Des Knappen Fluch

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„Also diese Burg – ist wirklich enttäuschend“, sprach einer der anderen Knappen genau das aus, was Heinrich in diesem Moment dachte.

Vom Fuß des Berges, wo sie vorhin einen allerersten Blick auf Ernberg hatten werfen können – und wo nicht viel mehr als die beiden Türme zu sehen gewesen waren – war es nicht aufgefallen. Jetzt dagegen schon, da sie den Gipfel erreicht hatten und auf das Burgtor zuritten. Welches eigentlich vollkommen überflüssig war, weil links vom Torgebäude – nichts war. Nichts als die – wenn auch beeindruckende – Aussicht auf das im Tal drunten liegende Ruthi.

Heinrich musste seine ärgerlich aufwiehernde Stute zügeln, weil die Kutsche der Gräfin sich von hinten an ihnen vorbeidrängte. Die natürlich zuerst ins Tor einfahren musste – nachdem sie die Pferde der Ritter und Knappen während ihrer Reise hierher gern als sie von allen Seiten umgebenden Schild genutzt hatte. Nun waren sie nur noch gut genug, um sich im Staub dahinter einzureihen. Er hustete.

„Ein Wunder, dass der Durchgang zwei Mauern hat“, schnaubte Clemens neben ihm abfällig. „Was meint ihr? Ob wir unter freiem Himmel schlafen müssen?“

„Warten wir doch erst einmal ab“, wollte Heinrich einwenden, schließlich war Burg Ernberg schon jetzt berühmt als besonderes Steckenpferd Graf Meinhards und wegen ihrer günstigen Lage unmittelbar an der Salzstraße. Doch der tatsächlich nur zur Hälfte existierende Hof, in den sie dann einritten, ließ ihn den Mund wieder schließen.

Rechts erhoben sich immerhin mehrere teilweise ineinander übergehende zweistöckige Gebäude, dahinter konnte man eine Mauer mit Wehrgang erkennen, der in ein zugegebenermaßen imposantes hohes Haus mit Zinnen mündete, dem Torhaus zu einem weiteren Hof. Aber die gesamte linke Seite des äußeren Hofs war vollkommen offen.

„Das ist doch keine Burg“, schnaubte Gunther, während der Tross den Halbhof überquerte. „Das hier ist doch eher …“ Er verstummte, um seinen Blick schweifen zu lassen.

Heinrich tat es ihm nach. Sah nichts, was man ‚Burg‘ nennen wollte, nein. Selbst der Boden, der zwar geebnet war, nicht aber gepflastert und nach links hin sogar noch grasbewachsen. Lediglich eine Art Pfad führte zu den flachen Gebäuden in der vorderen linken Ecke. Offenbar die Ställe. Unproportioniert und hässlich mit ihren aufwendigen steinernen Bögen, die oben lediglich von rohen Holzplanken begrenzt wurden. Gut, wahrscheinlich sollten sie aufgestockt werden, die Grashälfte des Hofes lag voll mit Holzplanken, Steinhaufen, Karren mit Werkzeug und dergleichen. Doch dadurch dass kein einziger Arbeiter zu sehen war, wirkte alles wie …

„… eine Baustelle“, schien eine begeisterte Frauenstimme seinen angefangenen Gedanken zu ergänzen.

Heinrich fuhr herum – und sah die Gräfin. Die den Schlag ihrer Kutsche geöffnet hatte und mit einem für ihr fortgeschrittenes Alter – ihr ehemals dunkles Haar war von zahllosen weißen Strähnen durchzogen – erstaunlichen Satz vom noch fahrenden Wagen sprang.

Und mitten in dessen Staubwolke landete. „Mein Vetter Graf Meinhard war schon als Junge ganz versessen darauf, sich einmal eine eigene Burg zu bauen“, plauderte sie völlig unbeeinträchtigt davon los, während sie ihren Rock abklopfte und sich zugleich voller Eifer um die eigene Achse drehte wie in einem Tanz. „Und ich muss sagen, auch ich finde es sehr spannend, solch einen Bau endlich einmal im Werden zu sehen.“

Erst jetzt blieb die Kutsche mit knarzenden Rädern stehen, und der Diener der Gräfin, der neben dem Kutscher auf dem Bock gesessen hatte, eilte herbei. „Man muss uns erst einmal melden, Frau Gräfin. Vielleicht solltet Ihr vorerst wieder Platz nehmen?“

„Ich werde uns melden“, verkündete diese gut gelaunt. „Auf dass Vetter Meinhard sich endlich hier einfinde, um uns nach unserer beschwerlichen Reise Willkommen zu heißen. Mit einem ordentlichen und vor allem unverzüglichen Festmahl, wie ich hoffe.“ Und damit stapfte sie in Richtung des inneren Burgtores, so als kännte sie sich hier bestens aus.

„Alle Knappen zu mir!“ Ritter Hugo hatte autoritär den Arm in die Höhe gereckt und ließ ihn nun herniederschnellen wie beim Startsignal für einen Schaukampf.

