt du, in all den Jahren scheint die Burg sich zumindest Teile ihrer Magie erhalten zu haben. Vielleicht nur, um uns zu helfen, wenn Morcusnacht kommt. Und sind die Geburtenblätter nicht der beste Beweis dafür?«

»Woher kommen sie? Es ist doch niemand da, der sie schreibt.«

»Sie tauchen einfach auf. Einmal, es ist schon eine Weile her, hab ich es sogar gesehen. Ein Kind war geboren worden – du hast es mir hinterher erzählt – und dessen Geburtenblatt ist vor meinen Augen entstanden. Einfach so, aus der leeren Luft.« Er strich ihr über den Arm. »Allerdings stimme ich dir zu, diese Sucherei ist nervtötend.«
»Es ist faszinierend. Magie.« Thurid ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen. »Als Kind hab ich davon geträumt, magisch zu sein. Mein Geburtenblatt zu lesen, hat mir allerdings klargemacht, dass ich mir diesen Wunsch endgültig aus dem Kopf schlagen kann.« Sie lachte kurz. »Wenn uns die Burg tatsächlich helfen will, wird sie auch dafür sorgen, dass wir das richtige Geburtenblatt finden, nicht wahr?«
»So sehe ich das auch.« Gerührt sah er sie von der Seite her an. »Wir dürfen nur nicht aufgeben.«
Sie war stehengeblieben und zwang Dominiak damit, ebenfalls anzuhalten. Einen Moment sah sie ihn nur an, dann wischte sie mit der freien Hand über ihre Stirn: »Als hätte der Hohe Rat sonst nichts zu tun.« Dann ging sie, Dominiak mit sich ziehend, energischer weiter. »Du vernachlässigst die Gemeindearbeit. Wie ich auch. Sag mal, wann war das letzte Mal Gericht? Wann hast du Bürgerrat gehalten, Ehen geschlossen, das Geburten- und Sterberegister geführt? Doch schon seit Ewigkeiten nicht mehr.«
»Wir haben eine Aufgabe, die wichtiger ist als das alles. Sonst werden die Räte sämtlicher Gemeinden bald gar nichts mehr zu tun haben. Weil es sie nicht mehr geben wird. So wie es ganz Aquilien nicht mehr geben wird.« Dominiak presste die Lippen aufeinander, er wollte diesen Gedanken auf keinen Fall zulassen. »Nur Geduld, wir werden jemanden finden.«
»Dominiak, dein Optimismus ist bemerkenswert. Dennoch, sollten wir uns nicht langsam einen Plan zurechtlegen, was geschehen soll, wenn wir es trotz allem nicht schaffen, die Prophezeiung zu erfüllen?«
Dominiak stoppte, fühlte seine vorgetäuscht muntere Miene ihm entgleiten. Da war sie, die Frage, die er so lange schon gewaltsam von sich abzuhalten versuchte. Die ihn dennoch in regelmäßigen Abständen heimsuchte, ihm schlaflose Nächte bereitete, ihn inzwischen sichtlich altern ließ. Wie sollte er sie tragen? Diese immens hohe Verantwortung. Es ging um das Leben so vieler Menschen, die geschützt werden mussten. Die Frage war nur, wie? Er zwang sich, durchzuatmen, sich herauszureißen aus diesem Zustand. »Für einen Plan B ist es noch zu früh.«
«Wofür ist es zu früh?«, hakte Thurid sofort nach. »Um die Bewohner Aquiliens vor der drohenden Gefahr zu warnen?«
»Genau das.« Betont ungerührt ging er weiter.
