Das Lied der gar holden Radegunde

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„Dieses Kapitel wird dir gefallen“, sagt Maria und grinst vielsagend.
Beängstigend vielsagend. Hintergründig. Diabolisch.
„Wie kannst du immer so gemein zu ihm sein?“, brause ich sofort auf. „Kaum lässt man dich mit ihm allein …“
„Hey, er kann sehr gut auf sich aufpassen. Dafür hast du ja gesorgt.“
„Ich habe ihn zu dem unwiderstehlichen Mann gemacht, der er ist.“
„Du hast ihn zu dem Mann gemacht, mit dem Brigitte so umspringen kann“, spielt Maria ihren letzten Trumpf aus.
„Was tut sie ihm an?“, frage ich tonlos.
„Sie lässt ihn singen.“
„SINGEN?“
„Singen“, bestätigt Maria triumphierend. „Sieh selbst, wie sie das hinbekommen hat!“
Ich lese und sehe. Und kann nur immer wiederholen: Warum müsst ihr Mattis-Fraktionsmitglieder immerzu auf meinem armen Liebling herumhacken???

Um es noch einmal auszusprechen: Es ging um Brigittes ‚Urlaub im Mittelalter‘, die Spin-off-Geschichte zur Flederzeit, die Maria gerade schreibt. Und in deren Rahmen sich Maria zu ungeahnten Dichtkünsten aufschwingt.
Die ganze Szene möchten wir noch nicht preisgeben, vorerst hier nur das Liebeslied, das Maria dem gebeutelten Johann in den Mund gelegt hat:

 Das Lied der gar holden Radegunde

*
Einst lebte auf Burg Hohenstein,
weit weg von hier ein Burgfräulein.
Ihr Name war in aller Munde,
die holde, gar schöne Radegunde.
Sie war wirklich zart, ganz rein und so schön,
kein Ritter wollt andere Frauen ansehn,
nachdem er sie gefunde –
die gar holde Radegunde.
*

Als sie dann eines Tags freien wollt,
sie alle Ritter nach Hohenstein holt.
Rasch kamen sie von nah und fern,
wollten Radegunde heiraten gern.
Dann standen sie vor Burg Hohenstein.
„Liebstes Burgfäulein, lass mich herein.
Ich hab vernommen die frohe Kunde,
holde, gar schöne Radegunde.“
*
Das Tor jedoch blieb zu und ach,
Radegunde saß einsam im Frauengemach.
Und dachte: Wie soll ich nur wählen?
So viele Ritter, da muss ich mich quälen.
Doch vor dem Tor war der Tumult schon groß:
„Wähle endlich aus, dann geht es los!“
Ein Schrei aus aller Rittermunde:
„Heirate mich, oh Radegunde.“
*
Auf dem Balkon erschien die Holde.
„Ich weiß nun endlich, was ich wollte.
Den Stärksten will ich als Gemahl.
Zeigt mir euer Geschick hier im Saal.“
Da maßen sie sich im Lanzenkampf.
Radegunde jedoch fand alles Krampf.
Sie wollte den Besten nur im Grunde,
die holde, gar schöne Radegunde.
*
„Kämpft mit dem Kopf, ich will nen klugen Mann“,
rief Radegunde mitten hinan.
Also dichteten sie und lamentierten Geschichten.
Doch Radegunde winkte ab mitnichten.
„Wer singt, darf mit mir zur Hochzeitsfeier,
ich will nur den Besten an der Leier.“
Sie sangen sehr schräg, bis zu der Kunde:
Kein Sänger freit dadurch Radegunde.
*
Sie spielten Theater, sie kochten und strickten,

doch Radegunde gefiel es mitnichten.
Sie schmiedeten Eisen und wetzten den Stein,
doch Radegunde fand es nicht fein.
„Ich finde so einfach keinen Gemahl.“
Da ertönt ein Schrei laut aus dem Saal:
„Hier gehe ich noch vor die Hunde,
wähle endlich, gnädige Radegunde.“
*
Ich nehme den einen zum Gemahl,
der des Drachen Kopf bringt mir in den Saal“,
rief Radegunde erleichtert. Das schien ihr gut.
Denn dieser Mann hätte sicherlich Mut.
Die Ritter nickten, das war ein Wort.
Kurz darauf waren sie alle fort.
„Wo seid ihr denn alle?“, rief Radegunde,
in die große, so stille Runde.
*
Doch für immer blieb der Burgsaal leer,
kein Ritter kehrte nimmermehr.
Denn keiner hat ihn niedergerungen,
hat alle der schreckliche Drache verschlungen.
Einsam blieb die Holde im Saal,
doch alles blieb leer, es kam kein Gemahl.
„Nie heirat mich jemand in dieser Runde“,
rief hochbetrübt die Radegunde.
*
Da rumpelt und stieß etwas laut herbei,

Radegunde war es nicht einerlei.
Angstvoll versteckte sie sich hinter dem Bett,
wer so laut kam, war sicher nicht nett.
Sich öffnet die Tür mit lautem Krach,
der Drache erschien in der Holden Gemach.
„Ich bin der Sieger dieser Runde,
mir allein gehörst du, Radegunde.“
*
„Oh weh, kein Ritter weit und breit!
Da werd ich nun vom Drachen gefreit“,
klagte die holde Radegunde.
Und niemand widersprach ihrem Munde.
Das ganze Reich war männerleer,
auch Ritter gab es längst nicht mehr.
Und so kam es, dass auf Burg Hohenstein drunt
ein Drache regiert. Als Gatte der holden Radegund.
***