Heinrich räusperte sich, um seiner Stimme mehr Überzeugungskraft beimischen zu können. „Herr, ich würde meine Stute gern selbst versorgen, sie ist mein Eigentum, und sie ist es nicht gewohnt, von fremden Stallburschen …“

„Auch du wirst deinem neuen Herrn die ihm gebührende Ehre erweisen und ihm jetzt sofort zur Verfügung stehen, Starkenberg“, schnitt Hugo ihm das Wort ab.

Meinem neuen Herrn! Heinrich senkte den Blick, um seinen Unwillen zu verbergen. Zuvor auf Burg Tyrol war sein Herr derselbe Graf Meinhard gewesen – auch wenn der nicht allzu viel Zeit auf der Stammburg der Meinhardiner in Südtirol verbracht hatte und die Ausbildung seiner Knappen in die Hände seiner rechten Hand, Ritter Hugo, gelegt hatte. Aber es war typisch, dass Hugo ihrer Versetzung auf Meinhards neue Burg jetzt zu etwas Bedeutungsvollem aufplusterte, was es nicht war. Naja, das war das wahrhaft Erfreuliche an der ganzen Sache: den alten Hugo loszuwerden. Heinrich hatte munkeln hören, dass einer der Söhne Meinhards ihr neuer Waffenmeister werden würde. Der würde sich gewiss mehr Mühe geben und sie besser und schneller unterrichten.

Erst jetzt eilten mehrere Stallburschen herbei. Nicht aus den Ställen, sondern vom inneren Burgtor her. Dabei war es noch überhaupt nicht spät. Aber einige kauten noch, man hatte sie offensichtlich vom Abendessen weggeholt.

Essen! Oh ja, da hatte die alte Gräfin ganz recht, es wurde Zeit, dass er etwas in den Bauch bekam. Die letzte Rast lag Stunden zurück und war auch nicht sonderlich üppig ausgefallen.

Sich der Notwendigkeit fügend, ließ Heinrich sich aus dem Sattel gleiten, tätschelte seine Stute begütigend zum Abschied und übergab sie dem vertrauenserweckendsten der Burschen. „Sie säuft besonders viel“, wies er ihn noch an, „und sie macht Pausen dabei. Du musst ihr Zeit lassen, vielleicht reibst du sie schon ab, während …“

„KNAPPEN MIR NACH“, brüllte Hugo in diesem Moment. Widerstrebend riss Heinrich sich von der Stute los und folgte seinen Kumpanen in den inneren Burghof.

 

Welcher ebenfalls weit davon entfernt war, wie ein Burghof auszusehen. Wiederum war lediglich die rechte Seite vorhanden. Gegenüber dem Tor ragten die beiden runden Türme auf, die man ja von weither sah. Jetzt, aus der Nähe, war zu erkennen, dass der linke noch eingerüstet war und dass dessen Spitze nur aus Holzplanken bestand. Sämtliche zukünftigen Gebäude zur Linken bestanden lediglich aus Fachwerk für drei Geschosse, hier hatte selbst das Erdgeschoss noch keine Mauern, man konnte durch die Planken hindurch ins Tal sehen. Im mittleren dieser neu entstehenden Gebäude, den Fußboden des ersten Stockes als Dach nutzend, eigentlich also im Freien, war eine riesige, üppig bestückte Tafel aufgebaut.

Nur ein kleiner Teil der gewiss zwanzig Plätze war besetzt. An der Stirnseite saß Meinhard, daneben hatte bereits die Gräfin, die mit ihnen gereist war, Platz genommen. Außer ihr gab es nur eine einzige weitere Frau. Eine junge, sehr schöne. Mit reinem, hellblondem Haar, das so glatt und fein war, dass es aus der eigentlich strengen Hochsteckfrisur förmlich herausrieselte und ihr schmales und auffallend blasses Gesicht auf dezente Weise umschmeichelte. Leider hatte sie ihre Augen, die bestimmt strahlend blau waren, durchweg niedergeschlagen. Das musste die Gemahlin von Meinhards Sohn sein, eine echte Prinzessin, wie Heinrich gehört hatte.

Zu ihrer Linken saß ihr Ehemann. Ja, er passte zu ihr, gerade weil er wie ihr düsterer Gegensatz wirkte mit seinen lockigen schwarzen Haaren, den dunklen Augen und der gebräunten Haut. Ebenfalls auffallend gutaussehend. Wenn man von dem Umstand absah, dass er nicht allzu groß und kräftig zu sein schien.

An der Längsseite, die Rücken dem Abgrund zugewandt, saßen nur noch einige weitere Männer am Tisch, fünf an der Zahl, ihrer Kleidung nach – hochwertig, aber schlichter als die der Adeligen – wohl die Ritter. Na, wenn Ernberg nicht mehr davon zu bieten hatte …

Die vier Jungen gegenüber, die sich neugierig zu den Neuankömmlingen umgedreht hatten, waren offenbar die Knappen. Der Älteste unter ihnen war kaum vierzehn. Aber nett sah er aus, zwinkerte ihnen zu und klopfte einladend auf den freien Stuhl zu seiner Rechten.

