Vektorfledermaus_Teil_3_breite_85pVergangenheit – Gilbhart, Anno 1293

Hanftee und Süßbrei

Beladen mit zwei Krügen Ziegenmilch betrat Mila die Hütte, wo Mattis gerade dabei war, Ilya anzuziehen. „Guten Morgen, Geliebter.“ Sie blieb stehen und hielt ihm auffordernd ihr Gesicht hin, wartend, dass er sie – anders als vorhin beim Aufstehen, wo er sie nur mit einem ganz flüchtigen Kuss bedacht hatte – mit einem richtigen begrüßte.

Naja, viel gehaltvoller war der, den sie ihm abringen konnte, auch nicht. Aber er war ja auch beschäftigt, schon beim Schneeanzug angekommen, der jetzt endlich nicht mehr zu warm war.

„Wie geht es dir heute?“, sprach sie es aus.

Es war ein Trauerspiel, dass diese Frage zu ihrer morgendlichen Begrüßung gehören musste.

„Ganz gut.“

Das erwiderte er jeden Morgen, von daher musste das kein Grund zur Freude sein. Und irgendwie war er doch komisch heute, oder? Obwohl er letzte Nacht in der Tat nur ein einziges Mal und nur ganz kurz weggeflackert war – seit das Flederfieber wieder wütete, ließ sie nachts seine Hand nicht mehr los, sodass sie das mit Sicherheit sagen konnte.

Sie stellte den Milchkrug auf dem Tisch ab und wandte sich dem Medizinschränkchen zu. „Was ist heute dran?“ Sie öffnete die Klappe und betrachtete die stattliche Sammlung von Fläschchen und Tiegeln, getrockneten Kräutern und Pilzen, Rinden und Gesteinen.

Sogar mit dem Mutterkornpilz verseuchter Roggen war vorhanden. Zu diesem Zweck hatte sie die Bauern der gesamten Umgebung abklappern müssen, bis sie schließlich hinter Lähn fündig geworden war – rechtzeitig auch für eine Familie, die sie dadurch hatte retten können. Allerdings hatten Mattis und sie beschlossen, diese Substanz erst als allerletztes Mittel einzusetzen, denn sie schien ja Zeitreisen erst recht zu begünstigen.

Jedenfalls hatten sie alles zusammengetragen, was auch nur im Entferntesten als Heilmittel infrage kam. Bisher jedoch …

„Ich finde, wir sollten noch nichts Neues dazunehmen“, meinte Mattis und stellte Ilya, mittlerweile in seinem Schneeanzug, mit Schwung auf die Füße. Der daraufhin lachte und seine rechte Hand offen hochhielt. Bis Mattis ‚eingeschlagen‘ hatte, wie die beiden das nannten.

Heute jedoch machte der keine Anstalten.

„Bis g’eich, Kumpel“, sprach Ilya das aus, was eigentlich Mattis‘ Aufgabe war. „Süßb’ei?“

„Oh ja, bis gleich“, beeilte der sich, das Versäumte nachzuholen. „Ich mache dir derweil deinen Süßbrei.“

„Bis g’eich, Kumpel“, krähte Ilya noch einmal glücklich und machte sich zu seinem allmorgendlichen Besuch bei Käthe auf.

Argwöhnisch musterte Mila Mattis. Der leider gar nicht den Eindruck erweckte, als ginge es ihm gut. Im Gegenteil, er wirkte bedrückt.

„Ich habe heute viel ruhiger geschlafen als sonst“, fuhr er desungeachtet fort. „Es könnte wirklich sein, dass der Hanf gestern …“

Der Hanf gestern! Mila spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss – und zugleich in ihre tieferen Regionen. Zusätzlich zu der ihr bekannten Verwendung als Arznei hatte Mattis ihr nämlich gezeigt, dass man dieses Kraut verbrennen konnte und dessen Rauch einatmen. Auch sie hatte das ausprobiert und war davon ganz seltsam geworden …

Nur einigermaßen verstohlen aufseufzend, wandte sie sich zu Mattis um. Vollkommen leicht hatte sie sich gefühlt, so froh und glücklich und ganz offen für alle Sinne. Und als Mattis sie dann in die Vorratskammer gezogen hatte … Sie seufzte erneut, jetzt gequält. In solchen Momenten wie gestern fühlte er sich so gesund an, so lebendig. So, als könnten sie tatsächlich schaffen, das schreckliche Flederfieber zu besiegen.

Verwirrt registrierte sie, dass sie nicht etwa in Mattis‘ Augen gelandet war, wie sie erwartet hatte, um ihre gemeinsame Erinnerung darin zu sehen – und was die in ihren Körpern auslöste.

Stattdessen war Mattis damit beschäftigt, mit einem fast verbissenen Gesichtsausdruck Ilyas kleine Plastiktiere auf dem Tisch aufzustellen.

Nun endgültig besorgt, musterte sie ihn. „Was ist mit dir?“

„Gar nichts. Ich fühle mich gut heute Morgen. Wer weiß, vielleicht haben wir wirklich endlich das gefunden, was hilft. Lass uns noch einen Hanftag einlegen.“ Nun suchte er ihren Blick – doch der war meilenweit entfernt von ihrer gestrigen Hanferfahrung!

Stirnrunzelnd nahm Mila die Dose mit dem Kraut aus dem Schrank und hängte den kleinen Kessel über den Herd, um Wasser für den Aufguss zu erhitzen. ‚Tee‘ sagte Mattis dazu.

Obwohl sie sich auch unabhängig von der Tatsache, dass Mattis das Gegenteil von Besserung ausstrahlte, nicht vorstellen konnte, dass ausgerechnet etwas so Naheliegendes wie Hanf … Andererseits musste es doch irgendetwas geben, was funktionierte.

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war sie selbst gewesen. Warum war sie so etwas wie ein Anker für die Zeitreisenden? Und vor allem, warum war sie nicht in der Lage, selbst durch die Zeiten zu reisen, obwohl sie sich damals mit Frank wieder und wieder von den Fledermäusen hatte beißen lassen? Irgendwie schien sie – in Mattis‘ Worten – ‚immun gegen das Flederfieber‘ zu sein. Hieß das aber nicht, dass sie das Heilmittel zu sich genommen haben musste, eben ohne es bemerkt zu haben?

Dazu hatten sie Käthe einem aufgeregten Verhör unterzogen. Wie war Mila als Säugling in die Höhle gekommen, welche ja Zeit ihres Lebens ihr Schicksal geblieben war? Hatte sie Bisswunden aufgewiesen? Wie lange hatte sie dort gelegen? Hatte es Spuren gegeben, dass ihre Mutter sie dort entbunden hatte? Wohin hatte die so spurlos verschwinden können? War Mila als Kind krank gewesen?

‚Nein, es gab keine Spuren einer Geburt. Ja, du hattest einen Fledermausbiss, und du hast öfter gefiebert‘, war alles, was sie aus Käthe hatten herausquetschen können. ‚Und ich habe sämtliche Mittel an dir versucht, ohne dass ich einen Erfolg hätte feststellen können. Irgendwann hat das Fieber aufgehört. Ich weiß nicht, warum, ich habe gedacht, dass es sich einfach ausgewachsen hätte. Aber das habe ich dir doch alles schon gesagt, mehr weiß ich nicht.‘

Somit hatten Mattis und sie keine andere Wahl, als alles, woran Käthe sich erinnerte, an Mattis auszuprobieren – und noch viel mehr. In jedem wachen Moment hatte Mila ihre Aufmerksamkeit darauf ausgerichtet, neue infrage kommende Stoffe zu entdecken, die sie dann sorgfältig beschriftete und zu den anderen in den Medizinschrank stellte. Wo sie darauf warteten, bis sie an der Reihe waren.

Während Mattis, in schweigende Gedanken versunken, Ilyas Tiere mehrmals umsortierte, hatte Mila sowohl den Hanftee aufgegossen als auch den Süßbrei gekocht. Die gefüllte Schale mit links ein wenig ungehalten zwischen die Tiere schiebend, stellte sie mit rechts den Tee vor Mattis hin und setzte sich. Schaute ihn an – während er noch immer nicht aufsah. Und spürte ihr Herz sich beschleunigen, weil er plötzlich unendliche Traurigkeit ausstrahlte. Ohne es verhindern zu können, hatte sie ihre Hand auf seine gelegt.

Als er sich unter ihrer Berührung verkrampfte, war es um ihre Selbstbeherrschung geschehen. „Was, Mattis? Warum sagst du mir nicht endlich, was los ist?“

Er hob den Kopf. Nickte. Und sagte noch immer nichts.

Sie krächzte. „Was ist mit dir?“

„Ich …“ Er blickte auf die Tischplatte. „Ich hatte einen Gedanken.“

„Einen Gedanken?“

„Dass ich … eine Möglichkeit außer Acht gelassen habe.“

„Was für eine Möglichkeit? Außer Acht gelassen?“

„Die Möglichkeit, dass ich …“

Warum druckste er so herum?

Und da platzte er damit heraus. „Elias zu retten.“

„WAS?“

„Die Möglichkeit, dass ich mich nicht passiv in meine Zeit zurückflackern lasse. Sondern dass ich versuche, in meine Vergangenheit zu reisen, also in meine zukünftige Vergangenheit. Und sein Leben rette.“ Nun waren die Worte nur so aus ihm herausgeschossen.

„Aber …“ Aber wir suchen doch ein Heilmittel, damit du nicht wegflackern musst, konnte Mila im letzten Moment unterdrücken.

„Natürlich wissen wir nicht, ob das funktionieren kann. Und wenn ja, wie. Aber wenn deine Brigitte … mit dem LSD? Hätte ich dann nicht die Pflicht, es zu versuchen?“ Auf einmal ganz kraftlos, sanken seine Schultern herunter.

Natürlich musst du es versuchen, natürlich musst du deinen Sohn zurückholen, natürlich, natürlich, natürlich! Mila öffnete den Mund und schloss ihn und öffnete ihn wieder, um diese selbstverständlichen Worte endlich aus sich herauszuquetschen. „Pflicht?“, hörte sie sich stattdessen fragen. „Du willst es doch, da ist es egal, ob es deine Pflicht ist.“ Ungerührt hörte sie sich an. Kalt. Gleichgültig.

Oh, sie hasste sich dafür!

Endlich sah Mattis sie an. Verzweifelt. Schüttelte den Kopf. Stumm. Ratlos.

„Wolltest du deswegen noch einmal Hanf nehmen?“ Oh, Himmel, sie musste ihren Mund halten. Verzweifelt presste sie beide Hände auf ihr Gesicht.

„Was?“ Er verstand sie nicht.

Ihre Finger gruben sich quer in ihren Mund, der trotzdem nicht still blieb. „Weil du eigentlich gar kein Mittel mehr finden willst.“ Aufgesprungen war sie. „NatürlichmusstduEliasretten“, würgte sie hervor.

„Mila!“ Da war auch er auf den Beinen, erwischte sie am Arm, zwang sie zu sich heran. Unnachgiebig, damit sie ihm ihr Gesicht zuwandte. Er wartete, bis ihre Augen seine nicht länger meiden konnten. „Das ist keine Entscheidung, die ich allein treffen will. Deshalb berede ich sie ja mit dir.“

„Aber ich kann nicht entscheiden, dass du von mir weggehst.“ Sie hatte die Wahl gehabt zwischen Schluchzen und Ausspeien. War näher an Letzterem.

„Mila, ich habe inzwischen jede erdenkliche Substanz zu mir genommen, die Käthe dir als Säugling verabreicht haben könnte. Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass ich von dir weggezwungen werde, ohne dass wir das verhindern können.“ Nun klang auch seine Stimme harsch.

„Du hast gesagt, du fühlst dich besser.“ Das Schluchzen war nicht mehr länger zu unterdrücken.

Aber Mattis stieß sie nicht wütend von sich, weil sie so selbstsüchtig und widerwärtig war und jetzt auch noch losheulte wie ein kleines Kind. Er zog sie ganz eng an sich heran und wiegte sie und ging hinüber zu Ilyas Bett, um sie auf seinen Schoß zu holen.

Sagen tat er nichts. Was hätte er auch sagen sollen?

‚Natürlich will ich dich um keinen Preis verlassen‘, brüllte es prompt in ihr los. ‚Natürlich will ich alles versuchen, damit ich bei dir bleiben kann!‘ Sie schluchzte haltlos.

