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Tohus is tohus, dor givt dat nix to seggen

(Ausschnitt aus: ‚Strand der nackten Männer‘ – Katastrophale Wohnverhältnisse)

Platt von ‚Stine‘ – Christel Fries

 

Hobbi wartete – auf seine Gutmütigkeit war halt Verlass – an der Kreuzung oben am Landratsamt auf Thorsten. Er war sogar allein. Wobei Thorsten den Verdacht hatte, dass er angesichts der heißklingelnden Telefone ganz froh war, anstelle eines weiteren Kollegen ihn einspannen zu können. Was ihm nur recht sein konnte.
Ostlandstraße war richtig, ein Katzensprung also. Dementsprechend schnell berichtete Thorsten Hobbi alles, was er über Felix wusste. Dann waren sie auch schon da.
Das große Wohnhaus mit dem Eingang 30 d hatten sie schnell gefunden, Parkplätze waren um diese Zeit ausreichend vorhanden. An den Klingeln außen stand kein ›Krieger‹, aber die Haustür konnte man aufdrücken. Thorsten ließ Hobbi zuerst eintreten und folgte ihm dann in ein ziemlich heruntergekommenes und obendrein nach Fisch miefendes Treppenhaus. Auf jeder Etage befanden sich drei Wohnungen. Erdgeschoss, erster Stock, zweiter …
»Hier, Krieger«, wies Hobbi auf den mit Kugelschreiber gekritzelten und unter das gedruckte Klingelschild mit dem Namen ›Stühn‹ geklebten Zettel. »Wohnt wohl nur zur Untermiete hier.« Er drückte den Klingelknopf. Eine altmodisch schrillende Glocke gellte durchs Treppenhaus. Ein Mal. Nach einer halben Minute noch einmal.
»Gehört habe ich was.« Thorsten presste sein Ohr gegen das Holz. »Einen Fernseher.«
»Hier wird es sehr hellhörig sein – das kann auch aus einer der anderen Wohnungen kommen.« Seufzend wandte Hobbi sich ab.
Und zuckte zusammen, als sich – ohne dass vorher Schritte zu hören gewesen wären – die Wohnungstür gegenüber öffnete. Eine ältere Frau erschien im Türrahmen. Eine sehr alte Frau, so langsam und gebeugt, wie sie sich bewegte. Ihre geschwollenen Füße steckten in dicken, hautfarbenen Perlonstrümpfen und unsäglichen Pantoffeln, um ihren Kopf hingen schüttere, ungewaschene Haarsträhnen. Und sie sprach sehr laut und leiernd, war bestimmt schwerhörig. »Wat wüllt ji denn nu al wedder ?
»Wie meinen Sie das?«, fragte Hobbi verblüfft.
»Schamt ji ji nich? So fröh to bimmeln? Ik weer noch in mien Nachtkleed, dat is doch een Unoort, is dat, dat deit man nich.«
»Es ist Nachmittag«, schrie Thorsten, so freundlich er konnte.
»Psssst«, ging da sofort ihr Finger an die Lippen. »För hüüt geiht dat klor, is jo schon Namiddag«, fuhr sie dann flüsternd fort. »Aver güstern? Dat weer to fröh. Dat geiht doch nich.«
»Das waren wir nicht«, wehrte Hobbi schon wieder viel zu zaghaft ab.
»Kümmt ji den nu jeedeen Dag? Wat wüllt ji hier? Worüm laat ji uns nich in Roh?«
»Wir sind zum ersten Mal hier«, probierte Thorsten eine mittlere Lautstärke.
Nichtsdestotrotz zuckte die Alte wiederum zusammen, hielt sich diesmal sogar die Ohren zu. »Ji sünd jümmers so luut«, wimmerte sie wehleidig. »Worüm laat ji de arme Fru Stühn nich endlich tofreden? Worüm kümmt ji jümmers her un maakt uns so veel Schinneree?« Sie hatte nicht mehr alle beieinander, so viel stand fest.
»Entschuldigen Sie, wir wollen Sie auf keinen Fall stören.« Hobbi signalisierte Thorsten, den Rückzug anzutreten.
Doch die Frau trat ihm in den Weg, packte ihn am Ärmel und schüttelte vorwurfsvoll seinen Arm. »Annerletzt werrt ji doch ok schon dor un hebbt de Jung mitnahmen. Worüm kümmt ji denn nu al wedder? Nu is Fru Stühn heel un deel alleen.«
Na, ein bisschen kriegte sie offenbar noch mit. Thorsten schob Hobbi beiseite und stellte sich – nur nicht durch die Nase atmen – der Frau gegenüber, damit sie ihn ansehen musste. »Da haben Sie recht, am letzten Freitag waren unsere Kollegen von der Polizei hier, um Felix Krieger abzuholen. Heute suchen wir Angehörige von ihm.«
»Oh, de lütt Felix, jo. Felix is de Urgrootsüsterjung.« Ihr Tonfall hatte sich verändert, plötzlich leierte sie nicht mehr, sondern sprach klar und artikuliert. »Felix ist de Urenkelsöhn vun Erika Stühns Süster, Gott heff se selig. Dree Deerns weern se Tohuus, un al dree hebben blots Jungs kregen. As dat nu mal so is, ne? Achterna in de Generation giff dat gor keen Kinners mehr, dat warrt jo hüüttodaags jümmers weniger , vun Generation to Generation jümmers weniger. Een total verrückte Tiet.« Puh, da musste sie endlich mal Luft holen.
