Fledermaus_Teil_2Das Buch aus der Zukunft

Vergangenheit – drei Jahre vor ‚Flederzeit I‘

Wonnemond, Anno 1290

Welche von euch ist Mila?“, drang die quiekende Stimme des Boten durch das geschäftige Treiben der Burgküche. Mila, gerade beim Erbsenpulen, fuhr herum.

Sie soll zum Junker Johann kommen“, setzte der kleine Mann hinzu. „Wo ist Mila?“

Hier“, sie musste sich räuspern, ehe sie weitersprechen konnte, „was will er von mir?“

Was kann er schon von dir wollen, Mädchen“, schob Wilmar, der dicke Oberkoch, sie in Richtung Tür. „Aber da haben wir nichts mitzureden. Und wer weiß, vielleicht gefällst du ihm ja und steigst auf in den Rang seiner …“ Er ließ das offen, doch sein wissendes Grinsen sagte alles.

Mila spürte ihre Wangen erglühen. So eine war sie doch nicht. Weder eine atemberaubende Schönheit, die jeder Mann als Jagdbeute in seinem Bett wollte, noch eines dieser kichernden, drall geschnürten Dinger, die ihren Busen aus dem Ausschnitt quellen ließen, um die Aufmerksamkeit der hohen Herren auf diese Weise zu erregen. Und am Ende mit nichts als einem Bastard davongejagt zu werden.

Na, setz dich endlich in Bewegung. Oder willst du dem Junker erklären, du hättest Besseres zu tun gehabt, als seinem Befehl zu folgen?“, griff der Bote nun nach ihrem Arm.

Mila schüttelte ihn mit einem Ruck ab. „Ich kann allein gehen, danke.“

Dann los.“ Mit für seine kurzen Beine beachtlichem Tempo eilte er durch die Gänge, dem Hauptgebäude der Herrschaft zu.

Mila hetzte ihm nach, kurzatmig vor Aufregung. Die durchaus begründet war. Vor einen Ritter gerufen zu werden, der obendrein der – wenn auch illegitime – Sohn des Burgherren war, konnte für eine einfache Magd wie sie, auch abgesehen von Hurendiensten, nichts Gutes verheißen.

Wobei man ihr kein Vergehen vorwerfen konnte; sie hatte alle Befehle befolgt, anständig gearbeitet, niemals etwas gestohlen. Und von ihrem Geheimnis konnte eigentlich auch niemand etwas wissen …

Als sie eines Tages hatte feststellen müssen, dass die mysteriösen Leute, die immer wieder in ihrer Umgebung auftauchten, nicht zufällig kamen, sondern dass es ihre Person war, die sie anzuziehen schien, war ihre erste Reaktion gewesen, sich so weit wie möglich von der Höhle mitsamt ihren bissigen Fledermäusen zu entfernen. Zu ihrem Glück hatte Graf Meinhard zu diesem Zeitpunkt mit dem Bau der Burg Ernberg begonnen und jede Menge Arbeiter und Mägde gesucht. In der Küche der Baustelle hatte man sie sofort eingestellt.

Leider hatte sie jedoch einsehen zu müssen, dass ihre Flucht nichts gebracht hatte. Im Gegenteil: Selbst ein Gang in einen Keller, zum Abtritt oder in den Wald reichte für sie aus, um von einem dieser Fremden ereilt zu werden. Sie konnte ihnen nicht entkommen.

Im regen Treiben der Baustelle fiel es zwar weniger auf, wenn von einem Tag auf den anderen ein Fremder in Milas Nähe auftauchte. Doch auch hier hatte es nicht lange gedauert, bis alle gewusst hatten: Mila war seltsam. So sehr sie sich bemühte, alles, was mit ihren Besuchern zusammenhing, geheim zu halten: Sie war anders als die Menschen in ihrem Umfeld. Sie sprach anders, dachte anders, verhielt sich anders. Niemand wollte näher mit ihr zu tun haben – und wenn es dann doch einmal jemanden gab, der ihr trotz ihrer Eigenheiten freundlich begegnete, ergriff auch der spätestens dann die Flucht, wenn er sie mit diesen Fremden zusammen sah. Es war ein Fluch, der auf ihr lastete; anders vermochte sie es nicht zu empfinden.

Seit sie hier arbeitete, hatte sie schon zwei Besucher gehabt: Ingo, den Arzt, und zuletzt Steffen. Der war einmal unvorsichtig gewesen und Junker Johann durch seine Brille aufgefallen, die in dieser Zeit noch nicht erfunden war. Doch Junker Johann hatte ihm seine Geschichte vom Gelehrten aus dem fernen Land Ä-ägypten schließlich abgenommen, danach war Steffen im Gewusel der Burg nicht weiter aufgefallen. Und seine Verbindung zu Mila ebenso wenig, zumindest soweit sie wusste. Wenn auch die Tatsache, dass sie gerade jetzt auf dem Weg zum Junker war …

In diesem Moment musste sie abrupt ihre Laufrichtung ändern, als der Bote vor ihr plötzlich um eine Ecke bog, dort vor einer zweiflügeligen Tür anhielt und anklopfte.

Bist du bereit?“, fragte der sie mit zweideutigem Grinsen.

Sie antwortete nicht. Zwang sich, nicht zurückzuweichen, als er großspurig beide Flügel der Tür aufriss und mit einer Verbeugung verkündete: „Ich bringe Euch die Küchenmagd Mila, nach der Ihr verlangt habt, Junker Johann.“

Dann trat er zurück und schubste Mila durch die Tür, sodass sie in die Halle hineinstolperte, ein paar Schritte laufen musste, um den Schwung so weit abzufangen, dem Junker auf seinem thronartigen Lehnstuhl nicht vor die Füße zu fallen. Dann jedoch kam sie glimpflich zum Stehen. Sah ihn zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht.

Er ist ja noch ganz jung, war ihr allererster Gedanke. Fast noch ein Junge, niemand, vor dem ich Angst haben müsste.

Das betrachtete sie als eine der angenehmen Folgen ihrer Gabe: Sie war so oft gezwungen, mit fremdartigen Menschen umzugehen. Die längst nicht alle verängstigt und zahm waren und sie als ihre Retterin hofierten. Nicht selten hatte sie sich zorniger oder auch aufdringlicher Männer erwehren müssen. Zudem waren die Menschen aus der Zukunft naturgemäß weitaus weltgewandter und gebildeter als sie. Trotz allem war Mila fast immer problemlos mit ihnen fertig geworden – von Mal zu Mal besser.

Dieser junge Mann hier unterschied sich nicht wesentlich von ihnen. Sicher, er hatte in dieser Welt eine Machtstellung, das Recht, über Mila zu verfügen, wie es ihm beliebte. Dennoch war auch er nur ein Mensch. Mit Ängsten und Fehlern und Sehnsüchten. Ganz genau so wie alle anderen Menschen auch.

Nun ohne jede Furcht blieb sie abwartend vor ihm stehen und sah ihm geradewegs in die Augen.

Du bist Mila, die Küchenmagd?“, vergewisserte er sich überflüssigerweise. Er erwiderte ihren Blick eindringlich – die Beweggründe dahinter vermochte sie nicht zu erfassen.

Ja, Herr.“

Und du schläfst in einer der Kammern hinter der Küche“

Mila runzelte die Stirn. „Was wollt Ihr von mir?“

Das wurde auf deinem Lager gefunden.“ Er griff neben sich in einen Korb – Milas Herz raste los. Hatte jemand ihr irgendwelches Diebesgut untergeschoben? In dem Fall nützte ihr ihre Furchtlosigkeit herzlich wenig.

Der Junker drehte sich wieder zu ihr und wedelte mit – Steffens Buch! Das sie so sorgfältig in ihrem Strohsack versteckt hatte, dass da jemand sehr gezielt gesucht haben musste, um es zu finden.

Das ist meins!“

Oh nein. Das war ihr jetzt herausgerutscht – warum hatte sie nicht zuerst nachgedacht?

Bücher gab es zu dieser Zeit nur in Klöstern, und diese sahen – laut Steffen, Mila hatte, wenn überhaupt, nie etwas anderes zu Gesicht bekommen als Schriftrollen – vollkommen anders aus als dieses kleine, leichte Exemplar aus buntem, biegsamem Pergamentersatz. Niemand, nicht einmal der Burgherr persönlich, würde sie deswegen des Diebstahls bezichtigen können.

Stattdessen ging es hier um die alles entscheidende Frage, wie sie an diesen unbekannten Gegenstand gekommen war. Und die einfachste Lösung: „Das habe ich noch nie gesehen, ich habe nichts damit zu tun“, hatte sie sich soeben mit ihrer Gedankenlosigkeit verbaut.

Also, woher habe ich es? Diese Frage zu beantworten, war das, was jetzt von ihr gefordert war: Eine glaubhafte Brillen-Geschichte zu erfinden. Wieso, in Gottes Namen, hatte sie sich nicht schon lange eine zurechtgelegt? Oder das Buch einfach weggeworfen, spätestens nachdem Steffen wieder verschwunden war. Sie war ohnedies nie dazu gekommen, darin zu lesen. Woher habe ich es denn nur? Ein Ä-ägypten, ich brauche ein anderes. So weit weg wie möglich …

Mitten in ihren wild durcheinanderratternden Gedanken saß Junker Johann ganz versunken, das Buch aufgeschlagen vor sich auf dem Schoß – und las.