„Ich will nicht von dir weg, Mila.“

„Aber das hast du doch gerade gesagt.“

„Ich habe mich gefragt, ob wir akzeptieren müssen, dass wir kein Heilmittel finden werden. Und dass es meine Pflicht wäre, mich dem zu stellen, anstatt Tag für Tag und Nacht für Nacht darauf zu warten, bis es mit mir passiert. Sondern die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sodass ich nicht willenlos in der Zeit zurückgeschleudert werde, sondern versuchen kann, ein paar Jahre vorher anzukommen. Und damit Elias …“ Er verstummte.

Mila hatte die Luft angehalten, um nicht mehr zu schluchzen.

„Ich glaube, wir werden kein Heilmittel finden, Mila“, sagte er grausam.

Würdest du denn bleiben, wenn wir es fänden?

„Und wenn du ehrlich zu dir wärst, dann würdest du zugeben, dass du auch nicht daran glaubst.“

Wie kann es sein, dass einem Menschen die Entscheidung zwischen seinem Kind und seiner Liebsten zugemutet wird?

„Mila?“

„Willst du denn ein Heilmittel finden?“ Sie raffte sämtliche Stärke zusammen, um ihn anzusehen.

„Natürlich will ich, das weißt du doch.“

„Weil du bei mir bleiben willst?“

„Ich war noch nie so glücklich wie hier mit dir. Natürlich wünsche ich mir, dass das für immer so weitergehen könnte. Mit Ilya. Wir sind eine tolle Familie.“ Er umarmte sie ganz fest.

Das war die Wahrheit, das wusste sie doch. „Aber du musst Elias das Leben retten, und ich muss dich gehen lassen.“

„Verstehst du, dass ich es versuchen muss, Mila?“

Jeder würde das verstehen, jeder, es ist doch selbstverständlich, alles für sein Kind zu geben. „Selbstverständlich verstehe ich das.“

„Du würdest Ilya auch retten.“

Sie nickte weinend.

„Und ich komme zu dir zurück. Frank hat es doch auch ein weiteres Mal geschafft. Es wird so sein, dass ich in der Zukunft gesund sein werde. Und dann komme ich zurück.“

„Frank ist auch in seiner Zeit krank geblieben.“ Das hatte sie ihm noch nie gesagt.

Da schwieg er. Betroffen.

Sie machte sich von ihm los, stand auf, ging einen Schritt. „Und wenn du Elias rettest …“ Die Hütte schwankte um sie.

„Ich werde sofort versuchen zurückzukommen, und wieso sollte es denn nicht wieder klappen? Zumal wir jetzt Brigittes Zaubermittel haben.“ Eifrig klang er, zuversichtlich. „Und sie war doch auch völlig gesund. Frank hatte es nicht, er hatte kein LSD, keiner deiner anderen Zeitreisenden hatte es.“ Auch er war aufgesprungen, lockte sie mit offenen Armen. „Wir haben eine Chance, Mila, und vielleicht gibt es einen Grund, weswegen wir bisher nichts gefunden haben. Weil das LSD selbst das Heilmittel ist.“

Käthe hat mir als Säugling ganz gewiss keinen giftigen Roggen gegeben, brachte sie nicht über sich zu sagen. Und es spielte auch keine Rolle. „Wenn du Elias rettest, werden wir uns niemals begegnen.“ Endlich war es ausgesprochen.

„Wieso …?“ Mattis schüttelte den Kopf.

Aber er musste doch darüber nachgedacht haben! „Du wirst niemals in unsere Höhle kommen, weil du einen Riesenbogen um sämtliche Fledermäuse der Welt machen wirst.“ Es war leichter, zuerst die äußere Seite zu nennen.

„Aber ich kann doch ohne Elias …“

„Das wirst du nicht“, fiel Mila ihm schroff ins Wort. „Denn“, sie musste schlucken, „du wirst mit Lida zusammenbleiben“, brach die Hauptsache aus ihr heraus.

Mattis ließ seine Hände sinken.

„Ihr werdet glücklich miteinander bleiben. Elias aufwachsen sehen. Noch gemeinsame Kinder bekommen. Und du wirst nie, nie, nie zu mir zurückkommen.“

Mit gerunzelter Stirn starrte er sie an. Wandte sich dann ab, um sich wieder auf die Bettkante sinken zu lassen.

Tja, was sie gesagt hatte, konnte er nicht widerlegen. Plötzlich völlig entkräftet, musste auch sie sich setzen. Wankte zu einem Stuhl. Kauerte sich in sich zusammen.

„Mila …“

Sie ließ ihren Kopf, wo er war.

„Theoretisch hast du recht.“

„Was heißt das? ‚Theoretisch‘?“

„Also wenn man die Sache durchdenkt. Logisch. Von außen. Dass der Trennungsgrund von Lida und mir wegfallen würde.“

Aber?

Was sollte das für ein Aber sein? „Du würdest dich und mich auslöschen.“ Die Worte hinterließen einen Hohlraum in ihr. Dabei hatte sie die schlimmeren noch gar nicht hervorgebracht: „Du wirst mich nicht vermissen, weil du mit der Frau glücklich bist, mit der du das sein wolltest.“ Immerhin weinte sie nicht mehr. Vielmehr empfand sie die Leere als gar nicht mehr unangenehm, sie war fast gleichgültig. Denn es war ja die Wahrheit. Mattis hatte Lida geliebt. Und wenn Mila ihr nicht zufällig so ähnlich gewesen wäre, hätte er sich doch sowieso nie in sie verliebt. Die Gleichgültigkeit zerfaserte. Rasch rammte Mila ihre Zähne in die Unterlippe und konzentrierte sich auf diesen Schmerz.

„Komm her.“

Hart klang Mattis. Sehr entschlossen. Und unnachgiebig, er würde dafür sorgen, dass sie kam.

Wenigstens hob sie ihr Gesicht.

„Ich möchte, dass du hierher zu mir kommst“, wiederholte er. „Damit ich dir etwas erklären kann.“ Er sprach wie mit einem kleinen Kind. Neulich, als Ilya sich im Stall versteckt hatte und nicht geantwortet, als Mattis ihn gerufen hatte, war sein Tonfall derselbe gewesen.

Naja, sie fühlte sich auch wie zweijährig. Es war schwer, vom Stuhl hochzukommen. Die notwendigen Schritte zu machen auf den Menschen zu, der ihr gerade so weh getan hatte.

Der aber ja nichts dafür konnte, er hatte sie nicht absichtlich verletzt. Und nun wollte er sie trösten. Er liebte sie, auch das konnte sie erkennen. Nur glauben …

Sie schaffte es nicht, sich erst einmal neben ihn zu setzen. Sank direkt auf seinen Schoß – und jetzt zeigten ihr auch seine Arme, dass er sie liebte.

„Hör zu“, begann er. „Du erinnerst dich doch, dass Lida Iven geheiratet hat. Nach mir.“

„Den Mann, der Johann so ähnlich sieht.“

„Genau.“ Mattis machte eine Pause, suchte offenbar nach der richtigen Reihenfolge. „Bevor ich das zweite Mal zu dir kam, habe ich Lida getroffen“, sagte er dann.

Mila rückte ein Stückchen von ihm ab, um ihn ansehen zu können. „Hast du sie geliebt?“

„Du meinst, ob ich mit ihr geschlafen habe? Natürlich nicht!“

„Nein, ich meine, ob du das Gefühl hattest, sie zu lieben.“

„Ja und nein.“

Abwehrend schüttelte Mila den Kopf.

„Hast du das Gefühl, Johann zu lieben?“, stellte er prompt die Gegenfrage. „Als du ihn angesehen hast in der Kapelle – hattest du da das Gefühl, ihn zu lieben?“

Sie starrte ihn an. Atmete aus. „Ja und nein“, sagte sie dann und musste unwillkürlich lächeln.

Mattis grinste und wurde mit ihr zusammen wieder ernst. „Wir haben die beiden einmal geliebt. Und das geht wahrscheinlich nie ganz weg. Es bleibt. Irgendwo hier.“ Er tippte auf seine Brust. „Oder?“ Er tippte auf ihre.

Mila nickte. „Aber das heißt nicht, dass ich ihn zurückhaben will. Ich will dich.“

„Ja, das heißt es nicht. Ich will Lida auch nicht zurückhaben. Ich will dich.“

Ihre Augen liefen schon wieder über.

Mattis lachte gutmütig und bog ihren Nacken zu sich herunter, damit sie ihren Kopf auf seine Schulter legte.

„Aber wenn du Elias retten würdest, dann würde deine Liebe für Lida die einzige bleiben“, musste sie wieder auf das Thema kommen. „Dann bräuchtest du keine andere.“

„Oh, ich wollte auf etwas anderes hinaus. Als ich damals bei Lida war – haben wir sehr offen geredet.“

Gespannt lauschte sie. Er hatte noch nie über ihre Doppelgängerin gesprochen – und sie hatte immer zu viel Angst vor ihr gehabt, um ihn über sie zu befragen.

„Süßb’ei!“, polterte in diesem Moment Ilya in die Hütte. „Tante Käthe B’ot ge’esst. Jez Süßb’ei.“ Die Tür wurde zugerumst – und erst dann kam der Ausruf: „Mama? Weint?“

Dass sie ab und an weinend auf Mattis‘ Schoß saß, war Ilya durchaus geläufig. Wie sie es immer tat, wenn er dazwischen kam, wollte sie sich auch heute erheben und ihr Kind in die Arme nehmen.

Doch Mattis hielt sie fest. „Könntest du heute deinen Brei ausnahmsweise einmal allein essen?“, fragte er Ilya mit wichtiger Stimme. „Mama ist nämlich traurig, und wir reden gerade, damit sie sich besser fühlt, verstehst du das?“

„T’aurich? Besser?“ Unsicher spähte Ilya herüber.

„Ja, gleich geht es mir wieder besser“, versprach Mila, sich unwillkürlich extra schwer machend, um sitzen zu bleiben.

„Komm mal rüber, dass wir den Schneeanzug ausziehen können.“

Ilya trippelte heran – und schlang spontan seine Arme um Mila. „Mama t’aurich?“

Die nickte. „Aber es geht mir gleich wieder besser. Fängst du schon mal an zu essen, mein Schatz?“

„Bis g’eich, Kumpel“, hielt Ilya diesmal ihr seine Hand hin.

Mila lachte und schlug ein. „Bis gleich.“

„Kumpel“, ergänzte Ilya belehrend und trollte sich zum Tisch. Wo er sogleich dafür sorgen würde, dass man seinen Kittel nur noch in den Bach halten konnte. Egal.

Mila legte ihren Kopf wieder an Mattis‘ Schulter. Seltsamerweise fühlte sie sich wirklich so, als ob er ihr Dinge sagen könnte, die es wieder besser machen würden. Nicht alles gut, aber besser.

„Lida hat mir erzählt, wie ihre Beziehung zu Iven ist“, nahm Mattis den Faden wieder auf.

Interessiert drehte Mila ihm ihr Gesicht zu. Blickte seines von unten an. Sein Kinn. Seine Nase. Seine Augen, die auf Ilya gerichtet waren, der eifrig klappernd mit seinem Löffel in der Breischüssel zu Werke ging.

„Sie hat mir beschrieben, was sie an ihm mag. Er ist wie Johann, also auch innen, deshalb“, er hielt inne, um ihren Blick aufzufangen, „deshalb ist es für mich sehr erstaunlich, dass man ihn mögen kann.“ Er grinste schief.

„Johann ist eingebildet und kindisch und rücksichtslos in dem, was er will. Und verantwortungslos und unberechenbar“, erklärte Mila. „Aber er ist auch verletzlich und bedürftig und einsam. Es ist diese … Gespaltenheit, dieses Nebeneinander, das eigentlich nicht zusammen existieren kann. Diesen Widerspruch möchte man auflösen, also nicht ich, nicht mehr, also …“

„Ich verstehe schon.“ Mattis nickte. „So ähnlich hat Lida es auch ausgedrückt. Dass sie diesen Mann geknackt habe und sozusagen seinen wahren Kern kenne. Oder so ähnlich.“

Nun nickte Mila. „Ja, stimmt. Danach habe ich immer gesucht. Nach dem, wie er wirklich ist.“

„Und du hast es nicht geschafft – und dich deshalb abgewandt?“

Plötzlich war es umgekehrt. Mattis war unsicher, und sie musste ihn beruhigen. „Nein, nein.“ Wie sollte sie es erklären? „Ich habe ihn sehr wohl manchmal gesehen, diesen Kern.“

Mattis wartete.

„Aber – ich sehe es nicht so wie Lida. Dass seine Verletzlichkeit sein ‚wahrer Kern‘ ist. Dass alles darum herum nur Schein ist, nur Tarnung.“

„Fassade, die über seine Bedürftigkeit hinwegtäuschen soll“, warf Mattis ein.