»Sie sind aber gut informiert«, nutzte Hobbi seine Chance. »Können Sie uns denn auch sagen, wo Frau Stühn sich gerade aufhält?«
Sofort verfinsterte sich ihre Miene. »Wat wüllt ji vun ehr?« Herausfordernd spähte sie von unten zu ihm herauf. »JI hebbt se man eerst güstern stöört. Dor leeg se noch in de Puch. De heele Dag hett se huult, wieldat ji ehr so Bang maakt hefft. Allens uttorümen un dörcheenanner tosmieten, also nee! Un wokeen mutt allens wedder to Kloor Schipp maken? Ik. Dor föhlt sik doch keen anner för tostännig. So wat doot man nich, höört ji? Man maakt nich so een Dörcheenanner bi fremde Lüüd.«
»Diese Männer haben Sachen ausgeräumt?«, wiederholte Thorsten verständnislos. Bestimmt tüdelte sie nur. Hatte so was wie eine Hausfrauen-Psychose, die Folge von sechzig Jahren Putzen als Lebensinhalt.
»Dat seh ut as bi Hempel ünnerm Sofa«, schnaubte sie empört. »Jeedeen Schapp vun baben nach ünnern dörchwöhlt, överall op de Boden weer de Kleedaasch verdeelt. Ik heff mi afrackert ahn Enn, um allens wedder optorümen, bivör de Süster an Moorn keem.«
»Sie haben aufgeräumt?« Stirnrunzelnd betrachtete Thorsten Frau Stühns zweifellos unversehrte Wohnungstür. »Nachdem die Polizisten hier waren?«
»Nix Polizisten. Güstern – dat weern doch ju beid! Un dat an fröhen Moorn, nee, dat weer nich schön.«
»Gestern – am frühen Morgen?« Sie redete nur dummes Zeug, das hatte nichts zu sagen.
»Un denn noch op Storm bimmeln! Ik leeg noch in de Puch. Ik bün een anstännige Huusfru, aver vör Klock söös kumm ik ni ut de Puch. Un vör Klock tein hett dat keen Schick nich, bi fremde Lüüd to bimmeln , un an Sünndag schon gor nich. Ik fraag ju wi man so en Dörcheenanner torüch laten kann? Hett ju Moder ju dat nich bibrööcht, wat hebbt ji för en Kinnerstuuv hatt ? Ju Moder hett siker jümmers achter ju ran oprümt, richtig? Wir hebbt jo sölben schuld, wi Fruenslüüd. Worüm köönt wi dat ok nich lieden, wenn allens döcheenanner is? Ik kunn nich mehr slapen, mutt toeerst allens wedder op Schick kregen. Ik harr nich mehr slapen kunn, nee wirklich nich.«
»Wie sahen die Männer aus?«, hakte Thorsten nach, als sie endlich mal eine Atempause machen musste.
Nun fiel auch bei Hobbi der Groschen. »Du meinst …?«
»Ich weiß es nicht. Aber wenn, dann kann uns Frau …«, endlich kam er dazu, auf ihr Türschild zu gucken, »… Frau Braun vielleicht helfen.« Er hatte seine Stimme so tief und vertrauenerweckend wie möglich gemacht. »Frau Braun, erinnern Sie sich noch, wie die Männer gestern ausgesehen haben?«
»So wi ji beid.«
»Und es waren auch genau zwei?«
»Segg ik doch.«
»Wie sind sie denn in Stühns Wohnung gekommen?«
»Ik heff se rin laten
»Oh.«
»Se weern nett, hebbt sik entschuldigt. Dat weer bannig wichtig. För Felix. Se hebbt seggt, se wulln em bistahn.«
»Oh, Frau Braun, Sie sollten aber keine fremden Leute reinlassen«, rief Hobbi entsetzt.
Warum hielt er nicht einfach den Mund? Es wäre doch optimal, wenn er und Thorsten sie noch einmal dazu bewegen könnten! Mist, im Augenwinkel sah er Hobbi auf sein Handy eintippen, sicherlich gab er bereits den Durchsuchungsbeschluss in Auftrag. Wenn die Kollegen erst mal eintrudelten, war Thorstens Zeit abgelaufen.
»Se hebbt seggt, dat is wichtig, segg se «, verteidigte Frau Braun sich mit weit aufgerissenen Augen – um sie im nächsten Moment misstrauisch zu verengen. »Aver welkeen sünd ji denn nu?«
»Wir kommen von der Kripo Eckernförde.« Hobbi zeigte ihr seinen Ausweis, variierte zuvorkommend den Abstand, bis sie ihm zu verstehen gab, ihn lesen zu können.