Hugo kommandierte die Neuankömmlinge an den Tisch, und Heinrich landete direkt neben dem Zwinkerer, der ihn nun freundlich anstrahlte: „Herzlich Willkommen, ich bin Konstantin. Und sehr froh, dass ihr kommt und mir Gesellschaft leistet. Ich bin fast verrückt geworden zwischen all den Kindern hier.“ Er wies mit dem Kinn hinter sich.

„Mein Name ist Heinrich“, lächelte der höflich zurück. „Ihr seid ja wahrlich nicht viele.“

Konstantin lachte gut gelaunt. „Ja, ihr seid fast mehr als wir: drei Ritter nebst fünf Knappen. Damit sorgt ihr dafür, dass wir endlich eine richtige Burg werden.“

„Seid mir willkommen, Männer!“ Meinhard war aufgestanden, beide Arme in einer theatralischen Geste erhoben, und baute sich vor der Tafel auf. „Willkommen auf der in Zukunft wichtigsten Burg der Region. Ihr, die frisch geschlagenen Ritter und die Besten der Knappen, wurdet ausgewählt, deren Entstehung beizuwohnen und unsere bescheidene Mannschaft durch eure Kampfeskraft zu stärken. Ehe wir die Tafel eröffnen, will ich Euch noch den Waffenmeister Junker Johann vorstellen – meinen Sohn.“ Stolz wies auf den Dunkelhaarigen.

Der jetzt ganz lässig von seinem Platz aufstand, um sich mit wippenden Schritten an seine Seite zu begeben. „Ich danke Euch, Vater, und gelobe, mein Bestes zu geben und erstklassige Männer auszubilden, die Eure Ritterschaft bereichern.“

Heinrich ließ seine Erscheinung auf sich wirken. Er war von Anfang an entschlossen gewesen, seinen neuen Ausbilder zu mögen, zu ihm aufsehen. Das zumindest würde schwierig werden, er war mindestens einen Kopf größer als der Junker und fast doppelt so breit. Doch so zierlich der junge Mann gebaut war, seine Bewegungen zeugten von großer Körperbeherrschung und Geschick; er war mit Sicherheit ein guter Kämpfer.

„Knaben, die ihr mir anvertraut seid, und Ritter, die ihr an meiner Seite für meinen Vater reiten werdet“, erhob er von Neuem die Stimme. Nicht etwa feierlich oder darauf bedacht, seinerseits die Neuankömmlinge Willkommen zu heißen. Sondern – angriffslustig.

Es ist kein Geheimnis“, nun sprach er unverhohlen herausfordernd, „dass ich keiner von Graf Meinhards ehelichen Söhnen bin.“

Was? Alarmiert schnellten Heinrichs Augen in sein Gesicht.

Welches mit einem Mal vor Hochmut strotzte. „Ich sehe schon an euren ungläubigen Mienen, ich muss das wiederholen.“

„Junge, es ist doch nicht nötig …“, hatte sein Vater die Hand erhoben.

Doch der junge Mann sprach weiter, ohne sich um ihn zu kümmern. „Ich halte es für notwendig, euch den Sachverhalt zu erklären, ehe ihr es von dritter Seite hören werdet. Um jeden Zweifel daran auszuräumen, dass meine Herkunft mir in keiner Weise zum Nachteil gereicht.“

„Das gibt es ja nicht.“

„Wie kann der sich erdreisten, so zu reden?“

„Was soll ich denn meinem Vater sagen, wer uns unterrichtet?“, redete plötzlich alles aufgeregt durcheinander.

Was den Junker lediglich dazu bewog, seine Augen verächtlich zu verengen und sein Kinn noch weiter in die Höhe zu recken.

Heinrich wog anerkennend den Kopf. Für einen Mann ohne adelige Abstammung war es normalerweise unmöglich, in den Ritterstand gehoben zu werden, geschweige denn, im Kreise der Ritter zu bestehen. Und selbst wenn in seltenen Fällen ein mächtiger Schutzherr dafür sorgte, dass ein Mann aus dem Volk durch ruhmreiche Taten oder ähnliches aufstieg, so blieb dessen niedere Herkunft stets an ihm kleben. Umso bewundernswerter, wie selbstverständlich dieser Mann damit umging. Dass er sich gar nicht erst bemühte, diesen Makel so lange wie möglich zu verbergen, sondern mutig darauf hinwies. Fast, als wäre er tatsächlich stolz darauf.

„RUHE“, donnerte er jetzt. Senkte gleich darauf die Stimme und fragte so leise, dass auch der letzte Knappe wieder still geworden war, um ihn zu verstehen. „Was gibt es da zu befürchten? – Du da mit den Zähnen, ja genau du. Du hast dir Sorgen um deinen Vater gemacht.“

Gunther, der mit unschön hervorstehenden Zähnen geschlagen war, schreckte auf seinem Platz auf. „Äh, nein, ich sage gar nichts, Herr.“

„Du lügst.“ Der Junker machte mehrere Schritte auf ihn zu.