„Nein, so sehe ich es nicht.“ Mila winkte Ilya zu, der mit vollen Backen schmauste. „Johann ist beides. Beide Seiten. Er ist das Ekel. Es ist sein Charakter, seine Schwäche mit Überheblichkeit zu verschleiern. Aber diese Überheblichkeit ist er auch. Genauso wie er seine Verletzlichkeit ist.“ Sie fing Mattis‘ Augen ein. „Verstehst du, was ich meine? Für mich ist er keine Frucht, die man aus seiner Schale befreien müsste. Für mich ist er stark und schwach. Und er geht in einer Weise damit um, die ich … die ich nicht mag.“

„Ich mag B’ei“, verkündete Ilya vom Tisch aus.

„Lass ihn dir gut schmecken, Kumpel“, rief Mattis ihm zu, ohne jeden Anflug von Unsicherheit jetzt. Wie es schien, hatte er sie verstanden.

„Das heißt, er ist nicht der Mensch, den du mögen kannst?“

„Ja, genau. Er ist niemand, den ich lieben will. Also ich dachte einmal, ich könnte es. Aber gerade jetzt, nachdem …“ Sie klaubte ihre neue Stärke zusammen und begann noch einmal: „Nachdem ich jetzt erlebe, wie das Zusammensein mit einem Mann wie dir ist. Du bist so ganz anders. Auch verletzlich. Aber du gehst ganz anders damit um. Du traust dich, Schwäche zuzugeben. Du stehst dazu. Und du siehst mich. Johann sieht immer nur sich selbst. Und ich wäre ein Beiwerk, sein Schmuck. Oder so.“ Sie unterbrach sich. Wie sie sich anhörte!

„Ja, du wärst sein Schmuck.“ Mit einem stolzen Lächeln strich er ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. „Sein Besitz.“

„Dir gehöre ich“, musste Mila flüstern.

„Zu mir gehörst du“, verbesserte Mattis. „Ich will dich nicht besitzen, ich möchte mit dir zusammen sein.“

Sie lächelte ihn an, schon wieder den Tränen nah. „Du willst nicht, dass ich dich anhimmle oder dir verfalle oder dir unentwegt zeige, dass du der Beste bist.“

„Ich möchte einfach nur bei dir sein.“

„Und ich bei dir.“

Sie lächelten sich an.

„Ich auch“, stand auf einmal Ilya vor ihnen und zwängte sich zwischen sie, um ebenfalls auf Mattis‘ Schoß zu klettern.

Der rückte ein Stück zurück, Mila ein Stück beiseite – und dann saßen sie zu dritt aneinandergeschmiegt.

„Ich auch kusseln“, murmelte Ilya, und Mila spürte den klebrigen Honig von seinem Mund an ihrer Wange.

„Ich küssel dich lieber mal“, drückte sie ihm einen Kuss auf die Nase. „Machst du mit, Mattis?“

„Aber klar mache ich mit. Ich kissel dich sogar, pass auf.“ Und damit fing er an, Ilya durchzukitzeln.

„Kuss’sseln“, bemühte der sich vergeblich, zwischen seinen Japsern ein ’sch‘ zuwege zu bringen. „Nicht kis’seln!“

„Nicht?“ Mattis zog seine Hände auf den Rücken und setzte eine harmlose Miene auf.

Zuerst die eine, dann die andere Hand hervorzerrend, während die erste wieder hinter Mattis verschwand, kicherte Ilya hingerissen.

Da bemerkte Mila, dass Mattis‘ Augen auf ihr ruhten. Sie erschauderte vor Liebe. „Du siehst mich“, hatte sie das Bedürfnis, noch einmal auszusprechen.

Mattis nickte und drückte Ilya an seine Brust.„Ja, das tue ich. Und du siehst mich. Sogar heute. Wenn ich mit so was ankomme.“

Sie zog die Wangeninnenseiten zwischen die Zähne, um die Tränen auch weiterhin von sich abzuhalten.

„Lida ist anders als du.“

Milas Augen flogen zu ihm.

Während Ilya offenbar vorerst genug Kuscheleinheiten eingeheimst hatte. Jedenfalls glitt er aus Mattis‘ Armen und vom Schoß, sich seinen Tieren zuwendend, die er bereits während des Essens neu auf dem Tisch verteilt hatte.

„Lida liebt Iven“, fuhr Mattis fort. „Weil sie ihn als edle Frucht wahrnimmt, wie du eben erklärt hast. Und zugleich empfindet sie mich als – ja, als langweilig, nehme ich an. Weil ich eben keine harte Schale um mich herum trage.“

„Langweilig?“, fragte Mila entgeistert. „Weil du kein Schuft bist?“

„Sie mag mich, aber als Freund.“

Mila öffnete die Beine und rutschte zu ihm herum, damit sie rittlings vor ihm sitzen und ihre Bäuche gegeneinanderpressen konnten. Und ihn endlich richtig küssen. „Lida ist einfach dämlich“, verkündete sie dann genüsslich.

Mattis‘ Lachen war gerührt. Er küsste sie wieder, mit noch mehr Ausdauer. „Eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus.“ Noch ein Kuss. „Lida will keinen Mann wie mich. Sie braucht einen wie Johann, äh, Iven. Während du wundersamerweise einen Mann wie mich willst. Sie gehört zu ihm, wie du zu mir gehörst. Und daran kann sich niemals etwas ändern. Auch dann nicht, wenn Elias überlebt.“

So schöne Worte. Die sich warm in ihrer Brust ausbreiteten. Und ihre Augen schon wieder zum Überlaufen brachten.

Das rief Ilya auf den Plan. „Mama wieder t’aurich?“, fragte er, bereits im Begriff, von seinem Stuhl zu springen.

„Nein, ich bin glücklich, Ilya“, korrigierte sie rasch. „Ich weine jetzt nur noch, weil ich glücklich bin.“

„Mattíss g’ücklich“, nickte Ilya wissend und wandte sich wieder der Giraffe zu, die er gerade in den Rest seines Breis gestellt hatte, sodass nur der lange Hals herauslugte.

„Aber was ist, wenn der Zeitsprung bewirkt, dass ich aus deinem Gedächtnis ausradiert werde?“ Das musste Mila trotz allem noch fragen. „Wie kannst du dich dann wieder an mich erinnern?“ Bange sah sie ihn an.

„Wenn du aus meinem Gehirn verschwinden würdest, dann müsste ich aus deinem ja auch verschwinden“, erwiderte er geduldig.

„Das ist so, oder?“

„Wir haben uns erlebt – das hat Spuren in unseren Hirnen hinterlassen. Diese Spuren kann man sichtbar machen, also zu meiner Zeit, da ist die Hirnforschung weit vorangeschritten.“

„Wir sind also ins Gehirn des anderen eingebrannt?“

„Ja, genau. Unlöschbar. Solange wir leben.“

„Dann kann es nicht passieren, dass wir einander vergessen.“ Dieses Wissen machte wirklich alles leichter.

„Ganz genau. Und es geht nicht darum, mich zwischen Elias und dir zu entscheiden. Es dreht sich nur um die allerletzten Tage, ehe ich sowieso wegflackern würde. Ich würde lediglich ein bisschen früher gehen.“

Sie nickte heftig.

„Kannst du das jetzt so sehen, Mila?“, verlangte er.

Sie schluckte und räusperte sich und sagte: „Es wäre unmenschlich, sich zwischen seinem Sohn und seiner Geliebten entscheiden zu müssen. Kein Mensch sollte je zu so etwas gezwungen sein.“

„Ja, du hast recht.“ Nun, da sie wieder stärker war, zitterte seine Stimme. „Und ich könnte es auch gar nicht.“

Sie drückte ihn mit aller Macht an sich. „Ja, ich weiß.“

„Ich danke dir.“ Sein Mund lag in ihrem Haar.

„Ich komme mit“, antwortete sie, bevor sie diese Idee auch nur zu Ende gedacht hatte.

„Wie?“

„Ich werde mit dir in die Höhle kommen und das ‚Ellesdee‘ nehmen und dich nicht loslassen.“ Jäh hielt sie inne. „Also wenn du das möchtest.“

Mattis umarmte sie heftig. „Aber natürlich möchte ich. Nur …“

„Das Zurückflackern dürfte ja kein Problem sein. Und vielleicht finden wir ja in der Zukunft das Heilmittel.“

„Aber es ist doch so, dass du nicht …?“

„Frank und ich hatten kein ‚Ellesdee‘. Damit kann ich es vielleicht. Wahrscheinlich. Ganz bestimmt. Denn du hast recht: Wir haben doch mittlerweile alles ausprobiert. Es gibt kein Heilmittel. Aber daraus müsste folgen, dass ich auch nicht immun sein kann.“ Das hörte sich doch wirklich logisch an!

Mattis nickte. Erst vorsichtig, dann immer mutiger. „Wir versuchen es.“

Sie lächelten sich an.

„Meinst du, wir könnten einen Augenblick nach den Ziegen gucken?“, wisperte Mila.

„Wir müssen.“ Und damit hob er sie hoch und trug sie – an Ilya vorbei, der ihnen mit großen Augen durch die Hütte folgte.

Das würde nichts werden, dachte Mila enttäuscht, und in der Tat setzte Mattis sie ab.

„Glaubst du, du könntest Tante Käthe noch einen Besuch abstatten – und ihr diesen Tee von uns bringen?“, hörte sie ihn dann allen Ernstes vorschlagen.

„Hanftee?“, zeigte Ilya wieder einmal, dass ihm nichts entging.

„Ja.“ Mattis lächelte liebenswürdig.

Mila kicherte.

„Bis g’eich, Kumpel“, hob Ilya die Hand.

„Komm schnell, wieder anziehen.“ Mila hielt den Schneeanzug schon bereit. „Vielleicht könntet Käthe und du rausgehen?“

„Haus“, echote Ilya und stieg eifrig in die rot wattierten Beine. „Bis g’eich!“

„Lass dir ruhig Zeit“, rief Mattis ihm nach.

Mila prustete los.

Vektorfledermaus_Teil_3_breite_85pZeitkniffe

„Hey, Mattis!“

Der zuckte zusammen und stieß sich vom Zaun ab, an dem er gelehnt hatte. Er hatte gar nicht bemerkt, dass Mila aus dem Stall zurück war.

Schön sah sie aus mit ihren brauen Haaren, die sie im Nacken locker aufgesteckt hatte und dem warmen Kleid, das sie sich erst kürzlich, gemeinsam mit Käthe, genäht hatte. Allerdings sollte sie jetzt flugs ihren Umhang darüberziehen, es war frisch geworden. Naja, für Ende Oktober war es wohl eher ungewöhnlich mild und Mila sehr unempfindlich, was Kälte anbelangte. Wahrscheinlich erforderte das einfach die Zeit, in der sie lebte. Ohne Zentralheizung, ohne Goretex-Kleidung, ohne ausreichend isolierte Häuser musste man sich entweder eine dicke Haut zulegen oder frieren. Mattis fror oft.

Was allerdings nicht nur mit den gefallenen Temperaturen zu tun hatte.

„Gibst du mir die Tasche?“ Mila hatte das Pferd bereits gesattelt und streckte die Hand aus, damit er ihr den Proviant und die Medikamente für Gangolf reichte.

Er ächzte, als er sie hochhob. Erschrak, weil ein ausgewachsenes Stöhnen aus seinem Mund gekommen war. Und dann gleich noch einmal, als er Milas Blick alarmiert aufflackern sah. Es war wieder soweit.

Zunächst jedoch konzentrierte sie sich darauf, die Tasche am Riemen zu befestigen. Dann konnte sie nicht mehr anders, als aufzuschauen. „So schlimm?“ Sie legte den Kopf schief und sah ihn bittend an. Bittend, dass er ’nein‘ sagen könnte.

Was hätte er darum gegeben! Aber er fühlte er sich wie das Opfer eines Cocktails aus einem fies mutierten Grippevirus und einem mittelschweren Nervengift. Kopf- und Gliederschmerzen, Schwindel, Sehstörungen, Wellen von Übelkeit …

Er verkniff sich jede weitere auffällige Reaktion, sie war beunruhigt genug, straffte sich und schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe mich ja eben die ganze Zeit ausruhen können.“ Er wollte am Pferd vorbei, losgehen, ehe seine Selbstdisziplin ihn wieder verließ.

Doch Mila fasste ihn am Arm. „Wir reiten. Weil du mit deinen Kräften haushalten musst, wir können uns nicht leisten zu riskieren, dass du dich überanstrengst und es so vielleicht schneller schlimmer wird. Die Zeit … ist auch so knapp genug.“ An der Stelle ging ein Ruck durch ihren Körper, mit dem sie Matthias regelrecht an die Seite des Pferdes schubste. „Aber ich meinte auch nicht das Flederfieber, sondern … das, was wir heute zu tun haben.“

Matthias holte Luft, um sich anschließend in den Sattel zu hieven. „Naja.“ Musste erst noch einmal auf den Boden zurück, weil die Kraft in seinen Armen nicht reichte.