»Das ist jetzt nicht dein Ernst.« Sie beeilte sich, wieder an seine Seite zu kommen. »Es kann doch nicht zu früh sein, den Menschen zu sagen, dass sie sich für alle Fälle einen sicheren Unterschlupf suchen sollen.« Sie griff seinen Arm und zog daran: »Bleib stehen.«
Dominiak tat ihr den Gefallen. Er hasste es, aber er würde ihr etwas von seinen Gedanken, von seinen Ängsten und Zweifeln verraten müssen. Inzwischen kannte er sie gut genug, um zu wissen, dass sie an einem Punkt war, an dem sie keine Ruhe geben würde. »Es geht doch nicht nur um diese eine Nacht, nicht um ein paar Tage oder Wochen. Sag du mir, wohin sollen die Menschen fliehen, wenn die Tore aufgehen und wir überrannt werden? Wo sollen sie sich verstecken, wo und wie sollen sie überleben?«
Dass sich Thurids Augen mit Tränen füllten, ignorierte er. Sie hatte es schließlich nicht anders gewollt. Die Zeiten waren hart. Und sie würden noch viel härter werden, wenn ihre Bemühungen vergeblich blieben. »Unsere Möglichkeiten hängen von vielen Faktoren ab«, versuchte er dennoch automatisch, die harten Fakten in weichere Worte zu kleiden.
Wenigstens fragte sie danach nicht weiter. Und auch er musste schleunigst von diesem Thema wegdenken. »Noch ist es nicht soweit, die Bevölkerung zu informieren.« Er nahm Thurids Arm wieder auf und zog sie mit sich. »Genug davon.«
»Wann dann?«, beharrte Thurid dennoch auf dem Thema. »Wann ist es soweit?«
»Mittsommer«, brummte Dominiak widerstrebend. »Lass uns das Weltenfenster abwarten. Wenn wir bis dahin niemanden mit Magie gefunden haben …«
»Zwei Wochen also noch.« Thurid sah bleich aus, ängstlich. Dennoch nickte sie.
Um aus heiterem Himmel einen entsetzten Sprung zu machen, weg von dem selber zusammenzuckenden Dominiak, weg von den Büschen. Ein undefinierbares Geräusch, halb Stöhnen, halb Kratzen, war daraus gedrungen. »Was war das? Du hast es doch auch gehört, nicht wahr?« Sie rüttelte an Dominiaks Arm.
»Pst.« Die Luft anhaltend lauschte er. Sah sich dann erschrocken um: Im Eifer des Gespräches hatte er nicht bemerkt, dass sie der Weg nun doch tief in den Wald hineingeführt hatte. Hier war es viel dunkler, kühler, der Waldrand verschwunden. Die Bäume ringsum waren hoch und sahen sehr alt aus. Dickes Moos wuchs auf den Stämmen, Lianen wucherten um die Äste und lagen darauf wie dicke Schlagen, Misteln hingen überall in den Baumkronen. Angestrengt, mit zusammengezogenen Augenbrauen, starrte er in die unheimliche Düsternis. Vergeblich. Plötzlich konnte er sich sehr gut vorstellen, dass sie einem der Dunkelwesen gegenüberstanden. Nur, wo war es?
»Meinst du, das ist ein …?« Sie sprach es nicht aus, starrte nur weiter panisch in Richtung Gebüsch.
»Nichts.« Beruhigend fasste er nach ihrer Hand. »Ein Dunkelwesen hätte uns schon längst angegriffen. Wir haben uns geirrt, hier ist nichts.«
Da! Dominiak fühlte Thurids Zusammenzucken so deutlich wie seinen eigenen Schreck.
Das Geräusch. Wieder. Deutlicher diesmal. Ein Stöhnen, Röcheln. Von der finsteren Stelle dort drüben. Er starrte hinüber, konnte aber im dämmrigen Licht nichts erkennen.
»Was sollen wir tun?,« raunte Thurid zitternd neben ihm.
Und fuhr zusammen, als Dominiak seine Stimme laut erhob: »Wer ist da? Ist da jemand?« Dunkelwesen brüllten oder kreischten. Dieses Geräusch war anders, irgendwie … Er reckte den Hals und rief nochmals: »Hallo, wer ist da, brauchen Sie Hilfe?«
Das Stöhnen hatte kurz ausgesetzt, aber jetzt konnte man eine dunkle, leise Stimme hören. »Hilfe!«
»Dunkelwesen können nicht sprechen. Es ist ein Mensch«, stieß Dominiak hervor und deutete zum Gebüsch. »Da.« Eilig lief er auf die dunkle Stelle zu. Thurid folgte ihm.
