Fledermaus_Teil_1

Hustenacht

Matthias schreckte aus dem Schlaf hoch. Husten im Kinderzimmer, lang und ziehend, pfeifendes Luftschnappen. Schon wieder ein Anfall? In wenigen Momenten war er an Elias‘ Bett, legte seine Hand auf dessen Bauch in der Hoffnung, den Hustenreiz damit beruhigen zu können. Es half mal wieder nichts. Matthias konnte die angespannten Muskeln unter dem dünnen Schlafanzug fühlen, die Enge, die die kleine Brust zu immer heftigerem Keuchen zwang. „Ruhig, mein Junge“, flüsterte er. „Ganz langsam weiteratmen.“

Elias gab sich sichtlichMühe, doch mehr, als nach Luft zu schnappen, gelang ihm nicht. Im Nachtdämmer der hereinscheinenden Straßenlampen konnte Matthias seine weit geöffneten Augen deutlich erkennen. Angst stand darin. Der Kleine hustete erneut, krümmte sich, umklammerte Matthias‘ Finger mit den seinen.

Ganz ruhig.“

Doch alle gemurmelten Worte halfen nicht, Elias begann zu würgen. Eilends zog Matthias das Kind hoch, auf den Arm, rannte ins Bad.

Sie schafften es nicht mehr.

Na, wenigstens ist diesmal das Bett sauber geblieben“, sagte Matthias, während er die Bescherung betrachtete, die über ihn und den Fußboden ergangen war. „Sogar du bist voll. Komm, wir ziehen uns um.“

Im Bad drehte Matthias erst mal den Heißwasserhahn auf. Wasserdampf half manchmal. Dann begann er, den Jungen aus seinen Sachen zu schälen. „Gleich wird es besser.“

Aber auch wenn es nach dem Spucken für eine Minute ganz gut ausgesehen hatte, jetzt keuch te Elias schon wieder. Matthias begrub die Hoffnung, allein mit Beruhigung und Wasserdampf dem Asthmaanfall beikommen zu können. Elias hatte ein hochrotes Gesicht, sog laut ziehend Luft ein, nur um das, was er trotz seiner verkrampften Bronchien erwischt hatte, wieder auszuhusten. Gleich würde er wieder zu würgen beginnen. Schnell befüllte Matthias das Inhalationsgerät, richtete es auf Elias‘ Gesicht und schaltete es ein. Volle Pulle.

Da ging die Tür auf und Lidas verwuschelter Kopf reckte sich herein. Nur einen Moment später stand sie ebenfalls im Raum, das Spray in der Hand. „Es hilft nichts, seine Lippen sind schon blau.“

Brav öffnete Elias den Mund, Lida schob das Mundstück hinein. „Einatmen“, kommandierte sie und drückte auf den Knopf.

Das mühevolle Geräusch, mit dem Elias Luft holte, klang hoch und ziemlich krank. Doch bereits der nächste Atemzug, bei dem Lida erneut einen Sprühstoß gab, fiel ihm leichter. Danach beruhigte er sich sichtlich. Für diesmal war der Anfall beendet.

Kurz darauf lag das umgezogene Kind wieder im Bett. Und während Matthias den Boden wischte und sich ebenfalls einen frischen Schlafanzug anzog, sang Lida den Kleinen in den Schlaf.

La, le, lu, mein liebes Kind jetzt schlaf auch du, morgen wird die Sonne scheinen, da gibt das Asthma Ruh.“

Unwillkürlich musste Matthias lächeln. Immer dichtete sie alles um. Es gab keine Situation, die sie nicht mit einem kleinen Lied kommentieren oder begleiten konnte. Das liebte er an ihr. Und noch vieles mehr. Er stellte sich in die Tür zum Kinderzimmer und beobachtete, wie sie sich über Elias beugte und ihn auf die Nasenspitze küsste. „Schlaf gut, mein Schatz.“

Mama, Heiabäa“, krächzte der nur.

Es musste ihm diesmal wirklich schlecht gehen, wenn er, wie sonst nach einem Anfall, weder schrie noch quengelte.

Lida drückte ihm seinen Teddy in den Arm, woraufhin er sich zur Seite drehte und die Augen schloss.

Ich bin am Ende“, sagte sie, nachdem sie Matthias in die Küche gefolgt war, „und ich hoffe wirklich, dass der Pneumologe recht hat mit der heilsamen Wirkung von pollenarmer Bergluft.“

Das werden wir bereits morgen feststellen können“, erwiderte Matthias und warf einen Blick auf die gepackten Taschen und Rucksäcke, die in der Küche und im Flur aufgereiht standen.

Es war mit deutlichen Schwierigkeiten verbunden, so plötzlich eine Auszeit zu nehmen, um Elias in die Berge zu bringen. Für Lida, die mitten in ihrer Dissertation steckte, ständig in die Uni musste oder im Internet recherchierte – als auch für ihn, der auf dem Berg lediglich schreiben konnte, nicht aber Kontakt halten zu seinem Agenten oder Verlag. Sie beide würden dort oben, ohne Strom und Internet, ihre Aufgaben völlig neu strukturieren müssen. Es war also nur zu hoffen, dass sich Elias schnell erholen würde, damit sie zurückkehren konnten. Andernfalls mussten sie auf Plan B zurückgreifen und abwechselnd nach München fahren. Aber die heutige Nacht zeigte wieder einmal überdeutlich, dass Elias die Luftveränderung dringend brauchte, wenn er jemals sein Asthma überwinden sollte.

Er gähnte. „Ist alles erledigt, dass wir morgen früh gleich aufbrechen können?“

Von meiner Seite aus schon, nur Iven hab ich bisher nicht erreichen können“, nickte Lida. „Aber ich hab ihm auf die Mailbox gesprochen, das sollte also auch klargehen. Ach ja, und habe ich dich überhaupt schon von Wolfgang gegrüßt? Der findet es gut, dass wir die Luftveränderung jetzt endlich durchziehen. Und kümmert sich um Post und Pflanzen.“

Danke. Auf ihn können wir uns echt verlassen.“ Matthias stand auf. „Dann lass uns mal schlafen gehen, sonst kommen wir morgen nicht aus den Federn.“

Dort kuschelte sich Lida an ihn. „Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich bin plötzlich kein bisschen mehr müde. Zumindest im Moment“, schränkte sie dann ein.

Dann lass es uns diesen Moment ausnutzen, ehe wir ab morgen mit Elias in einer Kammer schlafen werden“, raunte Matthias in ihr Ohr. Mit sichtbarem Erfolg, wie er zufrieden registrierte, die kleinen Härchen in ihrem Nacken sträubten sich. Er küsste sie auf die zarte Haut hinter dem Ohr, dann den Hals abwärts, über ihren Nacken.

Wohlig aufseufzend schob Lida sich noch näher an ihn heran. „Bitte nicht aufhören.“ Sie fischte nach seinem Arm, zog ihn über sich, schmiegte ihr Gesicht in seine Hand.Betrachten wir das Ganze doch als Urlaub“, flüsterte sie. „Ich freu mich nämlich darauf. Und auch, parallel mit dir zu schreiben.“

Du deine hochintellektuelle Dissertation, ich meine reißerischen Krimis“, raunte er zurück und biss sie vorsichtig in den Nacken.

Sie quietschte auf, lachte, drehte sich in seinen Armen. „Du bist ein reißerischer Tiger.“

Wenn du das schon reißerisch findest, dann warte mal ab!“

Das Spiel hatte begonnen. Er war der Tiger – sie die Beute. Matthias knurrte. Oder schnurrte. So genau konnte er das nicht unterscheiden.

Fledermaus_Teil_1Anlaufprobleme

Sie hatten die Ausläufer der Alpen bereits erreicht, als aus Lidas Rucksack leise Musik drang.

Mein Handy“, rief sie und beugte sich nach vorn.