Ihm war klar, dass das, was sie vorhatten, Mila wahrscheinlich weit mehr belastete als ihn. Daher konnte es nicht schaden, sie ein bisschen aufzuheitern. „Ich muss zugeben, dass ich mehr Lust hätte, mit dir ein nettes Picknick im Grünen zu veranstalten, als dem liebreizenden Junker Johann von Ernberg einen Besuch abzustatten“, intonierte er in extra lustigem Tonfall.

„Ein – was?“, hakte sie prompt neugierig nach. „Pick-Nick?“

Er lachte – und nutzte diesen Schwung, um sich diesmal erfolgreich in den Sattel zu stemmen. „Dabei breitet man eine rot-weiß-karierte Tischdecke im Gras aus und verteilt darauf lauter leckere Sachen, die man von Zuhause mitgebracht hat. Fleischklößchen und Pfannkuchen und Wiener Würstchen und Gemüse mit Dip und Bananen und Quiche und Nudelsalat und Kaviar …“

„Oh.“ Endlich schnappte sie sich ihren Umhang, der die ganze Zeit über dem Zaun gehangen hatte, und zog ihn über.

Dabei sah er ihre Lippen zucken. Sicher weil sich all dieses Essen – in welcher Gestalt auch immer – vor ihrem inneren Auge auftürmte. Weil sie am liebsten genauestens nachfragen würde, ob sie es sich denn richtig vorstellte. Und schließlich weil ihr das Wasser im Munde zusammenlief. Sie war eine so sinnliche Frau, und er wurde ihr so wenig gerecht in seinem Zustand …

„In der Zukunft kannst du all das probieren“, flüsterte er, nicht sicher, ob es gut war, das jetzt laut auszusprechen.

Sie hörte es natürlich trotzdem. Und lächelte zu ihm herauf. „Bei einem ‚Pick-Nick‘?“ Nicht mehr ängstlich, sondern voller eifriger Begeisterung. Zumindest für den Moment.

Er lachte sie an. „Klar.“

„Das ist so etwas Ähnliches wie eine Rast mit Wegzehrung ganz reicher Leute, nicht wahr?“

„Ja, nur dass man nicht rastet, sondern extra zum Picknicken loszieht.“

„Hmm. Soll das heißen, man trägt Essen aus dem Haus, ohne irgendwo hinzuwollen?“

„Man will außer Haus essen“, erklärte Mattis und musste grinsen. Ihr Unverständnis war so niedlich.

Sie schnaubte, fühlte sich immer so schnell ausgelacht. „Ihr habt schon seltsame Gepflogenheiten.“ Energisch reckte sie sich nach der Wolldecke, die noch immer über dem Zaun hing.

Er nahm sie entgegen, während Mila einen der Sattelgurte löste, sodass sie sie gemeinschaftlich darunter vertäuen konnten.

„Wir könnten also unsere Decke und die Wegzehrung nehmen und unterwegs picknicken, wenn du magst“, versuchte er, sie noch einmal zum Lachen zu bringen.

Stattdessen schnaubte sie noch lauter, zog demonstrativ fröstelnd ihren dicken Umhang enger um sich herum und zischte: „Klar mag ich, warum auch nicht? Noch gibt es ja ein paar Flecken Gras.“

„Noch.“ Dort, wo der erste Schnee schon wieder weggetaut war, der in der letzten Nacht gefallen war. Naja, das änderte nichts daran, dass sie ihren – bisher so wunderbar verdrängten – Besuch in Ernberg nicht noch länger aufschieben durften.

Mattis warf einen Blick auf den auch heute keineswegs wolkenlosen Himmel und seufzte. „Wenn ich mir das Wetter so ansehe, wird es mit Gras und Picknick bald vorbei sein. Komm, steig auf.“

Doch Mila hatte sich schon in Bewegung gesetzt. „Ich gehe erst einmal zu Fuß.“

Rasch trieb er das Pferd an, ihr zu folgen. „Bist du sauer? Ich wollte dich nicht ärgern.“

„Nein, nein.“ Reumütig drehte sie sich zu ihm um. „Das weiß ich doch. Es ist nur, dass ich …“ Sie verstummte. Musste jetzt ihrerseits beschleunigen, weil er sie überholt hatte.

Er wartete, bis sie wieder neben ihm ging, ehe er nachhakte. „Dass du …?

„Dass ich Angst habe?“ Das hatte wie eine Frage geklungen.

Also übersetzte er, was sie offensichtlich nicht herausbrachte. „Angst vor dem Mann, mit dem du jahrelang zusammen gewesen bist?“ Ob ihr das helfen würde?

„Angst vor Vinzent“, korrigierte sie.

Das ist doch Unsinn, hätte er ihr so gern gesagt. Wieso solltest du ihn fürchten? Ja, klar, warum sollte man sich auch vor dem Auftraggeber eines der skrupellosesten Massenmorde der Geschichte fürchten? Er verzog den Mund. Musste irgendetwas antworten. „Wir sind auf dem Weg zu ihm, um zu verhindern, dass er tatsächlich Vinzent der Schlächter werden wird.“ Na, so hörte es sich doch direkt einfach an.

„Ja, weil er den Charakter besitzt, es sonst zu werden“, stieß Mila bitter hervor. „Wie hast du es beschrieben? Dass dieser Mann nicht nur diejenigen umgebracht hat, die ihm unmittelbar im Weg waren, sondern dass er sogar noch die verborgensten Winkel der Welt durchforstet hat, um eventuelle weitere Erben aufzuspüren?“

‚Dieser Mann‘. Nicht ‚Johann‘. Für sie waren Johann und Vinzent in der Tat zwei unterschiedliche Männer.

„Und dass er nicht einmal die verschont hat, von denen er eigentlich wusste, dass sie ihm gar nicht wirklich gefährlich werden konnten? Wie viele unschuldige Menschen hat er auf dem Gewissen? Waren es nicht ganze dreiundvierzig? Und wie viele davon waren Kinder?“

„Naja, so steht es in den Geschichtsbüchern“, hatte Matthias abschwächen wollen, merkte jedoch, dass er es damit gerade manifestierte.

Und ihnen beiden unter die Nase rieb, wie absurd das alles war. Wie sollte das gehen? Historische Fakten zu verändern? Oder – noch absurder – das, was in genau diesem Augenblick – nur eben siebenhundertneunzehn Jahre später – schwarz auf weiß in stofflichen Büchern gedruckt war? Würde sich die Druckerschwärze umsortieren? Vor den Augen einer Schulklasse, die gerade dabei war, den Text über Vinzent zu lesen?

Am liebsten hätte er Mila vom Boden geschnappt, das Pferd cowboymäßig herumgerissen und wäre mit ihr in die entgegengesetzte Richtung davongaloppiert, weit weg von allem, was ihrer beider Leben so kompliziert machte.

Doch ein neuer Anfall von Übelkeit erinnerte ihn unbarmherzig daran, dass genau das unmöglich war. Er würde in absehbarer Zeit zurückkehren in die Zukunft – und musste wenigstens versucht haben, Vinzent zu tilgen.

Wobei es wiederum keinen Zweck hatte, sich etwas vorzumachen. „Es wird schwierig, ohne jeden Zweifel. Aber wir haben einen Trumpf im Ärmel: Johann liebt dich. Zumindest hat er es noch, als er dich zum letzten Mal gesehen hat, in der Kapelle. Also wenn es jemandem gelingen kann, ihn zu beeinflussen, dann dir.“ Er klang absolut überzeugt.

Leider schien von dieser Zuversicht nichts bei Mila anzukommen. Tief in Gedanken versunken, ging sie in strammem Schritt voraus, er musste das Pferd wiederum antreiben, damit sie ihn nicht abhängte.

„Ich habe auch Angst um Ilya.“

Zuerst hatte er gar nicht mitbekommen, dass sie etwas gesagt hatte, so leise war ihr Murmeln gewesen. Dann war er aus dem Sattel, noch während sie ihre Erläuterung nachschob: „Was bedeutet es für ihn, einen solchen Vater zu haben?“

„Ilya ist ganz anders“, holte er Mila zu sich heran, drückte sie an sich. „Dass er Johanns Gene … also dass er Eigenschaften von Johann geerbt hat, bedeutet nicht, dass er genauso werden muss. Er hat ja auch ganz viel von dir. Und überhaupt hat jeder Mensch eine Wahl, selbst wenn er Anlagen hat, die ihn in eine bestimmte Richtung lenken.“

Mila atmete zuerst ein und aus, ehe sie sich auch ihrerseits an ihn schmiegte. „Das heißt aber auch, dass Johann die Wahl haben wird, wenn wir ihm die Gelegenheit dazu geben, oder?“

„Ja, natürlich. Und deshalb gehen wir ja zu ihm.“

„Es tut mir weh, dass er dieser fürchterliche Vinzent sein soll. Ich möchte trotz allem, was geschehen ist, dass er ein guter Mensch ist.“ Sie verstärkte den Druck ihrer Arme. „Verstehst du das?“

Matthias seufzte. „Natürlich. Natürlich verstehe ich das.“

„Auch für Ilya.“ Ihre Stimme noch immer erstickt. „Es wäre doch furchtbar für ihn. Wenn er erfahren müsste, wer sein Vater ist.“

„Er wird es nicht wissen müssen, Mila. Weil du und ich Johann heute davon abhalten werden, Vinzent zu werden.“ Noch während er das aussprach, wurde er eingeholt von der Erinnerung – dass das die Frage war, die er die ganze Zeit gemieden hatte: Wie genau werden wir ihn denn davon abhalten? Jetzt ging es. „Wie, stellst du dir vor, sollen wir ihm gegenübertreten?“

Mila war losgegangen, schneller jetzt, als ob sie genau davor flüchten wollte.

Matthias beeilte sich, mit ihr aufzuschließen, das Pferd nun am Zügel, und klopfte auf seine Jackentasche, um das irgendwie beruhigende Knistern darin zu hören. „Wir könnten ihm vielleicht doch einfach unseren Brief zukommen lassen und darauf hoffen, dass er von allein seine Schlüsse zieht und …“ Ja, da saß der Hase im Pfeffer: sich aus freien Stücken entscheidet, ein anderer Mensch zu werden. Über den Worten, die ihn dazu bringen sollten, hatten sie tagelang gebrütet, den Brief immer wieder umgeschrieben, die Argumentation verändert, die Formulierungen …

„Nein, die Wahrscheinlichkeit, dass er in einem Gespräch auf mich hört, ist größer“, wiederholte Mila tapfer, worauf sie immer wieder gekommen waren.

„Ja. Dann müssen wir bloß endlich durchdenken, was wir ihm sagen wollen.“ Was sie bisher einträchtig vermieden hatten.

Es dauerte ein paar Schritte, ehe Mila antwortete. „Wir erzählen es ihm einfach. Einfach so. Wie es gerade kommt.“

„Echt? Meinst du nicht, wir sollten einen Plan machen? Damit er ganz sicher …“

„Johann duldet es nicht, dass jemand Pläne schmiedet, um ihn dazu zu bringen, etwas Bestimmtes zu tun“, erklärte sie – nicht allzu hoffnungsfroh. „Sobald er solch einen Plan wittert, wird er das Gegenteil davon tun, was man bezweckt.“

„Äh – du willst sagen, wenn wir so tun würden, als würden wir von ihm erwarten, Vinzent zu werden …“

„… dann weiß er, dass wir so tun, als ob, um ihn zum Gegenteil zu bewegen“, ließ Mila ihn gar nicht erst ausreden. „Deswegen möchte ich – einfach ‚ich‘ sein. Und darauf hoffen, dass …“

„… er freiwillig deinen Wunsch erfüllt?“

Sie antwortete gar nicht erst.

Mit resigniertem Seufzen richtete Matthias sein Augenmerk auf die Baumwurzeln auf dem Waldpfad. Die ihm wirklich Mühe bereiteten in seinem jetzigen Zustand.

Prompt wirbelte Mila zu ihm herum und wies auf den Sattel.

Und er verdrehte nicht einmal die Augen, als er ihrer Aufforderung folgte.

„Oh nein.“ Voller Entsetzen hatte Mila, die eben noch plaudernd ein Stück voraus spaziert war, sich dicht an die Seite des Pferdes geflüchtet und fasste nach Matthias‘ Bein.