Gunther immer weiter an der Rückenlehne nach oben rutschen lassend, als könnte er sich nach oben hin in die Lüfte verflüchtigen.

Bei aller Kameradschaft – musste Heinrich grinsen. Gerade Gunther hatte allzeit die größte Klappe und war schnell bei der Hand, sich über andere lustig zu machen. Andererseits war er so gut im Kampf, dass sich selten jemand traute, ihn herauszufordern. Dass jetzt ausnahmsweise einmal er derjenige war, der unsicher stammelte …

„Ich habe dich sehr wohl gehört“, sagte der Junker kalt. „Und werde es extra für dich noch einmal wiederholen, damit du es dir einprägen kannst und es gleich selbständig wiederholen: ‚Ich, Johann von Ernberg, bin ein Bastard.’“

„Oh“, tönte da ein heller Schreckenslaut durch die allseits schockierte Stille.

Heinrichs Blick huschte zur hellen Frau, zu Johanns Gemahlin, aus deren Mund dieser Laut gekommen war. Einen winzigen Moment lang traf er auf ihre Augen. Die noch blauer waren, als er erwartet hatte. Hell und blau und trotzdem warm und wirklich wunderschön. Und gebeutelt vor Scham.

Betroffen senkte er den Kopf. Musterte sie nur noch unauffällig aus dem Augenwinkeln, während sie in sich zusammenfiel, am liebsten wäre sie im Erdboden versunken, das war deutlich zu erkennen.

„Helene, werte Gattin, bitte erspart uns doch diesmal euer zureichend bekanntes Schauspiel“, durchschnitt die laute Stimme des Junkers das andauernde betretene Schweigen und sorgte dafür, dass sie sich noch mehr in sich zusammenkauerte. „Allmählich müsstet Ihr Euch doch wirklich an die unabänderlichen Gegebenheiten gewöhnt haben und in der Lage sein, Euer ach so zerbrechliches Selbst vor meiner verabscheuendwürdigen Existenz zu schützen.“

Unwillkürlich ballte Heinrich die Fäuste. Wie konnte dieser Kerl seine eigene Frau so bloßstellen? Noch dazu, indem er ihr die Kränkung und die Schmach vorwarf, die es für eine Prinzessin bedeutete, unter Stand – ach was, unwürdig mit einem Bastard! – vermählt zu sein?

Im Kreise der Neuen war vereinzelt entrüstetes Gemurmel lautgeworden, während die übrigen derlei Szenen anscheinend schon gewohnt waren, jedenfalls saßen sie ohne sichtliche Gefühlsregungen an ihren Plätzen und beobachteten jeder für sich stumm, was vor sich ging.

Selbst Graf Meinhard hatte sich, wie es schien, dem Willen seines Sohnes gefügt, jedenfalls hatte er sich wieder an den Tisch gesetzt und auf seinem Stuhl zurückgelehnt, seine Augen fast versonnen in die Runde schweifen lassend.

„Wo war ich stehengeblieben?“ Der Junker kratzte sich am Kopf, als wäre er wirklich nicht in der Lage, sich zu erinnern.

Gunther, der ihm sicher auf die Sprünge hätte helfen können, gab seine Strategie, sich möglichst dünn zu machen, auf, und sackte lieber in sich zusammen.

Hatte der Junker ihn tatsächlich vergessen? „Ihr werdet merken, dass es zwei Sorten von Leuten gibt, die mich regelmäßig aufgrund meiner Herkunft angreifen“, fuhr er dann fort. „Da sind erst einmal die Schwächlinge. Die nicht imstande sind, einen ebenbürtigen Kampf zu gewinnen, und sich stattdessen auf ihren edlen Stammbaum verlegen, damit sie wenigstens etwas ins Feld führen können. Zu dieser Gruppe gehört unser junger Freund hier.“ Er wies auf Gunther.

Dessen scharfes Lufteinsaugen in jedem Winkel des Hofes zu hören sein musste.

„Steh auf, wenn ich mit dir rede“, wurde er angefahren. „Wie ist dein Name, Knappe?“

Er rappelte sich hastig auf. „Gunther von Hartenstein, Herr“, antwortete der mit schmaler Stimme.

„Möchtest du noch etwas sagen?“ Dass der Junker plötzlich so freundlich klang, bedeutete gewiss nichts Gutes.

„Nein, Herr.“

„Da sehen wir es.“ Mit zwei genau dosierten Sprüngen war der Junker bei ihm.

Gunther – mit nur einem, weniger gezieltem – hinter seinem Stuhl.

An dieser Stelle war dann doch unterdrücktes Gelächter zu hören.

„Ich hatte dir befohlen, dir etwas zu merken und zu wiederholen, Knappe Hartenstein“, kroch die tiefe Stimme des Burgherrn über den Hof. „Welcher Inhalt war das?“

Gunther hustete.