Was er aber fand, verborgen hinter den tiefhängenden Zweigen eines Brombeerbusches, erschreckte ihn doch zutiefst. Als Mensch war dieses Wesen fast nicht zu bezeichnen. Er blinzelte und kniff die Augen zusammen in dem Bemühen, besser sehen, erkennen zu können.
Dieses – Wesen hatte ein annähernd menschliches Aussehen, gewiss, wirkte aber verwachsen und krumm, hatte Buckel, wo Menschen glatt waren, und ein krummes Gesicht mit seltsam verzerrten Zügen. Es war ein Mann und ganz offensichtlich verletzt, seine Kleidung blutbesudelt.
Thurid keuchte auf und drängte zurück. Auch Dominiak wich erschrocken weg. Doch er fasste sich als erster wieder. »Um Himmels willen, was ist Ihnen geschehen?« Damit fiel er vor dem Mann auf die Knie. Seine Hände schwebten kurz über dem verkrümmten Körper, er wusste nicht so recht, was er tun sollte. Überall war Blut. »Kannst du mir bitte helfen?« Flehend sah er zu Thurid auf, die dieses Wesen stumm vor Entsetzen anstarrte. »Du bist diejenige, die Heilerfahrung hat.«
»Ja, bei Schwangeren und Gebärenden«, antwortete Thurid grimmig, als sie sich ebenfalls auf die Knie fallen ließ. Sie öffnete das Hemd des Mannes, um zu sehen, aus welchen Wunden er so stark blutete.
Während sie sich über den Verletzten beugte, musterte Dominiak ihn. Er kannte ihn nicht. Ein solch verunglücktes Gesicht, eine solch schiefe Gestalt wäre ihm im Gedächtnis geblieben. Er konnte also nicht aus der Gegend hier sein.
Kurz darauf hatte Thurid aus ihrem Halstuch einen provisorischen Verband gemacht und dem Fremden um die Wunde auf der Brust geschlungen. Zumindest die schlimmste Blutung war damit eingedämmt. Sie verknotete die Enden des Schals, dann schloss sie sein braunledernes Hemd darüber.
»Weiter kann ich nichts für ihn tun. Wir müssen ihn in die Burg bringen.«
»Guter Mann, können Sie laufen?« Dominiak zog an den Armen des Mannes, der sich stöhnend bemühte aufzustehen. Schließlich stand er schwankend da.
Er war größer und kräftiger, als er am Boden gewirkt hatte. Dominiak packte ihn von der einen Seite, Thurid von der anderen, und gemeinsam versuchten sie, ihn, der mehr reglos in ihren Armen hing, als dass er gehen konnte, vorwärts zu bewegen.
Es klappte nicht. Der Mann schrie vor Schmerz auf, dann fiel sein Kopf zur Seite. Er wurde vollends schlaff, war ohnmächtig. Vorsichtig legten sie ihn wieder ab.
»So geht es nicht, wir müssen ihn irgendwie anders transportieren«, überlegte Thurid laut. »Ich gehe meinen Wagen holen.«
»Von der Burg?«
»Natürlich, dort steht er ja.«
»Wie willst du mit Pferd und Wagen hier reinkommen? Die Bäume stehen viel zu eng.« Hier im dichten Wald konnte nicht einmal ein einzelnes Pferd gewendet werden.