Ihm war der Umgang mit Büchern vertraut, das sah man. Für die völlig ungebildete Mila war es weitaus dramatischer gewesen, als sie ganz von selbst, als wäre das Menschen angeboren, die Buchdeckel auseinandergezogen und die Seiten durchgeblättert hatte. Johann dagegen wirkte durchaus erfahren – wenn auch kaum weniger fasziniert als Mila früher.

Woher hast du das?“, murmelte er ungläubig.

Also los, Mila, jetzt! „Ich habe es gefunden“, entschied sie nach nur kleinstem Zögern. Aber wo? Wo, wo, wo?

Und wo?“ Hellhörig. Und misstrauisch, da brauchte sie sich nichts vorzumachen.

Nicht auf seinem Grund und Boden, das wäre doch ihr Ende als Diebin. Aber wo denn nur? „In Insprucke“, nahm sie kurzerhand die größte Stadt, von der sie je gehört hatte.

Und dort lag es auf der Straße? Oder fiel vom Himmel, genau in deine Arme? Oder wie?“ Junker Johanns Stimme war gereizt.

Oh verdammt, wie sollte sie aus diesem Verhör heil herauskommen?

Du hast es gestohlen“, erwischte er sie da auch schon mit aller Schärfe.

Ich habe es nicht gestohlen, ich … habe es in einer Kirche gefunden, und ich habe es dem Pater gezeigt, und der hat gesagt, ich solle es behalten, weil es Gottes Wille sei, dass ich es gefunden habe, ich …“, nein, schwören sollte sie das wohl lieber nicht.

Junker Johann stand ganz langsam auf und bewegte sich mit lauernden Schritten auf sie zu. Sie wich zurück. Sämtliche Furcht, die sie anfangs für unnötig befunden hatte, in ihren Beinen.

Mila heißt du, oder?“, erkundigte er sich sanft, obwohl er ihren Namen in der Zwischenzeit kaum vergessen haben konnte.

Sie presste die Lippen aufeinander und schluckte.

Mila – ich erkenne, wenn man mich anlügt. Und ich möchte die Wahrheit wissen. Woher hast du dieses Buch?“

Ich habe es nicht gestohlen, Herr, das schwöre ich bei Gott.“

Das glaube ich dir sogar“, verblüffte er sie im selben Moment.

Was?“ Und schon wieder hatte etwas ihren Mund verlassen, was sie hätte hinunterschlucken müssen.

Junker Johann lachte laut auf. Lehnte sich in einer aufreizenden Art im Stand zurück, die Arme vor der Brust verschränkt. Er durchschaute sie. Siegesgewiss. Er machte sich über sie lustig!

Was solltest ausgerechnet du damit anfangen?“, fragte er jetzt leichthin. Stemmte die Hände in die Seiten und beugte sich vor, seine Stimme vertraulich senkend. „Wo solltest du denn lesen gelernt haben, nicht wahr?“ Er sprach mit besonders tiefer Stimme, als wollte er die Wirkung ihres Klanges erproben. „Deine Vorfahren waren Leibeigene, ohne jegliche Bildung – und auch du bist nur eine dumme Magd, gar nicht imstande, lesen zu lernen.“

Ihre Empörung war ihr ins Rückgrat gefahren – dass sich ihr Mund protestierend öffnete, konnte sie diesmal gerade noch rechtzeitig unterdrücken.

Sie war es nämlich, die er mit diesem Tonfall, mit seinen Unverschämtheiten, mit seiner Herablassung auf die Probe stellen wollte. Um sie dazu zu bringen, sich zu wehren, zuzugeben, dass sie sehr wohl des Lesens mächtig sei.

Um sie dann doch noch zur Diebin zu machen?

Doch diesmal war sie klüger und würde sich herauswinden. „Nein, natürlich kann ich nicht lesen, Herr.“ Hatte sie entgeistert genug geklungen?

In der Miene des jungen Mannes flackerte Respekt auf. „Du bist nicht so dumm, dich provozieren zu lassen“, stellte er nachdenklich fest – um in der nächsten Sekunde völlig unvermittelt auf sie zu zu springen und Mila nun wirklich zusammenfahren zu lassen. Mit einem Ruck bohrte er ihr das aufgeschlagene Buch in den Bauch. „Desungeachtet dulde ich es nicht, wenn man mich anlügt. Lies mir vor!“

Mila wich vor ihm zurück. Konnte er es wissen? Naja – irgendjemand hatte sie offensichtlich mit dem Buch beobachtet. Und wenn sie sich jetzt dem ausdrücklichen Befehl widersetzte …

Zögernd nahm sie dem Junker das Buch ab und senkte den Blick ein wenig, vorerst ohne ihn aus den Augen zu lassen. Er starrte sie unverwandt grimmig an. Es hatte keinen Sinn, sich weiterhin zu weigern. Mila seufzte und las. Nicht allzu schnell, es kostete sie immer noch Anstrengung. „Flederzeit – Abschied von der Zukunft.“ Sie brach ab, warf einen Blick auf den Junker. Vielleicht reichte das schon? Doch der nickte nur auffordernd. Weiter!

Also gut. Mila seufzte, senkte gehorsam die Augen auf das Buch, schlug es irgendwo auf und las bedächtig: „… umständlich langte sie zum Nachtkästchen. Ihre Hand zitterte, als sie auf dem Tischchen herumsuchte, die Brille fand, sie hochhob und schließlich aufsetzte. ‚Welche von euch beiden bist du?’“

Was ist das, was du da liest?“, unterbrach der Junker sie – nun mit gänzlich unverstellter Stimme. Drängend, gierig, aber nicht als ihr Herr. Er entriss ihr das Buch wieder, deutete aufgeregt auf den Buchdeckel. „Wer kann eine Fledermaus so naturgetreu malen? Wer ist dieser“, er musste den Namen zuerst noch einmal lesen, „Matthias Peregrinus? Was ist das für eine skurrile Geschichte, die er aufgeschrieben hat? In unnatürlich regelmäßigen Buchstaben, auf Seiten, die nicht aus Pergament zu bestehen scheinen. Ganz zu schweigen von diesem merkwürdigen Glas-Teil namens Brille, das da vorkommt – worüber mir einmal ein geheimnisvoller junger Mann eine haarsträubende Geschichte aus Ägypten erzählt hat. Und hier“, wieder blätterte er, und zwar zu der Stelle, die im Grunde alle seine Fragen beantwortete: „Pö-cking, im Januar 2015.“ Er hatte Mila dabei nicht aus den Augen gelassen. „Januar ist Januarius und somit Jenner, oder? Und das ist doch eine Jahreszahl? Aber was ist ein Pöcking? Was hat das alles zu bedeuten? Antworte mir, sofort!“

Mila war Schritt für Schritt zurückgewichen. Der junge Mann ihr nach. Bis sie jetzt mit dem Rücken an der Wand stand.

Könnte es ihr gelingen, sich unauffällig zur Tür zu bewegen und zu fliehen?

Leider bemerkte der Junker ihre Absicht bereits bei ihrem ersten klitzekleinen Seitwärtsschritt. „He, willst du weglaufen?“, griff er sie am Arm, in seinem Blick echte Verständnislosigkeit, als könnte er sich Milas Impuls nicht erklären.

Sie unternahm nichts, um das zu tun.

Hast du Angst vor mir?“ Dieselben ungläubig fragenden Augen.

Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass er sie wirklich ansah. Offen, fast arglos. Doch diesem Eindruck konnte sie nicht trauen, das war ihr klar.

Die Sehnsucht danach, genau das zu tun, überschwemmte sie in diesem Augenblick. Die Sehnsucht nach einem Mitwisser, mit dem sie ihre Erfahrungen besprechen konnte. Nach jemandem, der sie nicht unweigerlich wieder verlassen würde – wie alle zuvor, gegenüber denen sie jemals offen gewesen war.

Auch wenn sie sich dafür jemand anderen gewünscht hätte als ausgerechnet diesen Mann. Jemanden, der mit ihr auf einer Stufe stand, der ihr Freund werden könnte.

Andererseits schien Johann keine Angst vor ihr und ihrem Geheimnis zu haben. Und er war weit herumgekommen. Womöglich hatte er in der Fremde andere ihrer Art getroffen? Womöglich wusste er Dinge über ihre Gabe, die für sie von Nutzen sein konnten?

Sie seufzte leise.

Hör zu.“ Er ließ sie los und trat demonstrativ ein paar Schritte zurück. „Ich habe tausend Bedienstete und Leibeigene, mit denen ich anstellen kann, was ich will. Dass du zu ihnen gehörst, ist in dieser Sache vollkommen ohne Belang. An dir interessiert mich nur eine einzige Sache – nämlich dass dieses mysteriöse Buch sich in deinem Besitz befindet. Und darüber will ich alles herausfinden. Also: Du sagst mir, was du weißt – und ich lasse dich unbescholten gehen.“

Nun klang er ganz frei und unverstellt, wie ein normaler junger Mann, der ehrlich das aussprach, was er meinte. Sollte sie das glauben? Sollte sie ihm glauben?