Während Matthias die Kinderkassette leiser stellte, kramte Lida das Telefon heraus.

Iven“, sagte sie nach einem Blick aufs Display.

Perfektes Timing“, schimpfte Matthias sofort los. „Am besten, du gehst gar nicht ran.“

Doch da hatte Lida das Gespräch bereits angenommen.

Hallo Iven.“ Sie lauschte in den Hörer. „Hast du die Mailbox nicht abgehört?“ Wieder schwieg sie einen Moment.

Matthias konnte eine Männerstimme enervierend leise brabbeln hören. Iven musste es schrecklich wichtig haben. Wie immer.

Wir sind bereits unterwegs“, sagte Lida gerade. „Das machen wir, sobald ich zurück bin, ja?“

Doch damit schien Iven sich nicht zufriedenzugeben. Was ebenfalls nichts Neues war. Wenn Iven Graf etwas wollte, dann bekam er das auch.

Doch diesmal nicht, nicht diesmal! „Wir werden auf gar keinen Fall umkehren“, zischte Matthias in Richtung Lida. „Sag ihm das.“

Doch die winkte ab, ganz auf Iven konzentriert. „Du hast – was?“ Überraschung schwang in ihrer Stimme mit. Große Überraschung, gepaart mit wachsender Begeisterung. „Das ist ja phantastisch! Klar will ich das sehen. Was sagtest du gerade, wo du steckst?“

Nein.“ Matthias schrie fast.

Nein“, echote Elias vergnügt aus dem Wagenfond.

Matthias beugte sich nach vorn und drehte den Lautstärkeregler auf. Sollte wenigstens das Kind Spaß haben. Und Lida gestört werden.

Töröö“, dröhnte es sofort aus den Lautsprechern.

Törö“, kam eine helle Stimme von hinten.

Du bist – wo?“, wiederholte Lida, die Ivens Antwort anscheinend nicht verstanden hatte.

Törööööö!“ Ungerührt drehte Matthias noch lauter.

Mach doch mal leiser“, rief Lida und griff nun ihrerseits zum Kassettenrekorder. Der Elefantenschrei verstummte abrupt.

Mehr törö“, forderte Elias von hinten.

Matthias schaltete wieder ein.

Tör…“

Lida schaltete aus. „Jetzt lass das“, fauchte sie Matthias an, wandte sich dann aber sofort wieder an Iven. „Hier ist es gerade furchtbar laut. Hab ich dich richtig verstanden und du bist in Reutte?“

Fant singen“, jammerte Elias.

Doch Matthias reagierte nicht. Er schwieg verdutzt. Woher konnte Iven wissen …?

Genau dahin fahren wir auch.“ In Lidas Stimme klang Jubel mit. „Ja natürlich komme ich und schau mir die Unterlagen an.“ Sie warf einen Blick auf die Uhr. „Eine halbe bis dreiviertel Stunde werden wir noch brauchen. Das heißt, mittags sind wir da. Da bin ich aber gespannt.“

Sie drückte auf den Ausknopf.

Bist du des Wahnsinns?“ Matthias stoppte den glücklichen Ausdruck in ihrem Gesicht sofort wieder.

Er ist in Reutte“, wiederholte Lida. „Da kommen wir doch ohnedies fast vorbei.“

Matthias sagte nichts.

Stell dir vor, er hat eine Mappe originaler Handschriften über Meinhard entdeckt. Aus der Zeit, in der er Ehrenberg hat bauen lassen.“ Lida nahm Matthias‘ Ärger gar nicht wahr, glühte geradezu vor Begeisterung. „Alte Rechnungen und einen Bauauftrag“, seufzte sie hingebungsvoll. „Älter als alles, was man bisher gefunden hat.“

Dass sich Matthias‘ Freude darüber in sichtbaren Grenzen hielt, erreichte Lida nun doch allmählich. „Ich muss das sichten, es könnte der Kernpunkt meiner Dissertation werden.“

Ich weiß“, brummte Matthias in seinen nicht vorhandenen Bart, sah schwer beschäftigt in den Rückspiegel und scherte zum Überholen aus.

Fant singen“, forderte Elias erneut, diesmal mit deutlich weinerlicher Stimme. Gleich würde er wieder zu husten beginnen.

Ja, Schätzchen.“ Lida, die offensichtlich den gleichen Gedanken hatte, schaltete die Kassette wieder ein. Mit verkniffenen Lippen wandte sie sich anschließend an Matthias. „Darf ich dich daran erinnern, dass es dein Wunsch war, meine Dissertation über Meinhard zu schreiben? Dass du mich darum gebeten hast? Sozusagen, um die genealogischen Forschungen für deine Familie voranzutreiben?“

Matthias schwieg. Was hätte er auch sagen sollen? In der Tat hatte er das, als Lida nach einem Thema für ihre Doktorarbeit als Historikerin gesucht hatte. Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, hatte er es damals genannt und den Gedanken genial gefunden, dass sie sich intensiv in seine Familiengeschichte einarbeiten und vielleicht noch den einen oder anderen unbekannten Aspekt herausfinden würde.

An Iven allerdings hatte er in diesem Zusammenhang überhaupt nicht gedacht.

Wie kommt der an derartige Dokumente ran?“

Als Antiquitätenhändler hat er viele Quellen.“ Lida zuckte die Achseln. „Er hat nichts darüber verraten. War ja auch viel zu laut.“

Matthias beschloss, auf den Vorwurf nicht einzugehen. „Und“, mit Bedacht legte er einen aggressiven Unterton in seine Stimme, „du willst wirklich heute noch …?“

Versteh doch.“ Lidas Gesicht strahlte schon wieder. „Ich muss diese Dokumente so schnell wie möglich sehen. Zumal ich wohl eine ganze Weile keine Gelegenheit mehr für Forschungen haben werde.“

Matthias ging seine Möglichkeiten durch. Das Thema Meinhard von Tirol hatte Lida ganz offensichtlich gepackt und es wäre von ihm absolut nicht fair, das ihr jetzt mal eben zu vermiesen, nur weil ihm ein Aspekt nicht in den Kram passte. Aber verflixt nochmal, musste dieser Aspekt ausgerechnet Iven sein?

Er stöhnte entnervt und fädelte sich auf die rechte Fahrspur Richtung Garmisch ein. „Dann auf nach Reutte.“

Ich danke dir“, seufzte Lida erlöst, um sofort und sehr eifrig hinzuzufügen: „Weißt du, aus dieser Anfangszeit gibt es so gut wie nichts über Ehrenberg. Wer weiß, vielleicht hat Meinhard die Burg schon viel früher erbauen lassen. Oder er hat dort gelebt. Zumindest eine Zeit lang. Das ist doch auch für dich interessant.“

Stimmte exakt.

Leider.

Auch Matthias würde sich dafür brennend interessieren.

Unter normalen Umständen.

Nicht sicher, was er sagen sollte, aber um seiner noch immer vorhandenen Missbilligung Ausdruck zu verleihen, murmelte er ein wenig unbestimmt vor sich hin.

Es sind gar nicht die Dokumente, nicht wahr? Es ist Iven. Der Gedanke, dass gerade er entscheidende Unterlagen für mich, und damit für dich hat, gefällt dir nicht.“

Lida hatte die Gabe, ihre Finger immer auf Matthias‘ wundeste Stellen zu legen.