Schwankte im nächsten Moment, als der Junker ein brutales Lachen ausstieß. „Zu feige sogar, um einen einfachen Befehl zu befolgen, schaut euch das an! LOS JETZT, ODER ICH LASSE DICH AUSPEITSCHEN“, brüllte er dann unvermittelt los.

Sonnte sich förmlich im mehrstimmigen Aufstöhnen der jüngeren Knappen.

„Macht er solche Drohungen wahr?“, wandte Heinrich sich flüsternd an Konstantin neben ihm. So weit reichte seine Missgunst Gunther gegenüber dann doch nicht.

„Das kommt schon mal vor, wenn sich jemand wirklich unbeliebt macht“, gab der im selben Ton zurück. „Aber der Junker ist auch viel unterwegs und überträgt dann unsere Ausbildung an Simon, seinen ersten Ritter. Und der ist schwer in Ordnung.“

„RUHE, wir alle lauschen dem Knappen Hartenstein, wie er nun all seinen Mut zusammennimmt, den Mund öffnet und sagt …“ Der Junker ließ seine Stimme erhoben und trommelte mit der Hand auf seinen Oberschenkel, um Gunther anzutreiben.

„Mein Herr ist … ein vollwertiger Ritter, der seine illegitime Herkunft durch Tapferkeit, Stärke und Geschicklichkeit überwunden hat“, ratterte Gunther herunter.

„Man höre und staune, er hat es tatsächlich geschafft.“ Johann klatschte begeistert in die Hände. „War mutig und vor allem klug genug, um eine Auspeitschung zumindest heute überflüssig zu machen.“ Mit verächtlichem Schnauben wandte er sich von Gunther ab und ließ seine dunklen Augen die Tischreihe entlang gleiten.

Heinrich begegnete dem kindischen Impuls, den Kopf einzuziehen, indem er sich umso aufrechter hinsetzte. Einen Wimpernschlag lang verharrte der Blick des Junkers bei ihm.

Ehe er auf Konstantin neben ihm zeigte. „Welche ist die andere Sorte von Leuten, die mir immer wieder dumm kommen, Knappe?“ Wusste er Konstantins Namen nicht, oder gehörte das zu seiner Gängelung?

Konstantin blieb erstaunlich gelassen. Wahrscheinlich befand er sich nicht zum ersten Mal in einer solchen Situation. Gespannt verfolgte Heinrich aus dem Augenwinkel, wie Konstantin sich umständlich zurechtsetzte, tief Luft holte und sein Gesicht zum Junker hob. „Es sind die, deren Denken so eingefahren und unbeweglich ist, dass sie nicht erkennen, dass die Familie, in die ein Mensch hineingeboren wird, lediglich Zufall ist und nicht etwa der Verdienst des Kindes“, sprach er dann mit feierlicher Stimme.

Was? Entgeistert blinzelnd, hatte Heinrich seine Zurückhaltung aufgegeben und war zu Konstantin herum geruckt. Diese Worte …

„Möchtest du diese Worte in Zweifel ziehen, Knappe Blondschopf?“, traf ihn sogleich die arglose Stimme seines neuen Herrn. „Wie ist dein Name?“

„Heinrich von Starkenberg, Herr.“ Er war auf den Beinen, ehe er wusste, wie ihm geschah. Musste einen langen Moment sämtliche Muskeln in seinem Körper anspannen, um seines Ärgers Herr zu werden. Darüber, dass dieser Mann offenbar die Macht hatte, ihn sich auf der Stelle wieder so fühlen zu lassen wie ein Knabe gegenüber seinem strengen Hauslehrer.

In derselben Zeit hatte sein neuer Lehrer sein linkes Ohr unendlich langsam seiner Schulter entgegengeneigt und stand nun mit provozierend schiefgelegtem Kopf da. „Na, Knappe von Starkenberg?“

„Es sind … revolutionäre Gedanken, Herr“, brachte Heinrich in einigermaßen gleichmütigem Ton heraus und schaffte es, sich nicht zu räuspern. Musste er noch mehr sagen? Noch mehr schmeicheln?

„Das nenne ich eine diplomatische Antwort“, rief sich die mit ihnen angereiste Gräfin in Heinrichs Erinnerung. „Der Junge ist gut.“

Unwillkürlich schüttelte Heinrich den Kopf. Dass der hohe Besuch Meinhards Partei für ihn ergriff, würde dem Junker gewiss nicht gefallen …

„Habt ihr es gemerkt?“ Dementsprechend tat der, als hätte es diesen Einwurf nicht gegeben. Hatte sich erstaunlicherweise von Heinrich abgewandt, entfernte sich ein, zwei Schritte von ihm, ehe er das Wort nun an die gesamte Tischrunde richtete. „Was hat dieser Knappe“, ein Wink zu Heinrich, „eben getan?“

Die Gräfin wollte schon wieder zu sprechen anheben, doch er fuhr mit einer raschen Geste durch die Luft, um sie zum Schweigen zu bringen – und sank dann völlig unvermittelt vor ihr in eine ehrfurchtsvolle Verbeugung. „Geliebte Base Bernhardine, Euer rasantes Auffassungsvermögen steht für mich völlig außer Frage. Insofern würde ich Euch ergebenst bitten, auch den übrigen meiner Tischgäste die Gelegenheit zu geben, selbiges unter Beweis zu stellen. Allen voran …“ Wiederum suchten seine Augen das nächste Opfer, wanderten quälend langsam über jeden einzelnen Platz. Selbst die ausgewachsenen Ritter wirkten nicht erpicht darauf, erwählt zu werden.