»Während ich ihn hole, ziehst du den …«, sie zögerte einen Moment, den stillen, verkrümmten Mann am Boden betrachtend, ehe sie fortfuhr: »… den Mann hier raus. Irgendwie, so gut du kannst.«
»Und wenn ich ihn dabei noch mehr verletze?«
»Was willst du machen, ihn liegen lassen?«
Ja. Eine feige Stimme meldete sich in Dominiak, die genau das forderte. Wir lassen ihn hier und vergessen einfach, dass wir ihn gefunden haben. Unwirsch und erschrocken über diesen Impuls winkte er ab. »Natürlich nicht.«
Nichtsdestotrotz hatte sich ein sehr beklemmendes Gefühl seiner bemächtigt, und sein Instinkt riet ihm dringend, sich von dieser Stelle des Waldes zu entfernen. Er zerrte den Burgschlüssel aus der Tasche. »Hier, den wirst du brauchen.« Dann bückte er sich, packte die Füße des Mannes und begann, ihn in Richtung Waldrand zu ziehen. »Beeil dich«, rief er der bereits davoneilenden Thurid hinterher.
Dominiak sah ihr nach. Sie war nicht mehr die Jüngste und nicht die Flotteste. Noch dazu trug sie ein langes Kleid und Sandalen. Wie alle Frauen Aquiliens. Die langen Röcke machten ein schnelles Vorwärtskommen fast unmöglich. Er würde also eine Weile warten müssen.
»Aber nicht hier«, sagte er laut zu sich selbst. Entschlossen fasste er den verletzten Mann von hinten unter den Armen und zog ihn weiter, zum Weg.
Schwer war er! Schon nach ein paar Metern war Dominiak außer Puste, musste sich aufrichten und durchatmen.
Und fuhr nervös herum. Ihm stellten sich die Nackenhaare auf. Hier lauerte Gefahr! Diesmal packte er die Füße des Mannes. Weg hier!
Ein Surren durchschwirrte die Luft. Sein Atem stockte. Da war etwas! Hinter ihm.
Er ließ die Füße fallen, sprang von neuem herum. Nichts. Natürlich. Hier war nichts. Nur seine Fantasie.
Da, ein Knacksen! Seine Augen schossen in diese Richtung.
Ich bin im Wald, da knackst es nun mal, sagte er sich, um sein vor Schreck rasendes Herz zu beruhigen. Es nutzte nichts, wie eine dunkle Wand wuchs die Angst um ihn. Auch wenn er es nicht entdecken konnte, hier war doch etwas. Irgendwo in der Nähe. Sein Herz raste.
Keine Panik, bemühte er sich zu denken, hob die Füße wieder an und zog den Mann weiter, bloß keine Panik, die nutzt jetzt niemandem. Dennoch, er hatte das Gefühl, dass im nächsten Augenblick etwas nach ihm schnappen würde. Aus jeder erdenklichen Richtung. Vor allem jedoch von hinten.
Erschrocken drehte er sich. Um vorwärtsgehen zu können, musste er die Beine des Verletzten unter die Arme klemmen. Aber so war es besser und zusätzlich hatte er damit auch noch eine Barriere zwischen sich und der Bedrohung im Rücken.
Doch auch das nützte nichts. Die Gefahr war überall, vor allem dort, wo seine Augen nicht waren. Ständig musste er den Verletzten loslassen, um herumzufahren. Hierhin, dorthin, am liebsten wäre er Hals über Kopf davon. So kam er kaum mehr voran.
Schließlich blieb er mit pfeifenden Lungen stehen. Atem schöpfen.
Wieder ein Knacken in der Nähe. Hektisch fuhr er herum.
Hinter sich nur dichter Wald. Alles still. Nur sein eigenes Keuchen.
Ich spinne, sagte er sich. Hier ist nichts. Dennoch, die warnende Stimme in ihm fuhr fort zu schreien. Für Mitgefühl war keine Zeit, als er den Verletzten erneut an den Füßen packte und unerbittlich mit sich schleifte.
Nach langen Minuten wilden Zerrens, in denen der schwere Körper des Mannes sich immer wieder an Ästen verhakte, konnte Dominiak den Waldrand endlich erahnen. Sein eigener Körper verlangte dringend nach einer Pause, doch seine Angst war größer. Der Waldrand – er musste ihn erreichen, ehe …
Ehe was?