Welcher selbst erschüttert nach vorne starrte. Wo unmittelbar neben dem äußeren Burgtor zwei imposante Galgen aufgebaut waren.

„Verdammt.“ Hastig senkte er den Blick, um nicht so genau sehen zu müssen, was die Krähen von dem übriggelassen hatten, was da gehangen hatte. „Warum haben die den Henkersplatz verlegt?“

„Hat Meinhard das veranlasst?“, flüsterte Mila. Hoffentlich nicht Johann, war darin mitgeschwungen.

Matthias schnaubte. Dass dem so war, hielt er für sehr unwahrscheinlich. Immerhin sollte Meinhard – dem Bericht des Hirtenjungen im Frühherbst zufolge – nach wie vor nicht mehr er selbst sein. Der ehemals mächtige und grausame Herr von Tirol schleiche noch immer ruhelos und jammernd wie eine Memme um Sentas Grab herum und lasse nur den Priester in seine Nähe. Also blieb nur Johann, der die Burggeschäfte erledigte. Ausgesprochen gründlich, wie man hier sah. Und wenn man bedachte, weswegen Mila und er heute hier waren …

Beklommen schweigend und die Augen vorwärts auf den Weg gerichtet, erreichten sie das Tor und dann den äußeren Burghof.

Es war seltsam, offen und vor allem an Milas Seite in Ernberg einzuspazieren. Dem heraneilenden Stallburschen das Pferd zu reichen. Zur Wachstube zu gehen und sich offiziell als Besucher anzumelden.

„Mila“, wurde sie dort sofort von einem alten Wachmann begrüßt. „Willst du zum Junker? Dann kommst du vergebens, er ist nicht hier.“

Dass Johann nicht Gewehr bei Fuß stehen würde, um sie zu einer Audienz zu empfangen, war klar gewesen.

„Grüß Gott, Herbert. Nein, nein, ich möchte gar nicht zum Junker, sondern zu seiner Frau“, behauptete Mila geistesgegenwärtig und redete gleich weiter: „Was sind das für Gehenkte draußen vor dem Tor?“

„Arme Schweine. Tagelöhner, die der Herr entlassen hat. Haben Baumaterial geklaut und es unten in Ruthi verhökert.“ Für den Wachmann schien das völlig normal zu sein.

„Wegen eines Diebstahls hat man sie hinrichten lassen?“ Das war doch nicht zu fassen!

„Wer hat das befohlen?“ Milas Stimme klang dünn.

„Seit Meinhard ausfällt, zieht der Junker hier härtere Saiten auf“, antwortete der Wachmann leichthin. „Jede Woche wird Gericht gehalten.“

Na wunderbar! Matthias presste die Lippen aufeinander.

Mila war ganz blass geworden.

„Also zur Junkfrau wollt ihr“, wiederholte der Wachmann in vielsagendem Tonfall. Mit so allerlei unausgesprochenen Fragen versetzt, während seine Äuglein Matthias neugierig taxierten.

Zeit, auch noch die Zähne zusammenzubeißen.

„Könntest du uns bitte anmelden?“ Mila hörte sich ebenfalls eindeutig verkniffen an.

„Aber gern. Ich werde einen Boten schicken.“ Wobei wiederum eine volle halbe Minute verstrich, ehe er sich endlich bequemte hinauszugehen, um über den Hof zu brüllen. „Winfried, wo steckst du? Arbeit für dich! Beweg deinen faulen Hintern hierher und zwar ein bisschen plötzlich!“

Matthias stieß ein unauffälliges Seufzen aus und schlenderte zu einer Bank, um sich einen Moment zu setzen.

„Die Junkfrau erwartet euch in ihren Räumlichkeiten“, kam der Wachmann dann viel zu früh zurück in die Stube. „Kommt mit.“

„Wo ist der Junker denn?“, erkundigte Mila sich beiläufig.

Das anzügliche Grinsen, das sich sofort im Gesicht dieses Kerls einnistete, schoss Matthias direkt in die Fäuste. Wenn er gekonnt hätte, wie er wollte … Dabei hatte er Johanns zerbeulte Visage nach ihrem ‚Zusammenstoß‘ in der Höhle deutlich vor Augen. Diesen Wachmann würde er mindestens ebenso zurichten!

„Der Junker ist unterwegs.“

Bildete er sich das nur ein, oder hörte sich der Typ tatsächlich bedauernd an? Als ob ihm eine tolle Attraktion durch die Lappen gegangen wäre! Unwillkürlich holte Matthias tiefer Luft, nahm die Schultern auseinander. Vielleicht würde er hier doch die Fäuste schwingen lassen müssen?

„Aha.“

Milas besorgte Anspannung war es, die ihn zur Besinnung brachte. Dass es hier nicht um dämliche und obendrein noch überflüssige Rivalitäten ging oder darum, was dieser dumme Mittelalterknilch von ihm dachte – sondern dass sie diese Sache so gut wie möglich hinter sich brachten.

Mittlerweile hatten sie den Hof überquert und waren am linken Turm angelangt.

„Na los, du wirst ja wohl nicht vergessen haben, wo sich die Räume der Junkersleute befinden.“

Ohne sich um Matthias‘ wütenden Knurrlaut zu kümmern, riss der Wachtyp ungeduldig die Tür auf und schob sie beide hindurch. Knallte sie extra laut zu – was er unter Garantie nicht gewagt hätte, wenn sein Chef im Haus gewesen wäre.

Grimmig ergriff Matthias den Handlauf, um sich zusätzlich mit den Händen hochziehen zu können. Nachdem es eine Weile ganz gut gegangen war – Wut und Empörung schienen dafür echt hilfreich zu sein – spürte er nun einen neuen Anfall von Schwäche. Insofern war es wahrscheinlich ganz gut, dass er jetzt noch kein kompliziertes Wortgefecht vor sich hatte.

„Mila?“ Junkfrau Helene stand in der Mitte eines schlichten Zimmers, einer Art Salon, sichtlich schwankend, ob sie überrascht die Augen aufreißen – oder doch lieber huldvoll lächeln, ihnen freudig entgegenkommen – oder die Flucht ergreifen sollte. In ihrer Verwirrung drehte sie sich einmal um ihre eigene Achse und wies schließlich unbestimmt auf eine Gruppe von Stühlen an der Fensterseite. Erst dann flogen ihre Augen zum ersten Mal zu Matthias. Nur einen winzigen Moment. „Und Mattis.“ Rasch zog sie einen der Stühle ein ganzes Stück von den anderen weg, nahm darauf Platz und bedeutete ihnen, sich ebenfalls zu setzen. „Was führt euch hierher?“

Mila hatte nur verhalten genickt, und als sie der Aufforderung nachkam, waren ihre Bewegungen untypisch zurückgenommen. „Wir wollten zu Johann“, erklärte sie, und ihr war anzuhören, dass es sie Überwindung gekostet hatte, ihn beim Vornamen zu nennen. So frei und mutig sie in allem war, diese herrschaftliche Umgebung, so wenig prunkvoll sie auch auf Matthias wirkte – schließlich war gerade schlichte Gotik und nicht ausschweifender Barock – flößte ihr anscheinend Respekt ein.

„Er ist nicht hier.“ Die Antwort der Burgfrau war erstaunlich gleichberechtigt. „Aber sag, was wollt ihr denn von ihm? Ich dachte, ihr beide seid …?“

Ein Paar, das in wilder Ehe zusammenlebt. So etwas Ähnliches hatte sie wohl sagen wollen, hätte die Scham über eine derartige Unverfrorenheit ihr das nicht unmöglich gemacht. Eifersucht schien aber keine Rolle zu spielen, sie schaute Mila neugierig an, ohne eine Spur Argwohn oder Missgunst.

„Es geht um Ilya“, log Mila aalglatt.

„Oh. Kümmert sich Johann nicht ausreichend? Braucht dein Sohn etwas? Kann ich euch da nicht helfen?“

„Aber nein, es ist … etwas anderes.“ Nun geriet Mila doch ins Schwimmen. „Ich möchte das zuerst mit ihm allein besprechen, ich meine, nicht dass Johann ungehalten ist, weil ich etwas verrate, was er mir …“

Oh Mann, das war jetzt aber nicht schlau gewesen. Zu betonen, dass sie Geheimnisse mit Helenes Mann hatte? Matthias fixierte die Adlige, die doch bestimmt ihre Autorität irgendwie wahren musste. Hoffentlich ging das hier jetzt nicht voll in die Hose.

Helene jedoch reagierte noch immer vollkommen arglos. Nein, sie hatte nichts gegen Mila, im Gegenteil. Sie benahm sich, als fühle sie sich mit ihr verbunden.

Naja, sie liebte ja ihren Knappen, Heinrich, und hatte in Mila schon letztes Mal eine Chance gesehen, sich ihrem Ehemann zu entziehen. Dass Mila ihn auch nicht mehr wollte, hatte sie da mit Bedauern zur Kenntnis nehmen müssen – aber Mila und ihm dennoch zur Flucht verholfen.

Richtig, das konnte er noch einmal aussprechen, auch um Helene abzulenken. „Ich möchte mich auch noch persönlich bei Euch bedanken, dass Ihr uns geholfen habt, Junkfrau.“

Die war zusammengezuckt, ehe sie ihn ansah. Und stumm nickte. Da erst fiel bei ihm der Groschen. Sie hatte Angst vor ihm! In ihren Augen war er ja ein Dämon. Das war es, darum war sie so unsicher.

Es war bestimmt besser, wenn er sich ein wenig zurückzog, immerhin sollte Helene so viele Informationen ausspucken wie möglich. Scheinbar spontan – nein, leider sehr mühsam, was dem Ganzen doch etwas an Glaubwürdigkeit nahm – erhob er sich und schlenderte – das Tempo kam ihm eindeutig mehr entgegen – durch den Raum zum Fenster. Andächtig blickte er auf den Hof hinunter, während er seine Ohren aufstellte.

„Wann kommt Johann zurück?“, fragte Mila gerade.

„Das weiß ich nicht.“ Sehr gut, Helene ging darauf ein, hatte hoffentlich aufgegeben, weiter nach dem Grund von Milas Besuch forschen zu wollen. „Er hat niemandem gesagt, wohin er geht, und auch keinen seiner Männer mitgenommen. Dringende Angelegenheiten klären, so hat er es genannt. Und er wisse nicht, wie lange das dauern würde.“

„Oh“, gab Mila den enttäuschten Laut von sich, den er gerade noch unterdrückt hatte.

Verdammt. Ihnen blieb keine Zeit zu warten oder noch ein zweites Mal herzukommen, sie mussten lieber heute als morgen zur Höhle, ehe der Winter ihnen den Weg dorthin abschneiden würde. Also würden sie sich doch auf ihren Brief verlassen müssen.

Ihn Helene zu geben, schied natürlich aus, zu groß die Gefahr, dass sie ihn lesen und aus allen Wolken fallen würde. Da traf es sich gut, dass Wilmar, zu dem sie ohnehin wollten, nicht lesen konnte …

„Daher macht es leider keinen Sinn für Euch, hier auf ihn zu warten – obwohl ihr herzlich eingeladen seid.“ Helene war immer leiser geworden, flüsterte jetzt. „Auch wenn die ursprünglich dir zugedachten Räume mittlerweile eine andere Verwendung gefunden haben, so ist in unseren Gästeräumen immer eine Kammer für euch frei.“

Unwillkürlich hatte Matthias sein Ohr in ihre Richtung gedreht, um sie zu verstehen – was es notwendig gemacht hatte, sich vom faszinierenden Ausblick aus dem Fenster abzuwenden und nun die Gemälde an der angrenzenden Wand zu betrachten.

So kam er aber in den Genuss, aus den Augenwinkeln den rosigen Schimmer zu bemerken, der die blassen Wangen der Burgfrau überzog. Und der auf einiges schließen ließ, was die Verwendung besagter Räume betraf. Trotz allem musste er grinsen.

Auch Mila schien ihre Enttäuschung erst einmal zur Seite gedrängt zu haben. Jedenfalls senkte sie ebenfalls vertraulich ihre Stimme und fragte in der typischen Frauenmischung aus Neugierde, Eifer und behutsamer Anteilnahme: „Geht es Euch und Heinrich gut, Junkfrau?“

Die war im ersten Moment auf ihrem Stuhl zurückgewichen, um den Abstand zu Mila zu vergrößern. Dann jedoch entspannte sie sich – und verblüffte Matthias, als sich ein strahlendes Lächeln in ihrem Gesicht ausbreitete. Welches einer durchlauchten Burgfrau absolut unwürdig war, aber sie gerade deshalb echt machte, zum ersten Mal während dieses Gespräches wirklich sie selbst.