Er verzog den Mund zu einer sturen Schnute. Dann schüttelte er den Kopf. „Iven ist mir völlig egal und das weißt du.“

Oh ja“, seufzte Lida und lehnte sich fest in ihren Sitz. „Und deshalb magst du es nicht, wenn er mich seine Antiquitäten beurteilen lässt.“

Er kann sich doch jeden anderen Historiker holen. Du bist noch nicht mal fertig mit dem Studium.“

Ich dissertiere.“ Jetzt war auch Lidas Stimme scharf geworden. Doch bereits einen Moment später sprach sie weicher weiter. „Leisten könnte er sich einen Spezialisten, ja. Aber weil wir es sind, die jeden Cent gut brauchen können, entscheidet er sich stets für mich. Außerdem unterschlägst du, dass ich auch Kunsthistorik studiere. Ich eigne mich damit doppelt so gut für die Beurteilung der Sachen, mit denen er nun mal handelt.“

Es ist also nicht Ivens Edelmut, ausgerechnet dir als seiner Exfreundin den Job zu geben, sondern seine Sparsamkeit?“

Ach lass mich doch in Ruhe.“ Lida wandte den Kopf ab und blickte aus dem Seitenfenster.

Elias auf der Rückbank sang inzwischen aus voller Kehle gemeinsam mit dem Elefanten von der Kinderkassette. Zumindest er machte einen glücklichen Eindruck. Matthias warf einen Blick in den Rückspiegel. Blass war er, der Kleine. Dunkle Augenringe zeugten davon, dass der Junge alles andere als gesund und fit war. Aber das würde sich ja bald ändern.

Die Kinderkassette war verstummt, Elias eingeschlafen. Sein Köpfchen war zur Seite gerutscht, die dunklen Locken hingen ihm wirr ins Gesicht. Aber er hustete nicht. Ob das bereits die Wirkung der Bergluft war? Sie hatten Tirol erreicht, gerade die Zugspitze passiert. Matthias sah nach vorn. Nur noch wenige Kilometer auf der Fernpassstraße und sie würden Bichlbach erreicht haben. Wo sie zu seiner Hütte eigentlich in die Berge abbiegen müssten. Nach Reutte jedoch …

Matthias rief sich zur Ordnung. Er sollte sich jetzt wirklich nicht so haben. Die Fahrt über Reutte bedeutete vielleicht eine Stunde Umweg. Solange Elias nicht quengelte, war das durchaus zu verkraften.

Ich danke dir“, hörte er Lida neben sich erleichtert aufatmen, als sie die Abzweigung zur L 21 passiert und Bichlbach links liegen gelassen hatten.

Du schaust dir diese Unterlagen an und dann fahren wir sofort wieder“, forderte Matthias.

Aber ja.“ Sie nickte mit dem Kopf, dass ihre braunen Haare wippten. „Ich will doch nur einen Blick darauf werfen, ob sie für meine Arbeit etwas sind.“ Lida legte ihre Hand auf Matthias‘ Arm. „Vielleicht taugen sie ja auch für deine Familienforschung. Das wäre doch toll! Der Stammbaum der Kischinskys, der bis vor Meinhard zurückreicht.“

Matthias nickte. Und wusste gleichzeitig: Damit hatte sie ihn. Einer Aussicht auf genealogische Forschungen konnte er nicht widerstehen. Dieses Hobby hatte er von seinem Vater sozusagen geerbt, als nach dessen Tod alle zusammengesammelten Unterlagen in seinen Besitz übergegangen waren.

Meinhards Geschichte ist hinreichend bekannt.“ Um seine erwachte Begeisterung ein wenig zu verbergen, schränkte er Lidas Ködertechnik deshalb etwas ein. „Interessant allerdings wäre herauszufinden, ob nicht irgendwo in der Ahnenreihe Meinhards noch ein Kuckucksei steckt, ein Bastard oder ein weiteres illegitimes, aber anerkanntes Kind.“

Diese Wahrscheinlichkeit besteht durchaus“, stimmte Lida ihm sofort zu. „Der große Meinhard wird nicht der einzige gewesen sein, der illegitime Kinder hatte, die später Macht und Erbe an sich gerissen haben.“

Ja, auf den brutalen Vinzenz ist meine Familie auch ganz besonders stolz.“ Matthias‘ Ton war eine gehörige Portion Sarkasmus beigemischt. „Ein anerkannter Bastard, der sich so dankbar zeigt, dass er sich aller ehelichen Konkurrenten entledigt“, damit deutete er eine Halsabschneiderbewegung an.

Ein feiner Vorfahr, ein sehr feiner Vorfahr“, kicherte Lida, endlich wieder ganz entspannt.

In den Unterlagen über Ehrenberg, so fürchte ich, wird darüber allerdings nichts zu finden sein“, gab Matthias zu bedenken. „Meinhard hat erst gegen Ende seines Lebens Ehrenberg in Auftrag gegeben. Wenn …“ Ivens Namen auszusprechen wagte er an dieser Stelle nicht, die Gefahr, mit Lida wieder in Streit zu geraten, erschien ihm zu groß. „Wenn die neu gefundenen Unterlagen wirklich aus dieser Zeit stammen, werden sie für mich nichts Neues beinhalten.“

Warten wir es ab“, sagte Lida und wies nach vorn. „Da kommt schon Ehrenberg in Sicht.“

Die prachtvolle Burg thronte majestätisch auf dem niedrigen Gipfel des Katzenbergs vor dem entschieden höheren Schlossberg. So groß und beeindruckend hatte Matthias sie gar nicht in Erinnerung gehabt.

Von dort oben hatte man den besten Blick auf die Region Reutte und ins Tal zwischen Klausenwald und Gschwendtkopf. Meinhard hatte den Bauplatz für Ehrenberg damals durchaus genial gewählt. Mittels der Burg hatte er die ganze Gegend kontrollieren können.

Wohin müssen wir?“, fragte Matthias, als sie die Ortsgrenze von Reutte erreicht hatten. Dabei bemühte er sich, seine Stimme weiterhin unbekümmert klingen zu lassen.

Burghotel.“

Natürlich residierte einer wie Iven nicht in irgendeinem Gasthof, sondern im besten Hotel am Platz. Geld hatte er ja nun wirklich genug. Matthias verkniff sich eine böse Bemerkung und bog ab, Richtung Ortsmitte.

Kurz darauf hielt er in der Anfahrtszone des Hotels an.

Lida warf einen Blick auf den noch immer friedlich schlafenden Elias. „Wecken wir den Kleinen, oder soll ich schon mal alleine rein?“

Geh du vor“, gab Matthias sofort nach, dem der Gedanke, mit einem frisch aus dem Schlaf gerissenen und damit sehr schlecht gelaunten Kleinkind, vor dem mit Sicherheit freudestrahlenden und blendend aussehenden Iven bestehen zu müssen, plötzlich überhaupt nicht mehr gefiel. „Elias wird bestimmt gleich von alleine aufwachen, dann komme ich nach.“

Er sah Lida hinterher, als die über den roten Teppich ins Hotel eilte, ließ den Motor wieder an und suchte sich einen Parkplatz im Schatten.

Schon zwei Minuten später erklang von der Rückbank verhaltenes Sirenengejaule. Elias war aufgewacht.

Na, ausgeschlafen?“ Matthias stieg aus und öffnete die hintere Tür.

Elias verzog seinen Mund unwillig, stemmte sich dabei gegen den Gurt, der ihn im Kindersitz hielt. Und er quietschte erbost.

Warte, ich hol dich da mal raus.“

Er nahm den noch schlafschweren Jungen auf den Arm, wo der sofort den Kopf auf seine Schulter legte. Dann zögerte er. Sollte er abwarten, bis Elias gänzlich aufgewacht und wieder fit war? Das konnte gut und gern noch eine halbe Stunde dauern. Inzwischen war Lida bei Iven. Allein.

Das gab den Ausschlag.

Komm, lass uns sehen, dass wir die Mama finden.“ Er flüsterte gegen die verschwitzten Haare, verriegelte den Wagen und marschierte zum Hoteleingang.

In der Halle waren nur wenige Menschen. Ein Mann im Empfang, ein paar zum Wandern gerüstete Gäste. Keine Lida und auch kein Iven.