Ehe es kam!
Seine Knie begannen zu zittern. Ruhig, redete er in Gedanken auf sich ein. Ruhig bleiben und weiterlaufen, weiter, weiter.
Und das tat er.
Endlos schien es zu dauern, bis die Bäume nicht mehr ganz so dicht standen. Schon in dem Moment, als ihn der erste Sonnenstrahl erreichte, fühlte er die lauernde Gefahr schwinden. Gleich, gleich hatte er es geschafft. Jetzt endlich nahm er auch die Signale seines Körpers wieder wahr. Seine Arme zitterten, seine Beine schmerzten, er keuchte wie ein Brülldrache. Aber jetzt konnte er sich ja erlauben, ein bisschen langsamer …
Nein, er hatte sich zu früh gefreut. Ja, nun konnte er es wirklich nicht mehr leugnen: Hier war etwas. Etwas Großes! Etwas, das Geräusche machte. Ein zischendes Schnüffeln, ein grunzendes Bellen, knackende und tapsende, aber schwere Schritte. Panik ergriff ihn. Weg, er musste weg. Die Angst verlieh ihm neue Kräfte, und so flog er geradezu mit seiner schweren Last dem Waldrand entgegen.
Außer Atem und völlig verschwitzt kam er zwischen den Bäumen hervor. Der Mann hinter ihm war glücklicherweise noch immer ohnmächtig. Ein kleines Stück weiter zerrte er ihn noch, er brauchte einen Sicherheitsabstand zum Wald. Dann jedoch konnte er endgültig nicht mehr. Keuchend kauerte er sich auf den Boden und versuchte, über sein laut pochendes Herz hinweg zu lauschen.
Die bedrohlichen Geräusche waren nicht verklungen, ganz im Gegenteil, sie waren näher gekommen. Aber noch nicht zu nahe. Angstvoll starrte er auf den bislang ruhig und friedlich im Sonnenlicht daliegenden Waldrand.
Uff, für solche Aktionen bin ich echt zu alt.
Wo blieb Thurid? Angestrengt suchte er die Gegend ab. Von hier konnte er das ganze Tal überblicken, Bärenklau rechts von ihm, Amethheim darunter – nur Thurid mit dem Pferdewagen konnte er nirgends entdecken.
Was nichts bedeuten musste. Sie konnte bereits unterwegs sein zu ihm und mit der Kutsche gerade die Senke unterhalb der Burg durchfahren. Theoretisch. Praktisch war das leider eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlich ist sie gerade erst in der Burg angekommen. Jetzt öffnet sie die Tür. Danach muss sie zum Wagen, das Pferd losbinden, aufsteigen, wenden … Puh, das war ja unerträglich! Thurid, mach schnell, flehte er in Gedanken.
Er warf einen Blick auf den Verletzten, der ganz ruhig lag, zum Glück aber atmete. Eine Sekunde lang verspürte er Dankbarkeit, dann konzentrierte er sich wieder auf die Kutsche, die er immer noch nicht sehen konnte. Mit aller Macht wünschte er sie sich herbei.
Die Geräusche im Wald verloren sich jetzt manchmal, dann schienen sie wieder näher zu kommen. Dominiak hatte Mühe, ruhig zu bleiben. Er überlegte, was zu tun wäre, wenn Thurid mit dem Wagen herangekommen sein würde. Das würde sehr auffällig sein, laut, hektisch. Außerdem würde sie hier oben Pferd und Wagen erst noch wenden müssen.
Auf einmal erschien es ihm völlig aussichtslos, dass sie unbemerkt von dem, was da im Wald herumlief, verschwinden könnten. Er konnte nur hoffen, dass dieses Ding da, wie alle Dunkelwesen, das Licht scheute und den Wald nicht verlassen würde.
Doch in diesem Moment schob sich eine Wolkenwand vor die Sonne und machte damit seine Hoffnungen zunichte. Augenblicklich wurde es düster und um einige Grade kühler.