„Uns geht es gut miteinander“, raunte sie und strahlte noch mehr.

Matthias wandte seinen Blick vorsichtshalber wieder ab und studierte ein furchtbar misslungenes Portrait aus Meinhards Jugendzeit, das er aus Lidas Forschungen kannte.

„Und seit Johann … oft unterwegs …“

Er spitzte die Ohren. Och nein, wenn sie jetzt noch leiser wurde, konnte er das Lauschen aufgeben! Trotz vollster Konzentration verstand er nur noch Bruchteile.

„… sein Streben nach einem Erben aufgegeben … lässt mich in Ruhe … kaum noch, wenn er zwischendurch hier ist.“

„Er hat eine Neue?“, wäre Matthias um ein Haar herausgerutscht, er konnte sich gerade noch auf die Zunge beißen.

Mila, die wohl sein Zucken wahrgenommen hatte, fuhr mit warnend hochgezogenen Augenbrauen zu ihm herum.

Was Helene zum Glück nicht mitbekommen hatte. Sie beugte sich sich noch weiter zu Mila hinüber und zischte: „Ich habe schon gedacht, dass er eine Neue hat. Zumal er auch Gegenstände mitnimmt. Das letzte Mal einen kleinen Wagen voll. Und diesmal Dokumente. Irgendwo hat er eine neue Konkubine, da bin ich ziemlich sicher.“

„Nun, das soll uns beiden recht sein, oder nicht?“ Mila streckte ihre Hand aus, auch wenn sie die wieder sinken ließ, ehe sie Helenes Arm erreicht hatte. „Und ich freue mich sehr für Euch. Also für Heinrich und Euch. Ist er auf der Burg? Dann könnten wir ihn kurz aufsuchen, ehe wir gehen. Zumal wir ohnehin noch mit Wilmar, dem Koch, sprechen wollen.“

Den Wechsel zum unverfänglichen Thema nahm Matthias zum Anlass, auf seinen Stuhl zurückzukehren. Er musste dringend einen Moment durchschnaufen, ehe es gleich weiterging mit den Anstrengungen.

Helene warf ihm einen irritierten Seitenblick zu. Weil er ein Dämon war? Naja, vielleicht auch nur, weil er sich mitten im beginnenden Verabschiedungsritual setzte. Glücklicherweise wandte sie sich dann wieder Mila zu, ohne sich etwas anmerken zu lassen. „Wilmar geht es nicht gut. Seine Tochter ist noch immer verschwunden.“

„Oh – etwa schon, seit sie vor Wochen Gangolf suchen ging?“, hakte Mila nach.

Helene nickte. „Entweder, ihr ist etwas passiert …“

„… oder sie hat ihn gefunden und lebt mit ihm im Wald“, vollendete Mila seufzend. „Wir haben vor, ihn zu treffen.“

Weswegen, das ließ sie aus, und seltsamerweise fragte Helene nicht nach. Stand leider Gottes auf und gab ihnen den Startschuss, es ihr nachzutun.

Verdammt, er hätte doch lieber gleich stehenbleiben sollen. Schwerfällig hievte Matthias sich vom Stuhl hoch. Hielt sich einen Moment an der Lehne fest, ehe er bereit war, die nächste Bewegung zu machen.

„Bist du krank?“, fragte Helene – alarmiert, ob aus Besorgnis um ihn oder Angst um ihre eigene Gesundheit oder beidem. Jedenfalls wich sie ein Stück zurück. „Gangolf hat Aussatz. Hast du dich bei ihm etwa angesteckt?“

Matthias schüttelte den Kopf – was er gleich bereute, als neuer Schwindel ihn erfasste.

„Es ist nichts“, versicherte Mila schnell. „Wir werden jetzt in die Küche gehen.“

„Heinrich ist mit den übrigen Knappen auf dem Übungsplatz. Er würde sich bestimmt sehr freuen, euch zu sehen.“

Glücklicherweise schien Helene Mila zu glauben und hakte nicht weiter nach, was Matthias‘ wohl ziemlich offensichtlich desolaten Gesundheitszustand betraf. Naja, vielleicht dachte sie auch, er sähe immer so aus.

Doch da war Mila schon an der Tür. „Auf Wiedersehen und vielen Dank, dass Ihr uns empfangen habt.“ Sie selbstverständlich vor der Adeligen knicksen zu sehen, erinnerte Matthias wieder einmal daran, wie wenig er sich normalerweise darüber wunderte, sich nicht in seiner eigenen Zeit zu befinden. Kleidung, Körperpflege, Nahrung, Wohnen – so radikal anders all das auch war, er nahm es mittlerweile als selbstverständlich hin. Den zwischenmenschlichen Umgang dagegen …

„Es war mir ein Vergnügen“, neigte Helene huldvoll den Kopf.

Ihr lediglich zunickend, beeilte er sich, Mila zu folgen.

„Also, was jetzt?“ Matthias ließ sich auf eine Holzbank im Küchengang sinken und ließ seinen Kopf an die kühle Mauer kippen.

„Dir geht es noch schlechter?“ Ihn besorgt von der Seite musternd, setzte Mila sich neben ihn.

„Nein, nein, es geht schon. Nur – was sollen wir jetzt machen?“

Was wirklich eine gute Frage war. Sie waren inzwischen bei Wilmar gewesen, hatten ihm den Brief überreicht und das Versprechen abgenommen, ihn dem Junker auszuhändigen. Was jedoch ihre zweite Mission, Gangolf mit seinen Medikamenten zu versorgen, anging, hatte Wilmar ihnen leider bestätigt, was sie bereits von Helene gehört hatten. Seit jenem Tag, als Mila Adelinda – in völlig aufgelöstem Zustand – unterwegs getroffen hatte, war diese verschwunden. Und auch Gangolf war nicht in der Nähe der Burg gesehen worden. Wilmar wusste nichts Näheres – Adelinda war so klug gewesen, niemandem außer Mila anzuvertrauen, dass sie einen Aussätzigen berührt hatte. Dennoch war er natürlich außer sich vor Angst um sie und hatte Matthias und Mila jedwede Unterstützung versprochen, wenn sie ihm nur seine Tochter wohlbehalten wiederbrächten. Nun ja, sie hatten ihm nicht gesagt, dass darauf eine mehr als geringe Aussicht bestand. Selbst wenn es ihnen doch noch rechtzeitig gelingen sollte, Gangolf und Adelinda zu finden: Die Medikamente waren selbst für einen einzigen Patienten nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn sie wirklich beide infiziert waren …

Matthias stöhnte frustriert auf. „Es ist doch wie verhext, dass sie ausgerechnet heute alle ausgeflogen sind! Mit Handy wär das nicht passiert.“

Sein Humor ging an Mila vorbei. Sie hatte die Ellenbogen auf ihre Schenkel gestützt und ließ den Kopf hängen. „Hätten wir doch Wilmar die Medizin dalassen sollen? Einfach mit dem Hinweis, dass sie aus einem weit entfernten Land kommt?“

„Ich halte es für zu gefährlich. Es ist nicht gut, wenn es Gerede gibt. Erst recht, wenn Käthe mit Ilya allein ist.“

„Ja, du hast recht.“ Mila richtete sich auf und lehnte sich neben ihn an die Wand. „Wo wir schon mal hier sind, könnten wir trotz allem im Bettelhof nachfragen, ob vielleicht doch jemand in der Zwischenzeit Gangolf begegnet ist, oder? Aber das werde ich allein machen, während du dich ausruhst.“

Obwohl sie keinerlei Anstalten machte, ihre Drohung in die Tat umzusetzen, fuhr Matthias hoch. „Oh nein, das wirst du nicht! Ich lasse dich doch nicht allein zu diesen Monstern, die nur darauf warten, sich auf dich zu stürzen und anzustecken. Wir gehen zusammen.“

Er hatte Widerspruch erwartet – und registrierte perplex, dass sie sich nicht etwa angriffslustig straffte, sondern urplötzlich in sich zusammengesunken war.

„Mila, was ist mit dir?“

„Ich will nirgendwo hingehen ohne dich.“ Sie sah ihn nicht an, ihr Blick in der ihr typischen Weise auf ihre Knie geheftet.

Sanft legte er eine Hand dorthin. „Das weiß ich doch.“

Da hob sie den Kopf, ließ zu, dass ihre Augen sich trafen. Um den Blickkontakt gleich wieder abzubrechen. „Glaubst du es?“, fragte sie mit erstickter Stimme. „Kannst du glauben, dass wir es schaffen?“

Unberührbar erschien sie ihm plötzlich. So gern er sie einfach an sich gezogen und sie gewiegt hätte – in diesem Moment hätte es nicht geholfen.

Er seufzte. „Ich weiß nicht, ob ich daran glaube.“ Ja, er musste die Wahrheit sagen. Es abzuwiegeln oder herunterzuspielen, hätte alles noch schlimmer gemacht. „Vor allem auch deshalb, weil es meine Vorstellungskraft übersteigt. In meine eigene Vergangenheit zu reisen. Elias wiederzusehen. Ihn tatsächlich zu retten. Ich wünsche es, mit aller Kraft. Und ich wünsche mir dich an meiner Seite.“ Es war gefährlich, all das auszusprechen. Er spürte, wie sich sämtliche Unsicherheit und Angst in ihm zusammenballen wollten. Dass es ihn Anstrengung kostete, sie wieder zu zerstreuen, damit sie ihn nicht handlungsunfähig machten.

Und selbstredend spürte Mila das. Was auch immer sie zuvor getan hatte, um so entfernt zu scheinen – sie gab es auf. Schob sich an ihn heran und umarmte ihn. Und auch wenn es natürlich nicht wirklich etwas änderte – alles erschien ein bisschen leichter zu ertragen.

So saßen sie eine ganze Weile und schwiegen.

Während die ganze Zeit über aus der Küche am Ende des Ganges hektische Betriebsamkeit drang. Topfklappern, Stimmen, Schritte. Ab und zu kam jemand den Gang entlang. Küchenmädchen, Knechte, Laufburschen. Jeder einzelne warf Mila und ihm neugierige Blicke zu, doch mehr als ein grüßendes Brummen gaben sie nicht von sich. Irgendwann ließ Matthias die Augen geschlossen und kümmerte sich um nichts anderes als um das Gefühl von Milas Wärme. Die seinem Körper gut tat, das Krankheitsgefühl wurde überlagert. In diesen Minuten hätte er fast vergessen können, dass er nicht gesund war.

„Vielleicht wäre es besser, wenn wir es uns vorstellen würden?“, fragte Mila plötzlich.

„Was meinst du?“

„Dass wir uns in allen Einzelheiten ausmalen, wie es sein wird, wenn wir in der Zukunft ankommen. Wo genau wir hingehen werden, was genau wir tun werden – alles.“

Ja. Das könnte wirklich hilfreich sein, oder? Wenn sie sich dem Unvorstellbaren stellten? Er nickte. „Gut. Versuchen wir es.“

„Hier?“ Ihr wurde anscheinend erst in diesem Moment wieder bewusst, wo sie sich befanden.

„Vielleicht auf dem Ritt zurück?“, schlug er vor. „Da haben wir doch viel Zeit.“

„Gut. Also gehe ich jetzt zum Bettlerhof und …“

„Ich wusste, dass du nicht kampflos aufgeben würdest.“ Lachend erhob Matthias sich – tatsächlich spürbar fitter – und hielt die bereits wegstrebende Mila am Arm zurück. „Zusammen. Du hast eben noch beteuert, dass du nirgendwo ohne mich hingehen würdest.“

Sie drehte sich zu ihm um, auch lächelnd. „Schaffst du es denn?“ Einlenkend streckte sie ihm ihre Hand entgegen.

Die er mit kräftigem Druck ergriff. „Wir schaffen alles.“ Er genoss, dass er damit die Intensität ihres Lächelns noch immer vervielfachen konnte.

„Ja, wir schaffen das.“

Hand in Hand wanderten sie in Richtung Bettelhof. Vielleicht hatten sie ja Glück.

Hatten sie natürlich nicht. Naja, immerhin hatte es, als sie sich geschlagene zwei Stunden später nach diesem weiteren Misserfolg auf den Heimweg machten, noch nicht wieder angefangen zu schneien. Auch wenn eindeutig Schnee in der Luft lag. Aber jetzt war endgültig klar: Gleich morgen würden sie zur Höhle aufbrechen. Matthias holte tief Luft – und achtete darauf, den beiden Galgen mitsamt ihren krächzenden Besuchern mit seinem Blick nicht zu nahe zu kommen. Sogar das Pferd wurde schneller, als wäre auch ihm klar, was da geschah. In zügigem Schritt ging es bergab.