Ihre Gabe und das Wissen, das sie dadurch erlangt hatte, preiszugeben, blieb gefährlich. Die allermeisten ihrer Zeitgenossen würden Mila als Dämonenbeschwörerin ansehen. Was, wenn auch er …?

Du traust mir nicht?“, erwischte er sie im nächsten Moment. „Was sollte ich dir denn antun? Dich als Zauberin verurteilen?“

Drohte er ihr? Es wirkte nicht so, er sprach noch immer gänzlich unbefangen. Beseelt von nichts anderem, als sie zu überzeugen.

Seine Offenheit löste Milas Zunge. „Warum solltet Ihr das nicht tun?“, fragte sie unumwunden.

Das könnte ich auch jetzt schon. Dank deinem Buch würdest du ohne Probleme als Zauberin durchgehen.“

Mila starrte ihm ins Gesicht. Seine Unbefangenheit war einer schwer einzuschätzenden Befriedigung gewichen. Er hatte gewonnen.

Du hast also nichts zu verlieren“, schloss er trocken und langte nach zwei Stühlen, die an der Wand standen. Auf einen setzte er sich selbst, den anderen schob er Mila hin. „Also los jetzt!“

Mila blieb stehen, wo sie war. „Wenn Ihr mich danach als Zauberin einsperren werdet, will ich meine Macht lieber mit ins Grab nehmen.“

Die Überraschung ließ den Junker spontan auflachen. „Na, du gefällst mir!“ Er musterte sie mit nachdenklicher Wachsamkeit, die Mila einen Schauer über den Rücken schickte. Das dann in seinen Augen aufblitzende Lächeln überzog sie gänzlich mit Gänsehaut. „Ich werde es dir erleichtern, Mila: Wenn du redest, werde ich dir kein Leid antun. Wenn du dich aber weigerst …“ Er lehnte sich selbstgerecht auf seinem Stuhl zurück.

Ihr droht mir?“, stieß Mila voller Abscheu hervor.

Ja.“ Sonst nichts. Nur dieses selbstgefällige Grinsen.

Ihr seid ein …“ Zum Glück konnte sie den Rest hinunterschlucken.

Ja“, wiederholte Johann zufrieden.

Ob er das wirklich ernst meinte, vermochte Mila nicht zu sagen. Nur dass sie absolut keine Lust hatte, sich so behandeln zu lassen. Allen verfügbaren Gleichmut in ihre Stimme legend, hob sie beide Hände. „Gut, dann tut, was Ihr nicht lassen könnt.“

Was?“, erreichten sie seine erstaunten Augen.

Ich lasse mich nicht erpressen. Wenn Ihr mich töten wollt, dann tut das. Nur werdet Ihr dann eben niemals erfahren, was ich weiß.“ Sie hatte überhaupt keine Angst vor ihm. Bewies das, dass er nur mit ihr spielte?

Johann war aufgesprungen, einen ruckartigen Schritt in ihre Richtung antäuschend, als wollte er überprüfen, ob Mila ihre Gelassenheit nur vorgab. Doch sie blickte ihm trotzig entgegen, ohne auch nur einen Fingerbreit zurückzuweichen.

Zwei Wimpernschläge lang forschte er in ihrer Miene, dann ließ er die Schultern fallen und seufzte tief. „Weißt du, ich habe keine Lust mehr auf dieses Spielchen. Wir beide wissen, dass ich dein Geheimnis erfahren will. Deshalb gebe ich dir mein Ehrenwort, dass dir von meiner Seite keine Gefahr droht. Bist du nun zufrieden?“

Unter einer Bedingung.“ Sie ritt der Teufel – aber mittlerweile war es sowieso zu spät, Skrupel aufkommen zu lassen. „Ich will, dass Ihr von nun an ehrlich und offen mit mir umgeht – und aufhört, mich heimtückisch zu lenken.“

Er lächelte breit – spitzbübisch, nicht die Spur ertappt oder gar schuldbewusst. „Solche Manipulationen machen mir Spaß – nur bin ich leider noch nicht so gut, dass es dir entgangen wäre“, gab er freimütig zu.

Es würde mir auch dann nicht entgehen, wenn Ihr darin besser wäret“, behauptete Mila dreist. „Wenn ich mich Euch öffne, dann muss ich Euch auch vertrauen können.“ In diesem Augenblick war eindeutig sie selbst diejenige, der sie nicht trauen konnte. Was war in sie gefahren, dass sie so respektlos mit Meinhards Sohn redete?

Der jedoch lachte nur, kein bisschen beirrt oder gar beleidigt. „Dein Wunsch sei dir gewährt. Ich werde zahm sein wie ein Schoßhündchen.“

He“, protestierte Mila unwillkürlich.

Sein Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. Jungenhaft und ehrlich belustigt. Was ihn aussehen ließ wie – ein ganz normaler junger Mann. „Das war keine Absicht, verzeiht mir, Dame Mila.“

Schon wieder nahm er sie auf den Arm. „He, es ist mein Ernst!“

Es ist mein voller Ernst“, sagte Johann, verschwörerisch, auch wenn er eine beherrschte Miene aufgesetzt hatte. „Oder soll ich Euch ‚Zauberin Mila‘ nennen?“

Jetzt schien er jedoch zu spüren, dass er sich mit seinen Neckereien der Grenze ihrer Belastbarkeit näherte, jedenfalls wurden seine Augen wirklich ernst.

Da ist noch etwas“, hakte sie rasch ein.

Johann zog die Augenbrauen hoch.

Ich bin keine Zauberin. Falls es Eure Absicht sein sollte, eine solche in Euren Besitz aufzunehmen. Ich kann nicht zaubern, ich kann Euch nicht einmal sagen, wie und wodurch das vor sich geht, was mit mir geschieht. Ihr dürft also nicht enttäuscht sein.“

Oh …“ Johann blinzelte. Bevor er noch breiter grinste. Aber zugewandt, ohne Spur von Albernheit. „Ich glaube ohnehin nicht an Zauberei. Und ich will jetzt endlich hören, was mit dir geschieht, egal was es ist.“ Völlige Entkräftung vorgebend, sackte er auf seinem Stuhl in sich zusammen. „Ich flehe Euch an, Nicht-Zauberin Mila: Bitte erlöst mich und redet endlich.“ 

Nun endgültig lächelnd, setzte Mila sich zu ihm und begann zu berichten.

Während ihrer Rede, die selbstverständlich alle Einzelheiten über Frank aussparte, war seine Miene immer undurchschaubarer geworden. Staunen, Zweifel, Ehrfurcht – die Sehnsucht danach, es einfach glauben zu dürfen, wechselten sich darin ab. Mila reihte noch ein paar überflüssige Sätze an, um seine Reaktion hinauszuzögern.

Das ist …“, begann er dann.

Unglaublich, ich weiß“, kam Mila ihm zuvor. „Ihr könnt mir das eigentlich gar nicht glauben.“

Er sprang auf, lief ein paar Schritte, um dann auf dem Absatz herumzuwirbeln und zu rufen: „Das ist absolut unvorstellbar, ungeheuerlich, übernatürlich – unglaubliches Glück“, überraschte er sie schon wieder. „Dass du ausgerechnet hier lebst, dass ich auf dich aufmerksam wurde …“

Mila kam nicht dazu nachzufragen, wem genau sie den Verrat zu verdanken hatte, als er schon weiter schwärmte.

Das ist mein Schicksal. Das ich mit dir teile. Mit dir kann ich in die Zukunft sehen, durch die Zeiten reisen!“

Aber ich reise nicht …“, wollte Mila widersprechen.

Doch er fiel ihr mit unverminderter Begeisterung ins Wort: „Du kannst lesen, du kennst tausend zukünftige Erfindungen, Worte und Ideen“, zählte er auf. „Bisher hast du deinen Besuchern noch keine belangvollen Fragen gestellt, aber wenn wieder einer kommt, dann werde ich das nachholen und …“

Was wollt Ihr …“ ihn fragen? Dazu kam sie gar nicht.

Johann redete, ohne sie auch nur zu hören. „… dann werde ich von ihnen erfahren, wie sich die große Politik entwickelt. Welcher Herrscher wo, wann und wie regieren wird. Wo welche Feinde angreifen. Wer als nächster Papst wird. Alles eben.“

Ihr wollt die Zukunft verändern?“, war die erste Frage, die sie aus ihren wild umhertrudelnden Gedanken zu fischen vermochte.

Interessanterweise drang diese zu Johann durch. Er sah sie an, stumm. Dachte einen Augenblick nach. „Ich will die Zukunft kennen“, antwortete er schließlich. „Und dann – naja, indem ich sie kenne, werde ich natürlich Entscheidungen treffen, die darauf gründen. Ich meine, deine Gabe schreit doch danach. Du bist besser als die vielversprechendste aller Wahrsagerinnen.“

Mila öffnete den Mund, ehe sie in Worte hätte fassen können, was sie einwenden wollte.