Dominiaks Blick schoss zum Himmel: Sonne, er brauchte helles Licht. Jetzt dringender denn je. Und nicht dieses eigenartige Zwielicht. Was auch immer da im Wald lauerte, in die Sonne heraus würde es nicht kommen.
Aber da waren nur noch dunkle Wolken am Himmel, die sehr nach Regen aussahen. Würde es regnen? Als wäre das in diesem Augenblick von Wichtigkeit. Unwillig schüttelte er den Kopf, wollte die überflüssigen Gedanken daraus vertreiben. Ein jahrelang eingeübter Mechanismus zwang ihn jedoch, diesen Gedanken über das Wetter zu Ende zu denken. Es würde heute so wenig regnen wie in den letzten Wochen. Diese Wolken brachten keinen Regen, sie brachten nur Dunkelheit.
Pass auf den Waldrand auf, zwang er die wirklich wichtigen Gedanken zurück in sein Hirn. Dort lauert die Gefahr.
Der Himmel blieb trotzdem in seinem Kopf, ließ sich nicht wegschütteln, so sehr er es auch versuchte. Dieses eigenartige Licht, das die Wolken mit sich brachten, die alles düster erscheinen ließen, dennoch die Farben ganz besonders betonten, sie umso intensiver leuchten ließen. Es schien ihm wie eine Einladung an alle Wesen im Wald, hervorzukommen und sich auf ihn zu stürzen.
Die Blätter der Bäume strahlten in einem intensiven Grün, die Baumstämme glommen braun. Das alles war nicht normal. Aber was ist hier noch normal? Mit aller Kraft konzentrierte er sich auf den friedlich daliegenden Waldrand.
Endlich, Hufgeklapper! Sein Kopf flog herum. Ja, sie war es! Da kam Thurid mit dem Pferdewagen den Weg herauf, sie musste, als er nach ihr Ausschau gehalten hatte, tatsächlich bereits in der Senke gewesen sein. Dominiak erhob sich eilig. Jetzt zählte jede Sekunde.
»Was, hier bist du schon?«
Ihr Lächeln verschwand jedoch schnell, als sie die entsetzten Gebärden Dominiaks bemerkte, sie möge schweigen. »Wir müssen uns beeilen, im Wald ist etwas, das nach uns sucht.«
Thurid wurde blass, war jedoch beherzt genug, vom Wagen zu springen und mit anzupacken. Sie öffnete die Kutsche, und gemeinsam hievten sie den schweren Mann mehr schlecht als recht hinein. Hastig schloss sie anschließend die Tür. »Rauf auf den Bock, und dann nichts wie weg hier.«
Dominiak schwang sich nach oben und beugte sich zurück, um Thurid behilflich zu sein, die bereits einen Fuß auf der Stufe hatte.
In diesem Moment brach es vor ihnen aus dem Wald, raste auf sie zu.
Es war größer als ein Bär, aber genauso behaart, hatte viel längere, aus dem aufgerissenen Maul herausragende Zähne. Und es stank.
Panisch wiehernd bäumte das Pferd sich auf, vor dem Ungeheuer zu-rückweichend. Es riss den Wagen heftig mit sich. Thurid, die sich gerade noch an einer der Streben festklammern konnte, kippte fast herunter.
Dominiak selbst wurde auf dem Kutschbock herumgeworfen. Entsetzt suchte er nach Halt.
Während sich das Ungeheuer laut brüllend auf seine Hinterbeine erhob. Verpestete Luft drang aus seinem aufgerissenen Rachen. Das Pferd machte einen verzweifelten Ausbruch zur Seite und stürmte los. So entging es der plötzlich zuschlagenden Tatze des Wesens. Thurid, die heftig herumgeschleudert wurde, schrie gellend vor Schmerz und Entsetzen.