„Oh, schau, ein Hase!“ Mila, vor ihm im Sattel, war hochgefahren. „Schon vollständig weiß. Wie lange ist es her, dass wir einen schönen Hasenbraten hatten?“ Sie seufzte sehnsüchtig. „Warum ist uns nur so lange nichts in die Schlingen gegangen?“

Morgen Abend werden wir irgendwo einkehren, und ich bestelle dir jeden Braten, den du willst! Wie herrlich wäre es, so locker mit ihrer bevorstehenden Reise umgehen zu können?

Er schrak auf, weil Mila ihn mit dem Hinterkopf anstupste. „Also?“

Er stupste zurück. „Also was?“

„Wie wird es sein, wenn wir in der Zukunft ankommen?“

„Oh ja, stimmt. Äh … die Höhle unterscheidet sich noch nicht sehr von der hiesigen“, begann er. „Wobei ich inzwischen den Überblick verloren habe, welche Wege noch existieren und welche verschüttet sind. Aber irgendeinen Ausgang werden wir ja wohl finden. Und dann begeben wir uns auf schnellstem Weg zu meiner Hütte.“

„Ja, von der hast du bei unserer allerersten Begegnung gesprochen!“ Welche für Mila damals lange nicht so romantisch gewesen war, wie die Melancholie in ihrer Stimme vermuten ließ.

Matthias musste grinsen. Erinnerung verklärte so manches. „Willst du behaupten, du hättest es genossen? Im Schweiße deines Angesichts einen wildfremden Mann aus einem Loch zu wuchten – der zudem auch noch unter Mordverdacht stand?“

Mila lachte leise. „Naja, ich muss zugeben, dass es anfangs wirklich etwas heftig war. Aber dann …“ Sie klang sehr schwärmerisch.

„Sieh an.“ Wenn er Johann gewesen wäre, hätte er jetzt eine Augenbraue hochgezogen. „So schnell?“

Mila drückte ihr Kreuz durch, um mit ihren Lippen sein Gesicht zu erreichen – schmatzte dann aber nur die Luft, weil sie ihr Gewicht wieder zurückverlagern musste, als das Pferd scheute. „Als wir auf der Lichtung angelangt waren, auf der deine Hütte stehen wird, war es schon recht …“, sie zögerte demonstrativ, „nett“, vollendete sie dann frech.

„Was du nicht sagst!“ Er knuffte sie in die Seite, freute sich an ihrem Aufjuchzen. Es war so schön, mal wieder albern zu sein. „Was für ein Kompliment: ‚Nett‘!“ Er schnaubte.

„Es war auch aufregend“, beteuerte Mila übertrieben ernsthaft.

„Weil ich der schönste und stattlichste Mann bin, den du je gesehen hattest.“ Nein, diesmal würde er nicht an Johann denken!

Ihr Amüsement traf ihn fast gar nicht. „Du hattest Bananen mit“, erklärte sie glucksend.

„Ich werde dir zeigen, was eine Banane ist“, ließ er seine Hände an ihren beiden Seiten zuschnappen und kitzelte sie ohne Rücksicht auf das Pferd, das unruhig lostrabte, weil seine Reiter so wild herumzappelten.

Zu wild für ihn. Sein Kopf wurde zu sehr durchgerüttelt. Und auf Dauer fehlte zum Toben auch die Kraft in seinen Armen. Bedauernd hörte er auf und schob seine Hände stattdessen fest um Milas Mitte. Gab ihr noch einen Kuss in den Nacken.

Und sie verstand sofort. „Du wolltest von deiner Hütte erzählen“, nahm sie den Faden von vorher wieder auf. „Wie genau sieht sie aus? Sehr viel anders als die heutigen Hütten?“

„Nein, nicht wirklich. Bis auf die Dachrinne und das Türschloss aus Metall. Naja, und die Fensterscheiben aus Glas, stimmt.“ Er hatte sich so an die glaslosen Fenster gewöhnt.

„Oh, ja, so ist es bei euch auch im Winter hell und warm.“

„Weißt du, das Stroh in den Fensterhöhlen hält die Kälte fast besser ab als einfach verglaste Scheiben. Aber in München zeige ich dir vakuumverglaste Fenster. Und Zentralheizung mit automatischen Thermostaten, mit denen du die genaue Temperatur einstellen kannst. Und Fußbodenheizung, die hat echt was. Und weiche Teppichböden, auf denen du barfuß wie auf Wolken gehst. Hach, im Winter bietet meine Zeit schon unleugbare Vorteile. Aber auch sonst gibt es total spannende Sachen. Ich werde dir Rolltreppen zeigen und die U-Bahn und Flugzeuge und Vergnügungsparks und Fallschirmspringer und Skateboards …“

„Ich möchte es mir richtig vorstellen“, stoppte Mila ihn. „Von unserer Ankunft an. Jeden einzelnen Schritt. Ja?“

„Ja. Äh …“

„Die erste Nacht werden wir gewiss in deiner Hütte verbringen“, fing sie dann selbst an. „Ist das Bett breit genug für uns beide?“

Dass sie vor diesen Worten zurückschreckte, während sie sie aussprach, stach ihm direkt das Herz. Ebenso wie die Tatsache, dass sein Körper für das, was diese Worte in ihm auslösen wollten, zu geschwächt war. „Nein, ist es nicht.“ Es gelang ihm trotzdem, eine Art Lachen auszustoßen. „Aber das ist ja gerade der Sinn der Sache, oder nicht?“

Mila hatte seine Hand ergriffen. Unschlüssig. Doch dann zog sie sie mit einer entschlossenen Bewegung unter ihren Umhang. In die Wärme dort. Und – an ihren Busen.

Bevor er das verhindern konnte, verkrampfte er sich. Weil ihm so weh tat, dass er nicht imstande war, sie körperlich zu begehren, wie sie es verdient hätte, verdammt! Und weil sie gezwungen war, die Blüte ihrer Jahre mit einem impotenten Halbpflegefall wie ihm zu verschwenden.

„Du wirst dann nicht mehr krank sein“, flüsterte sie. „In deiner Zeit wirst du wieder gesund werden.“ Antwortete damit wieder einmal auf seine bloßen Gedanken.

Gerührt lockerte er seine Hand, erlaubte sich, das, was er da tastete, wirklich wahrzunehmen. Es zu genießen. Und wenigstens ein kleines bisschen zu massieren …

Dass er damit sofort die Klangfarbe ihres Atems veränderte, machte ihn bestürzt innehalten.

„Es ist nicht schlimm, Mattis.“ Mit beiden Händen rückwärts über ihre Schultern langend, umfasste sein Gesicht. „Ich möchte wahnsinnig gern wieder bei dir liegen. Aber auch einfach so, ohne Anstrengung. Es ist mir vollkommen egal, ob du mich …“

Diese Möglichkeit, nein, diese unaussprechliche Unmöglichkeit zuckte schmerzhaft in seinem Unterbauch – wo schon so lange sonst nichts mehr zuckte. Er zwang sich zu nicken.

„Wie wird es sein, wenn wir am nächsten Morgen den Berg hinuntergehen?“, wollte Mila ihn ablenken.

Nun gut, was brachte es zu hadern? „Bichlbächle sieht nicht dramatisch anders aus heute – na gut, bis auf die Garagen und geteerten Auffahrten mit den Autos darauf und den Antennen auf den Dächern und den Solarzellen.“ Dass er so lustlos klang, hatte Mila wirklich nicht verdient. Reuevoll tätschelte er – ihren Busen, wo seine Hand noch immer lag. Schnell hielt er inne. „Und die Neuzeitleute werden dich sehen. Wir müssen also daran denken, dir andere Klamotten anzuziehen. Auf der Hütte liegen sogar noch ein paar alte von Lida herum, die passen dir wie angegossen.“

„Hosen?“

Die Mischung aus ehrfürchtiger Verwunderung und abwehrender Skepsis brachte ihn wieder zum Lachen. „Na, Lida besitzt gar keine Röcke, soweit ich weiß, und wenn, dann hätte sie die bestimmt nicht mit auf die Hütte gebracht. Da sind nur Arbeits- und Jogginghosen. Aber weißt du was?“ Das war eine tolle Idee! „Wir werden dir eine neue Jeans kaufen, sobald wir in München sind, oh ja. Eine hautenge. Darin wirst du einen sagenhaften Hintern haben!“

Ihr schamhaftes Kichern war unwiderstehlich. Selbst jetzt, in seinem gegenwärtigen Zustand …

„Oh, ich weiß nicht, ob ich mich das traue.“ Sie wand sich, wodurch besagter Hintern gegen seine Vorderseite rieb. „Ich würde mich schrecklich nackt fühlen.“

„Du wirst einfach nur toll aussehen“, versicherte er. „So toll, dass ich dazu verdonnert sein werde, immerzu drei Schritte hinter dir zu gehen, weil meine Augen an deinem Po kleben.“ Letzteres direkt in ihr Ohr gehaucht.

Und nun stöhnte sie richtig.

Er mit. „Oh, Mila, was würde ich darum geben, dich jetzt, hier, auf der Stelle …“ Im selben Augenblick erstarrte er.

Weil sich ihre Hand zwischen sie beide zwängte. Nicht Halt machte, ehe sie … uff! Da war sie angekommen. Ihre Finger … durch den Stoff seiner Hose …

Oh Gott, und er reagierte! Unabhängig von seinem nach wie vor schmerzenden Kopf pochte sein Glied voller Eifer, gebärdete sich, als hätte es die ganze Zeit bloß darauf gewartet, endlich wieder beachtet zu werden. Er schob sein Becken vor. Stöhnte erneut in ihre knetenden Finger.

„Ich will dich so sehr“, seufzte sie herzerweichend. „Aber du darfst dich nicht überanstrengen, nicht dass du zu früh wegflackerst, ich höre schon auf, ich …“

Oh, Gott, Mila, nicht aufhören, bitte! Er brachte kein Wort heraus, musste die Augen schließen, den Kopf in den Nacken legen, Luft ausstoßen. Lediglich ihre Brustwarze hielt er noch zwischen seinen Fingerspitzen …

Aber sie tat es nicht. Sie hörte nicht auf. Atmete schwer, genau wie er – und war offenbar nicht imstande, ihre Finger von ihm zu nehmen.

Er nestelte auch seine linke Hand unter ihren Umhang, wanderte nach unten, fand ihren Rockbund … und rutschte über ihren Venushügel mitten hinein in ihre wunderbare Feuchtigkeit.

„Mattis, oh … Ich weiß nicht, es ist vielleicht nicht gut für dich …“

Gut? Es war mehr als gut, es war besser als alles! Wie hatte er die letzte Zeit ohne das leben können?

In den Nächten flackerte er bereits regelmäßig fort. Tagsüber meist nur, wenn er zur Ruhe kam. Und gerade jetzt – pumpte sein Herz auf Hochtouren. Überall hin, bis in den letzten Winkel seines Körpers. Aber vor allem … Er brauchte Luft, mehr Druck, mehr Reize. Drängte sein Glied ihr entgegen.

„Es ist dir bestimmt zu kalt hier draußen, oder?“, stieß er heiser hervor. Dabei war er so hart, so steif, so geil. So bereit für sie wie nie zuvor.

Statt einer Antwort stoppte diese wunderbare Frau auf der Stelle das Pferd – und bedeutete ihm abzusteigen. Was sich schwierig gestaltete, weil sie so ineinander verkeilt saßen. Unten angekommen, bugsierte Mila sie alle drei vom Pfad – oh, da war noch einer, der hier abzweigte und sich in den Wald hineinschlängelte.

„Irgendwo dort werden wir ein ungestörtes Plätzchen finden.“ Ihre Stimme klang belegt.

Unwillkürlich räusperte Matthias sich mit ihr. Legte ihr seine Hand hinters Ohr, ließ seine Fingerspitzen kribbeln. Freute sich, als sie die Schultern räkelte und seufzte und sich in seine Berührung hineinlegte. Gänsehaut. Bei ihm selbst genauso wie bei ihr. Unwillkürlich wurde er schneller, trieb sie dadurch ebenfalls an.

Wilde Freude durchzuckte ihn: Er fühlte sich super! Stark und gesund und berstend vor Verlangen nach ihr. Er umspannte ihren Nacken mit Daumen und Zeigefinger, machte sie den Kopf neigen, sich zu ihm drehen, näher.

Nur das Pferd störte. „Hier ist doch niemand, guck, da ist ein Felsen. Und der Baumstamm dort …“ Direkt daneben, breit und den Wind abhaltend.