Allein die Gräfin saß mit äußerst geschmeichelter Miene ganz entspannt an ihrem Platz und musterte den Junker, als befände der sich auf einer Bühne inmitten einer Schauspielaufführung.

„Verehrte Gattin, Junkfrau Helene“, machte der Junker dann alle Männer überrascht aufschrecken. „Was sagst denn du zu meiner Frage?“

Jungfrau Helene – oh ja! Noch nie hatte Heinrich ein so reines und unschuldig wirkendes Wesen gekannt. Und noch nie war er so sehr von Mitgefühl übermannt worden, vom Drang, eine Frau zu beschützen. Er musste beide Hände ineinander krallen, um nicht auf der Stelle diesem miesen Schwein von Bastard-Junker an die Gurgel zu gehen und die Junkfrau, wie sie selbstredend hieß, vor ihm in Sicherheit zu bringen.

Er erschrak, als er die Augen der Gräfin Base auf sich spürte. Entschied sich dann bewusst, ihren Blick zu erwidern.

Woraufhin sie die Augenbrauen hob und ihm verschwörerisch zugrinste.

Ohne sein Zutun verengten sich seine Augen. ‚Leidet Ihr etwa nicht mit ihr?‘, dachte er ihr zu.

Und drehte sich weg, als sich ihr Grinsen nur noch mehr verstärkte.

Für die Junkfrau war offensichtlich – im Gegensatz zum Rest der Anwesenden – nicht unerwartet gekommen, dass die Wahl ihres Mannes auf sie gefallen war. Sie war zwar zusammengezuckt, hatte sich aber sonst in keiner Weise bewegt.

Umso beeindruckender war, wie der Junker sich noch breiter vor sie hinstellte und seine Augen geradezu genießerisch über ihre gebeugte Gestalt kriechen ließ. Gleich würde er zuschlagen.

Auf eine wehrlose Frau, die ihm obendrein von Gott anvertraut worden war, damit er sie achtete und ehrte! Mit unverminderter Wucht wallte leidenschaftliche Empörung durch Heinrichs Adern. Die Junkfrau strahlte aus jeder Pore aus, wie sehr es sie traf, wie sie von ihrem Mann behandelt wurde. Während der seine Rolle – Herr über einen ganzen Tisch potentieller Opfer, die er nach Herzenslust demütigen und quälen konnte – unübersehbar in vollen Zügen genoss. Und seine Gattin schien so etwas wie sein Lieblingsopfer zu sein.

„Habt Ihr uns nichts zu sagen, überaus geschätzte Helene? Hilft Euch Eure unanfechtbar edle Abstammung etwa nicht dabei, die Beweggründe unseres neuen Knappen Starkenberg zu beurteilen?“

Heinrich spürte ihre Demütigung am ganzen Leib. Ihre Zerrissenheit, weder antworten zu können noch zu schweigen, ohne ihr Gesicht endgültig zu verlieren.

Als sie nun den Kopf hob und sich – nach einem weiteren Luftschöpfen – sogar erhob und den Mund öffnete, hielt er fast angstvoll den Atem an.

„Ich werde Euch nicht …“, begann sie.

Doch ihr Mann hieb einfach mitten hinein: „Ist es das Wort ‚Revolution‘, was Euch Probleme bereitet? Befürchtet Ihr etwa, die Prinzessin in Euch zu beschmutzen, wenn Ihr es wagt, ein derart dreckiges Wort in den Mund zu nehmen?“

„Das war gegen die Regeln!“ Noch ehe Heinrich endgültig realisiert hatte, dass er aufsprang, noch während er Helene panisch davonstürzen sah, hatte der Aufschrei seinen Mund verlassen. „Sie ist aufgestanden, wollte Euch die Stirn bieten. Und Ihr …“

Er brach ab, weil Gräfin Base ihm – zum Glück lautlos – Beifall klatschte. Schüttelte ermattet den Kopf, um sie zum Aufhören zu bewegen. Schon jetzt fühlten seine Wangen sich verdächtig warm an. Wenn sie ihn noch lange so ansehen würde …

Der Junker dagegen hatte nicht einmal Notiz von ihm genommen. Er stand breitbeinig, mit in die Seiten gestemmten Armen da und schrie der flüchtenden Junkfrau nach: „Ergebensten Dank, dass Ihr allen so eindringlich demonstriert habt, wer der zweiten Gruppe Ignoranten angehört: die nämlich, die zu dämlich ist zu erkennen, dass nicht die Geburt den Charakter eines Menschen bestimmt, sondern dessen Klugheit und Auffassungsgabe. WAS IHR BEIDES NICHT ANSATZWEISE BESITZT.“

Noch im Laufen taumelte die Junkfrau unter seinem Angriff und stürmte umso hastiger von dannen.