Dominiak konnte Thurid sehen und hören, sie erreichen und ihr helfen konnte er nicht, sich selbst nur irgendwie festkrallen. Nackte Angst überfiel ihn. Was, wenn sie losließ? Auch er schrie.
Die Wucht, mit der das panische Pferd die Kutsche schließlich herumriss, weg, nur weg von diesem Ungeheuer, schleuderte sie dann tatsächlich herab.
»Nein!« Brüllend drehte Dominiak sich, sah sie ins Gras fallen, wo sie sich sofort hochrappelte und der Kutsche hinterherrannte.
»Nimm die Zügel«, kreischte sie, während sie ihr Kleid raffte.
Sein Blick wurde von einer jähen Bewegung in seinem Augenwinkel abgelenkt. Da drüben lief das Ungeheuer. Mit großen Sätzen näherte es sich von der Seite.
»Verfluchter Narr, DIE ZÜGEL!« Endlich erreichte ihn, was Thurid rief. Er suchte, wo waren sie? Da, auf dem Boden, sie rutschten hin und her. Das Pferd gehorchte nur seinem Instinkt, seiner Angst. Und würde sie demnächst ins Verderben reißen. Mit einer Hand klammerte er sich fest, während er mit der anderen nach den Zügeln fischte. Sie entglitten ihm, wurden wieder zurückgeworfen, an seine Fingerspitzen. Er lockerte seinen Griff mit der anderen Hand, ließ sich noch weiter nach vorn sinken. Endlich, er hatte sie!
Gerade rechtzeitig, das Pferd machte einen Sprung, riss die Kutsche herum. Die kippte zur Seite, raste auf zwei Rädern. Dominiak stemmte sich mit aller Kraft dagegen. Nicht kippen, jetzt bitte nicht kippen.
Da – sie fiel zurück auf die Räder. Er hatte es geschafft! Hektisch richtete er sich auf, sah sich nach Thurid um.
Sie war vor der Kutsche, nur ein Stück. Zum Glück, wie er gleich darauf erkannte, denn das Ungeheuer war inzwischen auf sie aufmerksam geworden, bremste seinen Lauf scharf ab, sprang herum – und wollte sich direkt auf Thurid stürzen. Rote, bösartige Augen leuchteten auf. Jetzt riss es schon das Maul auf …
Die Zügel auf das Pferd einschlagend, trieb Dominiak es vorwärts.
Thurid war stehengeblieben und verfolgte mit entsetzter, sie offenbar lähmender Faszination, wie das Wesen zum Sprung auf sie ansetzte.
Da kam die Kutsche angedonnert. Das inzwischen völlig durchgeknallte Pferd, von Dominiak noch zusätzlich angetrieben, schnitt dem Ungeheuer den Weg ab. Er sah, wie das Vieh lossprang – durch die Luft schnellte – und auf ihn zugeflogen kam.
Jetzt schrien alle. Thurid, Dominiak, sogar das Pferd. Alle gellten ihre Panik heraus.
Das Wesen knallte auf die Kutsche, prallte ab, zurück, fiel ins Gras. Wo es benommen liegenblieb.
Nur einen Moment, mehr würden sie nicht bekommen. Dominiak konnte sehen, dass es sich bereits wieder aufrichtete und den Kopf schüttelte. Ein zweites Mal … Er riss die Zügel an sich, zwang das Pferd tatsächlich dazu, langsamer zu werden, in eine weite Linkskurve zu traben. Damit Thurid, die der Kutsche nachrannte, eine Chance hatte, diese auch zu erreichen.
Der Plan ging auf. Dominiak ließ die Zügel fallen, beugte sich zur Seite hinunter, packte Thurids nach ihm ausgestreckte Hände.
Das Pferd war klug genug, weiter zu galoppieren, weg vom Ungeheuer.
Das wiederum schien sich inzwischen erholt zu haben und nahm die Verfolgung auf.