Matthias ging auf den Portier zu: „Ich möchte zu Iven Graf.“

Kam es ihm nur so vor oder guckte der Portier tatsächlich abfällig, wie er, in verknittertem Hemd, ein verschwitztes, fast noch schlafendes Kleinkind spazieren trug?

Moment, der Herr Graf hat keinen weiteren Besuch angekündigt. Wen darf ich also melden?“

Matthias knirschte fast mit den Zähnen, als er seinen Namen nannte.

Davon gänzlich unberührt griff der Portier zum Telefon.„Verzeihen Sie die Störung, Herr Graf.“

Das Gehabe des Mannes wirkte unnatürlich und unterwürfig. Widerlich, wie Matthias fand. Der Kerl buckelte ja fast ins Telefon hinein.

Hier vor mir steht ein Herr Kischinsky.“

Er schwieg, buckelte erneut. „Wie Sie wünschen, Herr Graf. Ganz wie Sie wünschen.“

Dann wandte er sich an Matthias. „Erster Stock, Zimmer elf. Die Suite, am Ende des Flures.“ Und schon hatte er sich weggedreht, sichtlich mit wichtigeren Dingen befasst als damit, einem unbedeutenden Niemand wie Matthias gegenüber Freundlichkeit zu zeigen.

Fant singen“, forderte Elias an Matthias‘ Hals, während der sich zur Treppe wandte.

Das geht jetzt nicht, Kleiner.“ Matthias legte alle Inbrunst in seine Stimme. Elias würde doch jetzt nicht …

Doch, er würde. Er stemmte sich mit einem Ruck von Matthias Brust ab und brüllte. „Papa Fant singen.“ Und dabei trommelten seine kleinen Füße wütend an Matthias‘ Bauch.

Jetzt nicht.“ Matthias wurde schneller.

Elias lauter. „Fant singen“, trompetete er durch das gediegene Treppenhaus und die große Eingangshalle.

Wo sich bereits aller Köpfe ihnen zugewandt hatten.

Fant singen!“

Matthias gab Gas. Nichts wie weg hier.

Endlich war der Treppenabsatz erreicht. Aber verdammt, wo war Ivens Suite? Oder ersatzweise eine Besenkammer, wohin er sich mit dieser geballten Ladung schlechter Laune vor den vorwurfvollen Blicken der Leute verstecken konnte? Hektisch sah Matthias um sich, konnte aber, statt nur eines einzigen, ganze drei Flure entdecken. Wohin also? Sollte er die Zimmerbewohner rechts, links oder geradeaus mit dem kreischenden Elias beglücken?

Töröö“, flüsterte er voller verzweifelter Hoffnung an dessen Ohr.

Vielleicht reichte das ja und der Kleine gab endlich Ruhe?

Doch Fehlanzeige.

Fant SINGEN“, forderte der und schrie seinen verschlafenen Unwillen mit bemerkenswerter Kraft aus seiner kleinen Brust heraus.

Da gab Matthias auf und brüllte: „TÖRÖÖÖ.“

Vor ihm öffnete sich eine Zimmertüre. „Was ist denn das für ein Lärm?“

Matthias warf der Frau um die Fünfzig einen entschuldigenden Blick zu und dann einen auf Elias. Wenn sie selbst Kinder hatte, musste sie seine Not jetzt erkennen und Verständnis zeigen.

Doch diese Frau schien kinderlos zu sein. „Können Sie keine Rücksicht nehmen?“, wurde er angefaucht. „Es ist Mittagszeit, da hat jede Lärmbelästigung zu unterbleiben. Ich werde mich beschweren.“

Matthias sah zu, dass er sich mit seiner leider noch immer kreischenden Lärmbelästigung von der wütenden Frau weg – und in den mittleren Flur hineinbewegte.

Wo zu seinem Leidwesen schon wieder eine Türe aufgerissen wurde.

Da seid ihr ja schon“, erlöste ihn Lida bereits im nächsten Moment von dem schluchzenden Elias und zog sie beide in Suite elf.

Wo sich Matthias sofort Iven gegenübersah.

Einem, genau wie in seiner Vorstellung, überaus strahlenden Iven.

Tag Kumpel“, streckte der ihm schon jovial die Hand entgegen.

Matthias, zu erschöpft, um sich in irgendwelche Konkurrenzgefühle hineinsteigern zu können, erwiderte den Händedruck.

Freut mich, euch alle mal wieder zu sehen.“ Iven warf einen kurzen Blick auf den noch immer wütend um sich strampelnden und alles andere als Ruhe gebenden Elias auf Lidas Arm. „Ein richtig kleiner Sonnenschein.“

Mistkerl! Matthias hatte Mühe, seine Missbilligung nicht laut hervorzustoßen. Iven sollte sich lieber in Zurückhaltung üben, wenn er nicht … Seine Fäuste zuckten. Am liebsten hätte er Ivens allzu glattes Gesicht ein wenig aufpoliert.

Vielleicht wird es besser, wenn ich ihn absetze?“

Auf Ivens gnädiges Nicken hin ließ Lida den sich windenden Jungen an ihrem Körper entlang auf den Boden rutschen.

Wo er sich sofort kreischend längs legte. Und dann noch zu allem Übel zu husten begann.

Himmel“, stöhnte Iven und sah mit einem Mal nicht mehr überlegen, sondern deutlich genervt aus. „Was hat er denn?“

Geschlafen“, antwortete Matthias trocken.

Ha ha.“ Offensichtlich konnte Iven sich das überhaupt nicht vorstellen. Und glauben schon gleich gar nicht. Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah er Matthias an: „Du bist sicher, dass du den Jungen nicht misshandelt hast?“

Mit einem wütenden Aufschrei riss Matthias die schon wieder geballten Fäuste nach oben und machte einen Sprung. Auf Iven zu.

Lida auch. „Nein!“ Sie warf sich fast vor Iven und funkelte Matthias an. „Lass das.“

Doch noch ehe sich Matthias‘ Wut auf sie übertragen konnte, hatte sie sich schon umgewandt und schrie nun – gelobt sei Gott – Iven ins feixende Gesicht: „Und wenn du jetzt nicht deinen Mund hältst, sind wir gleich wieder weg.“

Das wirkte. Während Lida sie abwechselnd musterte, riss sich Iven sichtlich zur Ordnung. Matthias schnaufte ein paarmal tief durch. Sogar Elias‘ Husten hatte Erbarmen und ebbte ab. Lida zog den Kleinen wieder auf den Arm, wo er dann, den Daumen in den Mund gesteckt, endlich still wurde.

Danach wurde es besser. In jeder Hinsicht.

Die Unterlagen, von denen Iven am Telefon gesprochen hatte, lagen auf dem Tisch ausgebreitet. Matthias, eng neben Lida stehend, beugte sich synchron mit ihr darüber.

Das ist ja phantastisch“, stieß sie hervor und deutete auf ein durch eine durchsichtige Plastikhülle geschütztes Pergament. „Das könnte tatsächlich ein Original sein.“

Was Lida in Jubelstürme ausbrechen ließ, ernüchterte Matthias gleichermaßen. Die Unterlagen waren genau das, was Iven angekündigt hatte: ein Bauauftrag, alte Rechnungen – nichts, was seinen Interessen auch nur im Mindesten entgegengekommen wäre, nichts Genealogisches. Enttäuscht richtete er sich wieder auf.

Lida nicht. Sie hatte mittlerweile eine Lupe in der Hand und studierte den Bauauftrag: „Meinhards Siegel ist darauf und – sieh mal – seine Unterschrift. Der Text – könnte das nicht auch seine Handschrift sein?“ Sie richtete sich auf und strahlte Iven an. „Ich bin absolut begeistert.“

Erst als Elias, der durch Lidas gebeugte Haltung inzwischen recht unglücklich in ihren Armen hing, sich wieder zu winden und zu jammern begann, richtete sie sich auf.