Dieser Kerl war so erbärmlich! Nun war Heinrich wirklich alles egal. „Und dann fallt Ihr noch hinterrücks über sie her?“, stieß er heiser hervor. Sollte der ihn auspeitschen lassen oder sonst was – alles, was für ihn in diesem Moment zählte, war, dass die Junkfrau endlich am linken der beiden Burgtürme angelangt war und die Tür aufriss, um darin zu verschwinden. Erleichtert aufseufzend, ließ er sich auf seinen Stuhl zurückfallen.

Natürlich war es die grauhaarige Gräfin, die mitten ins betretene Schweigen platzte. „Es ist doch immer wieder äußerst unterhaltsam bei dir, Meinhard. Und dein Sohn scheint mir ja ein besonders interessanter Vertreter seines Geschlechts zu sein.“

Besagter Vertreter fuhr mit einem eleganten Schwung zu ihr herum. „Oh, ganz am Ende bin ich noch nicht.“

Die Versonnenheit in seinem Tonfall machte Heinrichs Nackenhaare sich aufstellen. Mit aller Macht konzentrierte er sich darauf, seine unvermeidliche Erregung auch weiterhin aus seinem Gesicht zu halten. Jetzt war er dran.

Natürlich behielt er recht. Mit bedrohlich nachdenklicher Miene kam der kleine dunkle Mann auf ihn zu. „Nachdem dieser junge Knappe mit seiner durchaus intelligenten und treffenden Meinung im positiven Sinne auf sich aufmerksam gemacht hat“, er machte eine Pause, um seine Worte und Gräfin Bases diesmal vernehmliches Applaudieren wirken zu lassen, „hat er sich danach leider disqualifiziert.“

Was war es, dass Heinrich seinen Blick plötzlich völlig schutzlos auf sich fühlte? Die ganze Zeit war ihm gelungen, den Fluch, mit dem er seit seiner Geburt geschlagen war, wunderbar in Schach zu halten, sodass niemand etwas davon bemerkt hatte. Doch allmählich schien er am Ende seiner Kräfte …

„Wiederholt Ihr bitte, was Ihr mir sagen wolltet, Knappe Starkenberg?“, verfügte der Junker in bittendem Ton.

Anfeuernde Gesten der Gräfin erschwerten das Ganze beträchtlich, doch es gelang Heinrich noch einmal, sich zu sammeln und mit fester Stimme zu erwidern: „Ich wollte meiner Meinung Ausdruck verleihen, dass der Ehrenkodex, keinem Gegner in den Rücken zu fallen, auch für Frauen gelten müsste.“

„Vorzüglich, mein Sohn, du bist großartig“, befand die Gräfin, sich gleich darauf an den Junker wendend: „Und wenn du ein guter Verlierer wärst, Johann, dann würdest du das zugeben und ihn mit einem Schulterklopfen in den Reihen deiner zukünftigen Ritter Willkommen heißen.“

„Oh, Base, ich danke Euch auf Knien dafür, dass Ihr mir die schwierige Einschätzung der Lage abgenommen habt“, konterte der Junker sarkastisch. Um quasi im selben Moment über Heinrich herzufallen.

Der sich schon – nicht in Sicherheit, aber als Sieger über seinen Fluch gewähnt hatte – und nun eines Besseren belehrt wurde. Als wüsste er genau, wo Heinrich am verwundbarsten war, stach der Junker genau dorthin. „Du bist einer der ganz Feinfühligen, nicht wahr? Einer, der den Schmerz der anderen wie am eigenen Leibe spürt und in Tränen ausbricht, wenn er Zeuge wird, wie jemand ungerecht behandelt wird?“

Wussten die Ernberger Knappen, wann sie über ihren Herrn lachen mussten? Nachdem sie bisher durchweg stumm wie die Fische gewesen waren, quoll jetzt aus verschiedenen Richtungen verächtliche Belustigung aus ihren Kehlen.

Vielleicht hätte Heinrich selbst das noch an sich hätte abprallen lassen können. Doch als sich dann die Gräfin erhob und ihm allen Ernstes einen Luftkuss zuhauchte, war es um seine Selbstbeherrschung geschehen. Er konnte nur noch starr und hilflos erdulden, wie er in grell roter Scham barst. Genauer: sein Gesicht. Zerbarst in einem heißen Schwall Blutes, das sein wild klopfendes Herz wie bei einem Vulkanausbruch durch seinen Hals nach oben jagte.

„Oh, wie süß“, hörte er die Gräfin juchzen.

„Wie zartbesaitet.“ Auch der Junker klang geradezu hingerissen. Klar. Heinrichs Errötungsfluch war für einen Mann wie ihn ein gefundenes Fressen.