Johann, bereits in einem neuen Anfall von Begeisterung befindlich, nahm das wiederum gar nicht wahr. „So kann ich trotz allem Burgherr von Ernberg werden“, sprudelte es aus ihm hervor. „Ich werde in die Geschichte eingehen als der weiseste aller Herrscher, ich werde über die ganze Welt Bescheid wissen, ich könnte mich an den römischen Kaiser wenden, oder nein, besser, ich halte mich bedeckt und gehe strategisch vor, in dem ich …“

Mila gab es auf, seiner nicht endenden Kette von Ideen zu folgen, die ihre Beklommenheit stetig anschwellen ließ. Johanns Gedankengänge waren durchaus nachvollziehbar. Es war allgemein bekannt, wie ehrgeizig er war, dass er mit aller Anstrengung versuchte, seinem Vater zu gefallen – um ihn womöglich als Burgherr zu beerben, obwohl dieser mehr als genug eheliche Söhne hatte. Und nun hatte ausgerechnet sie ihm ein Mittel in Aussicht gestellt, seine Ziele zu erreichen?

Damit würdet Ihr ins Gefüge des Schicksals eingreifen“, wandte sie ein. „Darf man denn das? Ist das nicht gefährlich? Oder verboten?“ Was sie betraf, so war sie aufgrund bloßen Kontaktes zu den Zeitreisenden für gotteslästerlich befunden worden. Und sie hatte nie Einfluss zu nehmen versucht. Also wenn man von Frank absah. Was ihr aber ja auch nicht gelungen war.

Für derartig moralische Bedenken hatte Johann bloß ein Schnauben übrig. „Du hast dich deiner Natur als einfache Magd zufolge damit begnügt, dein eigenes Leben zu verändern“, urteilte er ungerührt, als hätte er Franks Namen hören können. Um dann in tragendem Ton fortzufahren, träumerisch seiner eigenen Stimme lauschend. „Ich jedoch bin in meinem Herzen ein Herrscher, immer gewesen, trotz meiner schändlichen Geburt. Doch wahrscheinlich ist gerade meine Herkunft der Beweis für meine Bestimmung, den Lauf der ganzen Welt zu verändern.“

Mit wachsendem Unbehagen betrachtete Mila seine beängstigend selbstsicher durch die Luft schweifenden Hände. Dieser durch seine uneheliche Herkunft gedemütigte, dennoch oder gerade deswegen so machtbesessene junge Mann würde über sie und ihre Erlebnisse, über Menschen, die zu ihr kamen, verfügen, sie sich einverleiben, ohne dass sie auch nur ein einziges Wörtchen mitzureden hätte.

Sie verschränkte die Arme abwehrend vor der Brust – als der junge Mann, der nur noch für seine eigenen Ohren dahingeredet hatte, plötzlich aufhorchte. Und sich wieder in den vor Eifer überschäumenden großen Jungen verwandelte, der für Mila nicht ‚der Junker‘ war, sondern einfach ‚Johann‘.

Weißt du was? Es ist nicht nur meine – sondern genauso deine Bestimmung, mein Schicksal zu erfüllen. Denn indirekt bist ja auch du an alledem beteiligt, nicht wahr?“ Er war so voller Überschwang, kam sich so großherzig vor, dass es Mila schwerfiel, böse auf ihn zu sein.

Das ist sehr nett von Euch“, sagte sie zweischneidig – auch wenn das an ihm abprallte.

Ja“, nickte er ernsthaft. „Aber es ist ja auch deine Gabe. Da ist das nur gerecht. Wir werden diese Sache gemeinsam angehen.“

Gemeinsam. Ritter und Dienstmagd. Mila verzog den Mund.

Das bleibt natürlich unser Geheimnis“, fuhr er emsig fort. „Immerhin würde man mich als Verbündeten einer Zauberin anklagen. So etwas kann ich mir in meiner Stellung wirklich nicht leisten. Folglich darf niemand von uns wissen.“

In diesem Moment weiß die ganze Küche, dass ich hier bin“, wandte sie ein.

Oh – ja, du hast recht.“ Der Junker, noch immer ‚Johann‘ mit seinem eifrigen Gesicht und der echten Besorgnis, die sich über seine Begeisterung geschoben hatte. Bis sich seine Miene wieder aufhellte. „Die Lösung ist ganz einfach: Du wirst eine meiner Konkubinen werden. Da gibt es so einige, du wirst nicht weiter auffallen.“

Er sagte das so dahin – als wäre es eine Auszeichnung, seine Kebse zu sein. Mila biss die Lippen fest aufeinander.

Es war schwierig und gefährlich, als alleinstehende Frau fortzugehen und woanders neu zu beginnen. Doch es war nicht unmöglich. Sie hatte es einmal geschafft, und das würde sie ein weiteres Mal auch. Sie hatte also eine Wahl. Ich bleibe nur solange auf Ernberg, wie es gut für mich ist, versprach sie sich. Und bestimmte laut: „Ich werde nicht in Euer Bett kommen.“ 

Oh.“ Johann war ehrlich verwundert. „Du willst nicht? Naja. Das ist auch nicht notwendig. Es gibt viel hübschere Mädchen als dich.“

Mit dir würde ich auch nicht verkehren, wenn ich hübscher wäre“, schoss sie zurück. Und während sie sich noch die Hand auf den Mund schlug, weil sie den hohen Herrn so ungebührlich geduzt hatte, hörte sie ihn auflachen. Hingerissen?

Wobei Eure Schlagfertigkeit Euch um einiges attraktiver macht, als bloße Schönheit es jemals könnte“, lächelte er sie hintergründig an. „Also falls Ihr es Euch anders überlegt …“

Für einen kurzen Augenblick war Mila doch tatsächlich geschmeichelt. Das verräterische Lächeln verbiss sie sich zum Glück gerade noch rechtzeitig. „Das werde ich ganz gewiss nicht.“

Johanns Lächeln war ungebrochen. Mit spöttischer Belustigung ließ er seine Augen an ihrem Körper entlang wandern. „Was eigentlich doch sehr schade ist. Aber solange du mir einen meiner Boten schickst, sobald der nächste Zeitreisende eingetroffen ist, soll es mir recht sein.“

Ob sie das wirklich täte – und ob sie es mehr als einmal täte – würde sich zeigen. Vorerst nickte sie.

Plötzlich hatte er ihr Buch in der Hand. „Das werde ich als Unterpfand behalten“, bestimmte er, als hätte er ihre Vorbehalte gehört. „Damit du auch wirklich wiederkommst.“

Aber …“

Ein Knall. Mila japste auf vor Schreck. Die Seitentür. Flog auf, vollkommen unvermittelt, ohne dass zuvor Schritte laut geworden wären. Johann neben ihr war ebenso erschrocken.

Was ist das da in deiner Hand, Johann?“, scholl es gebieterisch durch den Raum.

Burgherr Meinhard höchstpersönlich. Ausgerechnet jetzt. Einen seiner Ritter, der obendrein sein Sohn war, vor einer Dienerin bloßstellend. Das war äußerst besorgniserregend. Mila wich zurück, mit beiden Händen nach hinten tastend, bis sie die Wand im Rücken fühlte. In welcher Richtung war die Tür, durch die sie gekommen war? Sie musste auf der Stelle von hier verschwinden – und nicht nur aus diesem Raum, sondern gänzlich. Aus der Burg, aus dem Dorf, aus Ruthi.

Vater, ich … es ist nur ein Buch, Vater, kein Grund, so …“

Wenn ich die Lage richtig deute, dann handelt es sich dabei um das Buch, das bei dieser zweifelhaften Küchenmagd gefunden wurde. – DU BLEIBST!“

Das galt Mila, die, ihre Hand bereits am Türrahmen, erstarrte. Um im selben Moment vorzupreschen, die Tür aufzureißen und hinauszustürzen. Loszurennen. Weg von …

DU SOLLST BLEIBEN“, brüllte Meinhard.

Doch niemand kam ihr nach, und so rannte Mila einfach weiter, bis sie sich unter das Volk mischen und ungesehen zu ihrer Kammer flüchten konnte.

Mila!“ Johann stürzte regelrecht auf sie zu, kaum dass sie, mit ihrem Bündel aus dem Küchenmägdetrakt kommend, den Burghof betrat. „Wo willst du hin?“

Fort.“ Mehr würde sie ihm nicht sagen. Ging in betont unvermindertem Tempo weiter, doch er hatte offenbar nicht vor, sie aufzuhalten. Folgte ihr ebenfalls schweigend auf ihrem Weg über den Hof in Richtung der Ställe, wo sie durch den kleinen Seitenausgang aus der Burg gelangen würde. Nein, er schien wirklich nicht vorzuhaben, sie daran zu hindern, das spürte sie an den abwartenden Blicken, die er ihr von der Seite zuwarf, je weiter sie kamen.

Gerade ließen sie die Hauptmauern hinter sich und betraten den neueren Teil der Burg. „Wohin willst du?“, wiederholte er seine Frage. Um Mila dann übergangslos zu verblüffen: „Etwa zu deiner Tante, der Zauberin Käthe? Weißt du denn, wo die steckt? Ihre Hütte hat sie doch verlassen.“

Mila hielt abrupt an. „Das wisst Ihr?“

Johann nahm sie beim Arm und zog sie weiter, ehe er achselzuckend antwortete: „Mein Vater hat Angst vor Zauberei, Geistern, Dämonen, Flüchen … Daher hat er seine Leute, die für ihn die Augen offenhalten.“ Er blickte sich unwillkürlich um, als spähte er nach eben diesen Beobachtern.