»Polizei?« Kummervoll blickte sie zu ihm auf. »Hett de Bengel denn schon wedder wat utfreten?«
»Nein, er …«
»Ik segg jo, he warrt noch in dat Kaschott lannen, so as sien Vadder. De hett al dree mal insitten, dat eerste Mal weer he twientig un nu is he jümmers noch binnen, wieldat …«
»Nein, nein, er hat nichts getan«, gelang es Hobbi, sie zu stoppen. »Im Gegenteil, er wurde niedergeschlagen und liegt schwerverletzt im Krankenhaus. Deshalb sind wir auf der Suche nach seinen Angehörigen.«
Anscheinend hatte er verheißungsvoll genug geklungen, jedenfalls hatte er die alte Frau dazu gebracht, ihm voller Neugierde und vor allem stumm auf den Mund zu starren, bis er zu Ende geredet hatte. »Oh, wirklich?«, platzte sie dann heraus. »He worr slaan? Dat is slimm, de Jung hett blots Arger. Ik segg jo, he warrt noch in Kaschott lannen. Sien Vader hett schon mit twientig düüsen Överfall …«
»Wissen Sie, wo wir Frau Stühn finden?«, ging diesmal Thorsten dazwischen. »Es ist wirklich wichtig, sie wird sich bestimmt schon Sorgen machen, weil Felix nicht nach Hause gekommen ist. Womöglich läuft sie verzweifelt in der Weltgeschichte herum und sucht ihn.«
»De maakt sik al lang keen Sorg mehr«, winkte die Alte ab und schickte sich an, wieder hineinzugehen.
»Das glaube ich aber doch«, widersprach Hobbi. »Warten Sie! Bitte helfen Sie uns, Frau Stühn zu finden, Frau …«
Sie ließ sich nicht beirren. »Ik hal de Slötel.«
Yeah!
»Frau Stühn ist nicht da«, rief Hobbi ihr nach.
»Pst, hey. Lass sie doch in Gottes Namen«, zischte Thorsten ihm zu.
Frau Braun drehte sich nicht um. »Se is jümmers dor.«
»Wir haben aber schon geklingelt.«
»Sei doch still!«
Aber Frau Braun war sowieso schon im Innern ihrer Wohnung verschwunden.
Die übrigens eindeutig die Quelle des Fischgestanks war. Dass sie in ihrem Alter immer noch kochte? Und ausgerechnet so sensibel zu handhabende Zutaten wie Fisch, wenn sie schon die Körperhygiene nicht mehr im Griff hatte? Thorsten wich vor ihrem strengen Geruch zurück, als sie gleich darauf an ihm vorbei schlurfte.
»Ik maak för se open.«
Diesmal trat er Hobbi auf den Fuß, ehe der den Mund aufmachen konnte.
»Wohrschienlich is se al wedder an slapen, weet ji?« Frau Braun brauchte ein paar Anläufe, ehe sie den Schlüssel im Loch hatte. »De vun de Pleegdeenst kummen an Moorn, Middag un Avens, in de Twieschentiet sitt se blots in ehr Sessel un kiekt in de Kiekkasten. Bestimmt ist sie inslapen.«
Oh Gott. Thorsten schauderte. Auch Hobbis Miene war angespannt, als er der alten Nachbarin in die Stühn’sche Wohnung folgte.
»Erika?«, brüllte Frau Braun – völlig überflüssigerweise, der Flur war gerade mal zwei Schritte lang, dann war sie im Zimmer geradeaus angekommen. »Erika, bist waken? Twee Mannslüüd vun de Polizei wüllt mit di snaken. De sehn so ut as de Kierls vun güstern, aver de twee sünd sehr fründlich. Sie warrt keen Dörcheennanner maken, nich wohr?« Ein strenger Blick über die Schulter folgte.
Oh Mann, die Luft hier war noch schlimmer als bei Frau Braun. Wobei hier keine Essensdünste waberten, sondern sozusagen das Gegenteil davon. Am liebsten hätte Thorsten eine Gasmaske aufgesetzt.
Auf den ersten Blick deutete leider nichts auf einen Einbruch hin. Konnte eine tüdelige alte Frau wirklich sämtliche Spuren beseitigt haben?
Zunächst einmal folgte Thorsten ihr und Hobbi ins Wohnzimmer. Der Fernseher lief tatsächlich – irgendeine Tierdokumentation – allerdings war er sehr leise gedreht, man hörte lediglich das unterschwellige Gemurmel des Kommentators.
»Puh, Erika, hest du di al wedder inschietert?« Frau Braun tappte durch den Raum zum Fenster, riss es auf. Leider nur auf Kipp, sonst hätte man die mit Nippes und eingestaubten Trockensträußen vollgepfropfte Fensterbank freiräumen müssen. »Dat duert doch noch bit de Süster kümmt, du warrst weder överall wunn warrn, oh nee, oh nee, oh nee.«
Sie hatte gut daran getan, der Gestank im kleinen Raum war schier unerträglich. Thorsten stellte sich so nah wie möglich an den Fensterspalt, ehe er sich Frau Stühn zuwandte.
