Schreiben, Sprechen und Sprache

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Historische Sprache für einen historischen Roman?

Gerade arbeite ich (Maria) so ganz gemütlich vor mich hin … genauer, ich überarbeite unseren Blog, da fällt mir ein uralter Beitrag auf, der gerade einen sehr aktuellen Bezug hat. Nämlich die Sprache.
Wer historische Romane mag, egal ob er sie liest oder schreibt, dem ist das schon einmal begegnet: Unsere Vorfahren haben anders gesprochen als wir heute.
Ja, Sprache verändert sich. Begriffe verschwinden, neue kommen hinzu, Grammatik wandelt sich, die Rechtschreibung sowieso. Je weiter man in die Vergangenheit zurückguckt, desto seltsamer und fremder mutet die damalige Sprache an. In historischen Romanen wird diesem Umstand immer wieder mal Rechnung getragen, indem eine altertümlich klingende Sprache verwendet wird.
Ja, und das ist der Punkt, weshalb ich diesen Artikel hier verfasse: Zuweilen wird Runa und mir vorgeworfen, dass wir das nicht tun. Deshalb hab ich mir noch einmal ein paar Gedanken zur Begründung gemacht. Warum verwenden wir für Geschichten, die in der Vergangenheit spielen, eine absolut moderne Sprache?

Sind Fremdworte wirklich immer fremde Worte?

Ganz so ist es natürlich nicht. Wir wählen sehr sorgfältig aus. Nämlich ausgehend von der Zeit, über die wir schreiben.
Latein: Gebildete Menschen waren auch damals bereits des Lateinischen mächtig. Alle Worte also, die sich davon ableiten, sind erlaubt. Spazieren, reparieren, Tafel, Fenster. Das einfache Volk allerdings kennt diese Begriffe wahrscheinlich noch nicht. Was aber das Problem aufwirft, wenn wir ein Fenster haben, das repariert werden muss, was schreiben wir?
Sicher gab es schon immer Fenster, aber die hießen damals noch anders. Kennt jemand das Wort dafür? Hätten wir suchen und es verwenden sollen? Gibt es wirklich jemanden, der lieber vom Wankhnuss (oder Wanknus oder Wangnuss) lesen mag als vom Gefängnis oder Kerker? Wobei Letzteres schon wieder ein lateinisches Wort ist.

Gleiches Beispiel mit Französisch. Gab es schon Berührungspunkte mit Frankreich? Zur Zeit der Flederzeit beispielsweise nicht. Also müssen alle französischen Begriffe gemieden werden. So gab es damals mit Sicherheit weder Balkon, Etage, Fassade, Karussell, Taille. Leider aber auch noch keine Chance. Wir brauchen aber eine Chance. Was jetzt?
Und so weiter …

Mit allen Wassern gewaschene Fettnäpfchen

Auch bei den verwendeten Redewendungen suchen wir stets danach, wie alt diese ist. Konnten Menschen gegen Ende des Mittelalters bereits wissen, was ‚aus der Bahn geworfen‘ bedeutet?
Konnten sie, denn das bezog sich auf die Turnier-Bahn.
Aber konnten sie auch schon in ein Fettnäpfchen treten?
Aber ja, der Ursprung kommt aus dem ganz frühen Mittelalter und bezieht sich auf die Näpfe, die unter zu trocknende Würste und Schinken gestellt wurden. Wer ungeschickt genug war …
Wie sieht es aber aus mit ‚ist mit allen Wassern gewaschen‘?
Tja, diese Redewendung mag es zu Zeiten der Flederzeit schon gegeben haben, sie bezieht sich allerdings auf Matrosen, auf Wasser der Ozeane. Nix für uns also!

Deutsch und Teutsch

Für alle, die interessiert, wie die Menschen des 13. Jahrhunderts gesprochen haben, hier der Link zu dem alten Beitrag. Dort könnt ihr euch die Zähne ausbeißen an der Übersetzung vom Frühneuhochdeutschen in unser heutiges Neuhochdeutsch. http://www.winacht-und-noel.de/sprachprobleme/