Er hat Spitzel in der Burg, die mich …?“ Milas Füße wollten schon wieder kleben bleiben, doch Johann schob sie vorwärts.

Nun ja, dadurch bist du mir ja erst aufgefallen.“

„Was?“ Sie machte sich gewaltsam von ihm los, zusätzlich von ihm abrückend. „Ihr habt mein Buch von einem Späher Eures Vaters? Und dann empfangt Ihr mich in einem Raum, wo der jederzeit auftauchen kann – um mir zu versichern, dass ich nicht in Gefahr sei? Das ist …“ Ungeheuerlich war das! Niederträchtig und gemein und …

Ich bitte dich“, wehrte Johann sich entrüstet. „Ansonsten hätte er dich persönlich verhört. Ich habe dir einen Dienst erwiesen, indem ich ihm zuvorgekommen bin.“

Was hat er jetzt vor – mit mir? Mit meinem Buch?“, fragte Mila, auch wenn es für sie keine Rolle mehr spielte.

Ich habe versucht, es irgendwie zu verharmlosen, aber ich konnte ihm so schnell keine überzeugende Geschichte auftischen.“ Johann verzog bedauernd den Mund. „Ich habe behauptet, du hättest mir gesagt, dass du es nur gefunden habest, aber er hat mir leider nicht geglaubt und mir das Buch abgenommen.“

Und Euch obendrein eröffnet, dass ich sowieso die Nichte einer Zauberin bin.“ Mila stieß einen entsagenden Seufzer aus. „Warum sind dann hier keine seiner Männer, um mich in den Kerker zu werfen?“ Unwillkürlich setzte sie sich wieder in Bewegung.

Johann ebenfalls. „Weil er extreme Angst vor dir hat. Und diese Aufgabe nur zu gern an mich abtritt.“

Und, wohin sperrt Ihr mich? Ins Burgverlies?“

Wie ich schon sagte: Er fürchtet dich wirklich.“ Ein triumphierendes Lächeln hatte sich in Johanns Stimme breitgemacht. „Er will unter gar keinen Umständen, dass du noch eine Stunde länger auf seiner Burg verweilst.“

Sondern?“

Er antwortete nicht.

Mila stockten Schritte und Atem. „Ihr sollt mich … umbringen?“

Keine Sorge“, sagte er leichthin.

Sie waren im Stall angekommen, und Johann strebte mitMila an den Kühen vorbei zum Misthaufenausgang, der anscheinend auch dem Ritterstand bekannt war. Dort angekommen, machte er jedoch keine Anstalten, die Tür zu öffnen, sondern ließ sich auf einer hölzernen Bank nieder, Mila neben sich ziehend. „Also: Wohin kannst du nun gehen?“

Wieso helft Ihr mir?“, fragte Mila, selbst erstaunt über ihren anklagenden Tonfall. „Es wäre doch viel vernünf-tiger und bequemer, dem Befehl Eures Vaters zu folgen und mich aus dem Weg zu räumen.“

Sie war keineswegs verwundert, dass ihre Brüskierung an ihm abprallte und er ganz ernst antwortete: „Ich habe kein Interesse an deinem Tod. Dann würden doch keine Zeitreisenden mehr kommen.“

Das ist zu liebenswürdig von Euch, ich danke herzlichst“, schnaubte Mila, jetzt wirklich wütend.

Was durch Johanns Verständnislosigkeit nicht gemindert wurde. „Hey, ich bin dir nachgelaufen, um mich um deinen Verbleib zu kümmern. Dir, einer gewöhnlichen Küchenmagd. Was verlangst du denn noch von mir?“

Dass Ihr von nun an bis an unser seliges Ende für mich sorgt“, schlug sie vor. Triefend vor Hohn, so hatte sie jedenfalls vorgehabt – stattdessen quollen nun Tränen der Wut und der Zukunftsangst aus ihr hervor.

Wiederum nahm Johann die Zweischneidigkeit in ihren Worten gar nicht wahr. „Na, na, ich werde schon dafür sorgen, dass du nicht verhungerst“, tätschelte er ihr beiläufig beruhigend den Rücken.

Damit Euch die Zeitreisenden nicht durch die Lappen gehen“, ergänzte Mila bitter. Als ob sie sich daran störte.

Genau.“ Ein vollkommen ernsthaftes Nicken. „Aber ich würde dir auch schon aus dem Grunde helfen, weil ich damit meinem Vater ein Schnippchen schlagen kann.“

Wie?“ Widerstrebend sah Mila ihm ins Gesicht.

Sagte ich das nicht? Mein Vater würde es niemals wagen, deine Gabe zu erforschen, geschweige denn, sie für seine Zwecke auszunutzen. Einfach, weil er um seine Seele fürchtet. Er lässt sich von seiner Feigheit einschränken. Und das verachte ich. Ich dagegen werde mit deiner Hilfe zum bedeutendsten Herrscher unserer Zeit werden. Ich – nicht Meinhard. Und das“, er blickte sehr zufrieden drein, „das gönne ich ihm.“

Mila war mit gerunzelter Stirn seinem Gedankengang gefolgt. Ihm ging es um Macht und Geltung, um nichts sonst. Die er sich, wenn sie ihm einmal nicht in den Schoß fiel, kurzerhand nahm. Für ihn war das Leben ganz einfach.

Eifrig und ganz selbstverständlich begann er zu erzählen: „Du hättest sehen sollen, wie er dein Buch zuerst in die Hand nahm – es aufschlug und ehrfürchtig darin blätterte, denn es sieht ja schon auf den ersten Blick unermesslich wertvoll aus. Aber dann hat er es fallen lassen wie heiße Kohle, als er die Jahreszahl vorne entdeckte. ‚Zauberwerk‘, hat er geschrien und dagegen getreten, sodass es über den Boden durch den ganzen Raum gerutscht ist. Und mich auf der Stelle hinter dir hergeschickt.“

Er fürchtet Zauberei und betraut seinen eigenen Sohn damit, eine, die derer kundig ist, zu töten – hat er denn keine Angst, dass ich Euch verfluchen könnte?“, murmelte Mila ketzerisch.

Der Fluch der Zauberin“, grinste Johann zufrieden. Ehe er entschlossen aufsprang und Mila wieder mit sich zog, zur Tür. „Ich weiß jetzt, wie wir es machen. Du wirst in die Hütte deiner Tante gehen. Die steht ja leer – und weißt du auch, warum? Die Leute munkeln, es spuke dort.“ Er nickte, seine Idee bekräftigend. „Ich werde dich unterstützen, dir Geld geben, Ziegen und ein paar Hühner, du kannst den Garten bestellen … und so in Frieden leben – bis der nächste Zeitreisende kommt.“

Ihr meint: solange, bis morgen Ihr Vater dort auftaucht, um mich doch besser eigenhändig zu töten“, verbesserte Mila bitter.

Johann schob sie aus der Burg auf den kleinen Vorplatz. „Genau das wird er nicht.“

Und warum nicht?“

Weil ich behaupten werde, dich bereits getötet zu haben“, strahlte er sie an.

Und ich soll als Gespenst zurückkehren?“

Nachdem du mich verflucht hast, damit ich in Zukunft dein Überleben sichere.“

Das Überleben einer Toten?“

Du hast recht. Machen wir es besser so: Du bist nicht gestorben, weil du mir zuvorgekommen bist und mich verzaubert hast. Alle werden dich und unsere – Gäste – in Ruhe lassen. Ach was: Sie werden dich meiden, am allermeisten mein Vater, wenn ich ihm versichere, dass ich tot umfallen würde, wenn dir auch nur ein Haar gekrümmt wird.“ Johann nickte glücklich vor sich hin – ohne sich darum zu kümmern, dass Mila zweifelnd den Kopf schüttelte.

Er war sich ja sehr sicher, dass er seinem Vater genug bedeutete. „Ihr denkt, das wird er glauben?“, fragte sie laut.

Johanns Nicken verstärkte sich. „Das garantiere ich dir. Du bist in vollkommener Sicherheit.“

Es war schon sehr verlockend. Ein Leben ohne Schinderei in der Burg, in ihrer eigenen Hütte. Dass man sie mied, war sie ja schon gewohnt. Und wenn es zu unerträglich werden würde …

Jetzt ist es wichtig, dass du still und leise von hier verschwindest“, unterbrach Johann ihre Gedanken. „Du richtest dich in deinem neuen Heim ein – und um den Rest kümmere ich mich.“ Sprach’s und knallte, Mila mit einem Schubs nach draußen befördernd, die Tür hinter ihr zu.

Einen Moment starrte sie darauf – doch dann atmete sie tief durch. Warum sollte sie nicht dem Befehl eines Ritters gehorchen, ein eigenständiges Leben zu beginnen? Wofür ihr der geforderte Preis durchaus respektabel erschien.

Fledermaus_Teil_2Gönnerhafte Bedingungen

Gegenwart, August 2012

Eine spannungsgeladene Zeitreise, Herr Peregrinus. Die Geschichte ist klasse.“ Die Stimme des Verlegers am Telefon klang ehrlich.