Wie ein Vogeljunges sah sie aus, eines, das noch keine Federn hatte, wie sie da reglos in ihrem abgeschabten beigen Cordsessel hing. Klein und spitz mit hervorstechenden Knochen, über die gräulich-rosa, mit knorrigen blauen Adern durchzogene Haut gespannt war. Die war doch hoffentlich nicht tot?
»Na, du leve Gott, Erika, wull du denn gor nich mehr opwaken?« Frau Braun rüttelte heftig an ihr. »Sie hett en faste Slap«, erklärte sie Hobbi und Thorsten. »Ik harr schon öfters Hopen dat se dat endlich schafft hett, aver se levt un levt un levt.« Jetzt lachte sie auch noch – was sich anhörte, als werde sie selbst durchgerüttelt.
Ah, da kam ein Laut aus der Kehle der Schlafenden. Dann zuckte ihr Arm. Der andere. Ihr Brustkorb hob und senkte sich. Und endlich schlug sie auch die Augen auf. Blinzelte verständnislos. Kriegte die überhaupt noch irgendetwas mit? Boah, jetzt fing sie an, auf ihrem Hintern herumzurutschen, sodass eine riesige Wolke … Thorsten wich zurück und hielt seine Nase in den Frischluftbereich.
Vielleicht war Frau Brauns Riechorgan nicht mehr so taufrisch, oder sie war abgestumpft von ihrer eigenen Duftwolke. Jedenfalls rückte sie nicht von ihrer Nachbarin ab. Stand vornübergebeugt unmittelbar vor ihr, hatte sie an der Schulter und sprach in übertriebener Betonung auf sie ein. »Erika, Felix is in Krankenhuus. Kannst mi höörn, Erika?«
Die erweckte nicht den Eindruck, als ob sie sie wahrnahm. Saß ganz schief in ihrem Sessel und blickte starr an ihr vorbei, zum Fernseher.
Frau Braun grunzte missbilligend und versperrte ihr den Blick. »Maakt se de Kiekkasten mal ut, dat fallt ehr swoor sik to konzentrieren, wenn so veel op eenmal los is, bat sie Hobbi, der an der Tür stehengeblieben war. »Felix ist im Krankenhaus«, wiederholte sie in der folgenden Stille. »Hest Du höört? Felix. In Krankenhuus. Erika?«
Einen letzten tiefen Atemzug von draußen einsaugend, stieß Thorsten sich von der Fensterbank ab. »Frau Braun? Lassen Sie mal.« Das brachte doch nichts. Diese Frau war nicht mehr richtig da und hatte folglich auch nicht gerafft, dass ihr Felix weg war.
»Mein Kollege hat recht, lassen Sie die arme Frau in Frieden«, pflichtete Hobbi ihm bei. »Ich würde gern Ihnen noch ein paar Fragen stellen. Aber zuvor«, er zückte sein Handy und fing schon an zu tippen, »werden wir in die Wege leiten, dass Frau Stühn angemessen versorgt wird. Wissen Sie von irgendwelchen Angehörigen? Jetzt, wo der Junge weg ist …«
»Sie hett keen Familie. Aver in Pleeghuus will se ok nich. Ehr Mann ist in disse Wohnung storven, un se will ok hier inslapen.«
»So wie jetzt geht es nicht weiter, Frau Braun, Sie sehen doch, wie schlecht es ihr geht.«
»Ik heff Felix toseggt, he schall sik man en Russin nehmen, de sünd nich so düer, de kann man sik vun dat Pleeggeld leisten. Halen Se en Russin, höören Se? Erika will hier starven, un lang duert dat wiss nich mehr. Wenn Se för se wat Godes doon wulln, denn halen Se en Rus…«
»Überlassen Sie das uns«, schnitt Thorsten ihr nun rigoros das Wort ab. »Wir brauchen sofort jemanden, Hobbi. Ich sehe nach, ob ich rausbekomme, welcher Pflegedienst zuständig ist. Warum haben die bisher nichts unternommen? Jedenfalls müssen die doch einen Notdienst anbieten, oder?« Er war schon auf dem Weg auf den Flur, wo er im Vorbeigehen ein altmodisches Kabeltelefon gesehen hatte. Da müsste doch die Nummer … Richtig, auf der Kommode lag ein Übergabebuch des Pflegedienstes, auf dem Deckel eine Nummer für Notfälle.
Leider seien die zuständigen Pfleger gerade zu einem alten Mann aufgebrochen, der in seiner Wohnung gestürzt war, somit könne erst in etwa fünfundvierzig Minuten jemand kommen. Na toll, die Arme würde also noch in ihrer Scheiße sitzenbleiben müssen. Rasch steckte Thorsten den Kopf ins Wohnzimmer und gab das an Hobbi weiter, der begonnen hatte, Frau Braun zu interviewen.