Mich schmerzt der oben genannte Vorwurf stets, wird er doch in aller Regel dazu verwendet, uns 1. mangelnde Recherche vorzuwerfen und 2. Punkte für die Rezension abzuziehen.
Dabei ist wirklich das Gegenteil der Fall: Wir recherchieren seeeehr ausführlich. Dass wir dennoch mitunter ‚modern‘ anmutende Begriffe verwenden, liegt daran, wie ebenfalls oben erwähnt, dass wir eben keinen Ersatz dafür gefunden haben.
Alte Worte und Begriffe, z. B. Scherge oder Büttel, von denen gar nicht klar ist, ob sie zu der Zeit, in der wir sie brauchen, überhaupt verwendet worden sind, haben wir bewusst gemieden. Einfach aus dem Grund, weil sie den Lesefluss stören würden.
Oder weiß jeder, der das hier liest, dass es sich dabei um abfällige Bezeichnungen für Polizisten handelt? Haben wirklich alle Leser Lust, ständig nach der Übersetzung für Worte zu suchen, die sich nicht von selbst erklären?
Runa und ich zumindest nicht. Wir wollen nicht in einer spannenden Szene aufgehalten werden, weil wir erst einmal klären müssen, dass ‚der Grotze‘ – ‚die Gurgel‘, ‚präsumieren‘ – ‚erwarten‘ und ‚Handgeklapper‘ – ‚Applaus‘ bedeutet.
Was wir von einem guten Buch erwarten, egal ob Liebesroman, Fantasy oder Historie, ist, dass wir in den Kopf des Protagonisten eintauchen, seine Gedanken denken, für die Dauer der Geschichte dieser Mensch sein können. Indem der ständig Begriffe, Redewendungen und Bilder benutzt, die wir nicht auf Anhieb verstehen, die uns fremd vorkommen, erzeugen wir Distanz – das Gegenteil von dem, was wir wollen.

Dennoch haben wir in geringem Umfang den damaligen Sprachgebrauch berücksichtigt.
Nein, wir haben Frauengemächer geschrieben und nicht Kemenaten. Auch heißt bei uns Geiz nicht Kargheit. Unsere Voraussetzung ist stets, dass wir damit noch zusätzlich etwas zeigen können.
Die Anreden beispielsweise. Stellen sie doch deutlich heraus, welches Gesellschaftsgefälle damals existiert hat. So legt Johann Wert darauf, dass er ‚geihrzt‘ wird, wohingegen es Mila gewohnt ist, mit ‚du‘ angesprochen zu werden.
Die meisten zeitgemäß alten Begriffe, die sich in der Flederzeit finden, haben wir in einem Glossar zusammengefasst. Andere hingegen werden gleich an Ort und Stelle geklärt, wenn Mattis oder Brigitte nachfragen und letztlich für den Leser ‚ausdeutschen‘ was gemeint ist. So ist Ruthi das heutige Reutte, Ernberg der alte Namen für die Burg Ehrenberg und Munichen der damalige Name für München.

Das Ganze gilt auch umgekehrt: Mila verwendet manchmal moderne Dinge – und benennt sie auch richtig. Allerdings so, wie sie verstanden hat, dass sie heißen. Genauso lautgetreu haben wir das wiedergegeben. Hen-di statt Handy, Ack-ku statt Akku.
Und ja, wir glauben daran, dass ein Mensch des auslaufenden Mittelalters sehr wohl in der Lage ist, sich Worte zu merken, die er noch nie zuvor gehört hat. Die allerdings auch kurz und einfach sind, wie beispielsweise die beiden obig genannten.
Das aber nur, weil dieser Vorwurf in einer Rezension tatsächlich erst kürzlich zu Punktabzug geführt hat.

Lesegenuss ist ausschlaggebend

Zusammengefasst lässt sich sagen: Wer liest ein holländisches Buch auf Holländisch? Jemand, der die Sprache entsprechend gut beherrscht. Dasselbe gilt natürlich für schwizerdütsche und jiddische Bücher.
Mittelhochdeutsch (1050 – etwa 1350) und Frühneuhochdeutsch (direkt im Anschluss – etwa 1650) unterscheiden sich von unserem heute gesprochenen Neuhochdeutsch fast ebenso. Nur wer dessen so mächtig ist, dass er Freude dabei empfinden kann, kann den Wunsch verspüren, diese Sprachen auch lesen zu wollen (siehe den beigefügten Link). Das dürften die wenigsten sein.
Runa und ich sind ja nicht nur Autoren, sondern vielmehr auch Leser. Die sich gerne unterhalten lassen. Aber bitte in einer Sprache, die wir auch verstehen.