Matthias strahlte, ein Weihnachtsbaum hätte das nicht besser gekonnt. „Hört sich gut an, Herr Gönner. Dann nehmen Sie sie also an?“ Wenn er etwas brauchen konnte, dann ein verkauftes Manuskript. Genauer, den Vorschuss, den er bei Vertragsabschluss dafür bekommen würde. Er war mehr als klamm, hatte sich in den fünf Jahren, seit Elias‘ Tod, mehr schlecht als recht mit kleineren Auftragsarbeiten über Wasser gehalten. Kurzkrimis für Zeitschriften, ein paar Heftromane. Blaue-Tonnen-Literatur, die konsumiert wurde, anschließend in die Papiertonne entsorgt – und wieder vergessen. Dagegen endlich wieder ein Buch – in entsprechend hoher Auflage …

Unter einer Bedingung“, platzte Adelbert Gönner in Matthias‘ wohlige Gedanken hinein.

Der hatte gerade noch Zeit, die Stirn zu runzeln, als der Verleger auch schon die Bombe hochgehen ließ: „Sie schreiben sofort Teil zwei. Wieder mit dieser unwiderstehlichen Mischung aus Mittelalter und Gegenwart, aus Abenteuer und Romanze. Aber das sollte ja kein Problem sein, bei dieser Vorlage.“

Schlagartig wich alle Luft aus Matthias, er fühlte, wie er in sich zusammensackte. Alles, bloß das nicht!

Das hatte ich eigentlich“ … nicht vor – wäre das korrekte Satzende gewesen. Wie könnte er auch? Hatte er doch lediglich ein paar vage Erinnerungen, wie er Teil eins nicht einmal geschrieben, sondern erlebt hatte. Erinnerungen, die er inzwischen nur noch mit temporären Wahnvorstellungen in Verbindung brachte. Er war krank geworden im Juni, hatte deshalb in seiner Hütte im Gebirge festgesessen. Wilde Phantasien hatte er gehabt, in denen er Elias gerettet, Lida zurückgewonnen, sie anders genannt – und sich mit den beiden ein neues Leben verpasst hatte. Wunderschön, spannend, voller Abenteuer, ohne Schmerz und Trauer. Sich sehr real anfühlend. Nur leider – und das bewies, dass alles wirklich nur in seinem kranken Kopf stattgefunden haben konnte – vor mehr als siebenhundert Jahren.

Wie er während dieser Phantasien ein ganzes Buch verfasst haben sollte, hatte sich ihm bis heute nicht erschließen wollen. Aber genauso war es gewesen.

Er musste sich oben im Gebirge eine Krankheit einfangen haben. Wann, konnte er nicht mehr rekonstruieren. Aber da nach seiner Rückkehr in seinem Blut tollwutähnliche Viren nachgewiesen worden waren, konnte die Erinnerung an den Fledermausbiss durchaus der Realität entsprechen. Matthias kratzte sich am Kopf. Tollwut führte im fortgeschrittenen Stadium zu Wahnvorstellungen. Allerdings war dann auch keine Heilung mehr möglich.

Virostatika sei Dank hatte er weder Wahnvorstellungen noch andere Krankheitssymptome zurückbehalten. Was ja gut war, sehr gut sogar. Allerdings – und das war der große Haken an der Sache – geschrieben hatte er seitdem auch nichts mehr. Teil zwei zu verfassen, lag also weit außerhalb dessen, was ihm derzeit möglich war.

Matthias setzte erneut an. „Ich würde das wirklich gerne tun, aber …“

Na wunderbar. Schaffen Sie es in, sagen wir mal, drei Monaten?“, wurde er prompt schon wieder von Gönner missverstanden. „Ich lasse schon mal die Verträge für die beiden Teile vorbereiten und Ihnen zukommen, damit Sie sie durchgehen können. Wir sehen uns spätestens zur Unterzeichnung.“

Aber …“

Der Versuch eines Widerspruchs kam zu spät, Adelbert Gönner hatte aufgelegt.

Matthias wusste gar nicht, wie er sich fühlen sollte. Die Erleichterung, finanziell endlich wieder auf die Füße zu kommen, war bereits von der Panik, etwas schaffen zu sollen, was ihm unmöglich schien, mit Sturmgebrause überholt worden.

Aber Fakt war nun, ohne zweites Buch würde Teil eins niemals veröffentlicht werden.

Gleichzeitig verstand Matthias den Verleger. Die Flederzeit schrie geradezu nach einer Fortsetzung. So viele unbeantwortete Fragen! Die Leser würden wissen wollen, wie es mit Mila und Mattis weiterging.

Was ihn auch interessieren würde. Nur, wie da herangelangen?

Matthias überlegte noch einen Moment, dann nahm er das Telefon wieder zur Hand und wählte. Er würde Wolfgang besuchen. Immerhin war der sein Freund – und gleichzeitig sein Arzt. Wenn es jemanden gab, der ihm helfen konnte, dann er.

Fledermaus_Teil_2Sexuelle Revolution

Drei Jahre vor Vergangenheit – ‚Flederzeit I‘

Brachet, Anno 1290

Das ist er?“ Die neue Zeitreisende – Brigitte, ihren Namen hatte Mila noch nicht verinnerlicht – war ans Fenster gestürzt, kaum dass das sich nähernde Hufgetrappel sie beide aufgeschreckt hatte.

Mila bemühte sich, den unangemessenen Aufzug der Anderen nicht zu beachten. Was ihr wirklich schwerfiel, denn Brigitte reckte ihren Kopf so weit wie möglich hinaus – ihr spärlich bekleidetes Hinterteil folglich Mila entgegen.

Dessen war sie sich offensichtlich nicht im Geringsten bewusst. Ihre volle Aufmerksamkeit war nach draußen gerichtet, wo in diesem Moment das Pferd angehalten wurde und die Füße des Reiters mit einem hörbaren Sprung auf dem Boden auftrafen. „DAS ist Johann?“

Brigitte zog nicht einmal in Erwägung, ihn anders als beim Vornamen zu nennen. Während Mila Wochen gebraucht hatte, sich nicht mehr schuldig zu fühlen, wenn sie so von ihm dachte.

Er sieht aus wie ein Filmstar“, sinnierte die junge Frau aus der Zukunft schwärmerisch, sich jetzt allerdings doch vorsichtshalber vom Fenster weg begebend, an Milas Seite. „Wie der ganz junge Helmut Berger in ‚Die Verdammten‘, nur in dunkel und mit längeren Haaren. Und rein hetero. Absolut männlich. Das ist dein Freund? Ein echter Ritter!“

Mila hatte das Gesicht verzogen. „Mein Freund kann er niemals sein, weil er ein Ritter ist“, stellte sie richtig. „Ich bin nur eine Magd.“

Er sieht jedenfalls umwerfend aus!“ Brigitte war unvermindert hingerissen, wenn sie auch bloß noch flüsterte.

Was auch nötig war, denn Johanns Schritte näherten sich zügig.

Und ihr beide seid wirklich kein Paar?“

Er ist aus dem Ritterstand“, wiederholte Mila ungeduldig, in normaler Lautstärke.

Ja, eben drum, das ist doch so cool!“

Was auch immer ‚kuhl‘ bedeutete – Mila wartete gespannt, dass in der folgenden Sekunde die Tür aufgerissen und der Lehnsherr persönlich mit aller Macht über sie hereinbrechen würde. Doch zu ihrem Erstaunen ertönte lediglich ein gesittetes Klopfen, begleitet von Johanns vorsichtigster Jungenstimme.

Mila?“

Hatten den auch die Fledermäuse gebissen? Dass er sich in einen anderen Menschen verwandelte, kaum dass er sich einem Zeitreisenden gegenübersah?

Dabei hatte er Brigitte noch gar nicht gesehen. Erst in diesem Moment riss die nämlich die Tür auf – allerdings mit einer Inbrunst, als wollte sie sich dem ihr doch völlig unbekannten Mann unverzüglich an den Hals werfen.

Mila rümpfte die Nase.

Der Mann, um den es ging, erschien ihr selbst allerdings mindestens ebenso unbekannt. Unberechenbar war er ja schon immer gewesen. Mal machtbesessener, eiskalt taktierender Burgherr, mal begeistertes, aber höllisch verwöhntes Kind. Wie nun diese neue Seite in ihm wirken – und wie sie vor allem auf Brigittes Aufzug reagieren würde: Das vermochte Mila nicht im Entferntesten einzuschätzen.

Zunächst einmal war Johann offenbar auf Brigittes Erscheinen hin erstarrt, jedenfalls tauchte er erst mit einiger Verzögerung im Türrahmen auf – mit weit aufgerissenen Augen, förmlich festgezurrt an Brigittes Gestalt, darin eine wilde Mischung aus Fassungslosigkeit und Verzückung. Welche sich in pure Gier verwandelte – mit jedem Schritt, den er, seinen Oberkörper nach der betörenden Frau ausrichtend, hereinkam, ein wenig mehr.