Durch das offene Fenster war die Luft immerhin ein wenig erträglicher geworden. Trotzdem – es war unmenschlich, Frau Stühn nicht sofort zu erlösen, oder? Und doch unmöglich. Eine wildfremde alte Frau zu wickeln? Schon beim Gedanken drehte sich ihm beinahe der Magen um. Und ihr ginge es ja gewiss ebenso – wenn sie es denn überhaupt noch realisieren würde.
»Ich werde einen Blick in die anderen Zimmer werfen«, rief er Hobbi zu und machte, dass er wegkam.
Auch beim näheren Hinsehen wäre er nicht auf die Idee gekommen, dass hier ein Einbruch stattgefunden hatte. Ob der doch nur in Frau Brauns Kopf existierte?
Im Schlafzimmer gähnte ihm geballte Trostlosigkeit entgegen. Die Einrichtung war original aus den Siebzigern. Ein beiger Strukturteppich, grüne, großgemusterte Tapeten, dunkelgrüne Samtvorhänge über einer vergilbten Sichtschutzgardine. Ein Kleiderschrank mit Schiebetüren aus weißem Schleiflack, ebensolche Nachttische mit identischen Messingstehlampen auf gehäkelten Untersetzern. Das Ehebett dazwischen fehlte. Stattdessen hatte man ein modernes Pflegebett an dessen Platz gestellt. Welches diesen natürlich nicht ausfüllte. Voller Befremden betrachtete Thorsten den dunklen Abdruck des ehemaligen Bettes an der Tapete. Der Schatten von Erikas früherem Leben mit ihrem Mann. Und als Ersatz – ein Hightechbett mit weiß-blechernem Rollschrank für die Pflegeutensilien. Er fröstelte.
Wandte sich ab. Im Kleiderschrank befanden sich nur Alte-Leute-Klamotten, Bettzeug und jede Menge Schuhe, einfach unten reingeschmissen. Allesamt unmodern, nichts von Felix dabei. An der Wand gegenüber lagerten Berge von Kleidung – die würde er aber nicht durchsehen. Zumal es sich offensichtlich um Schmutzwäsche handelte, teilweise einzeln in Plastiktüten. An einigen Stellen schimmerten unheilvolle nasse Flecken durch. Gut, dass wenigstens das Fenster auf Kipp stand, sodass die Luftqualität ganz ordentlich war. Doch wer würde sich dieser Wäschemengen annehmen? Felix hatte nicht den Eindruck erweckt, und der Pflegedienst? Kaum.
Mit wachsender Beklommenheit öffnete Thorsten das Bad gleich daneben. Klein, mit Sitzbadewanne – so eng und hoch umrandet, dass man dort garantiert keine gebrechliche Person duschen konnte. Klar, daher lagerte auch Wäsche drin. Handtücher und Unterwäsche, deutlich kontaminiert – gut, dass auch hier das Fenster auf war. Klo und Waschbecken waren zwar benutzt worden, aber eigentlich sauber.
Und endlich entdeckte Thorsten auch den ersten Beweis für Felix’ Existenz in dieser Wohnung. Neben Alzheimermedikamenten, Gebissreiniger und Salbe für schlecht heilende Wunden befand sich eine zweite Zahnbürste. Und im Korbregal an der Wand lag ein billiger, aber eindeutig moderner Rasierapparat.
Er war schon fast aus dem Raum, als plötzlich eine Erinnerung in seinem Kopf aufblitzte. Stirnrunzelnd drehte er sich um. Ja, hier hingen gleich mehrere Handtücher. Während die in Erlendorfs Wohnwagen komplett fehlten. Felix war es, der sie dort hatte mitgehen lassen, oder? Zusammen mit allem, was ihm irgendwie hilfreich erschienen war: Kissen, Decken, Lebensmittel. Weil klar war, dass seine Freundin bald entbinden würde, formierte sich in Thorstens Gedanken. Und weil zu dem Zeitpunkt feststand, dass die Geburt im Auto stattfinden würde.
Hatte Felix herausgefunden, dass das Kind nicht von ihm, sondern von Erlendorf war? Hatte er deshalb die Sachen gestohlen? Und das Auto? Hieß das, Felix hatte von Erlendorfs Tod gewusst? Dass der seine Freundin geschwängert hatte, war ein astreines Mordmotiv. Hatte er den Nebenbuhler umgebracht und dann seine Freundin irgendwie unter Druck gesetzt? Ihr womöglich verboten, in ein Krankenhaus zu gehen? Denn welche Frau würde ihr Baby freiwillig in einem Auto zur Welt bringen?
Er musste mit Ella reden, verdammt. Er wollte mit ihr reden. Er brauchte … Verdammt!
In der Küche fand sich schließlich Felix’ Schlaflager. Auf einer abgehalfterten und ungemachten Bettcouch. Um dafür Platz zu schaffen, hatte man den Tisch – Plastik und Stahlrohr – in die gegenüberliegende Ecke schieben müssen. Das war kein Problem, er passte dorthin. Doch man hatte ihn nur achtlos aus dem Weg befördert, zwei der vier Stühle zwischen Tischplatte und Wand eingequetscht. Wieder so ein Zeichen, dass das eigentliche Leben in dieser Wohnung vorbei war. Jetzt herrschte bloß noch Trostlosigkeit.