Es war schnell, schneller als die Kutsche, und es kam immer näher. Thurid hing immer noch seitlich am Wagen. Mit panischen Bewegungen versuchte sie, zu verhindern, erneut von der Kutsche herunterzufallen. Wie ein Springball schleuderte sie hin und her, schrie gellend vor Schmerz, doch Dominiak hielt sie eisern fest.
»Schnell, schneller!«, feuerte er das Pferd an, das um sein Leben rannte. Die Kutsche wankte und schlingerte dabei – dennoch, der Abstand zum Monster wurde immer geringer.
Dann war es wieder heran. Setzte zu einem letzten Sprung an. Diesmal würde es Thurid nicht verfehlen.
Da drang aus dem Wald ein Schrei, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Neben sich hörte Dominiak Thurid japsen. Hätte er nicht schon längst Todesangst gehabt – spätestens jetzt hätte er sie bekommen.
Das Ungeheuer erstarrte augenblicklich.
Einen Moment lang. Dann ließ es, scheinbar widerwillig, von der Kutsche ab, stieß einen tiefen, heiseren Antwortschrei aus und rannte so geschwind, wie es gekommen war, wieder auf den Wald zu. Ohne noch einmal Halt zu machen, verschwand es zwischen den Bäumen.
Das Pferd schien von alleine bemerkt zu haben, dass die Gefahr vorbei war, denn es wurde langsamer. Endlich konnte Dominiak die bleiche Thurid zu sich auf den Kutschbock ziehen. Dann holte er sich die Zügel wieder und lenkte das Pferd zurück auf den Weg, in Richtung Burg. Er wollte nur noch eines: schnellstmöglich Abstand zum Wald gewinnen.
Erst vor der Burg hielten sie an.
Dem Pferd merkte man nun deutlich an, dass es völlig verausgabt war. Sein Fell war nass geschwitzt, es hatte Schaum vor dem Maul, die Flanken bebten. Auch Dominiak zitterte, Thurid schlotterte regelrecht, weinte krampfartig und stöhnte vor Schmerz.
Bis Dominiak das Tor geöffnet hatte, verging eine kleine Weile. Als er zur Kutsche zurückkehrte, hing Thurid ganz schief und klein zusammengekrümmt auf dem Bock und schien völlig am Ende. Verweint war sie, aufgelöst, ganz bleich. Sie musste grün und blau geschlagen sein und Schmerzen haben. Ob sie innere Verletzungen hatte?
Er packte das Pferd am Geschirr und führte es samt Wagen rasch in den Burghof, raus aus der Gefahrenzone.
Das Tor schließlich zu verriegeln, war kein Problem. Er musste nur die Seilzüge lösen. Mit lautem Rasseln fiel die hölzerne Pforte nach unten und verschloss den Eingang. Erst jetzt fühlte er sich sicher. Seine Anspannung begann zu weichen.
Thurids Augen waren geschlossen, der Mund schmerzhaft verzogen.
Ihr konzentrierter Gesichtsausdruck wich, als Dominiak sie ansprach: »Wie geht es dir? Bist du schlimm verletzt?«
»Es geht schon.« Irgendwie wirkte sie auch trotzdem guter Dinge. »Du solltest einen Tordienst einrichten. Bis man rein- oder rauskommt aus dieser Burg, dauert viel zu lange.« Als sie sich hochrappelte, lächelte sie sogar, wenn auch etwas verkniffen. »Könntest du mir beim Absteigen helfen?«
Als sie endlich nach dem Verwundeten sahen, war der bei Bewusstsein. Bleich und ebenfalls völlig erschöpft lag er da. »Ich danke Euch«, krächzte er mit rauer Stimme. »Ihr habt mir das Leben gerettet. Dieses Biest wollte mich.« Dann sackte sein Kopf zur Seite, er schien wieder bewusstlos zu sein. Mit sichtlicher Willensanstrengung öffnete er die Augen jedoch nochmals, um Thurid und Dominiak direkt anzusehen. »Vielleicht kann ich Euch auch helfen.«
Dann kam die Ohnmacht wieder.

 

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