Na, Mila hatte sie gewarnt, wie leichtsinnig es sei, einem Mann dieser Zeit in diesem Rock aus der Zukunft zu begegnen. Wobei der Begriff ‚Rock‘ maßlos untertrieben war für das knappe, enganliegende Stückchen Stoff, das kaum ihren Po bedeckte. Die Beine – Mila mochte kaum hinsehen – waren oberhalb der Knie vollkommen nackt. Erst darunter trug sie Strümpfe, ganz zarte, die wie eine zweite Haut wirkten. Auch ihre Füße waren seltsam verpackt, steckten in einem Gewirr aus Riemen um ihre Fesseln, die an klobigen Sohlen hingen – so geformt, dass Brigitte gezwungen war, auf Zehenspitzen zu gehen.

Endlich“, hauchte Johann, sichtlich unfähig, seinen Blick von diesen Beinen zu lösen. „Meine erste Zeitreisende. Und dazu noch eine Frau!“

Besagte Frau kicherte bestätigend.

Vielleicht sollten wir uns setzen, damit Junker Johann seine belangvollen Fragen loswerden kann“, ging Mila gleich dazwischen, nicht zuletzt, um erst einmal die Tür zu schließen. Ihre Hütte lag zwar abseits, und Johann war, wie von Mila erbeten, nicht durch das Dorf, sondern hinten herum, vom Roten Stein gekommen. Doch ob beide Vorsichtsmaßnahmen wirkten, würde sich erst noch herausstellen.

Äh, ja …“

Johann reagierte ein wenig verspätet, doch als Brigitte sich auf der Bank am Tisch niedergelassen hatte, folgte auch er Milas Aufforderung. Blickte Brigitte, deren Oberkörper in ihrer üppig gerüschten Bluse fast gesitteter aussah als Milas Mieder, endlich nur noch ins Gesicht, und sein Forscherdrang gelangte wieder an die Oberfläche.

Woher kommst du? Aus welcher Zeit? Von welchem Ort? Wie ist es passiert, dass bei uns gelandet bist? Wo genau bist du angekommen? Wie fühlt sich das an?“, spulte er eine Frage nach der anderen ab, die er sich offenbar zurechtgelegt hatte. „Und warum …?“

Nicht alles auf einmal“, bremste Brigitte ihn belustigt, ihre Hand tätschelnd auf seinem Unterarm.

Wie dreist! Abgestoßen – irgendwie aber auch neugierig – harrte Mila dessen, was da kommen würde.

Ich fange einfach von vorne an, wenn du erlaubst.“ Dazu senkte sie seitlich den Kopf, um ihn durch ihre langen, wenn auch mittlerweile nicht mehr so hübsch künstlich geschwärzten Wimpern verführerisch anzublinzeln.

Er brummte nur zustimmend – und obwohl Mila sein Gesicht nicht sehen konnte, war ihr sonnenklar: Brigittes Blick hatte dafür gesorgt, dass ihm sämtliche Fragen auf der Stelle wieder zwischen seine Beine gesackt waren.

Mein Name ist Brigitte Barduhn, ich lebe eigentlich im Jahre 1970 und in München, Munichen sagt ihr. Ich war mit ein paar Freunden hier auf Urlaub, und wir haben die Höhlen erforscht. Wir waren ganz schön high dabei, kann man sagen. Also, ich bin alleine in eine der Höhlen rein und auf einmal waren da Unmengen Fledermäuse, sind um mich rumgeflattert und haben mich auch gebissen. Das war vielleicht toff, aber echt. Und, naja, als die weg waren, war mein Freund ebenfalls weg, niemand mehr da, so sehr ich auch gesucht habe. Schließlich dachte ich, geh ich halt alleine zurück. Ich bin also rausgelaufen aus der Höhle und schnurstracks zu der Hütte, in der wir gewohnt haben.“ Brigitte strich sich über ihr mühsam mit den Fingern aufgebauschtes und nun fast filzartiges Blondhaar. „Du wirst es schon ahnen, aber für mich war es ein Riesenschreck, als ich die nicht mehr gefunden habe. Irgendwie war alles auf einmal weg. Zuerst hab ich gedacht, ich wär verrückt geworden. Hab gedacht, das Zeug, das wir geraucht hatten, war vielleicht nicht in Ordnung gewesen. Also hab ich mich da irgendwo hingelegt und bin eingeschlafen. Aber als ich wieder aufgewacht bin, war die Hütte noch immer nicht wieder aufgetaucht, auch meine Freunde nicht. Dafür stand Mila neben mir.“ Brigitte stand auf, strich ihren ‚Rock‘ glatt. Johanns Augen klebten an ihren Händen.

Erst als Brigitte sich wieder setzte, wanderten sie gezwungenermaßen wieder zurück in ihr Gesicht, hefteten sich dort wieder fest, wie um ihr jedes Wort förmlich aus dem Mund zu saugen.

Mila, die ja schon so einige Zeitsprunggeschichten zu hören bekommen hatte, konnte nur müde den Kopf schütteln. Da hätte sie doch bei Weitem interessantere zu berichten gewusst.

Mensch Johann“, fuhr Brigitte theatralisch fort, als wäre sie die erste und einzige ihrer Art, „kannst du dir vorstellen, wie das war, als Mila mir erklärt hat, was geschehen war? Bis heute hab ich das Gefühl, dass ich noch immer irgendwie – naja, zumindest einen Rausch habe.“ Brigitte fasste an ihren Kopf, ließ ihre Hand vor der Stirn kreisen, sah Johann dabei tief in die Augen. „Du weißt sicher, was ich meine.“

Was den dazu brachte, augenblicklich und voller Eifer zu nicken. „Ich weiß, ich weiß“, raunte er in innigem Einverständnis.

Seit vorgestern geht das schon so.“ Brigitte kam nicht weiter, denn in Johann kam Bewegung.

Wie? Vorgestern?“

Von einem Wimpernschlag zum nächsten war er aus besagtem Rausch wieder zu sich gekommen und – ganz herrischer Junker – vorwurfsvoll zu Mila herumgeschnalzt. „Warum hast du mich nicht sofort gerufen? Ich will von Anfang an dabei sein, das habe ich dir doch ganz klar gesagt.“

Sie benötigte einen Moment, um dieses jähen Wechsels zwischen Johanns unterschiedlichen Persönlichkeiten Herr zu werden. Dann hatte sie sich so weit geordnet, dass sie Worte für ihre Empörung fand. „Ihr könnt Euch wahrscheinlich nicht vorstellen, wie sehr ein Fall durch die Zeit einen Menschen verunsichert.“ Sehr von oben heran klang sie. Doch war nicht auch sie diejenige, die sich auskannte? Von derer so manches lernen konnte? „Brigitte brauchte eine Weile, um denSchock zu verwinden, sich wieder zu fangen und …“

Oh, natürlich, bitte verzeiht mir.“

Wie? Mila blinzelte, nun vollkommen aus dem Tritt. Das durfte einfach nicht wahr sein!

Noch während sie zu Johann gesprochen hatte, hatte der sich von ihr ab- und zu Brigitte gewandt, seine Hand schützend auf ihren Arm schiebend. Er war so plump, so durchschaubar!

Brigitte allerdings nicht minder. Sie strahlte ihn an, lachte hell auf, wenn er etwas von sich gab, legte immer wieder kokett den Kopf schief, um ihn bewundernd von unten anzubeten.

Das Erstaunliche für Mila war jedoch nicht das Ritual, das die beiden da miteinander vollführten, das hatte sie in ihrem Leben mehr als einmal beobachten können. Was sie erstaunte, war vielmehr die Tatsache, dass es hierbei offensichtlich überhaupt keine Rolle spielte, dass Mann und Frau aus vollkommen unterschiedlichen Zeiten kamen. Während ein solcher Paarungstanz zwischen einem Mann aus Johanns Stand und einer Magd wie ihr unmöglich wäre. Wie konnte das sein? Dass die Kluft zwischen Arm und Reich gravierender war als tausend Jahre?

Und du bist wirklich ein echter Ritter?“

Das bin ich. Wie mein Vater und dessen Vater und Generationen zuvor.“

Das war geschönt. Aufgewachsen war Johann als unehelicher Sohn einer ehemaligen Magd, dessen Zukunft als Ritter allemal unsicher gewesen war.

Das ist so romantisch!“

Was heißt ‚romantisch‘?“

Oh.“ Brigitte hielt inne, während sich ein hingerissenes Lächeln auf ihren Zügen ausbreitete. „Romantisch heißt – so viel wie wundervoll. Zu meiner Zeit sind Ritter schon lange ausgestorben, es gibt …“

Ausgestorben?“ Johann war in ungläubigem Entsetzen die Kinnlade herunter gekippt.

… nur noch billigen Ersatz.“

Ersatz für den Ritterstand?“

Johanns zunehmende Entrüstung machte Brigitte blinzeln. „Äh, ja. Männer messen sich nicht mehr im Kampf um Leben und Tod oder in ritterlichen Tugenden, sondern nur noch mit Geld und Macht.“

Oh.“ Bei diesen Klängen kehrte das Strahlen prompt in Johanns Augen zurück. „Interessant.“

Höchstens im Sport erinnern sie manchmal noch an Männer wie dich.“ Ihr Blick schweifte unverhohlen verzückt über Johanns Gestalt.