Der vollgemüllte Tisch verstärkte diesen Eindruck noch. Stapel von Werbeprospekten und Umsonst-Zeitungen vor allem, Briefe mit dem Empfänger ›An die Bewohner des Hauses Ostlandstraße 30 d‹ oder ›Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen‹ – oh, aber da lag ein Briefumschlag mit dem Stempel des Amtsgerichts Eckernförde. Leer. Die Vorladung, die Felix letzte Woche ignoriert hatte, fehlte. Das hätte ja schon zu dem Fimmel für Dokumente gepasst, die die Einbrecher im Hause Erlendorf gezeigt hatten. Gespannt durchwühlte Thorsten den Papierwust. Die Post mit Frau Stühn als Empfängerin hatten sie natürlich dagelassen. Hmm, aber auch von Felix fanden sich Dokumente. Mehrere Bußgeldbescheide der Deutschen Bahn, eine Mahnung des Jobcenters, weil Felix drei Termine dort versäumt hatte, und ein paar Handyabbuchungsbelege. Okay, vielleicht waren die Einbrecher doch nur Hirngespinste.
Im Wegsehen fiel sein Blick auf eine an Felix Krieger adressierte Rechnung – 25,95 € – für eine Bestellung im Internet, aus der nicht hervorging, um was es sich handelte, weder vom Namen der Firma noch vom Artikelnamen ›Modell Marija‹ her. Vorsichtshalber steckte Thorsten sie ein. Auch noch eines der Amtsschreiben, damit sie sich gegebenenfalls an den zuständigen Sachbearbeiter wenden konnten, um mehr über Felix in Erfahrung zu bringen.
Ansonsten verhielt es sich mit der Küche ähnlich wie mit dem Bad. Alles war benutzt, aber nicht verwahrlost. Ein Teller und ein paar Becher in der Spüle, ansonsten kein dreckiges Geschirr. Vermutlich die Reste des Frühstücks, das der Pflegedienst zubereitet hatte. Der Mülleimer fast leer, nichts Auffälliges. Der Kühlschrank war mit wenigen, aber frischen Brotaufstrichen gefüllt, was wohl ebenfalls aufs Konto des Pflegedienstes ging. Ob die Felix’ Sachen mit wegräumten? Dass der rücksichtsvoll genug war, selbst Ordnung zu halten, traute er ihm nicht zu.
Gedankenverloren schlenderte Thorsten in den Flur zurück. An der Garderobe hing nichts von Felix. Im Vorübergehen zog er die Schubladen der Kommode auf – Schals und Mützen, gemischter Krimskrams – und öffnete die Tür auf der anderen Seite. Noch mehr Papierkram? Aktenordner füllten den gesamten Raum aus. An den Spuren im Staub konnte man ablesen, dass sie jüngst herausgezogen und wieder zurückgeschoben worden waren. Von den Einbrechern? Oder nur von der verwirrten Frau Braun in ihrem Wahn?
Thorsten ließ seinen Blick über die sorgfältig beschrifteten Etiketten schweifen. ›Versicherungen‹, ›Steuer‹, ›Wohnung‹, ›Rente Herbert‹, ›Urlaub‹, ›Krankenhaus‹, ›Pflege‹, ›Bestattung‹. Oh Mann, was für ein Querschnitt durchs Leben!
Keiner für Felix. War der erst eingezogen, nachdem Frau Stühn ihre Buchhaltung aufgegeben hatte? Wobei da auch beim besten Willen kein Platz mehr gewesen wäre. Sehr praktisch, denn so konnte man davon ausgehen, dass die Einbrecher keinen Ordner mitgenommen hatten. Ob sie Fingerabdrücke darauf hinterlassen hatten? Hobbi sollte der Spusi sagen … Ach, darauf würden die ja wohl selbst kommen.
Im Einbauschrank neben der Wohnungstür erwarteten ihn Putzsachen, Geschirrhandtücher, Besen, Schrubber, Eimer, Staubsauger – und halb obendrauf zwei mittelgroße, offene Kartons, unordentlich gefüllt mit gemischten Gegenständen. Deren Lage zeugte wohl davon, dass sie erst kürzlich – okay, jedenfalls nach dem letzten Staubsaugen – dort hineingestopft worden waren. CDs, Computerspiele, Sportschuhe, abgewrackte Stiefel, eine Badehose, mehrere Caps und eine Winterjacke. Felix’ Besitztümer. Papierlos – und damit uninteressant für eventuelle Einbrecher. Aber falls die existierten und falls sie die Sachen durchwühlt hatten, konnten sie durchaus Spuren hinterlassen haben.
»Thorsten!« Hobbi war in der Wohnzimmertür erschienen und musterte ihn missbilligend.