Und dass Heinrich all seine Selbstbeherrschung zusammenklaubte, um seinen rot lodernden Kopf hoch zu halten, anstatt ihn in seinen Händen zu vergraben und wie zuvor Junkfrau Helene vor allem hier zu flüchten, half ihm auch nichts mehr.

„Das nenne ich sensibel“, spottete der Junker, „einen Ausbund an Sensibilität und Gefühl. Und seht euch Starkenbergs kräftige Statur an, die doch eigentlich auf einen harten und vielversprechenden Kämpfer hindeutet.“

Mittlerweile hatte sich das Blut schon wieder aus Heinrichs Kopf verziehen wollen, doch der nächste Satz des Junkers schaffte es mühelos, dies aufzuhalten.

„Kämpfer? Aber nein, er errötet ja wie ein Mädchen!“

Heinrich verharrte im nächsten Schwall.

Als ihm die Gräfin endlich wirklich zu Hilfe kam. „So, Johann, nun hast du deinen Spaß gehabt. Wir haben Hunger. Wenn also dein Vater oder du nicht auf die Idee kommt: Ich eröffne die Tafel. Greift zu, Jungs. Und ihr Männer natürlich auch. Lasst es euch schmecken.“

Diese Aufforderung war ebenso einfach wie wirkungsvoll. Von einem Moment auf den anderen war Junker Johann von aller Aufmerksamkeit verlassen, weil sämtliche Augen und Hände auf die Speisen und Getränke gerichtet waren.

Ein paar Wimpernschläge benötigte Heinrich noch, um sich wieder so weit unter Kontrolle zu haben, dass er in der Lage war aufzustehen. Ohne ein Wort, ohne sich um irgendjemand oder irgendetwas zu kümmern, ging er los.

Weg. Nur weg vom Tisch. Zum einzigen Ort, wo er sich hier in der Fremde zurückziehen konnte. In den Stall. Zu seiner Stute Felicitas. Allein.

Niemand hielt ihn auf. Schritt für Schritt entfernte sich Heinrich, dem Feind den Rücken zugewandt, in jedem einzelnen Augenblick auf den vernichtenden Schwertstrich gefasst.

Doch diesmal schien der Junker den Kodex befolgen zu wollen und ließ ihn unbescholten entkommen.

 

Er war schon im Stall angelangt und dabei, Felicitas zu suchen, als er jemanden kommen hörte. Immer noch in Alarmbereitschaft, fuhr er herum – und erkannte seinen netten Tischnachbarn, der verteidigend die Hände hob.

„Konstantin?“

„Du weißt ja meinen Namen“, stellte der erfreut fest und hielt Heinrich ein gewaltiges Stück kalten Braten unter die Nase. „Hier habe ich auch noch einen ganzen Laib Brot.“ Er zerrte ihn mit der freien Hand unter seinem Kittel hervor und schwenkte seine Beute voller Stolz. „Damit du nicht verhungerst. Und soll ich dir nicht lieber schon den Schlafsaal zeigen? Dann setzen wir uns dort zusammen und essen.“

„Das ist …“ Heinrich fehlten die Worte. „Danke. Großartig. Also das bist du. Wirklich großartig.“ Mist, er war so erschöpft, dass er allen Ernstes schon wieder das Blut in sich aufsteigen spürte. Hastig wandte er sich ab.

Sah Konstantin aus den Augenwinkeln die Achseln zucken. Entschuldigend. „Mir war nicht wohl eben, dass ich dir nicht irgendwie zu Hilfe gekommen bin“, setzte er an.

Doch Heinrich wirbelte zu ihm herum. „Auch wenn ich manchmal rot werde, heißt das nicht, dass ich schwach wäre und Hilfe nötig hätte“, stellte er mit scharfer Stimme klar. Und wie zum Beweis blieben seine Wangen diesmal schneeweiß!

„Hey, so habe ich das nicht gemeint.“ Abwehrend schüttelte Konstantin den Kopf. „Du warst unglaublich mutig und tapfer, wie du den Junker herausgefordert hast. Niemand sonst traut sich das – nicht mal die gestandenen Ritter. Du warst unglaublich. Verrückt, ja, aber unglaublich.“ Er strahlte Heinrich an. Beinahe, als wäre er stolz auf ihn. „Es ist wunderbar, dich kennenzulernen.“ Und damit streckte er Heinrich förmlich seine Rechte entgegen – die noch immer das Brot hielt. Bedeutete ihm, es an sich zu nehmen.

Was Heinrich auch tat. Mit Links, um mit Rechts in Konstantins Gruß einzuschlagen.

Der daraufhin noch breiter grinste. „Also, was sagst du? Gehen wir schon in den Knappensaal?“

„Ich würde zuerst gern nach meinem Pferd sehen“, gab Heinrich zu. „Könntest du kurz mitkommen?“

„Aber ja doch. Die privaten Pferde der Ritter stehen dort drüben, komm, ich zeige es dir. Unter einer Bedingung: dass wir schon anfangen zu essen. Ich sterbe nämlich vor Hunger.“

Brüderlich kauend schlenderten sie durch den Stall zu Felicitas.

 

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