Wie viele Dokumente sind es?“

Iven wies auf eine zweite Mappe. „Insgesamt wohl um die zwanzig.“

Wieder drifteten Lidas und Matthias‘ Reaktionen weit auseinander. Während sie in begeistertes Juchzen ausbrach: „Das ist ja der Hammer“, stöhnte Matthias. Das hier war keine Sache von ein paar Minuten. Lidas Begeisterung würde er jetzt nur sehr schwer ausbremsen können. Eigentlich konnte er sich dafür nur eine Methode vorstellen: Sie brachial daran zu erinnern, was sie verabredet hatten, und darauf zu beharren, dass sie ihr Versprechen hielt. Was mit Sicherheit einen Streit und sehr schlechte Stimmung zwischen ihnen nach sich ziehen würde. Etwas, was sie in der einsamen Hütte überhaupt nicht brauchen konnten.

Diese Erkenntnis machte Matthias schnell einsichtig, als er Lidas vorsichtigen Seitenblick bemerkte. Er nickte: „Schon gut. Ich fahr mit Elias voraus und geh schon mal hinauf. Du kommst nach, wenn du hier fertig bist.“ Seine Augen auf Iven gerichtet fügte er barsch hinzu: „Ich darf doch davon ausgehen, dass du meine Frau wohlbehalten nachbringen wirst?“

Klar, dass Iven grinste und sich spöttisch verbeugte. „Aber natürlich werde ich deine Frau fahren. Dein Wunsch ist mir Befehl.“

Matthias beschloss – um des lieben Friedens willen – Ivens ganz besonders hervorgehobenes ‚deine Frau‘ zu ignorieren. Lida war schließlich seine Frau. Seine, nicht Ivens.

Komm Kleiner“, sagte er, an Lida gewandt, und nahm ihr Elias ab. „Lass uns hinauf in die Berge fahren.“

Er nickte Iven nur kurz zu – dann war er auch schon draußen.

Lida folgte ihm.

Tut mir leid“, sagte sie. „Ich habe ja nicht geahnt …“

Schon gut“, unterbrach Matthias sie. „Es ist schließlich wichtig für dich. Und Iven …“

Jetzt war sie es, die ihn unterbrach: „Iven ist keine Gefahr für uns. Das weißt du doch.“ Sie nahm seinen freien Arm, hob ihn an und schmiegte sich darunter. „Wir drei sind eine Familie. Eine glückliche noch dazu.“

So innig verbunden kamen sie schließlich am Parkplatz an.

Tschüss, mein Kleiner, bis später.“ Sie nahm Elias auf den Arm, küsste ihn auf die Wange, setzte ihn in den Kindersitz und schnallte ihn an. Dann holte sie ihr Gepäck aus dem Kofferraum und eine der Lebensmitteltaschen.

Ich danke dir für dein Vertrauen.“ Sie umarmte Matthias, küsste auch ihn. Allerdings auf den Mund. „Hast du das Spray?“

Als er nickte, löste sie sich aus seinem Arm – und weg war sie.

Matthias sah ihr nach, wie sie im Hoteleingang verschwand. Dann seufzte er und ließ sich hinters Steuer gleiten. „Also gut, Kumpel, lass uns nun zur Hütte fahren. Aber weil du vorhin geschlafen hast, als wir vorbeigekommen sind, zeige ich dir jetzt noch eine ganz echte Ritterburg.“

Gespannt beobachtete er die Reaktion des Jungen. Die allerdings mager ausfiel. Elias rieb sich mit der Hand über die Nase, schleckte dann mit der Zunge über seine Lippen und spitzte die zu einem Schmollmund. Das war nichts, was in irgendeiner Art Interesse verriet. Vielleicht sollte Matthias genauer werden?

Weißt du, früher, als es dich noch nicht gab, als es mich noch nicht gab und auch Mama nicht, da lebten meine Vorfahren in dieser Burg. Meinhard hieß mein Ur-ur-ur-ur-uropa. Er war ein Ritter und hat die Burg Ehrenberg gebaut.“

Wu-wu-wu-wu-wu“, machte Elias, dessen Launepegel sich inzwischen deutlich gehoben hatte, und wackelte mit seinen dicken Fingerchen über seine Lippen, dass es nur so blubberte.

Ur-ur-ur-ur-ur“, verbesserte Matthias grinsend. Elias war zu klein. Ritterburg und Uropas waren für ihn einfach noch nicht interessant.

Wah“, schrie Elias einen Moment später und schmierte mit seinen feuchten Fingern über das Seitenfenster.

Kühe“, berichtigte Matthias. „Die kennst du bisher nur aus Bilderbüchern. Von denen kommt die Milch, die du morgens immer trinkst. Die machen ‚Muh‘. Aber sieh mal, wir sind im Gebirge. Das dort drüben sind zum Beispiel die Tannheimer Berge.“

Die waren Elias ebenso egal wie eine nicht sichtbare Ritterburg. Er hatte Freude daran, immer und immer wieder auf die Kühe zu deuten. „Muh-Kuh.“

Reutte war zwar Matthias’ Heimat und darüber hinaus auch sehr geschichtsträchtig, aber zum Glück nicht groß. Schnell kam der Katzenberg in Sicht. „Siehst du, dort vorn? Das ist Burg Ehrenberg.“

Ua-ua-ua“, machte Elias. „Ua-Opa.“

Schlauer Junge.“ Matthias lächelte ihn im Rückspiegel voller Stolz an. „Schau, wie schön sie ist. Eine ganz echte Ritterburg. Mit Türmen, einer dicken Burgmauer und verwinkelten Gebäuden voller Erker. Und über allem thront der Burgfried.“

Hin“, forderte Elias, der endlich beeindruckt war, und bäumte sich in seinem Sitz auf. „Opa-Buag dehn.“

Später.“ Verdammt, jetzt hatte er den Jungen aber auf eine Idee gebracht. Dabei wollte er nichts lieber, als so schnell wie möglich zur Hütte zu kommen. „Du musst erst ein bisschen größer werden, dann gehen wir in die Ritterburg.“

Elias schien ihn nicht nur zu verstehen, sondern auch zu wissen, dass ‚ein bisschen größer‘ eine sehr dehnbare Zeitspanne umfasste, und fing an zu brüllen. „Jez Buag dehn, jez!“

Das ist noch nichts für kleine Pimpfe wie dich“, versuchte Matthias zu erklären. Doch gegen Elias‘ Gebrüll kam er nicht an. Um keinen Hustenanfall zu provozieren, stieg er lieber aufs Gaspedal und sah zu, möglichst schnell an der verführerisch hell in der Sonne blinkenden Burg vorbeizufahren, die eine echte Touristenattraktion darstellte.

Nur einen Cent von jedem Eintrittsgeld und ich wär ein gemachter Mann.“

So war es aber nicht. Matthias mochte von Meinhard abstammen, von dessen Reichtum und Macht jedoch war im einundzwanzigsten Jahrhundert nichts mehr übrig geblieben.

Kaum war die Burg außer Sicht, beruhigte sich Elias wieder. Ohne gehustet zu haben. Was ausgezeichnet war.

Gut gelaunt hielt Matthias den Wagen vor Heiterwang dicht neben einer Kuhweide an und öffnete die Fenster. „Lausch mal.“

Es dauerte nur einen Moment, bis Elias ergriffen hauchte: „Kuh-Bim-Bam.“

Die haben Glocken um den Hals“, erklärte Matthias. „Die Kuh macht Muh und die Glocke?“

Bim-Bam.“

Ich merke schon, wir verstehen uns.“ Matthias war sehr zufrieden.

Wenn er von der Tatsache absah, dass Lida nicht hier war, um Elias Schlussfolgerung zu bewundern, sondern bei Iven.