Sport?“

Ihre Augen waren an seinen Brustmuskeln hängen-geblieben, die sich unter dem Stoff seines Hemdes deutlich abzeichneten. „Leibesertüchtigung“, hauchte sie.

Oh.“

Und bei alledem hatten sie Mila vollständig vergessen. Die seufzte entnervt und machte sich auf den Weg, den Hühnerstall auszumisten.

Die ein wenig Ähnlichkeit mit euren Turnieren hat“, verfolgte sie Brigittes eifrige Stimme vom Fenster her. „Nur ohne Schwert und Burgfräulein. Was den Grad der Romantik schon wieder entscheidend verringert.“

Unsere Turniere sind folglich romantisch“, übte Johann sogleich die neue Vokabel. „Besonders wenn so wundervolle Frauen wie du dabei zuschauen …“

Mila schnaubte. Von männlichen Zeitreisenden besucht zu werden, war doch bei Weitem romantischer!

Sie kümmerte sich auch noch ausgiebig um die beiden Ziegen, blieb so lange, bis sie endlich die Hüttentür und danach Johann auf sein Pferd steigen und davonreiten hörte. Auf die Idee, sich von ihr zu verabschieden, war er natürlich auch nicht gekommen. Sie ließ noch eine ausge-dehnte Weile verstreichen, ehe sie ihre Hütte wieder betrat.

Brigitte saß vollständig angezogen – zumindest jetzt – am Tisch und sah Mila erwartungsvoll entgegen. „Er ist schon vor einer Viertelstunde gegangen“, stellte sie fest, als wunderte sie sich darüber, dass Mila sich überhaupt aus seiner Anwesenheit entfernt hatte.

Die wandte sich erst einmal ab, um sich einen Becher Wasser einzugießen.

Ich muss schon sagen, es ist ungemein spannend, einen echten Mann aus der echten Vergangenheit zu treffen“, plauderte Brigitte weiter. „Und dann noch ein solch prachtvolles Exemplar.“

Warum tust du das?“, platzte es aus Mila heraus. Auch wenn ein Blick in das vor Verliebtheit strahlende Gesicht der Anderen die Frage überflüssig machte.

Nun zog die eine Augenbraue hoch. „Du bist ja doch eifersüchtig.“

Und dieses mitfühlende Grinsen! Milas Lippen klebten aneinander. Sie löste sie mit einem Ruck. „Unsinn. Ich finde es nur … unangemessen.“

Ich will ihn dir wirklich nicht wegnehmen.“

Sie fühlte Brigittes Hand sich um ihre schließen und wurde zur Sitzbank gezogen. Mit einem ärgerlichen Ruck machte sie sich frei und setzte sich selbständig. Blickte Brigitte demonstrativ in die Augen. „Ich will ihn nicht. Ich mache mir nur Sorgen um dich.“

Na, mir fallen schon so einige Dinge ein, deretwegen man sich um mich sorgen könnte“, lachte Brigitte beißend. „Aber was sollte Johann damit zu tun haben?“

War das ihr Ernst? „Du weißt doch, dass du nicht bleiben wirst“, sprudelte es aus Mila heraus. „Gut, vielleicht wirst du eines Tages wiederkommen, wobei das nicht jedes Mal so ist. Ich weiß nicht, wovon das abhängt, wie man es anstellen muss. Ob es bei dir klappt – und wie lange du dann bleiben kannst – steht in den Sternen. Unter diesen Umständen …“ Brigitte machte Anstalten, sie zu unterbrechen, doch Mila erhob die Stimme, um weiterreden zu können. „Und du glaubst doch nicht, dass Johann ein ernsthaftes Interesse an dir hat. Ich meine, er will deine nackten Beine, er will dich in Besitz nehmen, weil du von weit her kommst und spannend und schön bist. Aber letztendlich würde er dich nie als eine infrage kommende Ehefrau ansehen, selbst wenn du nicht jederzeit verschwinden könntest.“

Ich will ihn doch nicht heiraten.“

Überrascht starrte Mila in das entgeisterte Gesicht der Anderen. „Nein?“

Um Himmels willen, nein!“ Brigitte schüttelte sich lachend. „Glaubst du, ich würde auf einer zugigen alten Burg leben wollen? Den Haushalt für die gesamte Belegschaft schmeißen? Und ansonsten auf meinen Gatten warten, wenn er sich monatelang auf irgendwelchen Schlachtfeldern herumtreibt? Um dann heimzukommen und dreckig und stinkend über mich herzufallen? Wenn ich dann überhaupt noch lebe und nicht von Pest oder Cholera hinweggerafft worden bin. Nein, ich kann mich beherrschen, vielen Dank!“

Dann … dann willst du seine Konkubine sein? Aber wozu? Was kann er dir geben? Reichtümer? Ich glaube kaum, dass es dir gelingt, sie mit in deine Zeit zu nehmen.“

Ich will mich doch nicht bezahlen lassen.“

Aber was willst du dann?“

Das fragst du?“ Ehrliches Erstaunen. „Warum ich diese … Katastrophe, die mir widerfahren ist, zumindest ein bisschen auskoste, indem ich die Gesellschaft eines überaus attraktiven jungen Ritters genieße?“

Genießen? „Was genießt du? Dass er eine Hure in dir sieht?“ Das war gelogen, mit einer Hure hätte er keinen derartigen Reigen veranstaltet. Dennoch war Mila davon überzeugt, dass er sich nur darauf eingelassen hatte, weil das der Weg war, eine respekteinflößende, von seiner gewöhnlichen Macht völlig unbeeindruckte Frau in sein Bett zu bekommen.

Deren verständnislosen Blick vermochte Mila beim besten Willen nicht zu deuten.

Du fragst mich, warum ich ein folgenloses kleines Abenteuer mit einem stattlichen, vor purer Männlichkeit strotzenden Ritter suchen sollte?“

Na, er wird dich benutzen, schwängern, wenn du Pech hast.“

Ich nehme die Pille, keine Sorge.“ Sie griff nach ihrer Tasche und zog ein kleines Stück Metall hervor, auf eine Reihe kleiner Knöpfchen darauf deutend. „Zumindest in diesem Zyklus kann ich gefahrlos mit ihm schlafen, daher kann ich es allerdings auch nicht auf die lange Bank schieben. Denn ob ich rechtzeitig in meine Zeit zurück und zum Frauenarzt komme?

Was ist das?“ Neugierig nahm Mila das glänzende Knopfmetall von Brigitte entgegen.

Waren noch keine anderen Frauen hier? Zu meiner Zeit nehmen alle die Pille.“

Die schützt euch vor einer Schwangerschaft?“, fragte Mila ehrfürchtig. „Und das funktioniert? Also natürlich gibt es auch hier Bannsprüche oder Tinkturen, meine Tante kennt sie alle, aber …“

Hilfe! Verlass dich nur nicht darauf, Mila. Das ist alles Humbug, ehrlich. Nein, unsere moderne Empfängnis-verhütung ist sicher, und nur die.“ Brigitte nickte mitleidig. „Ich kann mir das Leben ohne diesen Schutz gar nicht vorstellen. Da habt ihr es schon schwer.“ Sie erschauderte erneut. „Noch ein Grund, weswegen ich nie und nimmer einen mittelalterlichen Ritter heiraten würde. Ständig schwanger sein, immer mehr aus dem Leim gehen, wenn man nicht vorzeitig im Kindbett stirbt. Nein, das wäre nichts für mich.“

Aber ich verstehe noch immer nicht, warum du diesen Schutz hier nötig hast? Es sei denn“, Mila musterte die Andere forschend, „du liebst ihn?“

Liebe?“ Brigitte schüttelte lachend den Kopf. „Dein Johann ist ein Weiberheld. Sich in den zu verlieben, wäre Masochismus. Nein, nein, ich will nur meinen Spaß mit ihm haben. Nur Sex, Mila, unverbindlichen, problemlosen Sex.“ Sie reckte sich wohlig.

Sex?“

Beischlaf.“

Spaß?“

Spaß! Spannung! Prickelnde Lust! Wieso …?“ Die Miene der Anderen wurde schlagartig besorgt. „Hast du schlechte Erfahrungen gemacht, du Arme?“

Mila schüttelte verwirrt den Kopf. „Schlecht? Nein. Ich meine … wir sind Frauen.“

Ja, allerdings.“ Brigittes auf ihr ruhender Blick war sehr neugierig geworden. „Erzähl! Wie war Sex für dich bisher?“

Zweifelnd war Mila ein Stück weggerückt. Sollte sie ausgerechnet mit dieser Frau über ihre Erfahrungen mit Frank reden? Aber sie würde schneller wieder weg sein, als sie beide erwarteten. „Also ich …“ Sie holte Luft. „Ich war nur einmal verliebt“, begann sie dann entschlossen.

In wen? Erzähl! Doch nicht in Johann, oder?“

Nein! Nein, er war auch ein Zeitreisender. Mein erster.“ Sie musste schlucken. Dabei war es lange her. „Also der erste, den ich kennengelernt habe. Mit vierzehn. Meine Tante sagte mir später, dass, seit ich bei ihr war, schon immer seltsame Gestalten in unserer Nähe aufgetaucht seien – nur hätte sie sich immer allein darum gekümmert“

 

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