Mila strebte sofort hin. Er zerrte die Satteldecke aus dem Gurt, hielt sie aufgefaltet bereit – und wartete, bis Mila das Pferd angebunden hatte. Und zu ihm kam. Mit einer ungestümen Bewegung hüllte er die Decke um ihren Rücken, zog sie an sich …

Nein, so ging es nicht, sobald seine Hände unter die Decke wanderten, rutschte die von ihren Schultern. Der Baumstamm, ja! Er navigierte Mila hin, sie mitsamt der Decke gegen die zum Glück nicht allzu raue Rinde pressend. So ging es. Beide Arme unter ihren Umhang schiebend, erschauerte er in dem Schub, den der direkte Körperkontakt auslöste – dabei berührte er noch gar nicht ihre Haut. Behutsam grub er zumindest eine Hand unter ihr Leibchen, bahnte sich den Weg auf ihren nackten Rücken, kostete das Prickeln aus, in das diese Berührung sich verwandelte. Wie hingerissen sie aufseufzte, sich an ihn herandrängte. Alle Erregung von vorhin auf der Stelle zurück.

Ihre Hände an seiner Hose, in seiner Hose – oh ja, und er war noch immer steif, wurde noch steifer, jetzt, wo er gleich in sie …

Ohne die Kälte zu beachten, pfriemelte sie ihren Rock nach oben, seine Hände zwischen ihren Beinen einfordernd, oh … Sie wand sich unter seinen Fingern, rieb sich, keuchte.

Was sich automatisch auf ihre Hände an ihm übertrug, heftiger, ungeduldiger, fast ruppig. Sie riss förmlich seine Hose aus dem Weg, umfasste sein nacktes Glied …

„Mila!“

Er war verloren.

„Ich will es jetzt, sofort.“ Ihr Ton war rau, befehlend.

Aufwimmernd drückte er mit einem energischen Ruck seine Hüften zwischen ihre Schenkel, sie an den Baum und nach oben, sodass ihre Füße vom Boden abhoben. Und sie ganz von selbst in den richtigen Winkel geriet, damit er … oh, oh ja … in sie hineingleiten konnte, mitten hinein in ihr heißes feuchtes Loch. Dessen Hitze um ihn herum, in seinem gesamten Körper aufwallte, sich auf seine Netzhaut übertrug, gleißend weiß, und alles, was er fühlte, einschloss. Als bestünde er allein aus seinem Schwanz, der hart und prall und wild in ihr zuckte.

Auch Mila zuckte um ihn. Die Muskeln ihrer Scheide. Ihre Beine, die ihn umklammerten. Ihre in seine Schultern gekrallten Hände. Sie bog ihr Becken durch, wölbte sich vor, entzog sich wieder. Vor, zurück, in einem Tempo, das ihm keine Wahl ließ, ihn völlig einverleibte, ohne eigenen Willen in ihrem Drängen, ihrer Lust, diesen nicht endenden Wellen. „Mila …“ Er hatte keine Chance. „Mila, ich kann nicht mehr …“

„Du sollst kommen, du sollst, du sollst, ich will es, ich will es, ich will …“, mündete in einen langgezogenen Schrei, mit dem sie sich an ihm aufbäumte und ihn … aaaah … jetzt endgültig und gänzlich in ihr vergehen ließ.

Völlig hinüber blieben sie ineinander verkeilt stehen, mussten erst wieder zu Atem kommen.

Ehe Mila sich vom Stamm abstieß und vollständig auf seinen Arm sprang, damit er sich mit ihr wie tanzend um die eigene Achse drehen konnte, wie sie das immer miteinander taten.

Jetzt jedoch, wo sich sein Herz allmählich beruhigte, spürte er seinen übrigen Körper wieder. Das Blut, das eben noch ausschließlich in seinem Unterleib gekreist war, schien abzusacken. Er wankte. Rasch setzte er Mila auf die Füße.

Die sofort begriff, ihn umfasste, um ihn zu stützen. „Ich wusste es, es war zu viel, es tut mir so leid, ich hätte gar nicht erst anfangen sollen.“ Hastig begann sie, seine Kleider zu ordnen.

Er zog ihren Rock hoch, zupfte das Leibchen zurecht, bedeckte schnell jeden Flecken bloßer Haut, schloss ihren Umhang. Hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich bin sehr, sehr froh, dass wir es getan haben.“ Und dass jetzt unaufhörlich sämtliche Schwäche in seinen Körper zurücksickerte, erschien ihm als fairer Preis, den er liebend gern bereit war zu zahlen. „Außerdem fühle ich mich auch nicht anders als vorher. Du hast mich das Flederfieber für eine wunderschöne Weile vergessen lassen.“

Sie glättete seine Jacke und knöpfte sie zu, schlang erst danach die Arme um seinen Nacken, suchte seinen Mund, erwiderte seinen Kuss richtig. Dann lehnte sie ihren Kopf an seine Brust und kuschelte sich an ihn. „Ich wollte es tun“, murmelte sie. Nun auch erschöpft. „Ich wollte schwanger sein, wenn wir in die Zukunft gehen. Ich will wenigstens schwanger sein.“

Gerührt drückte er sie an sich. „Oh, und ich dachte …“

So genau wusste er gar nicht, wie er darüber dachte. Wie er dachte, dass sie dachte.

Nachdem Mila nach seiner Ankunft ganz beseelt davon gewesen war, auf der Stelle ein Kind mit ihm zu kriegen und prompt im ersten Zyklus ihre Periode ausgeblieben war – hatte sich das Kleine dann doch wieder verabschiedet. Zu einem so frühen Zeitpunkt, dass Mila körperlich nicht weiter beeinträchtigt worden war. Aber bereits im folgenden Zyklus waren bei ihm die ersten Anzeichen des Flederfiebers aufgetaucht, und er hatte gespürt, dass Mila sich nicht mehr hundertprozentig sicher gewesen war. Er hatte vollstes Verständnis dafür gehabt, immerhin war es keine Kleinigkeit, in dieser Zeit ohne Vater ein Kind großzuziehen. Auch ihm behagte es überhaupt nicht, sie damit allein zu lassen. Und er selbst würde nicht nur sie, sondern auch ein Kind verlieren. Noch ein Kind. So hatten sie in stillem Einvernehmen gezögert.

Gut, dann hatten sie den Entschluss gefasst, den Zeitsprung zusammen zu versuchen – aber über eine Schwangerschaft nicht mehr geredet …

„Glaubst du, die Zeitreise könnte dem Kleinen Schaden zufügen?“, fragte sie. Plötzlich bange.

Weniger die Zeitreise als das Flederfieber, dachte er, sprach es jedoch lieber nicht aus. Es war doch gut, wenn sie diese Sorge nicht haben musste, zumal es ja sowieso in den Sternen stand, ob die wirklich aktuell werden würde. Und das LSD würde noch nichts ausrichten, solange sich der Embryo noch nicht eingenistet hatte. Beruhigend streichelte er Milas Rücken. „Es wäre wunderbar, wenn wir heute ein Kind gezeugt hätten“, sagte er ehrlich. Dass seine Knie zitterten, hatte nichts zu bedeuten.

„Du musst dich ausruhen. Ab auf’s Pferd“, entschied Mila streng. „Schnell nach Hause und ins Bett.“

Er war zu schlapp, um zu widersprechen. Und wirklich froh, wieder zu sitzen. Er wartete, bis Mila es sich in seinen Armen bequem gemacht hatte, und gab dem Pferd den Befehl zum Aufbruch.

„Jetzt weiter!“ Dieser Appell galt ihm. „Wo waren wir stehen geblieben in der Zukunft, in der Hütte?“

Es war wunderbar, wie satt sie jetzt klang.

„Nein, wir hatten doch schon eine Jeans für dich gekauft.“ Auch wenn die Verheißung in seiner Stimme im Augenblick ein Bluff war.

Mila war so lieb, hingebungsvoll zu kichern. „Was seeehr schön war.“

Er küsste ihren Nacken. „Aber nun sollten wir uns der Pflicht zuwenden. Wie geht es weiter, nachdem wir vom Berg herunter sind?“

„Als Erstes müssen wir herausfinden, in welchem Jahr wir gelandet sind, oder?“

In dem Moment, da Mila das aussprach, wurde ihm bewusst, wie dreist sie waren, davon auszugehen, dass er eben nicht einfach nur von allein in die Zeit zurückflackern würde, aus der er ursprünglich kam, sondern dass er in der Lage sein würde, die Zielzeit zu beeinflussen. Gut, diesmal würde er nicht passiv darauf warten, bis es geschah, sondern LSD benutzen und sich erneut beißen lassen, anders als sonst, wenn er ohne eigene Aktivität von hier aus losgereist war. Was ja durchaus einen Unterschied machen könnte. Aber wie unwahrscheinlich war es dann noch, dass Mila in dieselbe Zeit katapultiert werden würde?

„Alles, was wir tun können, ist, uns festzuhalten und mit aller Macht zu hoffen, in der richtigen Zeit zu landen.“ Mila hatte wieder einmal ganz ähnliche Gedankengänge gehabt wie er. „Am Ende stellen wir jedenfalls fest, dass es funktioniert hat“, bestimmte sie dann kurzerhand. „Wir befinden uns im Jahr des Herrn 2007.“

„Unter den Umständen werden wir keine Zeit verlieren und uns sofort auf den Weg zu Lida und Elias machen.“ Das hörte sich hohl an. Und lächerlich. Wie unlogisch war das bitte? Dass er vor Lidas und seiner damaligen Wohnung stand und klingelte? Und darauf warten, bis die Tür aufgehen und er seinem eigenen Ich gegenüberstehen würde?

„Wie wird das sein, wenn Lida uns die Tür öffnet?“, sprach Mila die andere Möglichkeit aus.

Ja, wie würde das sein? „Anstarren würde sie uns. Dich. Eine fremde Frau, die ihr Spiegelbild sein könnte.“ Verblüfft. Verständnislos. Wo kommst du denn her? Und wen hast du da mitgebracht? Was soll das, Matthias?

„Was wird sie dazu sagen, dass du – zu mir gehörst?“, fasste es Mila prompt in Worte. „Und nicht mehr zu ihr?“

Er rieb sich die Augen. Wie bequem hatte er es sich bisher gemacht, indem er diese Frage lieber ausgespart hatte? 2007 war ja noch alles gut gewesen zwischen Lida und ihm. „Ja, das wird bestimmt nicht einfach.“ Er zögerte. „Aber wir werden das Thema ganz schnell auf Elias bringen.“

„Das wird sie ablenken, nicht?“ Fröstelnd kuschelte sie sich näher an ihn heran. „Sie verliert dich – aber sie bekommt ihr Kind zurück.“

Ihr Kind, das in dem Moment, wo sie sich mit dir und mir auseinandersetzt, wohlbehalten in seinem Gitterbett liegt und schläft. Er seufzte. Langte nach der Decke, die Mila vorhin unter den Riemen des Sattels gequetscht hatte, und breitete sie von vorn über sie.

Das, was sie vorhatten, wurde immer wahnwitziger, je genauer man hinsah. Wahrscheinlich war es besser, es einfach auf sich zukommen zu lassen, oder? Es gab einfach zu viele unbekannte Faktoren. Eine Wahl hatten sie schließlich ohnehin nicht. Ebenso wenig wie verlässliche Möglichkeiten, gezielt Einfluss zu nehmen. Er seufzte erneut.

Straffte sich dann automatisch, als Mila sich so dicht vor ihm aufrichtete. „Wie wäre es, wenn wir in die Zeit zurückkehren, bevor du Lida kennengelernt hast. Und“, sie zögerte, „sie eben nicht kennenlernst?“

„Oh.“ Das war … „Das ist eine gute Idee. Eine sehr gute. So würde es gehen, nicht? Mila, du bist super!“

Sie kicherte, wie immer, wenn er Neuzeitwörter benutzte.

„So gehen wir allen Schwierigkeiten aus dem Weg. Und es ist ganz simpel. Lida bleibt von Vornherein bei Iven – und kann sogar ihre anderen beiden Söhne bekommen. Wir greifen gar nicht so sehr ein in den Lauf der Welt, im Gegenteil. Wir machen ihn logischer.“ Er war ganz begeistert.

„Und du und ich gehören zusammen“, ergänzte Mila. Erleichtert. Sie hatte sich anscheinend doch große Sorgen gemacht, was diesen Punkt betraf.

Er drückte sie an sich. „Ja, das tun wir. Aber das wäre auch im anderen Fall so gewesen.“

„Nur viel schwieriger.“

„Ja, das stimmt.“

Eine Weile schwiegen sie. Beruhigt wie lange nicht mehr.

„Jetzt kann ich glauben, dass wir es schon irgendwie hinbekommen“, sagte sie.

Und er konnte zustimmend brummen.

 

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