Fledermaus_Teil_1Kühne Höhlenträume

Die Hütte vor der schroffen Gartnerwand lag malerisch zwischen geduckten Kiefern inmitten weich geschwungener Wiesen. Ringsum nichts weiter als Natur. Keinerlei Zivilisation, keinerlei Luxus, keinerlei Umweltverschmutzung – und leider auch keinerlei Straßen. Das war nämlich der Haken an der Sache. Matthias würde alles, Gepäck, Proviant und Kind, hinaufschleppen müssen.

Da?“, fragte Elias und riss damit Matthias aus seinen Gedanken.

Der wandte den Kopf. „Gleich, kleiner Bär.“

Naufebäa“, vervollständigte Elias und hustete demonstrativ.

Wollen wir hoffen, dass du kein Schnaufebär mehr bist. Nur noch ein paar Kurven und wir sind da.“ Matthias kurbelte das Fenster herunter. „Du kannst schon mal die gute Luft hier riechen.“

Elias schupperte, wie Lida es immer tat, wenn er seine Windeln erfolgreich gefüllt hatte. „Tinkt.“

Die gute Bergluft doch nicht“, widersprach Matthias. „Die ist sogar sehr gesund.“ Er deutete nach vorn. „Siehst du? Wir sind da. Da vorn ist der Misthaufen von Bichlbächle. Der stinkt vielleicht ein wenig.“

Er parkte den Wagen sorgfältig am Wegrand, kurz vor den beiden Bauernhöfen, die den ganzen Ort ausmachten, stieg aus und reckte sich. Er würde sich ohne Umschweife auf den Weg machen.

Na, kannst du selbst gehen?“, fragte er, als der Kleine vor ihm stand. „Oder muss ich dich tragen wie ein Baby?“

Der strahlte auf. „Selba.“

Gut“, nickte Matthias und reichte den Kinderrucksack, der die Form eines Elefanten hatte, an Elias weiter. „Du trägst deine Flasche, ich den Rest.“

Gerüstet mit der Kraxe auf dem Rücken, einer Tasche rechts, einer links geschultert, klatschte er in die Hände. „Auf geht’s.“

Solange der Kleine mitmachte, würde er ihn selbst gehen lassen. Matthias warf einen Blick nach oben. Die Bichlbächler Almen, zu denen seine Hütte gehörte, waren von hier aus gar nicht zu sehen. Selbst die Gartnerwand war noch vom steil ansteigenden Wald verdeckt. Doch Matthias wusste, alleine, mit moderatem Gepäck und auf direktem Weg würde er sie in einer halben Stunde erreicht haben. Heute jedoch, über den weniger steilen Pfad durch den Wald, schätzte er die Zeit auf drei- bis viermal länger ein.

Elias zeigte sich tapfer und stapfte wacker vor ihm her.

Für April war es verdammt warm und es ging stetig bergauf. Matthias spürte seine Knie, noch ehe es richtig steil geworden – und noch ehe Elias als zusätzliches Gewicht in der Rückentrage gelandet war.

Eine Minute später war es soweit und weitere zwanzig Minuten später rann Matthias der Schweiß übers Gesicht. Keuchend blieb er stehen. „Hast du Wackersteine gefrühstückt?“, fragte er über die Schulter nach hinten, wo sich Elias vergnügt in der Kraxe hin- und herbewegte.

Wackeldeine?“, fragte er mit Piepstimme und fuhr mit seinen kleinen Fingern durch Matthias‘ Haar. „Duast.“

Du hast recht.“

Sie waren bereits im Wald, neben dem jetzt weniger steilen Pfad lagen gefällte und entrindete Baumstämme aufgestapelt.

Hier rasten wir.“

Matthias befreite Elias, gab ihm seine Flasche und ein belegtes Brot, das der Junge, sich emsig rings um die gefällten Stämme bewegend, in sich hinein mümmelte.

Währenddessen saß Matthias daneben, genoss die schattige Kühle, behielt nur den Kleinen im Blick. Was Lida gerade machte? War sie in die Dokumente vertieft, saß sie gerade mit Iven beim Essen im feudalen Hotelrestaurant, oder …

Er wischte mit der Hand durch die Luft. Weg mit diesem Gedanken. Lida hatte es sogar noch betont: Matthias, Elias und sie waren eine Familie. Iven hatte da keinen Platz.

Duck ma!“ Elias leberwurstverschmierter Zeigefinger hing zitternd in der Luft.

Er hatte am Ende des Riesenstapels einen dünnen Baumstamm entdeckt, der ein ganzes Stück über die anderen hinausragte. Die perfekte Wippe. Voller Eifer zog er sich hinauf, bis er rittlings dasaß.

S-aukeln!“ Er hopste unbeholfen, um den Stamm zu bewegen. Was bei seinem Gewicht kaum gelang.

Lachend stand Matthias auf. „Na, dann lass uns mal sehen, ob wir dieses Stück Holz zum Schwingen bringen.“ Er balancierte vor Elias und reichte ihm die Hände. „Darf ich bitten?“

Begeistert stand der auf und sprang wie ein Spielball auf und ab.

Ganz sachte zuerst, schließlich fester und stärker, schwang Matthias mit. Endlich wippte der Stamm unter ihnen heftig.

Mea.“ Elias schrie vor Begeisterung. „Mea, mea.“

Hoppla“, Matthias verlor das Gleichgewicht, sprang seitlich vom wippenden Baumstamm, schwang Elias dabei in die Luft und fing ihn in seinen Armen auf. „Du bist ein richtig wilder Kerl.“

Der noch immer kreischende Elias hopste in Matthias Armen einfach weiter. „Weita, mea, mea.“

Diesmal wollte Elias gleich wieder in die Trage, als sie schließlich aufbrachen. Matthias war es recht. Er hatte dadurch zwar mehr zu schleppen, dass er aber in seinem eigenen Tempo gehen konnte, machte das wieder wett. Mehr als die Hälfte des Weges lag noch vor ihnen – einschließlich des Aufstieges neben dem Bach, wenn sie den Wald schließlich hinter sich gelassen hätten. Aber noch wanderte er durch Kiefernbestand, es war nicht allzu steil, Elias sang in der Kraxe leise vor sich hin – und so kam Matthias eine ganze Weile gut voran.

Er genoss alles. Die Umgebung, die sachte Luft, das Kreischen der Bergdohlen. Die Kiefern hier waren von geradezu erstaunlich frischem Grün, der Frühling hatte auch im Gebirge Einzug gehalten.

Atme tief durch, Kleiner“, mahnte er nach hinten.

Von Elias jedoch kam keine Reaktion. War er etwa schon wieder eingeschlafen? Matthias erinnerte sich daran, dass auch er hier in den Bergen stets besonders viel geschlafen hatte. Dem Kind mochte es in der saubereren Luft nicht anders gehen. Sie wirkte also schon. Das war gut, das war sogar ganz ausgezeichnet!

Der Wald lichtete sich früher, als er es in Erinnerung hatte. Aber er war seit Elias’ Geburt nicht mehr hier gewesen – und konnte sich darüber hinaus auch nicht erinnern, wann er diesen Weg das letzte Mal benutzt hatte. Das mochte weit länger her sein. Selbst so eine unberührt scheinende Umgebung wie die Waldhänge in den Alpen war ja nicht gänzlich verlassen. Menschen würden hier ihre Wälder ausgelichtet und aufgeräumt haben. Und so dachte Matthias sich nichts dabei, als er viel zu bald auf den Waldrand stieß.

Die völlig veränderte Umgebung jenseits der Bäume verblüffte ihn dann aber doch. „Schau dir das an!“

Hier war keineswegs Menschenhand angelegt worden. Ein heftiger Steinrutsch hatte den Hang vor dem Wald abgetragen. Vor ihnen lag ein Geröllfeld, das etwa zweihundert Meter breit sein mochte, ehe auf der anderen Seite unvermittelt steile Wiesen begannen. Beeindruckt war Matthias stehengeblieben. Der Hang vor seinen Füßen wirkte in seiner Öde wie eine Mondlandschaft. Der Rutsch mochte noch nicht lange her sein, war womöglich während des letzten Winters geschehen, es hatte sich noch keinerlei Vegetation hierher verirrt.