»Ich nehme den Kollegen nichts weg.«
»Komm jetzt.«
»Aber ich wollte noch einen Blick ins Wohnzimmer werfen.«
»Hab ich getan. Da war gar nichts Interessantes. Kein Hinweis auf einen Einbruch.«
»Hey, das sagt doch gar nichts.«
»Nun mach hinne.« Hobbi war schon an der Tür.
»Warum hast du es denn plötzlich so eilig? Ich dachte, wir warten auf die Pfleger.«
»Die werden jeden Augenblick hier sein. Außerdem sind Jakoby und die Nisse hierher unterwegs, um sich um alles zu kümmern.«
»Was? Du hast die Nisse gerufen?« Entsetzt hechtete er Hobbi nach. Die Treppen hinunter, aus dem Haus, zum Parkplatz.
Keine Minute zu früh. Thorsten musste sich hinter das Auto ducken, um nicht gesehen zu werden, als der Streifenwagen auf den Parkplatz einbog. Hobbi schloss rasch auf, damit Thorsten drinnen in Deckung gehen konnte, ehe er selbst zu den beiden Kollegen hinüberging, um sie zu informieren. Zum Glück schienen sie sich nicht darüber zu wundern, dass er nicht oben auf sie gewartet hatte, und machten sich nach ein paar Worten zügig auf den Weg ins Haus.
Mit gequältem Aufstöhnen ließ Hobbi sich auf den Fahrersitz sinken.
»Wieso musstest du denn einen solchen Stress veranstalten?«, fragte Thorsten anklagend.
Hobbi lehnte sich an die Kopfstütze. »Weil ich es keine Minute länger da oben ausgehalten hätte. Das war doch einfach nur furchtbar.«
»Ja, das war es.« Thorsten ließ seinen Kopf ebenfalls zurücksinken. »Unerträgliche Zustände. Dass es so was in Eckernförde überhaupt gibt?«
»Jakoby kümmert sich oben um alles. Während ich«, er setzte sich auf und startete den Motor, »erst mal überprüfen werde, welche Angehörige Frau Braun noch hat. Sie kommt ebenfalls nicht mehr allein zurecht, kein Zweifel.«
»Da hast du recht. Echt nicht zu glauben, dass sie irgendwelchen Leuten fremde Türen aufschließt.«
»Hattest du denn einen Vermerk?«
»Was?«
»Na, von Freitag, als die Kollegen den Jungen abgeholt haben. Wenn sie gegen seinen Willen in die Wohnung eingedrungen wären, hätten sie das in ihrem Bericht vermerken müssen.«
»Da stand nichts.«
»Also hat Felix sie reingelassen.«
»Na, aber gestern …«
»Ich habe nichts entdecken können, was auf einen Einbruch hingedeutet hätte«, wiederholte Hobbi in abwehrendem Tonfall und wartete, bis er in die Ostlandstraße einscheren konnte. »Wahrscheinlich hatte sie so was wie ein Déjà-Vu. Hat uns kommen sehen und das Gefühl gehabt, wir wären gestern schon mal da gewesen. Sie hat doch explizit gesagt, dass die Männer genauso aussahen wie du und ich.«
»Das glaube ich nicht, Hobbi.«
Der schaltete so heftig, dass das Getriebe knirschte. »Diese Frau war total durch den Wind.«
»Trotzdem hatte sie lichte Momente. Und es passt doch alles. Zuerst waren sie bei Erlendorf und haben verräterische Schriftstücke gesucht. Und dann sind sie hergekommen, weil sie glaubten, Felix hätte sie. Vielleicht Belege für eine Verbindung zwischen ihm und Erlendorf? Wollte jemand verhindern, dass diese Verbindung ans Licht kommt? Der Mörder? Oder nur jemand, der Angst hat, im Rahmen der Mordermittlungen aufzufliegen?«
»Tut mir leid, Heinrich, aber im Augenblick hab ich einfach Wichtigeres zu tun, als deine Langeweile aufzulockern.«
»Hey, was soll das?« Ärgerlich drehte Thorsten sich zu ihm.