Aber das alles war es nicht, wovon Matthias‘ Blick angezogen wurde wie eine Motte vom Licht. Inmitten des Gerölls, ein gutes Stück oberhalb von ihm, stand ein einzelner Busch. Eine Straucherle, wie er sofort erkannte. Die keineswegs so wirkte, als wäre sie mit knapper Not einem Steinrutsch entkommen, sondern mehrstämmig und strotzend vor Kraft in jungem Grün stand. In der kargen Umgebung wirkte sie völlig deplatziert.

Wie gibt’s denn das?“ Matthias musste nicht überlegen, seine Füße hatten sich ohne sein Zutun in Bewegung gesetzt. Das würde er sich genauer ansehen.

Gib-s das?“, fragte Elias von hinten.

Er war also nicht eingeschlafen – oder schon wieder aufgewacht.

Wir gucken mal da hoch“, erklärte Matthias.

Baum“, sagte Elias. Eine kleine Hand, die ganz offensichtlich vorauswies, erschien in Matthias‘ Augenwinkel.

Bi, ba, Baum“, sang Matthias. „Der soll uns mal erzählen, wie er dahingekommen ist.“

Bi, ba, Baum“, wiederholte Elias und begann zu hopsen.

Kurz darauf erkannte Matthias etwas, was ihn noch weit neugieriger machte als die Straucherle.

Schau mal, was sich hinter dem Baum versteckt“, sagte er zu seinem kleinen Begleiter auf dem Rücken. „Eine Höhle.“

Ja“, rief Elias begeistert, als wüsste er, was eine Höhle war.

Die schauen wir uns mal an.“

Der Berg hatte bei dem Rutsch eines seiner Geheimnisse preisgegeben. Matthias hatte die Abenteuerlust gepackt. Die Erle war vergessen.

Weißt du eigentlich schon, dass wir Abenteurer sind, die den Auftrag haben, sämtliche Höhlen hier zu erforschen?“, fragte er, an Elias gewandt.

Au ja“, kam zur Antwort. Und natürlich wieder Gehopse.

Matthias keuchte inzwischen. Der Anstieg zur Höhle war steiler und in dem unregelmäßigen Geröllfeld mühsamer als gedacht. Wieder und wieder rutschte er auf Steinen aus, die unter ihm plötzlich nachgaben, sich drehten und davonrollten, als hätten sie ein Eigenleben. Mehr als einmal konnte er sich nur durch einen beherzten Satz vor einem Sturz bewahren. Mit dem Kind auf dem Rücken und den schweren Taschen rechts und links war er ziemlich unbeweglich. Er bereute, das Gepäck nicht am Waldrand einfach zurückgelassen zu haben.

Doch dann hatten sie Erle und Höhle endlich erreicht, Matthias warf mit einem erleichterten Aufstöhnen die Taschen von sich und hob die Kraxe vom Rücken.

Herr Forscher, sind Sie bereit?“

Kaum war Elias auf den Beinen, machte er sich stolpernd auf den Weg zum Höhleneingang.

Moment mal, kleiner Mann.“ Matthias hechtete ihm nach und nahm ihn auf den Arm. „Dort könnten Löcher sein. Wir gucken erst einmal gemeinsam.“

Der Weg hier herauf mochte eine wilde Kletterei gewesen sein, der Höhleneingang selbst wirkte ganz harmlos, als wäre er schon immer dort gewesen. Der Fels war dunkel verwittert, Moos und Farn wuchsen in den Spalten. Nichts wies darauf hin, dass der Eingang erst kürzlich entstanden sein könnte.

Vielleicht war es tatsächlich so, überlegte Matthias, dass er die Höhle im dichten Wald einfach nie entdeckt hatte. Dennoch, müsste sie nicht wenigstens den Leuten aus Bichlbächle drunten bekannt sein? Er hatte sich früher doch öfter schon mit dem Bauern Birbichler über den Berg und die Almen ringsum unterhalten. Der Mann war zuständig für die Kühe hier oben und kannte die Gegend wie seine Westentasche. Diese Höhle offensichtlich aber nicht.

Matthias nickte anerkennend. Dies versprach ein gutes Abenteuer zu werden.

Er stellte Elias vor sich auf den Fels und reckte neugierig seinen Kopf in den dunklen Eingang.

Sollen wir da reingehen?“, fragte er laut und lauschte. Es hallte. Die Höhle war zumindest nicht nur ein kleines, schwarzes Loch, wie sie sich hier am Eingang präsentierte.

Mama dehn.“

Elias schien die sich vor ihnen ausbreitende Finsternis nicht zu mögen. Er hatte sich umgewandt und zerrte an Matthias‘ Hand – von der Höhle weg.

Bist du ein Hasenfuß?“, fragte Matthias, zog sich dann aber mit dem offensichtlich wirklich ängstlichen Kind, das sein Gesicht jetzt an seine Hose drückte, wieder ein Stück zurück.

Es juckte ihn schon sehr in den Fingern, die Höhle auf der Stelle zu erforschen. Eine gute Taschenlampe hatte er im Rucksack. Elias‘ Ängstlichkeit war natürlich ein Problem. Vielleicht sollte er erst zur Hütte hinaufgehen und morgen oder übermorgen alleine wiederkommen? Aber Lida hätte mit Sicherheit Einwände.

Nein, wenn er die Höhle erforschen wollte, würde er es sofort tun müssen. Immerhin hatte Lida ja auch gerade ihren Spaß, da war es doch nur gerecht, wenn ihre beiden Männer ein echtes Abenteuer erleben würden.

Schau mal.“ Er wühlte bereits in der Reisetasche. Wo war denn gleich noch … Ah, da!

Wir erkunden die Höhle“, kündigte er an. „Und zwar hiermit.“ Er knipste die rote Taschenlampe an und leuchtete Elias ins Gesicht.

Was den begeistert aufschreien ließ. „Haben.“

Erst musst du Höhlenforscher werden“, erklärte Matthias und kramte die Sachen für eine kleine Expedition zusammen.

Ein Seil für alle Fälle, die beiden Taschenlampen, Elias‘ Trinkflasche.

Ab mit dir in den Sitz“, kommandierte er, nachdem er Elias in Jacke und Mütze gesteckt hatte. „Hier bist du sehr gut aufgehoben.“

Er hatte die Kraxe schon auf dem Rücken, da fiel es ihm ein.

Uff, beinahe hätte ich das Wichtigste vergessen.“ Hastig kramte er im Medikamentenbeutel nach dem Kortisonspray und steckte es in die Hosentasche.

Jetzt aber los.“ Er reichte Elias die eingeschaltete Taschenlampe.

Mit der der Kleine im Höhleneingang wild umherleuchtete. Aber nicht schrie.

Drin war es heller, als es von draußen gewirkt hatte. Matthias konnte auf seine Taschenlampe zunächst noch verzichten.

Ist doch gar nicht so schlimm“, sagte er zu Elias.

Nich slimm“, murmelte der nur und zeichnete mit der Funzel wilde Kreise auf den Fels.

Leucht mal da rüber“, forderte Matthias ihn auf. „Ich glaube, dort geht es weiter.“

Der kleine Lichtschein huschte unsicher und schwankend, als wäre er betrunken, in die angegebene Richtung. Nur einen Moment verharrte er an der richtigen Stelle, dann huschte er weiter. Doch Matthias hatte gesehen, was er erhofft hatte. Dort war ein Durchgang.

Allerdings war der wesentlich enger und niedriger als der Höhleneingang. Nachdem sich Matthias samt Kraxe hindurchgequetscht hatte, wurde es augenblicklich finster.

Huhu“, rief er und lauschte erneut dem Hall seiner Stimme. Dabei leuchtete er mit seiner Taschenlampe den Gang aus, in dem sie sich nun befanden. Der führte tiefer in den Berg hinein und lag in vollständiger Dunkelheit. Die schien Elias nichts mehr auszumachen, oder er war zu sehr abgelenkt durch die Taschenlampe in seinen Händen? Jedenfalls beschwerte er sich nicht, sondern leuchtete fleißig umher.

Hörst du das Rauschen?“, fragte Matthias. „Dort irgendwo ist Wasser. Wer weiß, vielleicht ist es sogar Salzwasser. Das wäre gut für dein Asthma.“

Ihm schien es wie eine glückliche Fügung, diese Höhle gefunden zu haben, und nahm sich vor, sie ganz und gar zu erforschen. Vielleicht nicht heute, aber in den kommenden Tagen. Ganz egal, was Lida dazu sagen würde.

Doch zunächst einmal ging es weiter hinein. Das Rauschen schwoll an. Und es roch muffig. Irgendwie nach Tier. Bären? Die gab es hier nicht. Füchse? Ach was. Was hier roch, war sicher kleiner und wesentlich harmloser.

Matthias‘ Gedanken wurden von einer Erweiterung des Ganges zu einer geräumigen Höhle abgelenkt, die sich nun vor ihm auftat.

Oh Mann“, sagte er, als er die Tropfsteine entdeckte.

Stalaktiten hingen von der Höhlendecke, Stalagmiten wuchsen ihnen von unten entgegen. Von überall tropfte es, außerdem war das Rauschen entschieden lauter geworden. Matthias drehte sich mit seiner Taschenlampe im Kreis und leuchtete herum. Hier irgendwo musste ein Wasserfall oder Wildbach sein.

Das ist ja phantastisch.“

Dort vorn, ein ganzes Stück weiter, hing ein Tropfstein von der Höhlendecke, der wie ein Vorhang gefaltet war. Den wollte er sich genauer ansehen. Also kletterte er über einen niedrigen Stalagmiten, rutschte durch eine größere Wasserpfütze und umrundete einen Felsbrocken. Dann stand er direkt darunter. Sein erster Eindruck war Überwältigung. Die Höhle war hier höher als gedacht und dieser Vorhang ein gewaltiger Stalaktit. Hingerissen blieb er stehen und beleuchtete die Umgebung. Dies hier war besser, als er sich das in seinen kühnsten Jugendträumen ausgemalt hatte. Er würde hier ein wildes Abenteuer erleben.

JUHUU“, schrie er gegen das Wasserrauschen an.

Augenblicklich bereute er seinen plötzlichen Übermut, denn über ihm regte sich etwas. Dann war die Luft voller Gepiepse und grellen Geschreis, voller schwarzer kleiner, pfeilschneller Leiber, die mit ledrig schlagenden Flügeln um seinen Kopf sausten.

Fledermäuse! Eine gewaltige Menge sogar. Die waren wohl auch die Verursacher des scharfen Geruchs. Dies schien ihre Schlafhöhle zu sein.

Instinktiv duckte sich Matthias – als der Gedanke ihn durchzuckte: Elias! Der Junge saß in der Rückentrage und war somit den herumflatternden Viechern völlig ungeschützt ausgeliefert. Hastig zerrte er die Kraxenträger von den Schultern, packte Elias, drückte ihn an seine Brust und ging in die Knie.

Seltsam“, rief er dem Kind zu, „mein kurzer Schrei weckt sie auf, das donnernde Rauschen des Wassers macht ihnen jedoch nichts.“

Langsam ebbte das Geflatterund Gekreische ab. Matthias hob den Kopf, zuckte jedoch wieder nach unten, als ein ledriger Flügel seine Haare streifte. All seine Aufmerksamkeit nach oben gerichtet, registrierte er, dass es endlich still geworden war – vom Wasserrauschen abgesehen, das ihm nun laut wie Donner vorkam.

Bist du auch so erschrocken?“ Er richtete sich auf.

Von Elias kam keine Reaktion.

Erst in diesem Moment kam ihm der Gedanke, dass sich der Kleine die ganze Zeit über absolut ruhig verhalten hatte.

Eigenartig. Beunruhigend eigenartig.

Eine kurze Bewegung später leuchtete er Elias ins Gesicht. Der hing schräg in seinem Sitz, den Kopf auf den Rand gelegt.

Er konnte doch nicht schlafen! Aber da erkannte Matthias bereits die bläulich verfärbten Lippen, nahm das typisch keuchende Atemziehen des Kleinen wahr. Hören konnte er es in all dem Rauschen nicht.

Elias hatte einen Asthmaanfall und er hatte es nicht mitbekommen! Der Schreck darüber durchzuckte Matthias so heftig, dass er die Koordination über seine Muskeln verlor. Nur einen Moment, aber der reichte, dass ihm die Taschenlampe aus der Hand glitt, zu Boden fiel und wegrollte.

Aber das war jetzt egal. Hastig fuhr seine Hand in die Hosentasche. Das Notfallspray! Er riss die Kappe vom Sprühknopf, öffnete Elias‘ Mund, schob das Spray hinein und drückte auf den Knopf.

Nichts.

Er drückte erneut, sicher, nur nichts gehört zu haben.

Aber Elias regte sich noch immer nicht.

Verdammt! Matthias hastete nach vorn, stieß sich seinen Kopf an irgendetwas, fuhr zur Seite, bückte sich und fischte nach der Taschenlampe, sprang zu Elias und leuchtete ihm ins alarmierend blau angelaufene Gesicht, sah, dass der Kleine mühsam und sichtlich vergebens um Luft rang.

Erneut drückte er ihm das Spray in den Mund und presste mit aller Kraft den Sprühknopf, während er mit der anderen Hand die Taschenlampe hielt.

Jetzt konnte er es sehen. Nichts. Aus dem Spray kam nichts.

Verzweifelt drückte er wieder, fester, nochmal.

Elias, atme!“

Das Spray war leer.

Er riss Elias aus der Rückentrage, in der er immer noch klemmte, schüttelte ihn.

Was hatte den Anfall ausgelöst? Die Fledermäuse? Ihr scharf riechender Kot etwa? Also raus hier!

Mit Elias auf dem Arm rannte er los, so gut und schnell er konnte. Dort drüben, er leuchtete kurz, ja, da klaffte dunkel die Öffnung zum Korridor, durch den sie gekommen waren. Eilig schlüpfte er hinein, achtete nicht darauf, ob er sich stieß, nur auf Elias sah er, der nun nicht einmal mehr nach Luft schnappte. Oh Gott, sie mussten raus hier, sofort!

Matthias wurde schneller. Einen Moment später war er an dem engen Durchgang, quetschte sich ohne Rücksicht auf sich selbst hindurch. Das Licht vom Höhlenausgang blendete ihn. Er rannte darauf zu, hinaus in die Sonne, sah gar nichts mehr, stolperte noch einige Schritte. Weg, nur weg hier.

Dann legte er Elias auf den Boden. Dessen Gesicht war dunkelblau. Er atmete nicht.

ELIAS.“

Wieder das Spray.

Nichts.

Matthias drückte seinen Mund um Elias‘ Mund und Nase, gab einen Atemstoß.

Nichts. Elias‘ Bronchien waren völlig zu. Der Kleine war mitten in einem schlimmen Asthmaanfall und kam von alleine nicht wieder heraus.

ATME.“

Matthias hob Elias hoch und schüttelte ihn. „VERDAMMT NOCH MAL, ATME.“ Er schlug ihm auf die Wange. „HÖRST DU? DU SOLLST ATMEN.“

Doch das Kind rührte sich noch immer nicht.

ELIAS!“

 

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