»Zuallererst müssen wir Anzeige erstatten, oder? Im Falle von Frau Stühn? Da liegt ein eindeutiger Fall von Vernachlässigung vor.«
»Das kann ja sein. Und trotzdem kannst du doch nicht so tun, als hätte Frau Braun nicht eindeutig gesagt …«
»Frau Braun kann nichts Eindeutiges mehr sagen, Heinrich.« Hobbi schauderte. »Weil sie in ihrer eigenen Welt lebt. Und das ist keine anheimelnde, wenn du mich fragst.«
»Dann ruf die Spurensicherung. Die sollen sich in der Wohnung der Stühn umsehen und …«
»Thorsten, du machst dir keinen Begriff, wie es im Augenblick bei uns zugeht. Die Labore kommen schon nicht hinterher mit den bisherigen Analysen. Da gebe ich doch jetzt nicht noch eine Untersuchung in Auftrag – die auf der Aussage einer dementen Neunzigjährigen basiert. Nee, echt nicht. Zumal diese Neunzigjährige dringend gerettet werden muss. Wer hat das mit den beiden verbockt? Der Hausarzt? Der hätte bemerken müssen, dass sie nicht mehr in der Lage sind, allein zu leben.«
Thorsten stöhnte. Er hatte keine Chance. Nicht jetzt. Er brauchte mehr. Was Handfestes. Irgendwie musste er an mehr gelangen …
»Ich denke, inzwischen liegt diese Verantwortung beim Pflegedienst«, beantwortete Hobbi seine Frage selbst. »Die hätten Alarm schlagen müssen. Ob die sich echt auf diesen Felix verlassen haben? Das ist doch Irrsinn.« Als Geste der Fassungslosigkeit hob er beide Hände vom Lenkrad und ließ sie in der folgenden Sekunde wieder darauf zurückfallen. »Wir werden Anzeige gegen ihn erstatten, wenn er wirklich hier gelebt hat. Und selbst wenn er zwischenzeitlich ausgezogen ist – meinst du, er war ihr gesetzlicher Betreuer? Wohl kaum, oder?«
Thorsten verzog das Gesicht. »Ich weiß nicht.« Zumal ihn etwas ganz anderes beschäftigte. Wie wäre es, wenn er …? Nur mal nachfragen. Einen Versuch war es wert, oder? Naja, die Idee war schon ziemlich verrückt. Aber hey, was hatte er zu verlieren? Und in seinem Urlaub konnte er doch tun und lassen, was er wollte.
»Was, wenn er das Pflegegeld kassiert hat?«, redete Hobbi einfach weiter. »Ulli hatte mal einen Fall in der Familie. Und sagtest du nicht, dass der Typ extrem neerig war? Puh, wenn das echt so ist, steckt der ja bis zum Hals in der Scheiße.«
»Ich hab die Nummer seiner Sachbearbeiterin vom Amt. Die wird das Finanzielle ja alles bei sich aufgeführt haben.«
»Echt? Mensch, Heinrich, du bist gut. Danke. Dann werde ich haarklein nachprüfen, wie es zu alledem kommen konnte.« Hobbi nickte ihm anerkennend zu. »Ich vermute, dass die Zuständigkeiten einfach nicht klar geregelt sind. Und somit tragen alle Parteien gleichermaßen Schuld an dem Ganzen. Frau Braun gibt jedenfalls an, dass sie sich mehrfach bei den Mitarbeitern des Pflegedienstes beschwert habe. Die immer beteuert hätten, sich darum zu kümmern. Aber bisher ist nichts passiert.«
»Was hat sie sonst über Felix gesagt?«
»Dass er vor zwei Jahren bei seiner Großtante eingezogen ist. Vorher hat er wohl bei seiner Mutter drüben in Grasholz gewohnt. Dann ist die ins Krankenhaus gekommen und ein paar Monate später gestorben. Krebs. Sein Vater sitzt schon mehrere Jahre. Daher musste sich ein Vormund für ihn finden. Und da sonst keiner mehr da ist, fiel die Wahl auf Frau Stühn.«
»Du meine Güte!«
»Die war zu dem Zeitpunkt aber noch ganz gut drauf, sagt Frau Braun. Erst in den letzten Monaten hat sie so rapide abgebaut.«
»Okay. Sonst noch was?«
»Nicht dass Frau Braun wüsste.«
Thorsten zog die Papiere hervor, die er hatte mitgehen lassen. Steckte die Rechnung wieder ein. Er musste schließlich auch etwas zu tun haben, falls seine andere Idee nicht fruchtete. »Hier ist die Nummer seiner Sachbearbeiterin. Soll ich mir die nicht vorknöpfen, so viel wie du am Hals hast?«
»Nicht nötig, danke.« Ehe Thorsten blinzeln konnte, hatte Hobbi ihm den Zettel entrissen und stopfte ihn in die Innentasche seiner Jacke. »Ich muss dich leider daran erinnern, dass du beurlaubt bist. Deshalb werde ich dich jetzt wieder rauslassen – und auf deinen Kontrollanruf in dreißig Minuten warten. Da ich mich zu dem Zeitpunkt gerade mitten im Verhör von Lukas’ Vater befinden werde, wirst du dich leider bis danach gedulden müssen. Aber dann rufe ich dich an, versprochen.« Mit perfektem Timing bremste er an der Ampel vor dem Landratsamt und nickte Thorsten aufmunternd zu. »Bis später.«
Grimmig gehorchte der, öffnete extra langsam die hintere Tür, um sein Board an sich zu nehmen, und knallte sie mit Kraft zu.
»Nichts zu danken, dass ich dich mitgenommen habe«, flötete Hobbi ihm noch zu, ehe er Gas gab und in die Schleswiger einbog.
Thorstens schlechte Laune war jedoch nur Show gewesen. Rasch zückte er sein Handy und wählte Ülküs Nummer. Jetzt wurde es spannend, ob es überhaupt einen Sinn hatte, seine abgefahrene Idee weiterzuverfolgen.

 

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